1996-1997: die 7c, ein kreativer „Sauhaufen“

Dieses Tagebuch über meinen Unterricht in einer Siebten Klasse habe ich wiederentdeckt. Ich parke es einfach hier, damit es nicht mehr verschwindet.

Quelle: Aus meiner Internet-Biographie

In der Französisch-Fachschaft an meiner Schule hatte sich der Eindruck herausgebildet, ich würde nur angenehme, kleine Gruppe erhalten, Schüler aus dem neusprachlichen Zweig mit fünf Stunden Französisch wöchentlich. Nun wollte ich zeigen, dass LdL auch mit normalen Klassen funktionieren würde. Ich erhielt eine 7.Klasse aus dem neusprachlichen Zweig mit 33 Schülern. Diese Klasse war zufällig auch disziplinär sehr schwierig.

Tagebuch: Reflexionen über meinen Unterricht in der 7.Klasse (Jean-Pol Martin, 5.10.96)

Eintrag 1:

Seit Beginn dieses Schuljahres unterrichte ich in einer 7. Klasse (math./naturwissenschaftlicher Zweig) Französisch als erste Fremdsprache. Es sind 30 Schüler. Eine 7. Klasse habe ich zum letzten Mal vor 16 Jahren unterrichtet. Diese hier mit 24 Jungen und 6 Mädchen ist besonders ablenkbar. Daß die Klasse sehr unruhig ist, wird Gott sei dank von den Kollegen bestätigt, so daß ich mir persönlich nichts ankreide. Ich freue mich sogar, daß ich mit ihnen bisher – nach einigem Durchgreifen – gut zurecht komme.

1. Die Sitzordnung: Als erstes wurde die frontale Sitzordnung geändert. Es sollten 10 Schüler quer links, 10 frontal und 10 quer rechts sitzen. Ich habe die gewünschte Anordnung an die Tafel gezeichnet. Dann ließ ich die Schüler ihre Tische und Stühle so rücken, daß diese Anordnung innerhalb von 30 Sekunden realisiert wurde. Bereits beim ersten Mal gelang es. Aber der Lärm dabei war noch zu groß. Sofort ließ ich den Vorgang wiederholen. Beim zweiten Mal war es leise, und sie benötigten nur noch 20 Sekunden. Die Schüler haben inzwischen die anderen Lehrer gebeten, diese Sitzordnung zu behalten und nach einem Umstelltest waren die meisten Lehrer einverstanden. Auch unser Hausmeister wurde durch ein besonders erfolgreiches Umstellungsmanöver (17 Sekunden) überzeugt.

2. Der Einstieg: Nachdem ich in den beiden ersten Stunden das „Sich-Vorstellen“ eingeführt und eingeübt hatte, ließ ich in Dreiergruppen kleine Dialoge verfassen und auswendig lernen zum Zweck der Vorführung vor der Klasse. Ich beobachtete, daß in jeder Gruppe nur einer für alle anderen schrieb, so daß die anderen unbeschäftigt waren. Also: 1. Regel: in der Gruppenarbeit schreiben alle den Text mit. Auch wenn es sich um einen gemeisamen Text handelt. Dann beobachtete ich, daß in einer Gruppe nicht konzentriert gearbeitet wurde. Da die Aufgabe doch recht anspruchsvoll war (Text frei und publikumsbezogen vortragen – und das nach erst zwei Unterrichtsstunden) wußte ich, daß dies ohne gute Vorbereitung nicht gelingen konnte. Ich kündigte an, daß die Präsentation vor der Klasse benotet werde. Sofort erhöhte sich die Konzentration und der notwendige Druck war hergestellt. Zur Abrundung bekam ein Schüler der ersten Gruppe gleich eine 5, so daß die Schüler seitdem bei Partnerarbeit und Kleingruppenarbeit ihre Aufgaben zu meiner Zufriedenheit erledigen. Also: 2. Regel: die in Gruppen erstellte Arbeit muß verbindlich ausgewertet werden. Wenn die Arbeitshaltung im Laufe der Zeit zufriedenstellend wird, muß der Druck reduziert werden (vor allem, was die Noten betrifft).

3. Abfragen und Leistungskontrolle: Am Anfang der Stunde frage ich NICHT ab, sondern ich teile einen kleinen Test aus (8 Minuten), sammle alle Blätter ein und korrigiere sie, aber ohne sie zu benoten. Auch die Hausaufgaben sammle ich ein. Auf diese Weise lerne ich die Schüler (mit ihren Stärken und Schwächen) schnell kennen. Eine Extemporale habe ich bereits gehalten.

