Alltagstheorie: nach Epikur und Stoiker nun Peter Sloterdijk.

Zum guten Leben braucht man eine gute (Alltags)theorie. Als ich in vollem Besitz aller meiner Kräfte und Aktionsfelder war, also zwischen 1986 und 2008 leistete das von mir entwickelte anthropologische Modell sehr gute Dienste. Nach der Pensionierung erlebte ich enorme Einschnitte, insbesondere sozialer und aktivitätsmäßiger Art. Hier waren Epikur („um den Durst zu stillen genügt Wasser, man braucht keinen Wein“) und die Stoiker („alles ist eine Frage der Interpretation auch das Leiden“) große Hilfen. Jetzt habe ich nach vielen Kämpfen das frühere Niveau erreicht, aber der Körper ist sehr angeschlagen. Und nun hilft Peter Sloterdijk mit seiner „Krüppeltheorie“ wunderbar.

Hier ein Auszug aus dem Buch „Du musst dein Leben ändern„:

Indem sie es schaffen, die Paradoxien ihrer Daseinsweise zu entfalten, können Behinderte zu überzeugenden Dozenten der conditio humana werden – übende Wesen einer besonderen Kategorie mit einer Botschaft für übende Wesen im allgemeinen. (…) Den Luxus depressiver Stimmungen kann sich der Virtuose des Normalseinkönnens selten leisten. Das Leben im Trotzdem nötigt dem, der zum Erfolg entschlossen ist, die ostentative Lebensfreude auf. Dass es da drinnen zuweilen anders aussieht, geht niemand etwas an. Das Land des Lächelns wird von Krüppel-Artisten bewohnt.“ In: Peter Sloterdijk: „Du musst dein Leben ändern„, Suhrkamp: 2011, S.78f.

Das ist ein gutes Programm!