Sokrates defensiv?

Mit fällt auf, wie defensiv die Empfehlungen von Sokrates sind. Dieses „Erkenne dich selbst“  hat u.a. als Ziel, dass man seine Fähigkeiten richtig einschätzt und vor allem seine Schwächen, damit man sich nicht an Aufgaben heranwagt, die einen überfordern.

Ich zitiere (aus Wikipedia):

(…) Dem stimmt Euthydemos zu; doch das genügt Sokrates nicht. Er will darauf hinaus, dass Selbsterkenntnis größte Vorteile, Selbsttäuschung aber schlimmste Nachteile mit sich bringe:

„Denn wer sich selbst kennt, der weiß, was für ihn nützlich ist, und vermag zu unterscheiden, was er kann und was nicht. Wer das betreibt, was er versteht, der erwirbt sich, was er benötigt, und es geht ihm gut; andererseits hält er sich von dem fern, was er nicht versteht, und so begeht er keine Fehler und bleibt vor Unheil bewahrt.[69]

Die richtige Selbsteinschätzung bilde auch die Basis für das Ansehen, in dem man bei anderen stehe, und für erfolgreiches Zusammenwirken mit Gleichgesinnten. Wer darüber nicht verfüge, gehe meist fehl und mache sich zum Gespött.

Auch in der Politik siehst du ja, daß Staaten, die ihre Kraft falsch einschätzen und sich mit mächtigeren Gegnern einlassen, entweder der Zerstörung oder der Versklavung anheimfallen.[70]

Wie soll man aber wissen, was man machen könnte, wenn man nur das tut, was man machen kann?

Daher (nach wie vor) meine Empfehlung: Verhalte dich wie ein Neuron!

22 Antworten

  1. Ich fühle mich wie ein Neuron – transparent, vernetzend, Systemsviewing!

    Angefangen hat es mit neuronalen Netzen zu Börsentrends während des Studiums in Bamberg. Das Thema scheint mit seit 20 Jahren nicht loszulassen. Nun hat es mich wieder🙂

    Doch verstehen es andere?

    Grüße, Ralf

  2. Klar verstehe es viele andere!

  3. Hallo zusammen,

    man muss sich ja selbst erstmal in den Zustand versetzen, sich selbst zu kennen … wie kommt man dahin, ohne Fehler zu machen?

    Meine Zusammenfassung des obigen Textes:
    Mach bloß keinen Fehler, dann wird alles gut.

    Ich persönlich halte eine Kultur für erstrebenswerter, in der es OK ist, auch mal Fehler zu machen.

    Viele Grüße
    Ulrike

  4. Deine Einleitung legt den Schluss nahe, dass du Überforderung (= Scheitern) für positiv hältst.
    Ohne Sokrates genau zu kennen: die eigenen Grenzen zu kennen, ist doch die Voraussetzung dafür, sie zu überschreiten und zu verschieben.

  5. @Klaus
    Stimmt, so kann man meine Einleitung interpretieren. Aber ich kann sie nicht umformulieren (ich habe es gerade versucht). Sokrates sagt: „Macht nicht Sachen, die Euch überfordern“. Und meine Antwort: „Wie kann man wissen, dass eine Aufgabe einen überfordert, wenn man es nicht versucht hat?“. Sokrates scheint zu denken, dass man allein durch Selbstüberprüfung und Selbsterkenntnis seine Fähigkeiten und Schwächen einschätzen kann. Das ist das Gegenteil von Empirie.

  6. @jeanpol: Genau – kann man ohne Erfahrung zur Selbsterkenntnis gelangen?

  7. @Ulrike, kleine Fehler möglich machen, indem man kleine Prototypen von Neuem ausprobiert. Das ist z.B. auch das Wesen von Lean Thinking, um kontinuierlich seine Grenzen zu übertreffen und das ohne mit dem „Big Bang“ unterzugehen.

  8. @Ulrike
    Nein, ohne Erfahrung kann man zu keiner Erkenntnis gelangen, schon gar nicht zur Selbsterkenntnis!

  9. @jeanpol
    Klar, nach dem Zitat klingt Sokrates sehr Fehler-intolerant und man fragt sich: wie soll fa lernen funktionieren?
    Aber ist nicht auch klar, dass Selbsterkenntnis (= richtige Selbsteinschätzung) einer selbsttäuschung vorzuziehen ist, auch als Ausgangspunkt für Grenzerweiterung/Wachstum?

  10. @Klaus
    Meine Überlegungen sind – wie so oft – aus meinem eigenen Erlebnis abgeleitet. Als ich Sokrates Passagen gelesen habe, habe ich mich selbst gefragt, ob es legitim war, dass ich als absoluter Laie und Unwissender Philosophie-Workshops und VHS-Kurse angeboten habe. Das war ja hochriskant! Ich habe entsprechend meine Höhen und Tiefen erlebt und Erfolge sowie Misserfolge einkassiert. Jetzt fühle ich mich inzwischen wohl und gestern beim Tag der offenen Tür in der VHS war klar, meine Position ist jetzt gefestigt und es war richtig, dieses Wagnis einzugehen.
    Die Frage ist also immer: wie weit kann man wagen. Und ich denke, dass die Grenzen meist viel weniger eng sind als man – aus Angst – zu erkennen glaubt.
    Es gibt aber Menschen, die tatsächlich weit über ihre Fähigkeiten wagen, z.B. Bipolare: http://de.wikipedia.org/wiki/Bipolare_St%C3%B6rung

  11. Selbsterkenntnis? Ist sie nicht eine durch Biografie und Erfahrung entstandene feste Größe?
    Kann man sie (ich würde lieber von Selbsteinschätung reden) durch Nachdenken ädern?
    Die Selbsteinschätzung von Staaten ist auch nur die der regierenden Menschen.