4. Druck und Entspannung: Da die Klasse sehr unruhig ist (aber nicht böswillig) darf ich nicht nur Druck ausüben, sondern ich muß sie auch sinnvoll und viel beschäftigen. Und da hilft mir LdL sehr. Es reicht nicht aus, wenn ich durch Druck Abgleiterscheinungen unterbinde. Ich muß vielmehr Räume eröffnen, wo die Schüler sich positiv einbringen können. Nachdem ich die „Expressions utiles“ ausführlich besprochen und eingeübt habe, hole ich bei jeder Gelegenheit Schüler nach vorne, um eine Übung zu leiten, ein Diktat zu halten, die Hausaufgaben zu korrigieren. Allerdings ist es sehr wichtig, daß ich darauf dränge, daß die agierenden Schüler wirklich laut und deutlich sprechen, die anderen anschauen und loben, selbst attraktiv wirken. Gestern habe ich beispielsweise einen Repetenten gebeten, nach vorne zu kommen und mit den anderen die Aussprache der Zahlen (1 bis 20) im Chor zu üben. Er sagte die Zahl vor und ließ die anderen mit entsprechender Gestik (die ich ihm beigebracht hatte) die Zahl wiederholen. Das funktionierte hervorragend. Den Schüler konnte ich loben und er war zufrieden. Mit LdL kann ich die Stärken der einzelnen schnell erkennen und sie immer mehr in den Unterrichtsprozeß einbinden, bevor sie aus Langeweile anfangen, den Unterricht zu stören.

NATÜRLICH KLINGT DAS ALLES GANZ TOLL! ABER: WARTEN WIR ES AB! ES IST NOCH LANGE NICHT GEWONNEN!

Eintrag 2 (15.10.96)

Zur Disziplin: Nachdem meine 7.Klasse durch den Einsatz von LdL sehr beschäftigt ist und nun diszipliniert arbeitet, verringert sich die Notwendigkeit, ein Tagebuch über meinen Unterricht in der 7. zu führen (das Tagebuch führe ich in erster Linie, wenn Probleme auftreten). Konkret habe ich also das Gefühl, daß diese Klasse, die an der Schule als sehr undiszipliniert gilt, durch LdL zum Arbeiten motiviert wurde.

Zur Qualität der Schülerhandlungen vor der Klasse: Ich lege sehr viel Wert auf die Publikumswirksamkeit der Schülerhandlungen vor der Klasse (z.B. Leiten des Lesens) und lasse die einzelnen Aktivitäten so lange wiederholen, bis die Schüler gelernt haben, attraktive Darbietungen zu machen. Attraktiv heißt in erster Linie: laut sprechen, das Publikum ansehen, zügig arbeiten. Das zügige Handeln von Schülern vor der Klasse erreiche ich, indem sie die Gelegenheit bekommen, in Partnerarbeit zu üben. Wenn die Schüler beispielsweise als Hausaufgabe bekommen haben, 10 Fragen über den Lektionsstoff vorzubereiten, dann lasse ich sie, bevor sie vor das Plenum treten, diese Fragen in Partnerarbeit einüben, und zwar so, daß sie ihre eigenen Fragen (und die Antworten dazu) fast auswendig können. Wenn sie dann vor die Klasse treten, verläuft die Plenumsphase zügig und oft sehr gefällig.

Eintrag 3

Der Stand nach 4 Wochen Unterricht:

Ich habe bereits beschrieben, daß die Klasse zu Beginn zwar nicht böswillig, aber sehr unruhig war. Da der Einsatz von LdL viel Disziplin und Konzentration von den Schülern verlangt, mußte ich zunächst mit schnellen Methoden die richtige Haltung erzeugen (Einsatz einer „5“ zur Disziplinierung, schriftlicher Hinweis an die Eltern nach einer relativ kleinen Verfehlung). Da ich von Anfang an parallel zu diesen „repressiven“ Maßnahmen den Schülern stets die Möglichkeit eröffnete, durch die Leitung einer Übung, das Halten eines Diktats usw. ein Lob von mir und die Anerkennung ihrer Mitschüler einzuholen, drängten die Kinder bald nach dieser Quelle und übernahmen bereitwillig immer mehr Aufgaben. Die Besucher (Seminare und Praktikanten) wundern sich über den Arbeitswillen und die Freundlichkeit dieser 7. Klasse. Ich sage: „Danke, LdL!“ Wenn ich nicht die Möglichkeit gehabt hätte, die Schüler sehr schnell in diesen kollektiven, für sie attraktiven Lernprozeß einzubinden, hätte ich wahrscheinlich an dieser Klasse wenig Freude gehabt. Jetzt ist es sehr schön. Vor allem deshalb, weil diese Kinder miteinander eine pädagogisch-didaktische Reflexion führen und dabei gleichzeitig viel Französisch lernen, wie wenn Schauspieler ihre Texte allein durch die vielen Proben und Wiederholungen memorieren. Obwohl ich mich in dieser Klasse anfangs wirklich sehr unsympatisch verhalten habe, hat sich durch die gemeisame Arbeit an den Präsentationen relativ schnell ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis entwickelt. Unser Hauptanliegen ist es, daß die Präsentationen zügig und attraktiv verlaufen, was voraussetzt, daß wir immer noch relativ viel über technische Aspekte sprechen: „Was hätte noch schneller gehen können? Was war in der Präsentation überflüssig…?“

Wenn ich die im theoretischen Teil meines Tagebuchs dargestellte Gehirnmetapher aufgreifen und auf die Klasse anwenden darf (die Klasse als „Gehirn“), so sind die einzelnen Schüler (als „Neuronen“) im Rahmen der klasseninternen Methodendiskussion in vielfacher Interaktion getreten. In der Klasse ist die zentralisierten Struktur aufgebrochen und es entsteht ein neuronales Netz. Ein positiver Effekt ist, daß die Klassenstärke von 30 sich auf diesem Hintergrund in ein Positivum umkehrt: 30 Neurone bringen mehr Denkproduktion zusammen als nur 18 oder 20. Anmerkung zum Vorwärtskommen mit dem Stoff: Vom Stoff her liege ich zeitlich ganz gut. Nach vier Wochen ist die 2. Lektion von Echanges schon längst abgeschlossen, die Inhalte der 3. Lektion wurden auf die 30 Schüler aufgeteilt und liegen abrufbereit. Die ersten Grammatikpräsentationen haben schon stattgefunden. Sie waren zwar sorgfältig vorbereitet und ansprechend, für meine Begriffe aber noch nicht straff genug, weil viel Überflüssiges vorgestellt wurde. Wir haben es besprochen und ich bin gespannt, ob die nächsten Präsentationen zügiger ablaufen.

 

Eintrag 4 (31.10.96)

Die Disziplin des Faches

Mir ist aufgefallen, daß meine 7.Klasse – die wirklich sehr unruhig und unangenehm sein kann – sich über das Fach Französisch diszipliniert. Es scheint, daß die Aufgabe, den Stoff gemeinsam aufzuarbeiten, sich also auf das Fach als Disziplin einzulassen, auch eine innere Disziplin herbeiführt. Die Kinder sind ernsthaft bemüht, ihren Stoffabschnitt gut zu vertreten und zu vermitteln. Ich sehe auch den Stolz, den sie empfinden, wenn ihre Vorstellung gut war. Sicherlich überträgt sich dieses positive Gefühl auf den Stoff, der ihnen dieses Erfolgsgefühl vermittelt hat. Auf diese Weise entsteht eine Identifikation mit dem Französischen als Fach. Aus dem Unterricht gehe ich oft sehr erfreut, manchmal regelrecht euphorisch hinaus. Erstaunlich ist auch, daß die Schüler sich fleißig einsetzen, obwohl ich seit längerer Zeit den Unterricht frei von Noten halte.

Eintrag 5

Jean-Pol Martin 24.11.96

Letzte Woche hatte ich ein sehr interessantes Erlebnis. Zunächst muß vorangeschickt werden, daß die Kollegen meine Klasse von der Arbeitsbereitschaft und der Stimmung her als sehr unstabil betrachten. Deshalb vermeiden sie es auch, in dieser Klasse „offene“ Arbeitsphasen einzubauen. Da ich von Anfang an nach LdL verfahren habe, gibt es natürlich sehr viele solche offene Momente, die bisher von den Schülern fruchtbar genutzt wurden. Allderdings: Am Anfang der letzten Woche kam ich am Montag (6. Stunde) in die Klasse mit der Absicht, die Schulaufgabe zurückzugeben. Um eine allzu langwierige Besprechung zu vermeiden, hatte ich die korrekte Fassung abgetippt und wollte, daß die Schüler in Partnerarbeit (einer stellt die Frage, der andere liefert die Lösung) die Korrektur erarbeiteten. Während dieser Phase war die Klasse für mein Gefühl zu unruhig. Da ich auf negative Entwicklungen schnell und hart reagieren möchte, unterbrach ich nach einer ergebnislosen Ermahnung den Vorgang kurzerhand und ließ 40 Minuten lang eine schriftliche Arbeit anfertigen (mit Note).

