Freitod, Sterbehilfe… Was sagt die Ethik dazu?

Resume Gleich vorweg: mir geht es sehr gut und ich glaube, dass es länger so bleiben wird. Dennoch stellt sich mit zunehmendem Alter die Frage, unter welchen Bedingungen das Leben „sich lohnt“. Wie steht die Ethik dazu?

1. Ausgangspunkt

Im Rahmen meines VHS-Kurses „Philosophie“ haben wir uns intensiv mit dem Thema „Glück“ befasst. Im Augenblick steht „Ethik“ auf dem Programm. Ich bin der Überzeugung, dass ein Philosophie-Kurs nur dann einen Sinn hat, wenn man sich mit aktuellen Fragen befasst und versucht, Antworten zu finden, die im realen Leben möglichst zeitnah umgesetzt werden. Daher greife ich bei der Auswahl meiner Inhalte stets auf Impulse aus dem Kurs oder aus der direkten Außenwelt (Kommunalpolitik, aktuelle gesellschaftliche Probleme). Das Leiden im Alter ist angesichts der demographischen Entwicklung ein solches Thema.

2. Normative Ethik: drei Positionen

  • Teleologische Ethik (Utilitarismus)

Die teleologische Ethik (insbesondere Aristoteles) sieht „Glück“ als Ziel des Lebens an. Auf diesem Hintergrund hat Tugend zum Zweck, den Menschen glücklich zu machen. Tugend und Glück sind eng miteinander verknüpft. Im 19. Jh. entstand der Utilitarismus, der ebenfalls Glück als Ziel menschlichen Handelns sah und zwar nicht nur im individuellen Sinn sondern bezogen auf die gesamte Gemeinschaft. Aus utilitaristischer Sicht, das ist hier mein eigener Eindruck, gibt es keinen zwingenden Grund, Menschen, die unglücklich sind und aus dem Leben scheiden wollen, daran zu hindern. Das Gesamtglück der Gruppe wird dadurch erhöht und nicht gemindert. Natürlich müsste man einen Abgleich mit dem eventuellen Leiden der Umwelt (Verwandte, Freunde) vornehmen und bilanzieren.

  • Pflichtethik (Deontologie)

Hauptvertreter der Pflichethik ist Immanuel Kant. Für ihn gibt es feste Regeln (kategorische Imperative), die absolute Gültigkeit haben, unabhängig von den Auswirkungen in konkreten Situationen. So ist lügen prinzipiell abzulehnen, selbst wenn dadurch reale Nachteile und Leiden entstehen sollten. Als Kriterium für die Bewertung einer Handlung gilt: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“  Ich erschrecke gerade, denn ich stelle fest, dass ich durchaus wollen kann, dass, wenn Menschen keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen, sie diesem ein Ende setzen können und dass dies ein allgemeines Gesetz werden soll.

  • Tugendethik

Die Tugendethik befasst sich mit der Frage, welche Eigenschaften tugendhafte Menschen aufweisen und was tugendhaftes Verhalten ausmacht. Sie vertritt den Standpunkt, dass man Tugenden durch Erziehung und Einübung aufbaut. Die von Platon hervorgehobenen Kardinaltugenden sind die Gerechtigkeit und zugeordnet dazu die Weisheit, die Besonnenheit und die Tapferkeit. Später kamen als weitere Tugenden mit dem Christentum Glaube, Liebe und Hoffnung. Hier kann man tatsächlich feststellen, dass die Tugendethik von ihrer Theorie heraus das freiwillige Ausscheiden aus dem Leben verurteilen muss. Zwar verhalten sich Gerechtigkeit, Weisheit und Besonnenheit zum Freitod indifferent, aber Tapferkeit spricht dagegen („Das Alter ist nichts für Feiglinge“ heißt es im Volksmund).  Dass die christliche Ethik den Selbstmord verurteilt, geht aus den von ihr vertretenen Kardinaltugenden „Glaube“, „Liebe“ und „Hoffnung“ hervor.