  12. Die sokratische Mäeutik verwirft viele der Gedanken, welche zur Welt kommen sollen, als untauglich. Sie ist darum weniger Hebammenkunst als vielmehr eine Aborttechnik im Dienste der platonischen Wahrheit.

    Diese Technik ist nur für eine besondere Situation zu rechtfertigen: die Dialogkommunikation.

    Platon hat nicht ohne Absicht seine Texte als Dialoge verfasst.
    Sie sollten einerseits wörtlich genommen werden, andererseits nicht.
    Im Phaidros lässt er Sokrates argumentieren, dass die Schrift Vergesslichkeit verursache und nur den Anschein von Wahrheit vermittle.

    Ich deute das wie eine Warnung vor dem, was du, Jean-Pol an anderer Stelle (1) Dogmatismus genannt hast und was immer dann droht, wenn man alten Texten die Macht gibt, ins Heute hinein zu wirken.

    (1)https://jeanpol.wordpress.com/2011/01/30/theorie-und-praxis-der-klettergarten-2/

  13. Ja, es drohen Fehlinterpretationen. Das Risiko kann man, je nach Temperament, eingehen oder nicht. Wobei wir voll beim Thema sind!

  14. @franz
    übrigens: ursprünglich wollte ich meinen Beitrag als Frage formulieren, also „Sokrates defensiv?“ Mir war klar, dass es nicht die endgültige Deutung war.

  15. @Franz Xaver Letzlich ist es wurscht, ob Sokrates es so gemeint hat oder nicht. Zumindest können wir sagen: „Wenn er es so gemeint hat, wie Jeanpol es oben darstellt, dann können wir schließen, dass das empfohlene Verhalten theoretisierend und fehlervermeidend und nicht in unserem Sinne ist.“ Und dadurch haben wir doch viel gelernt! Mir beispielsweise war der Gegensatz zwischen „Selbsterkenntnis durch Überlegung“ und „Selbsterkenntnis durch Ausprobieren“ bislang nicht derart bewusst.

  16. Warum versteht man es und begrüßt es insgeheim, wenn zu einem Aufschneider gesagt wird: „Red nicht von Dingen, wovon du nichts verstehst!“ – Vermutlich, weil man den Nervenden rhorisch zum Schweigen bringen will. – Vergleichbare Situation: der Kleine auf dem Rücksitz nörgelt und sagt in einm fort: ‚Sind wir schon da?‘ – Das Nichteingehen auf diese Fragestellung wird selten als pädagogische Fauxpas angesehen, vermutlich, weil man dem möglichen Erkenntnisgewinn nicht über den Weg traut *gg* – Ich würde mal sagen, dass man den Dialog des schlitzohrigen Sokrates mit einer Portion Humor als rhetorische Maßnahme verstehen könnte … also die vielleicht gar nicht so tiefgründig verstanden sein wollte …

  17. @Johannes

    Selbsterkenntnis? Ist sie nicht eine durch Biografie und Erfahrung entstandene feste Größe?

    Ich glaube, man ändert sich bis zum letzten Tag und entdeckt angesichts von neuen Situationen immer wieder neue Seiten an sich selbst. Also: keine feste Größe (denke ich).
    @cspannagel
    Natürlich ist es nie sinnlos, wenn man versucht den exakten Kontext eines Statements zu rekonstruieren. Ich denke allerdings, dass dies angesichts des zeitlichen Abstandes schwer ist und wiederum zu Spekulationen verführt. Daher erlaube ich mir, den Satz, so wie er in der Literatur nachgewiesen ist, heranzuziehen. Wenn also Sokrates davor warnt, sich Aufgaben zuzutrauen, für die man keine Qualifikation besitzen, weil man sich dem Spott ausliefern kann, dann greife ich diesen Satz einfach so auf. Und, offensichtlich führt er auch bei meinen Lesern zu vertieften Denkprozessen.
    @Itari

    Ich würde mal sagen, dass man den Dialog des schlitzohrigen Sokrates mit einer Portion Humor als rhetorische Maßnahme verstehen könnte … also die vielleicht gar nicht so tiefgründig verstanden sein wollte …

    Den Satz habe ich einfach so genommen, wie er stand, ohne den Kontext und die genaue Intention extrapolieren zu wollen. Und so wie der Satz war, hat er genug Reflexionsstoff enthalten.

  18. @Franz Xaver Nette Story, mit dem 18. Kamel…

  19. Jetzt habe ich doch die Überschrift zu meinem Eintrag verändert. Es heißt nicht mehr „Sokrates defensiv!“ mit Ausrufezeichen, sondern „Sokrates defensiv?“ mit Fragezeichen.

  20. […] Philosophie – Grüne in Ingolstadt – Die Brückenbauer – […]

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