Am folgenden Tag erläuterte ich mein Vorgehen; wenn auch die Schüler Verständnis zeigten, blieb die Stimmung insgesamt angespannt und die Eskalation bahnte sich an. Ich wurde immer aggressiver und die Schüler immer renitenter. Gespräche mit Kollegen, die auch in der Klasse unterrichten, zeigten, daß „Durchgreifen“ als einzige Lösung angesehen wird. Trotzdem wollte ich an meine von Anfang an gewählte Linie festhalten und LdL auch unter solchen widrigen Umständen durchhalten. Am Donnerstag verteilte ich den Stoff auf die Schüler mit der Bitte, ihn vorzubereiten. Als ich am Freitag in die Klasse kam, fand ich die Schüler wie ausgewechselt. Sie hatten hervorragende Folien angefertigt, eine Fülle von didaktischen Ideen und die Stunde, die von einer Schülerin über das Possessivpronomen gehalten wurde, war ein Genuß. Entsprechend positiv war die Stimmung, ich konnte endlich wieder loben und die Schüler suchten meine Nähe, indem sie mir immer wieder ihre Entwürfe zeigten. Das Fazit: ich war fast bereit zu kapitulieren und den LdL-Ansatz zurückzunehmen – nach dem Motto: „In dieser Klasse funktioniert LdL nicht“ – als gerade durch LdL die positive Arbeitshaltung, die ich durch zu schnelles „Durchgreifen“ gefährdet hatte, wieder hergestellt wurde.

16.12.96

Seit zwei Wochen bin ich sehr zufrieden mit meiner 7.Klasse. LdL läuft auf vollen Touren und die Präsentationen sind oft sehr originell. Heute hat ein Kollege, der selbst in der Klasse unterrichtet, meinen Unterricht besucht, und er war verblüfft über die Ruhe, die Konzentration, die Freundlichkeit und die Selbständigkeit der Schüler. Nach meinem zweimonatigen Kampf mit der Klasse hat der Übergang von der Fremddisziplinierung zur Selbstdisziplinierung stattgefunden. Gerade dieser Übergang scheint mir besonders interessant zu sein. Es verhält sich so, wie wenn die Schüler Gegenstand einer doppelten Strukturierung geworden wären: einmal durch die Struktur der Methode, die klare Planung und selbstdiziplinierte Haltung erfordert, zum anderen durch die Struktur des Stoffes selbst (Grammatik, Wortschatz), die sie bei ihrer Arbeit aktiv verinnerlichen müssen.

Besonders interessant erscheint mir, daß ein Kollege, der meine Klagen über die Klasse am Anfang mitbekommen hatte und selbst das „Opfer“ meiner Umstellungen bei der Sitzordnung gewesen war, mir folgendes sagte: „Am Anfang fand ich diese Klasse mit der Sitzordnung im Hufeisen sehr unruhig. Die Schüler saßen sich gegenüber und die Versuchung für sie war groß, Unsinn zu machen. Aber nachdem ich wieder die alte frontale Sitzordnung eingeführt habe, sind die Schüler absolut ruhig.“

Bei diesem Satz ist mir klar geworden, daß durch die hufeisenförmige Sitzordnung mein Kampf um Disziplin unvermeidbar war. Es war also wichtig, daß ich auf dieser Sitzordnung sowie auf der Durchführung von LdL trotz punktueller Schwierigkeiten bestanden habe, denn nun haben die Schüler gelernt, auch unter Bedingungen, die Unsinn ermöglichen, Disziplin zu bewahren. So erfolgte der Übergang von der Fremddisziplinierung zur Selbstdisziplinierung.

Abschließend gebe ich eine Übersicht wieder, in der die von den Schülern angewandten Präsentationstechniken zusammengefaßt sind.