3. Sterbehilfe?

In dem Abschnitt 2 habe ich mich auf die Frage des Freitodes aus ethischer Sicht beschränkt. Mit dem Thema „Sterbehilfe“ könnte man ähnlich verfahren und zu vergleichbaren Ergebnisse kommen, nämlich dass die teleologische und die deontologische Ethik von ihrem Ansatz heraus wenig Einwände hätten. Mit der Tugendethik sieht es anders aus.

Fazit Mit einigen Beispielen wollte ich aufzeigen, wie nützlich und sinvoll es sein kann, bei wichtigen Entscheidungen im realen Leben die Positionen der Philosophie, insbesondere der Ethik in den Blick zu nehmen. Ich stehe allerdings am Anfang dieses Denkprozesses…

31 Antworten

  1. Jean-Pol,
    beim zweiten Kaffee, der mir ein sehr irdisches Glück am Sonntagmorgen verschafft:

    Statt Selbstmord, würde ich von Freitod sprechen, weil der Begriff Mord eher an die Justiz gebunden scheint.
    Darüber könnten wir natürlich streiten. Du gibst das Thema Euthanasie dazu.
    Für mich hast du hier zwei wichtige Theman zusammen angesprochen, die in den Kommentaren dazu führen werden, dass sich zum Schluss das Wesentliche nicht herauskristallisieren kann.
    Die Gründe für Freitod oder Euthanasie sind so verscheiden, dass ich eine große Konfusion in der Diskussion fürchte, ganz davon abgesehen, dass das Glück nicht unbedingt das gesuchte Ziel ist sondern eher eine Er-lösung, weil das Individuum keine bessere Lösung sieht oder die Gesellschaft aus rationalen Gründen Maßnahmen trifft.

  2. @Karin

    Für mich hast du hier zwei wichtige Theman zusammen angesprochen, die in den Kommentaren dazu führen werden, dass sich zum Schluss das Wesentliche nicht herauskristallisieren kann.

    Ich kann deine Bedenken sehr gut nachvollziehen. Aber ich gebe mal den Anstoß und schaue, was rauskommt.
    Ansonsten: „Selbstmord“ habe ich durch „Freitod“ ersetzt.

  3. Bei anderen nachzulesen, welche Auffassung sie über den Suizid haben, halte auch ich für sinnvoll. Sich anregen zu lassen, scheint mir die Wirksamkeit des Miteinanders auszumachen. Ich gehe allerdings nicht davon aus, dass damit eine mögliche eigene Entscheidung sich begründen lässt. Diese dürfte sich auf ganz andere Weise ergeben. Die Ethiken, die Du streifst, dürften kaum zu konkretem Handeln anleiten können. Allgemeingültige Gesetze in diesem Sinne halte ich für überflüssig. Vor allem das Dogma: Suizid sei verwerflich. Dies geht u.a. davon aus, dass alle Menschen die gleiche Weltanschauung haben. Davon möchte ich nicht ausgehen, weil ich dafür keine Anhaltspunkte entdecken kann.
    Gemeinsam mit anderen Annahmen für mögliche Begründungen zu entwickeln, halte ich für längst überfällig. Es gefällt mir, wenn Du in Deinen Diskursen zu einem Philosophieren vom Menschen aus anregst.

  4. @amruthgen

    Gemeinsam mit anderen Annahmen für mögliche Begründungen zu entwickeln, halte ich für längst überfällig. Es gefällt mir, wenn Du in Deinen Diskursen zu einem Philosophieren vom Menschen aus anregst.

    Die christliche Position ist zumindest in unserem Denkkontext die dominante, wenn auch unterschwellig. Sie verurteilt den Freitod. Um den Horizont zu erweitern ist es nützlich, wenn man historisch rekonstruiert, welche ethischen Ansätze seit der Antike entwickelt wurden (interessant wäre auch, andere Kulturen einzubeziehen). Allerdings habe ich nicht systematisch erforscht, was teleologische, deontologische und tugendetische Denker zum Freitod sagen, sondern nur selbst aus ihren Grundpositionen erschlossen, was sie zu diesem Thema sagen müssten. Im nächsten Semester werden wir uns im VHS-Kurs genauer mit dem Thema Tod befassen.

