Das ist, glaube ich, ganz neu!

Die Basisidee ist, dass Informationsverarbeitung und Konzeptualisierung Grundbedürfnisse sind, deren Befriedigung besonders glücklich macht.

Für MOOC: um LdL zu verstehen, braucht man:

In dieser Reihenfolge:

Basics

1. Konzeptualisierung als Glücksquelle (Juni 2013).

2. Warum meine Schüler konzentriert und diszipliniert arbeiten (November 2008).

3. LdL als Allheilmittel? Im Prinzip Ja! (April 2009).

Vertiefung

4. Lange Inkubation, plötzliche Emergenz (Oktober 2o12).

5. Ceterum censeo NOTENDRUCK delendum esse (Oktober 2012).

(Fortsetzung folgt. Was muss noch unbedingt hinein?)

Es gibt ein Leben nach dem Tod.

Resume Selbst Menschen, die an keiner Transzendenz orientiert sind, wünschen, dass sie nach dem Tod in der Erinnerung ihrer Mitmenschen bleiben. Dabei könnte es ihnen gleichgültig sein, denn sie existieren dann nicht mehr. Woher kommt dieser Wunsch nach Präsenz über den Tod hinaus?

1. Der Blick des Anderen

Vorweg: meine Ausführungen stützen sich nicht auf tiefenpsychologische oder psychoanalytische Texte. Sie entsprechen dem gesunden Menschenverstand. Ausgelöst wurden sie durch einen Blogeintrag von Christian Spannagel.

Unsere Identität entwickeln wir in permanenter Einbeziehung des Anderen. Wenn wir uns mit uns selbst beschäftigen und an der Konstruktion unseres aktuellen und künftigen Ichs arbeiten, brauchen wir als Korrektiv zu unserer Subjektperspektive eine Aussensicht. Das beschreibt auch Hegel in seinem Stufenmodells des „An-Sich-Seins“ (der Geist steht außerhalb von Raum und Zeit), „Anders-Seins“ (der Geist begibt sich in die Welt) und schließlich „An-und-für-Sich-Seins“ (der Geist kehrt zurück unter Integration seiner Erfahrung in der Welt).  Wie dem auch sei: von der Geburt an wird die Außenperspektive zur Ich-Konstruktion herangezogen. Besonders im Hinblick auf die Gestaltung der eigenen Zukunft ist der Blick des Anderen wichtig. Wenn ich dies und jenes tue, wie werden die anderen reagieren?

2. Ich-Kohärenz und Lebenserhaltung

Ist diese Konstruktion, Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung der Identität so wichtig? Das Ich ist das Instrument, mit dem wir unsere aktuellen und künftigen Handlungen koordinieren. Wir haben ein grosses Interesse daran, dass dieses Ich stabil und kohärent bleibt, damit wir zuverlässig die nächsten Schritte in unserem Leben planen können. Das ist eine Frage der Lebenserhaltung.  Und der Blick des Anderen ist ein wesentlicher Bestandteil der Identität selbst. Wir haben ihn sosehr verinnerlicht, dass wir gar nicht mehr daran denken, dass es so ist. Wenn wir uns beispielsweise in der Früh waschen und anziehen, ist uns nicht klar, dass bereits in diesen ersten Schritten die anderen gemeint sind. Ich suche mir eine Hose aus dem Schrank nicht für mich sondern für die Anderen. Der Blick der Anderen ist also ein konstitutiver Teil meiner Identität.

3. Der Blick der Anderen existiert unabhängig von meiner Existenz

Der Blick der Anderen ist nicht nur konstitutiver Teil meiner Identität sondern er ist gleichzeitig exteriorisiert. Er existiert, auch wenn ich nicht da bin. Ich habe ein großes Interesse daran, dass dieser exteriorisierte Teil meiner Identität positiv und stabil bleibt, denn er sichert mein eigenes Bestehen. Wenn man das Ich aufteilt in Vergangenheit-Ich, Gegenwart-Ich und Zukunft-Ich, dann gilt unsere ganze Anstrengung der Gestaltung des Zukunft-Ichs. Das ist auch der Grund, warum die Konzeptualisierung eine so große Rolle in unserem Leben spielt. Und selbstverständlich ist der Blick des Anderen auch in der Zukunft von größter Bedeutung. Der Wunsch, auch nach dem Tod in der Erinnerung der Anderen zu bleiben, entpricht also dem Bedürfnis, im Sinne der Lebenserhaltung den Teil unserer Identität zu retten, der eine so wichtige Rolle in unserem Leben gespielt hat, der verinnerlichte Blick des Anderen.  Und da man gerne in positiver Erinnerung bleibt, freut man sich, wenn man berühmt ist (vgl. Spannagels Blogeintrag!:-))

Fazit Es kann uns auch als nicht transzendental Orientierte nicht gleichgültig sein, welches Bild wir nach dem Tod hinterlassen…

Blog als Ganzes rezipiert?

