„Lieber Kollege…“ (zwei entgegengesetzte Vorstellungen von Lehre)

Ein paar Meta-Reflexionen @ Jean-Pol

Lieber Kollege, Sie versuchen ja, mir in Ihren Kommentaren etwas zu vermitteln; man könnte sagen, mich zu belehren (über meine Pflichten z.B.).In einem Blog kann man nicht allzu weit ausholen; deshalb wirken Ihre Statements auf den ersten Blick recht apodiktisch. Da Sie allerdings mit großem Engagement ein Konzept namens LdL vertreten, kann man, ja vielleicht muss man (Be-)Lehr(ungs)versuche in Ihrem konzeptionellen Kontext wohl als Bemühen, selbst dabei und dadurch etwas zu lernen, verstehen. Das ist ein schöner Ansatz und nimmt dem „Belehren“ die ihm sonst leicht anhaftende pädagogische Penetranz.

Zugleich nehmen Sie dadurch wohl sich selbst in die von Ihnen beschworene Pflicht, den Belehrten oder zu Belehrenden (also mich) glücklich zu machen. Man könnte – was aber ein bisschen boshaft wäre – auch sagen, Sie versuchen mich mit Ihrem Menschenbild zu „beglücken“.

Nun wollen sich bei mir trotzdem nicht so recht die entsprechenden Reaktionen einstellen. Ich teile wahrscheinlich auch Ihr Menschenbild nicht (soweit ich das Ihrer Website entnehmen konnte). Insofern mangelt es unserem Dialog an der Basis, die Sie für nötig halten. Es gibt zwischen uns nur sehr bedingt Konsens. Ich nehme auch nicht wahr, dass Sie auf meine Bedürfnisse eingehen. Eher, dass Sie mich über meine nach Ihrer Auffassung eigentlichen oder wahren Bedürfnisse aufklären wollen: nämlich meine von Ihnen in bestimmter Weise definierte Pflicht als Hochschullehrer zu tun. Sie führen also meine Probleme in meiner Vorlesung auf eine Pflichtverletzung meinerseits zurück (denn mein Glück bestünde nach Ihrer Auffassung doch darin, dass ich meine Pflicht erfüllte, die „legitimen Bedürfnisse“ der Studierenden zu befriedigen?). Indem Sie mich ermahnen, meine Pflicht zu tun, wollen Sie mich sozusagen auf den Glückspfad bringen. Oder verstehe ich Sie da völlig falsch?

Sie schreiben also von den „legitimen Bedürfnissen“ der Studierenden. Da scheint es demnach so etwas wie eine Rechtsinstanz zu geben, vor der sich Bedürfnisse zu legitimieren haben; und einen Richter, der sie dann für legitim oder illegitim erklärt. Diese Instanz und der an ihr bestallte Richter interessieren mich: Wo finde ich sie, um meinerseits ihre Legitimität zu prüfen? Denn mein Bedürfnis, die Studierenden in meiner Vorlesung wenigstens ein wenig aus der Bahn ihrer Erwartungen zu stoßen statt diese zu bedienen, scheint Ihnen ja illegitim. So kommt es jedenfalls bei mir an.

Dabei kann ich einigen Ihrer Statements durchaus zustimmen. In meiner Einführungsvorlesung steht in der Tat die Frage nach dem Sinn ausgesprochen und unausgesprochen immer im Mittelpunkt. Mein Anliegen ist jedoch nicht, den Studierenden eine Antwort auf diese Frage zu geben; sondern: ihnen überhaupt deutlich zu machen, dass es um diese Frage permanent geht und dass sie für sich darauf eine Antwort finden müssen, bevor es überhaupt möglich ist, klare Aussagen darüber zu machen, was in einer Situation pädagogisch sinnvoller Weise zu tun ist. Im Vordergrund steht deshalb die Konfrontation mit Dilemmata, Widersprüchen, Spannungsverhältnissen. Dass ich selbst dazu eine Position habe, meinetwegen auch ein Menschenbild, kann und will ich nicht verbergen; ich versuche auch, es transparent zu machen. Aber nicht als etwas, das sie übernehmen oder dem sie zustimmen müssten, damit wir überhaupt eine gemeinsame Basis haben, sondern als eine Position, zu der sie sich selbst ins Verhältnis setzen können sollen.

Schließlich: Ich verfüge über keine Glücks-Theorie und keine Glücks-Strategie. Und ich will niemanden glücklich machen. „Glücklich machen“ ist eine m.E. etwas irre führende Ausdrucksweise, weil es ein Herstellen-können suggeriert. Glück verstehe ich als etwas, das sich ereignet; und was es ausmacht, wann, ob, wodurch es sich ereignet, liegt in der glücklich werdenden Person, ohne dass sie darüber verfügt. Ob eine Einsicht, die sich in Auseinandersetzung mit meinen Überlegungen und Argumenten einstellt, Glücksgefühle auslöst oder eher ein Erschrecken, heftige Zustimmung oder wütende Abwehr, darüber habe ich keine Macht und darüber will ich auch keine Macht haben.