  5. Lieber Jean-Pol, Du bist und bleibst ein „Aufmischer“ auch 2011🙂

    Zuvorderst: Obwohl ich in der Theorie arbeite, glaube ich immer nur, was ich in personal erfahren habe.

    Und das ist ganz schlicht und einfach: Wenn Deine Kräfte und alles was Du an Dir schätzt verschwinden, wirst Du andere Quellen der Freue finden. Sofern Du entscheidest zu gehen, brauchst Du kein synthetisches Mittel, um dahin zu gehn.

    Es ist ganz einfach.

    Aber darüber sinnieren macht Spass. Da stimme ich Dir zu. Und ein bisschen aufmischen auch, juhu🙂

    Ich liebe Deine Blog-Posts auch 2011! Weil sie einfach radikal anders sind, radikal, ehrlich, direkt, einfach super! (auch wenn sich das jetzt nicht reimt ; ) Wir sprechen uns in der nächsten philosphischen Runde…… die M

  6. da war wohl ein l zuviel in meinem Kommentar, was?

  7. @Mons7
    Ein I zuviel habe ich nicht gesehen! Wie dem auch sei, danke für die prompte und sehr authentische Reaktion. Zum Thema selbst denke ich, dass Entscheidungen, die so „dramatisch“ sind wie Euthanasie und Freitod verdienen breit diskutiert zu werden. Es gibt Gesellschaften, in denen der Abgang erleichtert wird, andere wiederum, die einen solchen sehr erschweren. Je nach historischer Situation ist der gesellschaftliche Konsens so oder so… Daher sollte man von Zeit zu Zeit einen update starten. Im Rahmen eines Paradigmenwechsels, wie wir einen gerade erleben, wäre ein solches update angebracht.

  8. Ich gehe jetzt mal nur auf Freitod/Selbstmord ein, weil Euthanasie noch viel differenzierter zu behandeln ist.
    Mir scheinen beide Begriffe, Freitod wie Selbstmord, zu wenig neutral, und ich würde Selbsttötung vorziehen.
    Wer unheilbar unsäglich leidet und keine Abhilfe sieht, geht nicht freiwillig in den Tod, wenn er sich tötet. Und morden tut er sich schon gar nicht.
    Wer andere durch ständige Selbstmordandrohungen erpresst, wählt nicht Freitod, sondern droht damit, sich zu töten, wenn die anderen ihm nicht seinen Willen tun.
    Gandhi hat mit seinen Hungerstreiks Druck ausgeübt, hat aber nie die Absicht gehabt, sich zu töten. Nur wenn man seine Ziele billigt, wird man es nicht Erpressung nennen.
    Sokrates, der es ablehnte zu fliehen, sondern den Schielingsbecher trank, handelte relativ frei; aber Freitod war das wohl auch kaum.

    Damit bin ich nur bei der Wortwahl.
    Wenn man die unterschiedlichen Fälle Jochen Klepper, Klaus Mehnert, … ansieht, wird es noch komplizierter. Ich finde, dass fast jeder einzelne Fall unterschiedliche Ansätze für die drei ethischen Grundauffassungen bietet.
    Wieso christliche Liebe im Falle Kleppers gegen Selbsttötung sprechen sollte, ist mir z.B. nicht ohne weiteres einsichtig.

  9. Anregungen:
    Es gibt da (ohne Beleg) so Geschichten von Naturvölkern (Indianer, Inuit usw.), wo es Regeln dafür gibt, wann man Alte und Gebrechliche nicht mehr durchfüttert bzw, wo diese freiwillig die Gemeinschaft/Sippe etc. verlassen.
    ~~~
    Das Thema bekommt durch Patientenverfügungen, Leiden auf der Intensivstation und Vermeidung einer sozialen (monitären) Belastung der Nachkommen eine zunehmende Brisanz. Zugespitzt: Wenn man das Vertrauen via Patientenverfügung erhält, darüber zu bestimmen, wann ‚abgeschaltet‘ wird, dann ist das Thema gar nicht mehr bei denen, die den Freitod suchen, sondern ganz schnell bei einem selbst.
    ~~~
    Hast du eine Patientenverfügung?
    ~~~
    Hast du dir dazu mal die ‚Volksweisheit‘ angesehen? Märchen, Sagen usw.

