Philosophie im Alltag: der Klettergarten.

Resume Natürlich liegt die Aufgabe der Philosophie nicht darin, direkte Handlungsempfehlungen für den Alltag zu liefern. Indirekte aber vielleichst schon.

Im Ingolstädter Stadtrat wird unter anderem die Frage verhandelt, ob ein gewerblicher Klettergarten, der ohne Baugenehmigung von einem Bürger eingerichtet wurde, nachträglich zugelassen werden soll oder nicht. Die Meinungen sind kontrovers, insbesondere wird damit argumentiert, dass an vielen Orten Schwarzbauten unbeanstandet stehen. Es wird auch angeführt, dass der Klettergarten an dieser Stelle das Ingolstädter Freizeitangebot bereichert. Gegen die Beibehaltung des Klettergartens sind die angrenzenden Kleingärtner. Frage ich Sokrates, so muss ich die Einhaltung des Gesetzes einfordern und gegen den Klettergarten plädieren. Frage ich Kant (kategorischer Imperativ), so kann ich nicht wollen, dass die Maxime des Handelns des Klettergartenbetreibers zu einem allgemeinen Gesetz wird, also dass alle zunächst bauen und erst danach, wenn dies beanstandet wird, sich um eine Genehmigung bemühen.

Auf diesem Hintergrund votiere ich gegen den Klettergarten.

Fazit Die Auseinandersetzung mit philosophischen Begriffen und Positionen kann zur Präzisierung des eigenen ethischen Gerüstes führen.

6 Antworten

  1. …wobei vorausgesetzt wird, es sei ein Schwarzbau ist – nur diese fixe Annahme vereinfacht alles.

    Ist es aber so dass der Klettergartenbetreiber die Auskunft bekam, es brauche keine Baugenehmigung, weil ja keine Erde bewegt/gebaut wird und er hat im Vertrauen darauf die Kletterteile installiert, wirds schon schwieriger. Schwierig auch, wenn die nachträglich nun eingeholte Baugenehmigung sagt, es der Klettergarten sei genehmigungsfähig, wenn bestimmte Auflagen eingehalten würden. Und schwierig, wenn es letztlich keine Frage von legal/illegal ist, sondern eine reine Güterabwägung im leganlen Bereich: wessen Interessen sind die, die am meisten schützenswert wind. 1) die des Grundstückeigentümers, der die nun geforderten Auflagen einhalten würde 2) die der Natur auf seinem Grundstück 3) die der Kleingärtner in der Nachbarschaft, die dort auch keinen Lärm von Schulklassen wollen, die den Garten nutzen könnten 4) die Interessen der Mehrheit aus dem Kreis derjenigen, die entscheiden (müssen/dürfen).

  2. @petra
    Herzlichen Dank für deine präzise, detaillierte, aufschlussreiche und für mich lehrreiche Beschreibung des Falles. Natürlich ahnte ich selbst, dass der dogmatische Rückgriff auf eine philosophische Kategorie der Alltagsrealtität nicht gerecht wird. Auch Sokrates hat erkannt, dass die meisten moralischen Problemen entstehen, wenn ein „Widerstreit der Pflichten“ vorliegt. Und in diesem Klettergarten-Fall liegt tatsächlich so etwas vor. Das ist auch der Grund, warum man Politiker braucht, die sich die Zeit nehmen, alle Positionen und Gesichtspunkte genau abzuwägen. Zum Wohle der Demokratie.

  3. […] Klar dass wir als Menschen versuchen, klare Gesetze zu formulieren, damit in konkreten Situationen rasch und verlässlich entschieden werden kann. Aber jeder Fall ist […]

  4. Einige weitere Aspekte zum Thema:
    Es ergibt sich für mich, dass Sokrates sich aus eigenen Gründen dem Urteil der 500 gestellt haben könnte: Dies dürfte seinem üblichen autonomen Verhalten entsprochen haben, die Konsequenzen seiner Entscheidungen auf sich zu nehmen. Und es entsprach vermutlich auch seiner lebenslang praktizierten Einstellung, als Einzelner dem Gemeinwesen dienen zu wollen. Darauf wollte er auch angesichts des Todesurteils nicht verzichten.

    Die Entscheidung für die Geltung des kategorischen Imperatives in diesem Fall, marginalisiert situative Elemente, weist Bedürfnisse und Aktivitäten von Bürgern zurück mit dem formalen Hinweis: Ihr habt Euch nicht an die Gesetze bzw. den kategorischen Imperativ gehalten. Übersehen werden dürfte das Bedürfnis des Einzelnen autonom zu handeln – m.E. eine unverzichtbare Kompetenz für Demokraten – mit entsprechenden Auswirkungen auf das Selbstverständnis von Bürgern. Mir scheint die Entscheidung für den kategorischen Imperativ eine obrigkeitsstaatliche Vorgehensweise, und schon deshalb fragwürdig. Fragwürdig auch deshalb, weil „das Schaffen von vollendeten Tatsachen“ schon längst Maxime gesellschaftsweiten Handelns geworden ist.

    Den vorliegenden Fall mit dem Klettergarten könnte man öffentlich diskutieren (demokratisch) und für eine gemeinsame Entscheidung vorbereiten. Dies entspricht auch dem Trend der politischen Entwicklung wie die Auseinandersetzungen um das Projekt „Stuttgart 21“ deutlich machen können.

  5. @amruthgen

    Und es entsprach vermutlich auch seiner lebenslang praktizierten Einstellung, als Einzelner dem Gemeinwesen dienen zu wollen.

    Meinen Sie mit Ihrem Einwand, dass Sokrates zwar für sich den Entschluss fasste, sich dem Urteil der 500 zu fügen, diese Haltung aber nicht als Grundlage für die Entscheidung anderer Bürger in ähnlichen Situationen generalisieren wollte?

    Fragwürdig auch deshalb, weil „das Schaffen von vollendeten Tatsachen“ schon längst Maxime gesellschaftsweiten Handelns geworden ist.

    Soll dies bedeuten, dass diese Maxime zu akzeptieren ist, weil sie nun einmal Fakt ist (oder zu sein scheint)?

    Den vorliegenden Fall mit dem Klettergarten könnte man öffentlich diskutieren (demokratisch) und für eine gemeinsame Entscheidung vorbereiten.

    So geschieht es auch.

  6. Ich gehe davon aus, dass Sokrates – von dem ich eine bestimmte Vorstellung habe – andere zu autonomen Entscheidungen ermutigen wollte. Wenn zwei Menschen in einer Angelegenheit gleich entscheiden, müssen sie sich vorher einigen. Allein ‚einigen‘ kann aus meiner Sicht Grundlage gemeinsamen Handelns sein.
    Die Praxis ‚Schaffen vollendeter Tatsachen‘ ist für mich ein Hinweis darauf, dass normative Gesetzgebung ihr angestrebtes Ziel immer schon verfehlt hat. Gesetze machen die Welt nicht besser, d.h. menschlicher. Sie bewirken m.E. nicht – wie Hume auch schon feststellte – eine menschliche Umgangsweise miteinander. Was Menschen zu menschlichem Handeln befähigt, dürfte ihr menschlicher Umgang miteinander sein. Daraus folgt: autonomes Handeln statt legalistischem Dirigismus.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: