Alt, arm und glücklich?

Ich zitiere aus dem insgesamt alterspositiven Blog von Beate Strauss:

Doch der Mangel an jeglichem Wohlstand lässt sich nur schwer ausgleichen. Hannelore Nehls aus Berlin (Ost) hat 43 Jahre gearbeitet, drei Kinder groß gezogen,  und nur 650 Euro Rente, ein bisschen Taschengeld verdient sie sich mit dem Sammeln von Pfandflaschen dazu. Im Großen und Ganzen ist sie schon zufrieden, geht gerne in die Natur, aber ohne Geld macht das Leben einfach nicht so viel Spaß, sagt sie, oft hat sie Geldsorgen oder leidet zum Beispiel darunter, dass sie ihren Enkeln nichts geben kann.

13 Antworten

  1. Liebe Jean-Pol!

    Das was Du beschreibst ist kein Einzelfall, so geht es vielen allein lebenden Frauen, nicht nur im Osten. Wegen der Familie hat man oft nicht Vollzeit arbeiten können und manche mußten vorzeitig aus dem Beruf ausscheiden, weil sie als „zu alt“ eingestuft wurden.
    Wir müssen jetzt ausbaden, was die Arbeitgeber vor Jahren insgesamt betrieben haben, nämlich die Älteren auszumustern. Mir selber fehlen dadurch auch 30 % der Rente und ich bin gut dran, weil ich einen Partner habe. Von einem Zuverdienst kassiert aber dann der Fiskus wieder.
    Eine Freundin aus dem Osten Berlins muss sich mit 600 Euro allein durchbringen, Zuverdienste sind meist nicht in Sicht…und es dürfen bis 65 sowieso nur max. 400 € sein. Auch danach muss man schauen, ob es sich überhaupt lohnt oder man mehr Abzüge wie Verdienst hat.
    Wie wenig sich diese allein lebenden Frauen leisten können, kann sich kaum jemand vorstellen. Eine defekte Lampe oder gar ein defekter Staubsauger sind dann schon eine arge Belastung.
    Kleider werden meist in einer Kleiderkammer bezogen, weil gar nicht zu bezahlen…und man möchte ja nicht arm aussehen…
    Trotzdem versuchen sie dem Leben noch Positives abzutrotzen und
    ihre vorhandenen Fähigkeiten irgendwie einzusetzen.
    Aber manchmal sind die seelischen Löcher schon sehr tief…die sie
    zu bewältigen haben. Da braucht es Menschen, die den Kontakt zu ihnen halten und ein bisschen Freude schenken.

    Gruß Anntheres

  2. LIebe Anntheres,
    vielen Dank für deine Ausführungen, die die oben beschriebene Lage noch präziser fassen. Welche Maßnahmen könnte die Gesellschaft (der Staat) treffen, um diesem Leiden zu begegnen? Diese Frauen haben keine Lobbies, können nicht auf die Straße gehen und Aktivitätsbereiche lahmlegen, wie beispielsweise Fluglotsen. Wahrscheinlich durch viel Druck auf die zuständigen Ministerinnen im Bund (Frau Schröder) und in den Ländern. Arme Menschen zeigen ihre Armut nicht gerne, sonst könnten sie als Masse Stadtzentren lahmlegen…

  3. Jean-Pol,

    ich bin selbst direkt davon betrofffen. Ohne jetzt auf meine eigenen Misere einzugehen, will ich auf deine Frage antworten:

    Vom Staaat etwas zu erwarten, das bringt nichts. Ich bin überzeugt, dass nur kollektives Stören dazu führt, dass zwangsweise Maßnahmen getroffen werden. Verkehr lahm legen, Lärm unter den Fenstern der Regierung machen, abends kollektiv zur Polizei zu gehen und um Schutz zu bitten, sich schweigend an den Ausgang toller Events zu stellen (und zwar in alten Klamotten und mit Schildern). Das muss natürlich alles gefilmt und auf Youtube gebracht werden, um auch zu zeigen, wie der Staat versuchen wird, die „Alten“ nach Hause zu schicken.
    Dies sind nur ein paar Beispiele. Wer 1968 jung war, sollte sich daran erinnern, wie man es macht. Ein wichtiger Unterschied: Damals hatten wir das Leben vor uns. Heute riskieren wir auch viel weniger Repression, weil wir schlimmer als heilige Kühe sein werden. Wer will schon gefilmt werden, wenn er eine Alte verkloppt?