  10. Lieber Jean-Pol,

    die Gedanken, die du schilderst, sind mir gut nachvollziehbar und in dieser Kürze beispiellos klar dargestellt. Ich frage aber als Psychologin sogleich nach den praktischen Implikationen.
    Denn wie uns einerseits aus Medien, wie andererseits auch aus Erzählungen von Selbstmördern (Freisterbenden?) bekannt ist, ist gerade doch die Ethik der Punkt, der sie am wenigsten schert. Ich glaube, über die Richtigkeit einer Handlung nachzudenken, ist etwas, das gerade den am Leben bemühten zukommt. Jenen hingegen, denen alles egal ist, weil sie für sich in der Ethik und im Glück selbst keinen Sinn mehr sehen (Ich sehe hier die Ethik als Weg zum Glück an), dürfte gerade die moralische Berwertung ihrer Tat als kleinstes Hindernis erscheinen.

    Was die Zustimmung zum Freitod sowohl von der teleologischen, wie auch der utilitaristischen Betrachtung betrifft: Wenn der Fall vorliegt, dass das Leben für eine Person nicht mehr lebenswert ist, hast du damit recht. Nach diesen Philosophien sollte dann der Freitod nichts Verwerfliches haben. Verwerflich ist er aber auch aus diesen Sichtweisen heraus unter anderen, häufig gegebenen, Umständen. Namentlich, wenn der Mensch ZEITWEILIG und VORÜBERGHEND keinen Sinn in seinem Leben sieht, wie beispielsweise während einer kurierbaren depressiven Erkrankung. Möglicherweise wird er später froh sein, keinen Selbstmord begangen zu haben. Die Unumkehrbarkeit der Tat ist das, was den Konflikt zu diesem Thema darum immer aufrecht erhalten wird.

  11. @apanat
    Der Ausgangspunkt war meine Beschäftigung mit den drei Positionen der normativen Ethik. Ich habe nicht gelesen, was die drei Ansätze zur Selbstötung oder zur Euthanasie sagen, das werden wir im nächsten Semester tun, sondern selbst abgeleitet, was sie sagen müssen, wenn ich mich an deren Grundprinzipien orientiere. Der Utilitarist und der Deontologe müssten den Schritt befürworten. Aus christlicher Sicht (Glaube, Liebe, Hoffnung) lässt sich ableiten, dass wer glaubt, liebt und hofft dem Leben bis zuletzt eine Chance lassen muss.
    @Itari
    Inuit (heute wahrscheinlich nicht mehr, aber früher) lassen ihre Eltern in der Kälte rasch sterben, um ihnen einen längeren, schmerzhafteren Tod zu ersparen. Eine Patientenverfügung habe ich. Ansonsten: das Thema habe ich jetzt angeregt, weil ich um mich herum sehe, wie der Tod sehr oft für die Betroffenen und die Angehörigen eine große Entlastung darstellt. Da wir alle berufen (oder gezwungen) sind, sehr alt zu werden, ist es notwendig, über die Bedingungen des Lebens im Alter nachzudenken und ob es nicht sinnvoll wäre, Menschen bei ihren Wünschen ein Ende zu setzen, stärker zu unterstützen. Eine breite Reflexion in der Öffentlichkeit sollte die Herbeiführung eines Konsenses erleichtern.
    Wie gesagt: ich stehe am Anfang meiner Recherchen.

  12. @Marina

    Denn wie uns einerseits aus Medien, wie andererseits auch aus Erzählungen von Selbstmördern (Freisterbenden?) bekannt ist, ist gerade doch die Ethik der Punkt, der sie am wenigsten schert.

