Warum „geistige Arbeit“ soviel Ansehen genießt.

Resume Bereits Platon setzte geistige Arbeit an höchste Stelle in der Hierarchie der Tätigkeiten. Aristoteles tat dasselbe und heute gilt nach wie vor der Doktor- mehr als der Meistertitel. Gerecht ist das nicht.

1. Ausgangspunkt

Als Philosoph setzte Platon die Denker ganz oben in der Hierarchie des idealen Staatsgebildes. Kein Wunder, gehörte er doch selbst zu dieser Clique. Für Aristoteles, der die Suche nach dem Glück als treibende Kraft aller Aktivitäten ansieht, ist die theoretische Existenz allen anderen überlegen, weil „die Theorie jener ausgezeichneter Fall von Praxis ist, bei dem der Vollzug, das Denken, mit seinem Ziel vollständig zusammenfällt“ (aus: Höffe, Klassiker der Philosophie, 1, S.64). Anders ausgedrückt: wenn man glücklich sein will, sollte man einen Beruf ausüben, bei dem man viel denkt. Das bestätigt das von mir entwickelte Menschenkonstrukt, bei dem die Informationsverarbeitung als zentrales Grundbedürfnis aufgeführt wird.

2. Geistige Arbeit und Glück

Sigmund Freud beschreibt das Phänomen so:

Am meisten erreicht man, wenn man den Lustgewinn aus den Quellen psychischer und intellektueller Arbeit genügend zu erhöhen versteht. Das Schicksal kann einem dann wenig anhaben. Die Befriedigung solcher Art, wie die Freude des Künstlers am Schaffen, an der Verkörperung seiner Phantasiegebilde, die des Forschers an der Lösung von Problemen und am Erkennen der Wahrheit, haben eine besondere Qualität, die wir gewiss eines Tages werden metapsychologisch charakterisieren können. Derzeit können wir nur bildweise sagen, sie erscheinen uns „feiner und höher“, aber ihre Intensität ist im Vergleich mit der aus der Sättigung grober, primärer Triebregungen gedämpft; sie erschüttern nicht unser Leiblichkeit. Die Schwäche dieser Methode liegt aber darin, dass sie nicht allgemein verwendbar, nur wenigen Menschen zugänglich ist. Sie setzt besondere, im wirksamen Ausmaß nicht gerade häufige Anlagen und Begabungen voraus.

Fazit: Denken macht Spaß, das ist im Bauplan der Natur. Aus denkenden Tätigkeiten eine hierarchische Überlegenheit ableiten zu wollen ist nicht gerechtfertigt.

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7 Antworten

  1. Denken macht Spaß. Völlig einverstanden.
    Skifahren macht aber auch Spaß, Fliegen und das, was angeblich nicht so schön ist, auch. Heimwerken ganz gewiss und …
    Der Unterschied scheint mir, dass man weder Material noch Werkzeug braucht und dass die Produkte relativ dauerhaft sind.
    Geige spielen macht auch Spaß (Flow), da ist das Produkt freilich sehr flüchtig (selbst ein IKEA-Schrank hält länger), bei der Schauspielerei ist es ähnlich („Dem Mimen flicht die Nachwelt keinen Kranz.“), auch wenn der Film Charly Chaplin und Greta Garbo ein dauerhafteres Produkt und ein größeres Publikum ermöglicht hat als etwa Iffland – und heute Babys über Youtube mehr Zuschauer haben können als früher Schauspieler in mehreren Jahren Bühnenarbeit.
    Was ist der Schauspieler Shakespeare gegen den Dramatiker? Was bleibt uns von Phidias und was von Horaz („Exegi monumentum aere perennius.“).

    Freilich, noch hat die Slavenarbeit an den ägyptischen Pyramiden größere Dauerhaftigkeit als die Werke Homers.

  2. „Geistige Arbeit“ – Ist das nicht manchmal ein Widerspruch? Wie kann das „Geistige“ Lust machen und zugleich Arbeit sein? Wer Spaß an seiner Arbeit hat, geht doch nur seinem Hobby nach, oder nicht? Also ich würde niemanden einstellen, der mir sagen würde, dass ihm die Arbeit Spaß machen könnte; wäre dann für mich eher ein Kandidat, der seinem Lustprinzip nachgeht und sich vor Anstrengungen drücken wird.
    Was ist in dem Kontext eigentlich „Arbeit“? Kraft mal Weg? Oder ein Faktor bei der Schaffung eines Mehrwertes, welcher dann auf einem Markt angeboten werden könnte? Oder ist es das Ergebnis eines Schöpfungsaktes des Künstlers?
    Dass Denker keine Hilfsmittel brauchen, halte ich für ein Gerücht, denn gerade die moderne Hirnforschung zeigt, dass recht viele Stoffwechselvorgänge an der Gehirntätigkeit beteiligt sind.
    Sind Träumer auch Denker? Wenn ja, liegt es auf der Hand, warum „geistige Arbeit“ soviel Ansehen genießt. Der Träumer ist ein Wandler zwischen den Welten und das war schon immer eine Kunst, die andere beeindruckt hat.