Ich zitiere:

Von ihnen gibts einen grossen Fundus an Beiträgen. Beim flüchtigen Überfliegen scheinen es vermeintlich einzelne Themen zu sein, sie reihen sich aber rasch in ein System eines umfassenden Ganzen ein. So sehe ich es. Ich möcht mich nicht sogleich von hier wieder verabschieden, auch auf die Gefahr hin, dass ich lästig werde. Der ganze Themenbereich ist es Wert, sich damit auseinander zu setzen.  Zur Weiterbildung ist man nicht netztabhängig. Ich beziehe zwar komplexe  Themen aus dem Netz oder aus Texten und transponiere sie auf eine tiefere Ebene indem ich sie in  eine allgemeinverständliche Sprache übersetze. In der Gruppe werden sie dann zum Thema.  Auf meiner Netzreise bin ich auf weitere interessante Themen von Ihnen  u.a. zu Informationsverarbeitung, Konzeptualisierung und Flow usw. gestossen.  Schon frage ich mich, wie kann ich die Themen auf die Reihe kriegen, transponieren und in Gesprächen mit andern Menschen ohne Uni-Abschluss so verständlich  aufbereiten, dass sich die Gruppe dafür interessieren kann. Aus feedbacks von andern weiss ich, dass mir das gelingen kann. z.B. wenn sie mir sagen, dass sie die Gespräche mit mir bereichernd empfinden. Das tut saumässig gut!, geb ich zu, spornt mich auch an.

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„Vogelperspektive durch LdL?“ (aus dem Blog von Heiko Schneider)

Ich zitiere:

Maik Riecken und Jean-Pol Martin haben aktuell zwei interessante Impulse in diese Debatte um der, die, das richtigste, wichtigste und beste Methode, Konzept und Ideengebilde gegeben. Letztlich kommen beide zum (altbekannten) Ergebnis, dass man Gelerntes konzeptualisieren können muss. Maik verwendet in seinem Artikel „Was bedeutet für mich Bildung?“ die Metapher des Lagers für das Lernen und argumentiert, dass man insbesondere zwischen Struktur und „Paketen“ (Inhalten) trennen müsse, und dass der Strukturerwerb ebenso wichtig sei wie der Erwerb von Inhalten. In meinen Worten zusammengefasst sagt Maik, dass einzelne Inhalte („1871 besiegt der Norddeutsche Bund Frankreich“) wertlos sind, solange diese Inhalte nicht strukturell eingebettet sind (z.B. in die europ. Ereignisgeschichte des 19.Jh., Mentalitätsgeschichte, Selbstbilder/Fremdbilder usw. ). Mein alter Lateinlehrer nannte das immer „Vogelperspektive“ einnehmen. Von oben auf die Dinge schauen, Distanz wahren und Zusammenhänge wahrnehmen, was aber beileibe nicht trivial ist.

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Erste Früchte: Maik Riecken

Reaktion auf meinen Blogeintrag „Konzeptualisierung als Glücksquelle„:

Aus dem Blog von Maik Riecken. „Was bedeutet für mich Bildung?

Zufällig arbeitet Jean-Pol Martin zurzeit an einem recht ähnlichen Gedanken mit jedoch etwas verschobenem Fokus, indem er  – um in meinem Bild zu bleiben – die erfolgreiche Integration von Paketen in eine Lagerstruktur sogar mit einer glücksbringenden Erfahrungen assoziiert – der Prozess der Einordnung (“Konzeptualisierung”) als sinnstiftendes Moment unseres Lebens.

Ist Ruhm qualitätsfördernd?

