Philosophie, Kunst und „das Volk“.

Resume Spezialisten neigen dazu, die Gegenstände, mit denen sie sich befassen, überkomplex zu beschreiben. Dadurch schaffen sie eine Distanz zwischen dem Gegenstand und dem Adressaten. Oft zu ihrem eigenen Nutzen.

1. LdL und die Bürgerperspektive

LdL beruht auf der Annahme, dass Schüler in der Lage sind, einen Lernstoff in direkter Auseinandersetzung mit ihm aufzunehmen. Zwei Voraussetzungen müssen erfüllt werden: sie müssen das Gefühl haben, dass dieser Stoff für die Lebensbewältigung von Bedeutung ist (Motivation) und ein Fachmann (Lehrer) muss bei Bedarf Hilfestellung leisten. Das Bildungssystem wird über Steuergelder finanziert. Die Bürger haben einen Anrecht darauf, dass die von ihnen bezahlten Akteure (Lehrer, Professoren) die Vermittlungsaufgabe ernst nehmen und die Inhalte so darstellen, dass sie in ihrer Relevanz erkennbar sind und dass sie von den Bürgern aufgenommen werden können. Die Überkomplexität der Darstellung schützt zwar den Lehrer/Professor vor Kritik des Bürgers, sie ist aber gesellschaftlich kontraproduktiv.

2. Beispiel Philosophie

In den zahlreichen Veranstaltungen, die ich sowohl an der Volkshochschule als auch im Bürgerhaus (Senioren) oder per Skype durchführe, zeigt sich, dass die zentralen Positionen jeden auch noch so obskur formulierenden Philosophs von den Teilnehmern verstanden werden, wenn sie auf ihren Kern reduziert werden. Wenn diese Philosophen partout nicht zu verstehen sind, dann sind sie auch nicht relevant. Bei dieser Arbeit wächst das Selbstbewusstsein der Hörer, denn es vermittelt ein Gefühl der Stärke, wenn man Inhalte, die in der öffentlichen Meinung als schwer zugänglich gelten, begreifen und memorieren kann.

3. Und die Kunst?

Nicht selten ensteht bei Museumsbesucher der Eindruck der Inkompetenz. Je nach Exponat fragen sie sich mit Sorge, warum sie dessen Sinn, Qualität, Intention selbst nach intensiver Betrachtung und Reflexion nicht erkennen. Auch hier, denke ich, ist es die Pflicht der „Anbieter“ die Relevanz und Qualität des Kunstwerkes für den Betrachter ersichtlich zu machen.

In diesem Sinn habe ich einen etwas „provokativen“ Tweet formuliert, der eine längere Reflexion in Facebook ausgelöst hat:

eine „kunst“, die das volk nicht akzeptiert und nicht mag, ist widersinnig!

Einige Beiträge aus der Diskussion:

  • Naomi Greenbergalso noch mal zu den öffentlichen geldern, übersetze ich obiges so für mich: die gesellschaft leistet es sich einen diskurs (und den damit verbundenen materiellen gewinn) zwischen investorenguppen zu finanzieren, bei dem standards gesetzt und verworfen werden, die die mehrheit ihrer mitglieder nicht nachvollziehen kann und soll, jedoch, als zaungast den duft der höheren sphären schnuppern darf😦

    vor 2 Stunden · Gefällt mir
  • Naomi Greenberganalog zum wissenschaftsbetrieb ??

    vor 2 Stunden · Gefällt mir
  • Andreas Rütten‎@Naomi, die Gesellschaft leistet sich (noch) den Diskurs und den damit verbundenen immateriellen Gewinn. Kunstförderung soll nur diskursiven Zuwachs an Lebensqualität bringen – keinen materiellen Gewinn. So verstehe ich die Aufgabe der KULTURpolitik zumindest.

    vor 2 Stunden · Gefällt mir
  • Naomi Greenberg‎@Andreas aber gerade das scheint ja eine illusion zu sein, denn der diskurs findet (heute) schwerpunktmässig innerhalb einer etablierten und gewinnorientierten elite statt. also der kunstmarkt (kunstkauf als aktien) scheint die bestimmende komponente zu sein.

    vor etwa einer Stunde · Gefällt mir

Die Diskussion in toto: Facebook

Fazit Es ist eine Pflicht der Kulturschaffende, dem Wunsch der Bürger nach Wissen entgegenzukommen.

5 Antworten

  1. @ „eine „kunst“, die das volk nicht akzeptiert und nicht mag, ist widersinnig!“
    Der Satz ist absichtlich provokativ formuliert im Sinne von „Kunst ist nur, was gefällt.“ Gemeint ist vermutlich: Hermetische Kunst verfehlt ihre Aufgabe. Auch dieser Aussage möchte ich widersprechen.
    Meine Argumentation: Kunst kann Menschen Erfahrungen und Flow-Erlebnisse ermöglichen, die weder über Wissenschaft noch über Philosophie erreichbar sind. Das gilt zwar besonders für Musik, aber auch für andere Künstler. Wer Ausdrucksformen findet, die in seiner Zeit zunächst von niemandem, auch nicht von Künstlerkollegen verstanden werden, kann dazu beitragen, dass anderen Erfahrungen möglich werden, die vorher nicht möglich waren. Der Prüfstein für Kunst liegt nicht in der Gegenwart.
    Freilich, niemand sollte sich verpflichtet fühlen, etwas für Kunst zu halten, was nicht zu ihm spricht. Dass in der bildenden Kunst nicht selten Mittelmaß durch geschickte Vermarktung in ihrem Verkaufswert weit über Kunst steht, die neues Sehen, Fühlen und Denken ermöglicht, ist nicht erst eine Erfahrung des 20. und 21. Jahrhunderts.
    Unverständliche, hermetische, Kunst ist nicht per se besser, aber auch nicht per se schlechter als leicht zugängliche. Doch auch was Milliarden von Menschen gefällt, ist nicht per se schlechter als das, was „die Menge gleich verhöhnet“ (http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&id=1199&spalten=1&noheader=1).

  2. Bravo!

  3. @apanat Nur ganz kurz, ich versuche später wieder darauf zurückzukommen:
    „„Kunst ist nur, was gefällt.“
    Nich unbedingt „gefällt“. Der Bürger muss intuitiv erspüren, dass das betreffende Kunstwerk einen „Wert“ trägt. Ein Zeichen dafür ist, dass er sich nach der Begegnung innerlich weiter damit befasst, Lust hat, sich das Kunstwerkt noch einmal anzusehen usw… Auch wenn er zunächst den Gegenstand ablehnt oder verstörend findet.
    Und mein Kritikpunkt an hermetischer Kunst ist, dass sie beim naiven Betrachter das Gefühl der Entmündigung und Entwertung aufkommen lässt. Die Ausstellung einer blauen Fläche (Yves Klein) verstört mich nicht deshalb, weil sie blau ist, sondern weil sie ausgestellt wird.

  4. Kunst sollte nicht von Stadtverordneten in Auftrag gegeben werden, die mit bisherigen Kunstwerken des Beauftragten nichts anfangen können, sondern nur wissen, dass er einen Namen hat.
    Aber Verstörung und Perturbation durch Kunst sollten auch Volksvertreter zulassen dürfen, nicht nur Mäzene.

  5. Der Artikel gefällt mit. Viel Kunst und Philosophie könnt ihr auch in meiner neuen Freidenker Galerie finden. Über euren Besuch würde ich mich freuen.
    Rainer Ostendorf
    http://www.freidenker-galerie.de

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