PRESENTATION DU VOCABULAIRE 7b Martin (14.12.96)

Um den neuen Wortschatz vorzustellen, gibt es mehrere Möglichkeiten. Hier werden die bisher von Euch benutzten (teilweise von Euch erfundenen) Verfahren zusammengefaßt:

1. KLASSISCH Die neuen Wörter stehen auf einer Folie. Sie werden jeweils vorgelesen und es wird eine Erklärung auf französisch vom Schüler angeboten. Die anderen Schüler sollen auf die Bedeutung schließen. 2. Z.B. un cadeau = Pour son anniversaire René donne un cadeau à Marc 3. DIKTAT (Andreas/Mathias) Der neue Text wird vorgelesen. In Partnerarbeit werden die neuen Wörter herausgesucht. Dann wird ein Schüler an die Tafel ge-schickt. Ihm werden die neuen Wörter diktiert. 4. PANTOMIME (Christiane/Sabine) Ein Schüler wird nach vorne geholt. Das neue Wort wird an die Tafel geschrieben und der Schüler stellt pantomimisch die Bedeutung dar. Die Klasse muß die Bedeutung erschließen. 5. LÜCKENTEXT MIT BILDERN (Hans-Philip/Alexander) Die neuen Wörter werden nach dem klassischen Verfahren vorge-stellt. Im Anschluß wird eine Folie aufgelegt, die den neuen Text enthält. Anstelle der Wörter stehen Bilder, die die Inhalte symbolisieren. 6. LÜCKENTEXT OHNE BILDER (Bernd/Stefan) Die neuen Wörter werden vorgestellt. Im Anschluß wird der Text vorgelesen, wobei die neuen Wörter beim Lesen ausgelassen werden. Die Mitschüler sollen die Lücke füllen.

TEXTARBEIT

Nach der Vorstellung des Wortschatzes gibt es mehrere Möglichkeiten, den Text einzuführen:

1. Der Text wird zweimal vorgelesen. Ein Schüler muß den Inhalt wiederholen. 2. Der Text wird zweimal vorgelesen. Es werden möglichst schwie-rige Fragen zu diesem Text gestellt. 3. Der Text wird vorgelesen, die anderen wiederholen im Chor. 4. Der Text wird zweimal vorgelesen. Beim zweiten Mal unterbre-chen die Lehrerschüler immer wieder und die anderen versuchen den Text weiterzuführen… 5. Mit den neuen Wörtern wird versucht, einen Text zu erfinden. Der richtige Text wird erst danach gelesen.

Eintrag 6
Jean-Pol Martin 12.01.97

Seit dem Beginn des Schuljahres 1996/97 befasse ich mich viel mit der Frage der „Disziplin“. Das Thema hatte mich bisher kaum beschäftigt, denn in den letzten 17 Jahren hatte ich nur kleinere Klassen mit „braven“ Schülern. Es war also nicht notwendig, den Kindern Strukturen „aufzuzwingen“. Da der Prozeß der Disziplinierung der Schüler in meiner 7. Klasse nun offensichtlich abgeschlossen ist, möchte ich rückblickend darüber reflektieren. Der Anlaß zu dieser Reflexion liefert mir insbesondere die Tatsache, daß ich zahlreiche Einladungen von Elternbeiräten in diversen bayerischen Städten bekomme habe und den Eltern ein kohärentes Konzept anbieten möchte. Und so lautet meine Analyse:

Der „neue“ Schüler

„Er zeichnet sich aus durch größere Verstandeskräfte, mehr Kenntnisse, vielfältigere Erfahrungen und größere Flexibilität, aber auch durch geringere Konzentrationsfähigkeit, weniger Anstrengungsbereitschaft und Durchhaltevermögen, Interessenbindung durch ein breites Freizeitangebot, häufig soziale Isolation sowie mangelnde Frustrationstoleranz.“ so die Beschreibung aus: Forum Eltern-Lehrer-Schüler. Das Würzburger Kooperationsmodell FELS von Bernhard Meißner et al. (1996).

Dieses Bild scheint mir zuzutreffen. Daß unsere Kinder eine größere Verstandeskraft, Offenheit und ein größeres Wissen in die Schule bringen, liegt sicherlich an dem Umstand, daß wir uns zu einer Informationsgesellschaft entwickelt haben. Zu den negativen Aspekten (insbesondere die geringe Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer) ist zu sagen, daß seit meiner Kindheit die Welt eine enorme Beschleunigung erfahren hat. Sowohl innerhalb als auch außerhalb des Elternhauses werden Wünsche viel schneller geweckt und befriedigt. Kinder sind daran gewöhnt, schnell zu handeln und schnell das Ergebnis ihrer Handlungen zu erfahren. Nun verlangsamt der Unterricht – oft aus gutem Grunde – viele Prozesse. Die Schüler müssen lernen, diese Verlangsamung auszuhalten und Selbstdisziplin zu üben. Ferner scheint es, daß gewisse Strukturen, die früher zur zeitweisen Unterordnung und Disziplinierung im Elternhaus führten, in der heutigen Gesellschaft entfallen sind. Es verlangt viel Einsatz und Reflexion von seiten der Eltern, wenn sie ihre Kinder bereits selbstdiszipliniert in die Schule schicken wollen. Aus diesem Grunde wird die Aufgabe, die Kinder zur Selbstdisziplin zu erziehen, weitgehend den Lehrern übertragen. Ich halte das nicht für schlimm! Ich meine nur, daß es neue Strategien in der Schule und im Unterricht erfordert.