Aus dem Blog von Christian Spannagel:
1. Christians ausgangsstatement ist, dass die qualität der forschung eines wissenschaftlers durch ruhm erhöht wird, weil berühmte leute mehr als andere mit relevanten, qualitativ hochstehenden impulsen beliefert werden. Es ist Christians ziel, höchste qualität in seiner forschung zu erreichen, damit er über den tod hinaus rezipiert wird. Um dieses ziel zu erreichen, scheint ihm ruhm ein guter weg zu sein.
2. M.g. ist der ansicht, dass ruhm die gefahr birgt, dass man dort hängen bleibt (sucht) und das eigentliche ziel (hervorragende forschung zu leisten) aus den augen verliert.
3. Marcus teilt die position von Christian, sieht aber als problem, dass ruhm zu einem überangebot an impulsen führen kann, die die verarbeitungskapazität des forschers übersteigt. Dazu meint Christian, dass man ein teil der überschüssigen impulse an eine größere gruppe zur verarbeitung weiterleiten kann.
4. Ich selbst füge zu Christians schilderung hinzu, dass die stimmung des forschers von der menge und qualität der stimuli abhängt. Das gehirn ist so konstruiert, dass der prozess der informationsverarbeitung mit glücksgefühlen begleitet wird. Ruhm führt zur zufuhr von mehr und besseren stimuli, der informationsverarbeitungsprozess gewinnt an qualität und der berühmte forscher ist glücklicher als der nicht-berühmte.
Das sind die inhaltlichen aspekte in aller kürze.
Die diskussion wird begleitet von diversen kommentaren über den charakter von Christian: in der mehrheit wird seine ehrlichkeit gelobt, aber auch warnende stimmen sind zu vernehmen.

Konzeptualisierung als Glücksquelle.

Resume Seit kurzem scheint mir, dass nicht nur die Informationsverarbeitung sondern vor allem die Konzeptualisierung Glücksgefühle hervorruft! Das Unterrichtssetting soll permanente Konzeptualisierung bei Schülern und Studenten anregen.

1. Informationsverarbeitung und Glück

Lange Zeit war ich der Auffassung, dass ein zentrales Grundbedürfnis über die von Maslow beschriebenen Bedürfnisse hinaus die Informationsverarbeitung sei. Das war auch richtig. Ohne permanente Informationsverarbeitung sind Lebewesen nicht in der Lage, sich an die Veränderungen der Umwelt anzupassen und sie sind nach kurzer Zeit nicht mehr lebensfähig. Daher ist auch der Prozess der Informationsverarbeitung im Gehirn positiv verknüpft: es macht Spaß, Informationen zu verarbeiten. Allerdings nicht jede Information. Es bedarf einer bestimmten Beschaffenheit der Stimuli:

– Quantität: nicht zu hoch (Überforderung) nicht zu niedrig (Unterforderung)

– Komplexität: nicht zu komplex (Überforderung) nicht zu niedrig (Unterforderung)

– Tempo: nicht zu hoch (Überforderung) nicht zu niedrig (Unterforderung)

Wer mehr über die Eigenschaften von besonders motivationsförderlichen informativen Stimuli erfahren will, findet in Portele (1975) sehr präzise Beschreibungen.

2. Informationsverarbeitung und Kontrolle

Die Informationsverarbeitung ist nicht das Ziel, sondern nur Mittel. Tatsächlich ist das alles überragende Ziel die Lebenserhaltung. Und alle Handlungen, die zur Lebenserhaltung beitragen, müssen emotional mit starken positiven Gefühlen verknüpft werden, damit der Organismus motiviert wird, diese Handlungen auch unter großen Anstrengungen  durchzuführen. Dies gilt für alle lebenserhaltenden Funktionen wie auch die Nahrungsaufnahme oder den Geschlechtsverkehr. Auf der emotionalen Ebene münden alle diese lebenserhaltenden Handlungen, wenn sie erfolgreich sind, in ein Erlebnis, das alle anderen einschließt und überragt: das Gefühl der Kontrolle! Dieses Kontrollgefühl findet seinen Höhepunkt in dem von Csikszentmihalyi beschriebenen Floweffekt. Wenn er die absolute Kontrolle erreicht, belohnt sich der Organismus selbst mit dem größten emotionalen Pick, den er zur Verfügung hat: mit dem Flow!

