Theorie und Praxis: der Klettergarten (2).

Resume: Klar dass wir als Menschen versuchen, eindeutige Gesetze zu formulieren, damit in konkreten Situationen rasch und verlässlich entschieden werden kann. Aber jeder Fall ist ein Fall für sich!

Das lehrt mich Petra Kleine in ihrem Kommentar zu meinem Blogeintrag: „Philosophie im Alltag: der Klettergarten„:

petra, on 29. Januar 2011 at 16:12 said:

…wobei vorausgesetzt wird, es sei ein Schwarzbau ist – nur diese fixe Annahme vereinfacht alles. Ist es aber so dass der Klettergartenbetreiber die Auskunft bekam, es brauche keine Baugenehmigung, weil ja keine Erde bewegt/gebaut wird und er hat im Vertrauen darauf die Kletterteile installiert, wirds schon schwieriger. Schwierig auch, wenn die nachträglich nun eingeholte Baugenehmigung sagt, es der Klettergarten sei genehmigungsfähig, wenn bestimmte Auflagen eingehalten würden. Und schwierig, wenn es letztlich keine Frage von legal/illegal ist, sondern eine reine Güterabwägung im leganlen Bereich: wessen Interessen sind die, die am meisten schützenswert wind. 1) die des Grundstückeigentümers, der die nun geforderten Auflagen einhalten würde 2) die der Natur auf seinem Grundstück 3) die der Kleingärtner in der Nachbarschaft, die dort auch keinen Lärm von Schulklassen wollen, die den Garten nutzen könnten 4) die Interessen der Mehrheit aus dem Kreis derjenigen, die entscheiden (müssen/dürfen).

6 Antworten

  1. Du änderst also deine Meinung und versteckst das auch nicht, hast dich möglicherweise geirrt und gibst das auch zu (http://www.twitter.com/jeanpol/status/32703909168414720) – wobei natürlich gerade hier beim Thema „irren“ das Normative eine Rolle spielt.

    Wollte ich nur mal festhalten. Gefällt mir.

  2. @Oliver
    Danke, sehr nett, dass du hier kommentierst!
    Meine Meinung habe ich tatsächlich für diesen konkreten Fall geändert, aber ich bin noch nicht am Ende meiner Überlegungen bezüglich der Brauchbarkeit von philosophischen Kategorien als Hilfe für Alltagsentscheidungen.

  3. Ich würde spontan sagen, sie können möglicherweise als so etwas wie eine explizite Heuristik dienen. Sie können dabei helfen, zügiger zu entscheiden.

    Solche (eher unbewussten) Heuristiken nutzt der Mensch ja bereits, sei es Wechselseitigkeit oder das Streben nach einem konsistenten Verhalten. Wechselseitigkeit führt zu gesellschaftlich erwünschtem oder gar nützlichem Verhalten, denn wenn ich nie jemandem helfe, wird mir wohl auch niemand helfen. Wenn ich ständig meine Meinung ändere, wird es für andere auf lange Sicht schwierig, mir zu vertrauen – Handel würde erheblich erschwert werden.

    Oft sind solche Heuristiken also nützlich, aber können in anderen Fällen auch zu Problemen führen: Helfe ich jedem, halte vielleicht jemandem in einem Unternehmen die Tür auf, weil er ein schweres Paket trägt – und habe damit womöglich einem Unbefugten Zutritt verschafft (ähnlich so schon bei einem großen Kommunikationsdienstleister erlebt).
    Oder nehmen wir die Taktik vieler Werber für Organisationen, wie sie oft in Bahnhöfen stehen. Da werden Passanten vielleicht gefragt, ob sie nicht auch finden, dass Umweltschutz wichtig sein. Ja. Und ob es nicht ganz schlimm wäre, dass der Regenwald abgeholzt wird. Ja. Wollen Sie nicht mit ein paar Euro helfen, das zu stoppen? … Man hat dem Passanten ein zwei Commitments zu einer Sache abgerungen, und schon allein das macht es für ihn schwieriger, am Ende nein zu sagen – Verhaltenskonsistenz.

    Vielleicht ist es mit den philosophischen Kategorien ähnlich. Grundsätzlich hilfreich, kann aber unter Umständen auch daneben gehen.

    Und vielleicht irre ich auch: http://www.olivertacke.de/2011/01/12/es-gibt-immer-noch-grau-zwischen-schwarz-und-weis-ja-warum-eigentlich/

  4. Vielleicht ist es mit den philosophischen Kategorien ähnlich. Grundsätzlich hilfreich, kann aber unter Umständen auch daneben gehen.

    Das denke ich auch. Der Vorteil bei diesen Kategorien ist, dass sie seit mindestens 2.500 Jahren diskutiert werden und daher eine sehr umfangreiche kollektive Reflexion verdichten. Will ich Gerechtigkeit, die sehr wichtig für die Gestaltung der Gesellschaft ist, versuchen zu realisieren, so kann ich mich auf viele Texte und Ausdifferenzierungen des Begriffe stützen, auch auf viele Erfahrungen mit dem Versuch, Gerechtigkeit zu verwirklichen (z.B. der gescheiterte Kommunismus-Versuch). Aber eine Umsetzung 1 zu 1 ist nie möglich, auch mit dem Kantischen Imperativ geht es nicht… Trotzdem haben die Philosophen gute Vorarbeit geleistet!

  5. Wozu haben die Philosophen in dem von dir geschilderten Fall beigetragen?

    petra schreibt:…3) die der Kleingärtner in der Nachbarschaft, die dort auch keinen Lärm von Schulklassen wollen, die den Garten nutzen könnten…

    Es lohnt sich mit den Mediziner zu beschäftigen, die sich um die _Unterschiede_ der menschlichen Hörempfindlichkeit und die _Unterschiede_ der gesundheitlichen Beeinträchtigung des Ruhebedürfnisses der verschiedenen Hörtypen befasst haben und es lohnt, deren Kenntnisse in die Praxis der Flächennutzungspläne, Bauvorschriften, Überflugszonen, Eisenbahntrassen-Planung etc. einzubeziehen.

    Aber was können Philosophen zu diesem Thema beitragen? (@jpm:…Trotzdem haben die Philosophen gute Vorarbeit geleistet!)

    Eigentlich weiß der Wutbürger: wenn die Philosophen zu Einsatz kommen, wird der Bürger in aller Regel verarscht.

    Was Philosophie erträglich/ertragreich macht ist die philosophische Gesprächskultur, die außerhalb der Realpolitik einen idealen Ort der Kommunikation spezieller Art ermöglicht. Diesen Ort (auch im Netzwerk) zu definieren (umgrenzen) ist eine ehrenwerte Bemühung – der du dich mit großer Energie hingibst.

  6. @ehrenpreis

    Wozu haben die Philosophen in dem von dir geschilderten Fall beigetragen?

    Sie haben dazu beigetragen, dass ich das Prinzip, man solle sich nach dem Gesetz richten, dank der Verinnerlichung des Bild des zu Tode verurteilten Sokrates sofort als Maßtab parat habe. Ich sehe ihn vor mir, und ich sehe, wie er darauf besteht, sich dem Gesetz zu fügen, auch wenn seine Schüler und Freunde ihn zur Flucht überreden wollen. Ähnliches mit dem Kantschen Imperativ. Durch die Beschäftigung mit Kant kommt mir in Situationen, die eine ethisch begründete Entscheidung verlangen, der kategrorische Imperativ sofort in den Sinn. Diese „Instrumente“ sind also automatisiert. Allerdings komme ich durch diesen Automatismus zu einer dogmatischen Entscheidung, die dem konkreten Fall nicht gerecht wird. Ich muss weitere Informationen einholen, alle Gesichtspunkte gegeneinander abwägen und irgendwann sind die Abbruchbedingungen erreicht. Die Beschäftigung mit den Philosophen hat mich dazu geführt, dass ich mich genauer mit der Gültigkeit von Gesetzen befasst habe.

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