Ich glaube, Ihre Position

Gespeichert von Jean-Pol am/um 15. Februar 2012 – 7:04
Ich glaube, Ihre Position durchaus zu verstehen. Das Sie mir das Anliegen, Sie glücklich zu machen, zusprechen, ist überaus freundlich. Mir geht es eigentlich darum, den von Ihnen geschilderten Sachverhalt „Störung der Veranstaltung“ zu fassen. Da ich Ihre konkrete Praxis nicht kenne, bin ich auf Ihre prinzipiellen Aussagen über Ziel von Hochschullehre, Glück und Menschenbild angewiesen. Wir haben radikal unterschiedliche Vorstellungen. Sie erhöhen Komplexität, ich reduziere sie bis zur Operationalisierbarkeit. Darin sehe ich auch meine Aufgabe als Dozent. Ich versuche Phönomene soweit zu erklären, dass die Adressaten mit den von mir gelieferten Deutungsmustern den Alltag kompetent (möglichst sogar spielerisch) bewältigen können. Daher hat sich bisher in meinen Veranstaltungen nie die Frage der Sinnhaftigkeit gestellt, weil sie evident ist. Die Studenten waren dankbar, Instrumente für ihre aktuelle und künftige Alltagsbewältigung zu erhalten. Die Komplexitätsreduktion führt, wie Sie richtig anmerken, zu einem belehrenden, apodiktischen Stil. Mein Anliegen ist es ganz im Gegensatz zu Ihrem, Antworten auf alle Fragen zu liefern, die sie stellen, auch und vor allem auf die Sinnfragen. Und das Bedürfnis der Studenten, Antworten auf ihre Fragen zu erhalten, nenne ich „legitim“. Es geht um ihr Lebensglück. Und mein Menschenbild sieht Glück als erreichbar durch den Einsatz bestimmter Strategien. Möglicherweise ist es das, was die Studenten erwarten.

Gut

… ich denke, dass damit einige Differenzen zwischen uns sehr deutlich benannt sind. Weiter wird man in einer Blog-Diskussion wohl auch schwerlich kommen.

Ich halte übrigens das Bedürfnis der Studierenden, Antworten auf ihre Fragen zu erhalten, ebenfalls nicht für illegitim; für genau so wenig illegitim wie das Bedürfnis von Studierenden, von mir keine Antworten, sondern Unterstützung zum selbst antworten können zu erhalten. Bedürfnisse sind halt da; oder sie stellen sich ein. Es hilft niemandem, wenn man sein Bedürfnis für illegitim (also unerlaubt) erklärt; er hat es ja nicht „gemacht“. Genauso wenig hilft es deswegen, es für legitim zu erklären. Man muss es als existierend erstmal ernst nehmen. Aber ein Bedürfnis zu haben ist eines; es zu befriedigen oder zu verlangen, dass es befriedigt wird, ist etwas anderes. Hier kann und muss sich die Legitimitätsfrage stellen. Dem Verlangen, dass ihrem Bedürfnis, von mir Antworten auf Sinnfragen zu erhalten, statt gegeben wird, stelle ich mich (und damit nehme ich es ernst), indem ich mich damit kritisch auseinander setze und meine Auffassung deutlich zu machen versuche, dass sie diese Frage für sich einzig und allein selbst beantworten können.

LdL und Aktionsforschung

Aus dem Wiki: „Lasst 200 Gehirne interagieren“

  • Schade, dass wir auf dem Workshop nicht mehr zu diesem Thema gekommen sind, aber es gab einfach so viele andere interessante Punkte – und schließlich haben wir ja noch dieses Wiki. Zum Thema LdL und Aktionsforschung (AF) einstweilen nur ein erster banaler Gedanke: Beide passen deshalb so gut zusammen, weil 1.) sie sich zueinander komplementär verhalten: So wie in LdL die Lernenden des Lernens willen in die Rolle von Lehrenden versetzt werden, so begibt sich bei AF der Lehrende des immer besseren Lehrens willen in die Rolle eines Lernenden; 2.) LdL dem Lehrenden den Freiraum schafft, Unterrichtsbeobachtung zu betreiben und Unterricht zu reflektieren – ihn also geradezu dazu drängt, in den „reflective cycle“ einzutreten. — Conrad20:15, 14. Feb. 2012 (CET)
    • Toll formuliert! So treffend hätte ich es nicht sagen können! —Cspannagel 23:35, 15. Feb. 2012 (CET)