3. Konzeptualisierung, Kontrolle und Flow

Seit längerer Zeit beobachte ich an mir selbst, dass zwar Informationsverarbeitung mit positiven Gefühlen verbunden ist, dass aber vor allem die Konzeptualisierung mit Flow belohnt wird. Unter Konzeptualisierung verstehe ich die Erstellung von kognitiven Schemata die umfangreiche Informationen zu kompakten, handlungsmotivierenden Modellen bündeln. Hier ein paar Beispiele: in meiner Uni-Zeit habe ich gerne Überblicke angeboten: die Geschichte der französischen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, die Geschichte Europas von den Anfängen bis zur Gegenwart usw. Solche Überblicke zu erstellen bedeutete eine sehr harte Arbeit der Komplexitätsreduktion. Ähnliches galt für Stadt- oder Museumbesuche, die ich im Schweinsgalopp (strait to the essentials) mit den Schülern zu deren großen Belustigung durchführte (z.B. Le Louvre in 30 Minuten). Jetzt im Ruhestand macht es mir besonders Spaß, Hegel oder Schopenhauer in jeweils 20 Minuten meinen Philosophiegruppen vorzustellen. Auch das setzt Konzeptualisierung voraus. Durch eine enorme intellektuelle Anstrengung gelingt es mir, einen hochkomplexen Stoff so zu reduzieren und komprimieren, dass ich ihn spielerisch meinen Hörern vermitteln kann. Die Teilnehmer loben besonders den lustverschaffenden Charakter dieser Einheiten. Der Flow, der bei mir entsteht, möchte ich näher beschreiben (am Beispiel der Vermittlung von Hegel):

Sehr wichtig ist, dass man von Anfang an die Gruppe vor Augen hat, der man das Wissen vermitteln wird, denn die im Geiste vorweggenommene Freude der Adressaten motiviert zu der Anstrengung, die man sich als Dozent auferlegt.

– 1. Stufe: die Masse der zu beherrschenden Informationen (Hegels Leben und Werk) vermittelt zunächst ein Gefühl der Hilflosigkeit

– 2. Stufe: Es werden erste kleinere Wissenseinheiten erstellt, so dass die Kontrolle in Teilbereichen wächst (man versteht, was Hegel unter An-Sich-Sein, Anders-Sein und An-und-für-Sich-Sein meint:-)). Allerdings überwiegt noch das Gefühl der Hilflosigkeit.

– 3. Stufe: Schrittweise werden Verständnislücken geschlossen. Auch sperrige Begriffe (An-und-für-Sich-Sein) werden allmählich zu spielerischen Objekten, die man später den Teilnehmern repetitiv zur Belustigung anbieten wird. Man freut sich schon im Voraus und der Flow gewinnt an Fahrt.

– 4.Stufe: Die einzelnen, zunächst getrennten Wissensbausteine (z.B. bei Hegel der „subjektiver Geist“, der   „objektiver Geist“, der „absoluter Geist“) werden zusammengefügt und es entsteht ein Gesamtgebilde, das zur Präsentation drängt. Man möchte seiner Gruppe unbedingt den lustigen Hegel vorstellen. Vom subjektiven Flow, zum objektiven Flow und zum absoluten Flow!:-))

– 5.Stufe: Die Handlungskomponente: wichtig ist, dass die vermittelten kognitive Schemata (Hegels Gedanken) zur Handlung drängen. Die Teilnehmer verstehen beispielsweise Hegels Dialektik und wenden dieses Prinzip bei der Interpretation  ihrer eigenen Alltagswelt an. Da sie Hegel „verstanden“ haben und „kontrollieren“, wollen sie ihn im Anschluss weitergeben, usw… Flow -> Flow-> Flow…

Grundsätzlich ist festzustellen, dass die Informationsverarbeitung zwar einen Beitrag zur Kontrolle liefert, aber die umfassende, lebenserhaltende und lebensförderliche Kontrolle lässt sich stabil erst durch permanente Konzeptualisierung erreichen.

4. Methodische Implikationen für Schule und Hochschule

Natürlich fördern die im Zuge der Digitalisierung entwickelten neuen didaktischen Konzepte die Informationsverarbeitung auf Seiten der Schüler und Studenten. In diese Richtung würde ich das Konzept des flipped-classroom einordnen. Es stellt sich aber die Frage, ob  diese Methoden ausreichend das Konzeptualisieren einüben und mit Floweffekt belohnen. Will man die aktuelle und künftige Kontrollfähigkeit der Lerner systematisch trainieren, so bietet sich beispielsweise Lernen durch Lehren an, bei dem von Anfang an der Blick der Studenten auf eine (möglichst vergnügliche) Vermittlung des Stoffes an ihre Mitstudenten gerichtet ist.

Fazit: Schüler und Studenten sollten daran gewöhnt werden, nicht nur Informationen zu verarbeiten, sondern aus diesen Informationen handlungsleitende Konzepte zu erstellen. Das Konzeptualisieren wird von Flow begleitet. So kann schrittweise Kontrollkompetenz aufgebaut werden. Dazu scheint Lernen durch Lehren eine gute Methode zu sein.

Visualisierungen von Raffaellina Rossetti:

Dieser Blogartikel wurde einige Jahre später zu einem umfangreicheren ausgebaut: hier der Link dazu „Lernen durch Lehren: Konzeptualisierung als Glücksquelle“

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