  4. @Karin
    Im Grunde war es auch die Stoßrichtung meiner Antwort, nur dass es nicht ganz fair ist, wenn ich Menschen mit Schwierigkeiten empfehle, auf die Straße zu gehen, und selbst im „Wohlstand“ sitze. Daher war ich vorsichtig!

  5. Auch das ist ein wichtiger Punkt! Die Unterstützung von Menschen, denen es besser geht.
    Soforthilfe wie bei „Restos du Cœur“ führt leider dazu, dass der Staat sich darauf verlässt und selbst so weniger macht.
    Ich sprach mal mit Freunden, die zu den sehr Reichen gehören und sagte, dass jeder Mensch ein Grundrecht haben sollte auf Nahrung, Medizin, Wohnung und Beschäftigung. Das war sehr „anstößig“, und ich glaube, dass reiche Menschen wirklich manchmal arme Schlucker sind, wenn sie Angst haben, dass die Armen ihnen alles wegnehmen. LOL

  6. @Karin
    Ich kenne ein paar Leute, die wirklich vermögend sind. Nach meiner Erfahrung haben sie oft gar keinen Bezug zum Geld. Sie geben es einfach aus und verstehen nicht, dass man nicht mitmachen kann. Ihnen fehlt also das Verständnis für knapppe Kassen.

  7. @Jean-Pol, das stimmt.
    Sie haben keinen Bezug zu Geld, solange es nicht bedroht ist. In Zeiten wie heute kommt doch bei ihnen schon mal das Bewusstsein, dass „Vermögen“ und „Geld“ plötzlich verschwinden können.
    Wir leben eine Zeit grundlegender Änderungen im kollektiven Bewusstsein. Es brodelt überall. Wenn da jemand einen Deckel draufmachen will, kocht das über.
    Am 1. November kommen die Altermondialistes“ nach Nizza, kurz vor dem G20 in Cannes. Ich werde filmen und fotografieren aber vorsichtig sein🙂 Keine Lust, eins auf die Birne zu bekommen.

  8. @karin
    Es tut sich in der tat einiges auf den straßen, und zwar überall, auch in den usa. Allerdings wundet mich immer wie groß die geduld armer menschen ist, weltweit… Vielleicht knallt es diesmal tatsächlich, weil die mittelschicht von der armut erfasst wird!

  9. Ich würde auch wie Jean-Pol fragen, was denn konkret gefordert wird? Bloß „wir wollen es besser haben, tut was?“

    Dann doch lieber allgemein mehr Bürgerbeteiligung, so dass selbst stärker Einfluss geübt werden kann (damit aber auch Verantwortung übernommen werden muss) statt bloß Forderungen zu stellen.

  10. Eine sinnvolle Lösung des Problems kann doch nur sein, wenn der Staat solche Minirenten aufstockt. Betroffen sind ja vor allem Frauen, die zu wenig in die Rentenkasse einbezahlt haben, weil sie die Familie versorgt oder im Familienbetrieb mitgearbeitet haben oder die, wie Frau Nehls, durch die Wende oder eine Scheidung benachteiligt sind. Man kann ihnen vorwerfen, dass sie nicht genügend vorgesorgt haben – nach heutigem Maßstab.Tragisch ist jedoch, dass sie sich nur so verhalten haben, wie es die Gesellschaft „früher“ in ihrem Umfeld forderte. Noch in den 70igern (80igern ?) wurden berufstätige Mütter als Rabenmütter angegriffen, es gab ja auch kaum Möglichkeiten, die Kinder unterzubringen. Davon kann ich auch ein Lied singen.

