Nietzsche, die Ingolstädter Grünen und ich.

Resume Als hochkomplexes Gebilde bietet eine Stadt vielfältige Interventionsmöglichkeiten für Menschen, die – aus welchem Grund auch immer – handelnd optimieren wollen. Allerdings brauchen sie präzises Wissen und ein fundiertes ethisches Fundament.

1. Ausgangspunkt

An anderer Stelle habe ich beschrieben, dass ich im Ruhestand bin und nichts mehr fürchte als Langeweile. Das habe ich auch anthropologisch begründet mit dem Grundbedürfnis des Menschen nach Informationsverarbeitung. Am intensivsten verarbeitet man Informationen, wenn man sich in Problemfeldern bewegt. Und Problemfelder bietet eine Stadt mehr als genug! Um einen schnellen Zugang zu meiner Stadt zu finden, habe ich meine Mitgliedschaft bei den Grünen reaktiviert, bin zu den Ingolstädter Senioren gegangen, zu den Brückenbauern (Migrantenprojekt) und habe als ungelernter Philosoph Philosophiekurse an der Volkshochschule angeboten.

2. Entscheidungen wollen ethisch begründet werden

Will man handelnd in politische Prozesse eingreifen, so steht man sehr schnell vor Entscheidungen, die ethisch zu begründen sind. Soll man beispielsweise 200.000€ für den Ausbau des Gehörlosen Vereins zur Verfügung stellen, oder für die künstlerische Ausstattung des Donauufers?  Die Gefahr besteht, dass man hier spontan und emotional reagiert und beispielsweise der Kunst einen geringeren Stellenwert einräumt. Aber Gefühle sind nur eine Orientierungsbasis, die starke rationale Begleitung erfordert. Da beides, also Gefühl und Ratio abhängig vom historischen Kontext und der individuellen Sozialisation sind, schadet es nicht, wenn man immer wieder gründliche Updatings der eigenen moralischen Grundpositionen durchführt. Das war auch Nietzsches Anliegen, als er sich mit den herkömmlichen Moralvorstellungen seiner Zeit auseinandersetzte und am Ende mit einer für uns gewöhnungsbedürftigen „Herrenmoral“ und „Übermensch“-konzeption aufwartete.

3. Philosophie: Updating des Denkapparates

Mein Zugriff auf die Philosophie dient dazu, meinen eigenen Vorrat an Denkmustern, der sich im Laufe meines Lebens konstituiert hat, dank einer Durchsicht aller zentralen philosophischen Positionen seit der Antike zu erfrischen und zu ergänzen. Dafür habe ich zwei komplementäre Zugänge: zum einen habe ich mir einen Überblick über die Entwicklung der Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart (30 Philosophen) verschafft, zum anderen einen Kurs angeboten, bei dem zentrale Themen menschlicher Lebensbewältigung (Freiheit, Glück, Leiden, Sinn des Lebens…) angegangen werden, allerdings als Reaktion auf aktuelle Ereignisse, insbesondere auf solche der Kommunalpolitik. Dass dieses Konzept nicht allen Teilnehmern zusagt, musste ich schmerzlich erfahren, denn eine Gruppe unter ihnen war enttäuscht von der permanenten Mischung von Politik, Philosophie, Alltagsreflexionen. Sie wollten sich systematischer und vertieft mit philosophischen Texten befassen.

4. Positive Freiheit und die politischen Konsequenzen

Die Beschäftigung mit dem Thema Freiheit (wobei in der Philosophie zwischen negativer und positiver Freiheit unterschieden wird) hat meine Aufmerksamkeit auf den Aspekt gelenkt, dass Gruppen der Gesellschaft zwar über „negative“ Freiheit verfügen, aber wenig Aussicht haben, ihre Anlagen zu entfalten, ihre ambitionierten Ziele zu erreichen, sich im Leben selbst zu verwirklichen („positive Freiheit“). Es ist u.a. eine Aufgabe der Politik, das Selbstverwirklichungsdefizit bestimmter Gruppen zu erkennen und diesen Menschen bei Kräften zu helfen, die vorhandenen Barrieren zu überwinden. Und natürlich stellt sich bei Knappheit der Ressourcen die ethische Frage, welche Gruppe zu welchem Zeitpunkt einer anderen vorgezogen werden muss. Diese Frage kann beispielsweise auftreten, wenn Interessen der Senioren mit Interessen der jüngeren Generationen kollidieren. Ferner greifen hier auch politische Grundpositionen ein wie die Einstellung zu staatlichen Interventionen (Liberale vs. „Linke“).