Neue Strategien in der Schule und im Unterricht

Die veränderte Lage verlangt, daß nicht nur – wie es bisher der Fall war – der Grundschullehrer systematisch Routinen und Strukturen einführt und konsequent einfordert, sondern auch der Lehrer auf der Unter- und Mittelstufe. So verlange ich in der 7.Klasse, im Einklang mit meinen Kollegen, wenn ich das Klassenzimmer betrete, daß die Schüler aufstehen und erst bei meinem Signal wieder Platz nehmen.
In einer Art Crash-Kurs müssen also Routinen und Disziplin eingeübt werden. Allerdings, und das unterscheidet die heutige Situation von der früheren, muß der Aufwand, den der Schüler zur Selbstdisziplinierung aufbringt, durch das Angebot eines interessanten und abwechslungsreichen Unterricht belohnt werden. Früher hat sich der Schüler mit einem relativ impulsarmen Unterricht zufriedengegeben. Heute ist es anders: die Schüler sind bereit, massive Forderungen in Richtung Konzentration und Selbstdisziplin zu erfüllen, wenn sie dafür ein Feld bekommen, auf dem sie sich wirklich entfalten und ihre positive Energien voll einbringen können. Dies ist aus meiner Sicht nur dann wirklich zu realisieren, wenn man handlungsorientierte Methoden anwendet.

Die Aufgabe des Lehrers ist also eine doppelte. Einmal muß er Rituale und Gesetze einführen und auf deren Einhaltung bestehen, zum anderen muß er ständig für einen inhaltich und methodisch besonders interessanten Unterricht sorgen. Damit ist er in der gegenwärtigen Situation absolut überfordert. In der Tat: es ist mir nur deshalb gelungen, in der 7.Klasse Routinen einzuführen und einzuhalten, weil ich mich voll auf diese Klasse konzentrieren konnte. Bei nur einer Klasse ist es möglich, ständig die Hausaufgaben zu kontrollieren, immer nachzuprüfen, ob ein Schüler, der seine Aufgabe vergessen hat, sie wirklich nachschreibt, bei ihm zu Hause anzurufen, wenn sich dies wiederholt usw. Das interpretieren die Schüler als „konsequent“ und die Strukturen schleifen sich ein. Dies betrifft auch die Qualität des Unterrichts: bei nur einer Klasse ist es möglich, ständig nach Abwechslung im Unterricht zu streben. Bei sechs Klassen oder mehr geht das nicht mehr.

Forderungen an Gesellschaft und Politik

Mein Eindruck ist, daß, wenn Schüler optimal unterrichtet werden, sie ein Fach wie das Französische mit 5 Wochenstunden nach drei Jahren voll beherrschen und in diesem Fach keinen Schulunterricht mehr brauchen. Dies gilt sicherlich auch für andere Fächer. Bei optimalen Unterricht würden die Schüler also ökonomischer lernen und schneller die Schule verlassen. Damit die Lehrer einen optimalen Unterricht halten, müssen sie einerseits, was die Klassenstärke und das Lehrdeputat betrifft, entlastet werden, andererseits sich kontinuierlich fortbilden.

Die Forderung an den Staat wäre also: Geben Sie uns weniger Schüler pro Klasse und lassen Sie uns weniger Stunden abhalten, dafür verpflichten wir uns, uns kontinuierlich fortzubilden und einen modernen Unterricht zu halten, der die Schüler besser ausbildet und schneller aus der Schule entläßt. Dazu brauchen Sie nicht einmal mehr Lehrer einzustellen, denn die Gesamtheit der zu erteilenden Stunden, würde sich ja verringern!

