Alltagstheorie: nach Epikur und Stoiker nun Peter Sloterdijk.

Zum guten Leben braucht man eine gute (Alltags)theorie. Als ich in vollem Besitz aller meiner Kräfte und Aktionsfelder war, also zwischen 1986 und 2008 leistete das von mir entwickelte anthropologische Modell sehr gute Dienste. Nach der Pensionierung erlebte ich enorme Einschnitte, insbesondere sozialer und aktivitätsmäßiger Art. Hier waren Epikur („um den Durst zu stillen genügt Wasser, man braucht keinen Wein“) und die Stoiker („alles ist eine Frage der Interpretation auch das Leiden“) große Hilfen. Jetzt habe ich nach vielen Kämpfen das frühere Niveau erreicht, aber der Körper ist sehr angeschlagen. Und nun hilft Peter Sloterdijk mit seiner „Krüppeltheorie“ wunderbar.

Hier ein Auszug aus dem Buch „Du musst dein Leben ändern„:

Indem sie es schaffen, die Paradoxien ihrer Daseinsweise zu entfalten, können Behinderte zu überzeugenden Dozenten der conditio humana werden – übende Wesen einer besonderen Kategorie mit einer Botschaft für übende Wesen im allgemeinen. (…) Den Luxus depressiver Stimmungen kann sich der Virtuose des Normalseinkönnens selten leisten. Das Leben im Trotzdem nötigt dem, der zum Erfolg entschlossen ist, die ostentative Lebensfreude auf. Dass es da drinnen zuweilen anders aussieht, geht niemand etwas an. Das Land des Lächelns wird von Krüppel-Artisten bewohnt.“ In: Peter Sloterdijk: „Du musst dein Leben ändern„, Suhrkamp: 2011, S.78f.

Das ist ein gutes Programm!

8 Antworten

  1. Wusste gar nicht, dass dein Körper dir so zusetzt.😦

  2. Ja, so ist es, und dann braucht man eine belastungsfähige theorie!

  3. „Der Luxus depressiver Stimmungen“ klingt merkwürdig. Im Kontext muss es auch „Den (!) Luxus“ heißen. Das anzumerken, kann ich mir als Wikipedianer nicht verkneifen,
    Was „Krüppel-Artisten“ betrifft: Ich wünsche dir sehr, dass du darin nicht zum Artisten zu werden brauchst, sondern nur wie damals in New York (freilich jetzt unfreiwillige) Erkundungen unternimmst.
    Andererseits: Für deine Autobiographie (http://de.wikiversity.org/wiki/Benutzer:Jeanpol/Buch) würde nach „Frauenheld“ und „Tugendbold“ „Krüppel“ doch eine eindrucksvolle Erweiterung bieten. ;-))
    Ich nehm’s dir aber nicht übel, wenn du ein weniger abwechslungsreiches Leben vorziehen solltest. Tugendhaft sein darf ruhig zur Gewohnheit werden, meint schon Aristoteles.

  4. […] In seinem Buch “2052” erklärt Jorgen Randers, warum man sich eine Vorliebe für virtuelle Kommunikation antrainieren sollte, und fragt: “Wenn ihrer Mutter dreidimensional und geruchsecht elektronisch in den Raum projiziert wird, wie oft werden Sie sie dann noch tatsächlich besuchen fahren?” (S.382). Was er dabei nicht ausspricht, was man an aber mitbedenken sollte: Wie oft werden Ihre Kinder Sie noch besuchen, wenn es so viel leichter ist, virtuell mit Ihnen zu kommunizieren? Sollte man sich nicht früh daran gewöhnen, dass man vieles nicht mehr leisten kann, was früher möglich war? Jean-Pol Martin nennt es mit Sloterdijk die Theorie des “Krüppel-Artisten” (zum Nachlesen). […]

  5. Dein Hinweis passt für mich gut zum Bericht des Club of Rome von Randers („2052“ http://apanat.wordpress.com/2013/01/13/empfehlung-von-jorgen-randers/). Deshalb habe ich ihn auch dort verlinkt.

  6. Vielen Dank, lieber Walter! Den Fehler habe ich korrigiert. Zum Inhalt: wer als „Krüppel-Artist“ höchste Leistungen erzielen will, kann sich tatsächlich nicht den Luxus depressiver Stimmungen leisten. Es würde ihm einen Teil der Energie wegrauben, die er braucht, um Hervorragendes zu vollbringen. Ansonsten liefert mir dieses Modell die Idee, meine Schmerzen (u.a. Arthrose) als Ansporn zu benutzen, um nach außen Dynamik und Positivität auszustrahlen, um meine Ziele zu erreichen. Und meine nächsten Angehörigen freuen sich bestimmt, dass ich diese Strategie wähle. Tatsächlich ist der Abschluss der Linie „Frauenheld“ und „Tugendbold“ die letzte Phase „heldenhafter Krüppel“. Es ist also eine Art Übersteigerung der Tugendphase! Danke für deine Analysen und Kommentare, lieber Walter.

  7. Die „krüppeltheorie“ passt wunderbar zum leben von J.F. Kennedy. Er war ein sehr kranker mann, der nach außen Lebensfreude und Gesundheit kommunizieren musste.

  8. […] Kurzem sah ich in Sloterdijs Krüppeltheorie einen Ausweg aus meiner Arthrosemisere. Ich, der ich immer schon nach Gipfeln gestrebt habe mit […]

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