    Die Gesellschaft kann durch Spenden usw. punktuell Elend lindern, Tropfen auf heißem Stein! Nutznießen werden auch nur die oder einige von ihnen, die bei der Almosenvergabe vorne dran sind, ihre Armut offen zeigen und die Almosen beantragen.
    Vielmehr könnte die Gesellschaft und die Wirtschaft tun, wenn sie Alte nicht mehr nur und allein aufgrund ihres Alters als unbrauchbar abqualifizieren, sondern ihnen eine Chance und Beschäftigung geben. Es gibt eine Menge, die fit genug sind, noch etwas zu tun und es auch gerne tun würden. Gebraucht zu werden hält jung! Da liegt viel Know-how, Erfahrung und Engagement brach!

    @karin: dass es „knallt“ und die Altersarmut allen gegenwärtig wird, wäre ein Anfang, um die Öffentlichkeit nachhaltig aufzurütteln und dadurch Druck auszuüben. Das wäre das erste Mal in der Geschichte. dass Alte auf die Straßen gehen. Ausnahmen gibts:
    http://blog.gemeingut.org/2011/07/hier-streckt-unser-aktivist-gerald-rollet-86-dem-staat-die-zunge-raus/🙂

    Armut im Alter macht auch müde und resigniert, denke ich. Das Schlimmste ist keine Perspektive mehr zu haben, keine Hoffnung mehr auf Änderung wie jüngere Arme. Oder bräuchte es nur ein paar resoluter Aktivisten, die die Masse der armen Alten (weiß jemand, wie viele es sind?) aufpushen und das Pulverfass zum Explodieren bringen?

  11. @beate
    Wir leben in einer Zeit, die für einen großen Teil der Bevölkerung (beispielsweise Leiharbeiter) sehr hart ist. Die Bereitschaft, anderen, noch Ärmeren zu helfen, wenn man selbst viel zu kämpfen hat, ist dann wenig ausgeprägt. Daher sehe ich nur eine Instanz, die intervenieren kann, das ist der Staat, wenn man politisch von der Basis aus viel Druck ausübt. Vielleicht müssten die Basismitglieder in den Parteien diesen Druck nach oben weiterleiten. Kein leicht zu lösendes Problem!

  12. @Oliver: Meiner Meinung nach ist es sehr wohl ein Programm, wenn man fordert, dass Regierungsmitglieder sich an ihren Amtseid halten und wenn man darauf aufmerksam macht, dass auch in Industrieländern schreiendes Unrecht nicht klaglos hingenommen wird.
    Dafür braucht es keinen Alternativplan zum 27. Rettungsschirm zur Rettung von Berlusconis persönlichem Imperium.

    Sollen wir uns an diesen Rettungsaktionen beteiligen und die Verantwortung dafür übernehmen, dass 50 Milliarden mal versehentlich verschütt gehen?
    Bevor ich die Verantwortung dafür übernehme, dass in Griechenland weitere Millionen in die Armut getrieben werden, um die Dividende der Deutschen Bank zu sichern, fordere ich sehr wohl zunächst: Kontrolliert die Banken, wie es bis zu Reagan und Thatcher auf der ganzen Welt geschah.
    Eine Mediation, bei der am Schluss heraus kommt, dass der Mediationspartner nicht bereit ist, sich an das Ergebnis zu halten (Nachtflugverbot) ist eine Bürgerbeteiligung, die man nicht mehr mitmachen darf.

  13. @apanat
    Ich weigere mich auf einen Kommentar zu antworten, bei dem ich überhaupt keinen Bezug zu meinem eigenen erkennen kann.

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