Eintrag 7

Jean-Pol Martin 1.02.97

Gegenwärtig bin ich sehr zufrieden:
HOMEPAGE

Die von Manfred Lirsch gestaltete Homepage wird laufend verbessert und hat – wie ich meine – keine Entsprechung in der schulisch/wissenschaftlichen Landschaft. Wenn ich die Anzahl der Zugriffe betrachte (1500 monatlich), so scheint es, dass dies auch von den Benutzern so gesehen wird. Allerdings kommen die Zugriffe hauptsächlich aus dem universitären Bereich. Offensichtlich sind die an Schulen tätigen Kollegen technisch noch nicht so ausgestattet, dass sie bequem Zugang zur Homepage haben. Ferner stelle ich fest, dass die User noch nicht die Möglichkeit der INTERAKTIVITÄT aufgreifen. Das bedeutet, dass sie kaum Kommentare zu den Texten (z.B. zu meinem Tagebuch) abgeben. Das liegt vielleicht daran, dass die Texte noch nicht lebensnah genug sind, dass man unbedingt spontan darauf reagieren möchte… Da ich mein Tagebuch als interessante Innovation im Hinblick auf eine Kooperation zwischen Schule und Universität betrachte, werde ich versuchen, meine Alltagsbeschreibungen noch persönlicher zu gestalten. Vielleicht liefern die folgenden Zeilen mehr Anlass für den Leser, ein Feedback abzugeben.
DIE ARBEIT IN DER 7.KLASSE

Die Euphorie, die mich bereits vor längerer Zeit bei der Arbeit in meiner 7.Klasse ergriffen hat, dauert an. Da die Klasse und ihre Lebendigkeit mich sehr motivieren, wage ich relativ viel:

  • Wir singen immer wieder, auch ganz alberne Lieder. Allerdings ist es wichtig, den Schülern klar zu machen, dass die Lieder für kleine Kinder in Frankreich gedacht sind, und in der Klasse nur zum Zweck einer besseren Einprägung der Sprachstrukturen eingesetzt werden. Die Schüler dürfen auf keinen Fall den Eindruck gewinnen, dass ich sie altersmäßig unterschätze. Wenn der didaktische Zweck den Schülern einsichtig ist, lassen sie sich auch auf die albernsten Lieder ein (ich denke hier z.B. an: „Lundi matin, l’empereur, sa femme et le petit prince…)!
  • Nach einer Lektion, in der es um den Einkauf von Obst und Gemüse auf dem Markt geht, bat ich die Schüler, in Partnerarbeit kleine Rap-Texte zu verfassen und nach einer Einübung in kleinen Gruppen (mit entsprechender Gestik und Tanzeinlagen) im Plenum vorzuführen. Das Ganze (Texte-Schreiben, Üben und Vorführen) darf nicht länger als 30 Minuten beanspruchen. Diese kleine Einlage war sehr gelungen.
  • Da wir nun Erfahrungen mit Rap haben, kam mir gestern die Idee, dass Schüler die Konjugationen von unregelmäßigen Verben in der Form eines Raps mit der Klasse einüben könnten. Jedes Schülerteam bekam zwei Verben und sie überlegten sich, wie sie rapmäßig diese Verbkonjugationen vor der Klasse und unter Einbeziehung ihrer Mitschüler einüben konnten. Das, was herauskam, war äußerst lebendig und originell.
  • Wenn ich eine Schulaufgabe gehalten habe, ergreife ich nach der Rückgabe die Gelegenheit, um eine Art Unterrichtsbewertung von den Schülern vornehmen zu lassen. Ich lasse sie in Partnerarbeit drei Punkte überlegen, die sie besonders gut am Unterricht finden, und drei, die ihnen weniger gefallen. Sie sollen sich über eine Gewichtung der einzelnen Aspekte einigen.

Dazu verfügen sie über 7 Minuten. Nach dieser Vorbereitung sollen sie nun im Plenum eine konsensuelle Reihung vornehmen, wobei ich das Klassenzimmer verlasse, damit sie wirklich frei reden können. Die Klassensprecher führen die Diskussion. Im Anschluß werde ich von den Schülern hereingebeten und sehe an der Tafel die Ergebnisse ihrer Beratung. Das Ganze darf nicht länger als 20 Minuten in Anspruch nehmen. Vorgestern habe ich die Schulaufgabe zurückgegeben und danach die Bewertung meines Unterrichts durchführen lassen. Es kamen folgende Ergebnisse heraus:

  • Gut:

1. Abwechslungsreich. 2. Jeder kommt dran 3. Gute Stoffdurchnahme (d.h. richtige Geschwindigkeit) Weitere Punkte: – Ab und zu fun – Gruppenarbeit für kleine Vorführungen – Kein Ausfragen – Gute Noten – Gute Disziplin – Gute Ideen (LdL)

Schlecht: 1. Manchmal, wenn sie einen Schüler ohne Vorbereitung nach vorne schicken, weiss er nicht, was er machen soll (peinlich) 2. Zu schwere Schulaufgaben 3. Manchmal ungerechte Bestrafung
INTERNET UND UNTERRICHTSVORBEREITUNGEN

Seit einiger Zeit halte ich meine Didaktikveranstaltungen an der Uni in einem Zimmer, in dem ein Computer mit Internetanschluss steht. Auf diese Weise kann ich bei jeder Gelegenheit den Studenten zeigen, wie schnell man zu Informationen kommt. Vorgestern wollte eine Studentin einen Unterrichtsversuch vorbereiten, den sie am kommenden Mittwoch in dem LK-13 Französisch halten muss. Ich schlug vor, sie könne doch Comics behandeln und dachte hier an TARDI. Aber die Studentin kennt sich besser mit Astérix aus und wollte auf die Namen der Comicfiguren in Astérix eingehen. Nachdem ich ihr einige Internet-Adressen gegeben hatte, surfte sie im Netz und hatte nach kürzester Zeit aus Amerika eine Liste mit den in Astérix-Comics verwendeten Namen und ihren französischen Bedeutungen (z.B. „Abraracourcix“). Bei der Behandlung von Chansons verhält es sich ähnlich: mit ein paar Klicks im Internet wird man über die neuesten Hits von MC Solaar oder Celine Dion informiert. Dazu reicht es, wenn man eine Suchmaschine (z.B. Yahoo) anwählt und den gesuchten Begriff eintippt.
Reflexionen über meinen Unterricht in der 7.Klasse

Eintrag 8

Jean-Pol Martin 13.07.97

Seit langem habe ich nichts mehr in mein Tagebuch eingetragen, weder über die Forschung, noch über die Arbeit in der 7.Klasse. Das liegt daran, dass ich in den letzten Monaten keine neue Erkenntnis gewonnen habe.

Da ich nun direkt vor den Ferien stehe, kann ich abschließend folgendes Fazit ziehen:

In dieser wenig disziplinierten, sehr lebhaften aber auch sehr kreativen Klasse war der Einsatz von LdL aus meiner Sicht ein voller Erfolg. Allerdings glaube ich, dass ein großer Teil des Erfolges auch darin liegt, dass ich die schriftlichen Arbeiten sehr konsequent kontrolliert habe, indem ich sie mit nach Hause nahm und fast jeden Tag korrigierte. Besonders auffällig war, dass die Grammatikarbeit sich wieder einmal als ein sehr dankbares Betätigungsfeld erwiesen hat. Die Schüler können sich in verhältnismäßig kurzer Zeit Wissen über die französische Grammatik aneignen und freuen sich, es in immer neuen Situationen (Erklärungen, Übungen, Diktate) unter Beweis zu stellen und dies in einem immer routinisierteren Französisch zu tun.

Hier ein Beispiel, an dem klar wird, dass der Schüler (Andreas) Freude an der eigenen Kompetenz beim Benutzen der Fremdsprache verspürt.

Praktikantin: – Qu’est-ce que le passé composé? Andreas, tu as une idée?

Andreas: – Est-ce que vous voulez savoir comment on fait le passé composé?

Praktikantin: – Oui, peut-etre que tu donnes un exemple.

Andreas: – Oui. „Regarder“, c’est l’infinitif. Et le passé composé est avec „avoir“. „J’ai regardé“, la prononciation est la meme chose, mais „regarder“ est sans „r“ à la fin, mais avec accent aigu!
Natürlich hätten wir uns mit einer einfacheren Erklärung zufrieden gegeben, aber Andreas wollte eine perfekte Antwort liefern. Unsere bewundernden Blicke lieferte ihm die entsprechende Belohnung.

Eine für mich besonders aufregende Premiere war schließlich, dass eine didaktische eMail-Korrespondenz zwischen meinem Schüler Stephan Thirmeyer und Fabian, einem 7.Klässler aus der Klasse des Kollegen Hans-Dieter Mager in Daun (Rheinland-Pfalz) entwickelte.

2 Antworten

  1. Liest sich spannend, danke! Hast du das 1996 schon online geführt?

  2. Ja. habe ich!

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