  3. @Itari
    Ok. Was deine Anmerkung zu „Arbeit“ betrifft: Arbeit ist bei mir eben sehr positiv konnotiert. Daher sehe ich keinen Widerspruch im Begriff „Geistige Arbeit“.

  4. Der Morgengedanke hat mich wieder mal gebissen 😉 Danke Jean Pol für Deine Tweets, denn darüber kam ich hierher.

    Denken um des Denkens willen – ok. Nicht jedermanns Geschmack.

    Doch sobald wir etwas tun, wie z.B. Skifahren, denken wir (es sei denn wir lassen uns dumpf und ohne nachzudenken nach unten ins Tal ziehen). Macht es nicht besonders Spaß beim Skifahren, die herausfordernden Hügel und Kuhlen zu beherrschen und hinterher sagen zu können, „Das war geil!“?

    Denken, Spaß haben und arbeiten liegen eng beiander, und nur die Sprache und kulturelle Annahmen brechen dies u.U. auf.

    Für mich ist es letztlich Ballett, was mich seit einigen Monaten verstärkt beschäftigt. Auch hier wird von den schönen Künsten gesprochen. Besucher schauen und amüsieren sich (so ist die landläufige Meinung). Doch steckt mehr dahinter – es ist gedankliches Skifahren inmitten des Publikums für mich 🙂

    Kann sein, dass ich das alleine so sehe, doch sei’s drum. Wenn sich noch jemand in ähnlicher Weise angesprochen fühlt, freue ich mich auf weitere Gespräche.

  5. @Ral
    Ich sehe das exakt wie du. Denken als Informationsverarbeitung erfolgt in allen Situationen, die uns insgesamt fordern, und auch die Sinneseindrücke müssen verarbeitet werden. Daher auch die „Empfehlung“, Situationen aufzusuchen, in denen intensive Informationsverarbeitung verlangt ist, und das gilt auch fürs Skifahren.

  6. JP: Denken macht Spaß, das ist im Bauplan der Natur.

    Warum sollte Denken Lust erzeugen? Für die Vitalfunktionen der Sippen reicht das Vorhandensein einiger Schlauköpfe, die gerne denken und die neugierig sind, völlig aus. Je mehr Leute selbst denken, um so chaotischer wird die Kommunikation und die Massenkonformität leidet.

    Immerhin leisten sich alle Staaten mehr oder weniger teure Schulsysteme, um den Leuten das Denken zu verleiden (disziplinieren=verschülern).

    Denken ist, wie das Schnarchen, eine Spezialbegabung. (Es genügen für eine durchschnittliche Höhlenwohngemeinschaft einige wenige Schnarcher, die, in dunkler Nacht in die Nähe der Höhleneingänge platziert, durch ihr erschreckendes Geräusch kleineren Raubtiere davon abhalten, der friedlich schlummernden Gemeinde den Schlaf – und die Neugeborenen – zu rauben.)

    So genügen in geordneten Zeiten den Menschenhorden einige wenige Denker; alles andere wäre Energieverschwendung und würde zu Lasten der für Notzeiten wichtigen Übergewichtigkeit gehen.

    Für Denk-Spezialbegabungen gilt allerdings, dass sie gar nicht anders können, als in sich hinein zu lauschen, nämlich auf den Strom der Gedanken „…und sie werden, in seinem unversehrten Zentrum, Zweifel und Frustration vernehmen.
    Dies ist ein erster Grund für Schwermut, für die Schwere des Herzens.“ *)

    Und der Autor dieses Wortes fügt noch neun weitere Gründe an, WARUM DENKEN TRAURIG MACHT, [denn dekalogische Manifeste haben schon an sich Gewicht].

    Ovid: Wieviel Irrtum steckt im Geist!

    Darum: man soll niemanden zum Denken verführen, den man nicht traurig machen will!

    Und wenn Denker auf Denker trifft, so sollen sie sich gegenseitig trösten, denn, so Steiner, es gibt zwei Prozesse, die der Mensch zu seinen Lebzeiten nicht anhalten kann: Atmen und Denken.

    Und gegenseitig trösten sollen sich die Denker, weil Denken nicht nur traurig machen kann, sondern auch töten – wie uns Kleist an seiner PENTHESILEA zeigt:

    P.: Denn jetzt steig ich in meinen Busen nieder,
    Gleich einem Schacht, und grabe, kalt wie Erz,
    Mir ein vernichtendes Gefühl hervor.

    Und schärf und spitz es mir zu einem Dolch;
    Und diesem Dolch jetzt reich ich meine Brust:
    So! So! So! So! Und wieder! – Nun ist’s gut.
    (Sie fällt und stirbt.) **)

    *) Georg Steiner, Dix raisons (possibles) à la tristesse de pensée. Paris 2005

    **)Heinrich von Kleist, Penthesilea, Vierundzwanzigster Auftritt

  7. @Franz
    Interessant zu sehen, wie die Autoren intensiv nachgedacht haben (sich also gequält haben), um aufzuzeigen, dass das Denken eine Qual ist. Und dies ganz freiwillig! Masochismus?

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