5. Wissenskonstruktion und die Ingolstädter Grünen

Der erste Schritt einer Partei, die sich vornimmt, die positiven Freiheiten aller Gruppen ausgewogen zu stützen, besteht darin, sich ein klares und umfangreiches Wissen der Problemsituation zu verschaffen. Für die Ingolstädter Grünen bedeutet es, das Wissen der eigenen Mitglieder zu sichten und innerhalb der Gruppen zu diffundieren, so dass die Ingolstädter Grünen einen gemeinsamen hohen Wissensstand in für Ingolstadt relevanten Bereichen erreichen. Gleichzeitig soll dieses Wissen aktiv nach außen präsentiert werden,  damit sehr rasch Impulse von Ingolstädter Bürgern aufgegriffen werden können und dadurch ein anhaltender Prozess der Wissenskonstruktion und Wissensdiffundierung eingeleitet wird. Mit dem Begriff „Wissen“ meine ich stets „Problemlösewissen“, also ein Wissen, das sofort zu konkreten Lösungsvorschlägen führen muss.

Fazit: Wissen über die Stadt sammeln und erhöhen, Probleme erkennen und ethisch gestützte Entscheidungen treffen. Das ist ein interessantes Projekt. Und für mich persönlich eine Möglichkeit, der Langeweile Chancen zu entziehen!

8 Antworten

  1. ein schöner runder artikel Jean-Pol🙂 –

    ganz konkret fällt mir in bezug auf die verteilung von öffentlichen geldern folgendes ein: Donauufer: weniger Renommierprojekte, mehr bürgerbeteiligung. gehörlosenunterstützung: konkrete projekte, die die betroffenen in richtung aktivierung ziehen, weniger pauschales giesskannen prinzip. eine kombination von beidem könnte zum beispiel sein: einen teil der donauufergestaltung den gehörlosen anzubieten, wäre sicher spannend, ihre wahrnehmung öffentlich sichtbar werden zu lassen🙂

  2. nachträgliche überschrift: lösungs- und ressourcenorientierte politische entscheidungen😉

  3. @Jutta
    Danke Jutta für deinen Zuspruch! Da steckt viel Herzblut in meinem Blogeintrag! Insbesondere die Verarbeitung der Kritik meiner VHS-Teilnehmer…

  4. danke für Input. ich halte aber diese Art von Fragestellung für nicht wirklich hilfreich, damit habe ich ständig zu tun, man tut immer so, als gäbe es nur schwarz oder weiß. Wenn man schon so argumentieren möchte (hat ja auch immer etwas polemisch/populistisches an sich), wäre meine Antwort: für 400.000€ weniger Straßen bauen.
    Sigi

  5. @Sigi
    Aber gerade darum geht es: es gibt eben nicht nur schwarz oder weiß. Bei meinem konkreten Beispiel: ich plädiere nicht für Gehörlose gegen Kunst oder umgekehrt, sondern für eine unemotionale Herangehensweise. Also genau das, was du einforderst!

  6. @Sigi
    Ich habe einen klärenden Satz hinzugefügt („Die Gefahr besteht, dass man hier spontan und emotional reagiert und beispielsweise der Kunst einen geringeren Stellenwert einräumt.“). Ich hoffe, der Text ist so deutlicher!

  7. „eine Gruppe unter ihnen war enttäuscht von der permanenten Mischung von Politik, Philosophie, Alltagsreflexionen. “
    Ich vermute, es lag grundsächlich daran, dass die Zeit für die zahlreichen Themen knapp war. Dein Ziel ist nämlich anspruchsvoll und verlangt Zeit, wenn neben der Philosophie Politik und Alltagsreflexion besprochen werden.
    Ich habe mich nicht in dem Philosophie Kurs angemeldet, weil ich was Interessantes und Spannendes erfahren wollte (allerdings es ist interessant und spannend), aber weil ich zusätzliches „Werkzeuge“ für meine persönliche Orientierung gesucht habe. Daher ist für mich der Bezug mit unserer Welt (also Politik und Alltagsreflexionen unter Anderem) ausserhalb der Philosophie entscheidend.

  8. @Lanig
    Ich denke, ich werde noch am Konzept feilen müssen und die ideale Linie zwischen Offenheit (mit der Gefahr der Oberflächlichkeit, weil man – scheinbar – rasch von einem Thema zum anderen wechselt) und der Vertiefung. Vielleicht sind für mich Zusammenhänge klar, die sich für andere noch erschließen müssen. So hängen für mich Suizid und Sterbenshilfe sehr eng zusammen, aber das muss ich meinen Lesern und Teilnehmern vermitteln, sonst haben sie das Gefühl, dass ich alles durcheinander bringe…

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