    Daher sehe ich einen Bedarf an ethischer Reflexion weniger beim potenziellen Akteur als in der gesamten Gesellschaft. Die Frage stellt sich, inwiefern wir einen Menschen, der gerne aus dem Leben scheiden möchte, davon abhalten sollen oder nicht vielmehr ihm hilft, diesen Schritt human und sozial positiv gestützt zu gehen.

    Namentlich, wenn der Mensch ZEITWEILIG und VORÜBERGHEND keinen Sinn in seinem Leben sieht, wie beispielsweise während einer kurierbaren depressiven Erkrankung. Möglicherweise wird er später froh sein, keinen Selbstmord begangen zu haben.

    Salopp ausgedrückt: wenn er tot ist, kann es ihm wurscht sein, was er verpasst hat!

  13. Wenn es allen Wurscht sein kann, was sie verpasst haben, müsste nach dieser Ethik überhaupt niemand geboren werden. Ich sehe die Argumentation ein, und die meisten suizidgefährdeten Patienten argumentieren genauso. Jedoch, etwa 70% aller gescheiterten Selbstmörder wiederholen den Versuch nicht. Im Gegenteil. Viele berichten, das Leben danach umso inniger zu lieben und für einen Selbstwert zu hatlen.

  14. zu dem christlichen Ansatz gibt es noch Divergenzen: im AT durfte man durchaus seinen Sohn dem Gott opfern, erst durch göttlichen Eingriff wurde das auf Tieropfer abgeschwächt. Im NT und deren freundlicher und aufopferungsvoller Kircheninterpretationen zufolge, war das Märtyrertum durchaus Freitod konform, also den Glauben (das Glaubensbekenntnis) nicht zugunsten des Lebens aufgeben. Auch die Selbstopferung wird im Christentum gerne gesehen: Mutter opfert sich für ihr Kind, Soldaten für die Nation/Kirche/Christentum (siehe Kreuzzüge, die ja ganz klar als Verteidigungskriege angelegt waren *gg*)

  15. @marina

    Wenn es allen Wurscht sein kann, was sie verpasst haben, müsste nach dieser Ethik überhaupt niemand geboren werden.

    Man wird ja nicht gefragt. Man wird „in die Welt geworfen“ (siehe u.a. Heidegger, Sartre) und muss dann damit zurecht kommen, also permanent Entscheidungen treffen und handeln. Aber ansonsten freue ich mich natürlich, wenn 70% das Leben nach einem Suizid-Versuch gut finden. Was natürlich nicht bedeutet, dass jeder einen Versuch durchführen müsste, damit im Anschluss alle noch viel happyer sind!

  16. @itari

    zu dem christlichen Ansatz gibt es noch Divergenzen:

    Absolut richtig. Daher habe ich mich lediglich auf die Tugendethik gestützt und die christlichen Tugenden „Glaube“, „Liebe“ und „Hoffnung“. Was die pragmatischen, diversen Auslegungen angeht, das ist eben der Unterschied zwischen Theorie und Praxis.

  17. Emotionen sind immer der Ausgangspunkt für eine „Selbsttötung“ (@apanat hat recht, es wird selten gern getan).
    Die Gesellschaft ist eine Organisation und handelt nicht nach Emotionen. Wenn sie heute über legale Euthanasie (guter Tod) diskutiert, so spielt sie ein gefährliches Spiel, weil alle schriftlich festgelegten Regeln dazu da sind, von Leuten genutzt zu werden, um Lücken zu finden. Letztendlich wartet da ein Erbe, oder wir wollen die Ruhe haben …. das ist moralisch verwerflich.
    Wo beginnt der Augenblick, in dem die Gesellschaft kulant wird, um unmoralische Ziele zu ereichen? Das geht heute und ging gestern sehr schnell. Lobby-Arbeit zeigt, dass Umweltschutz umgangen werden kann. Auch werden alte Leute wochenlang und qualvoll am Leben gehalten, um Krankenbetten rentabel zu machen.
    Also kann ich mir auch vorstellen, dass Staaten daran denken, ihre Renten- und Krankenkassen zu erleichtern (ein Leben lang zahlen und dann schnell in die Kiste).
    Ich kenne viele Zeugenaussagen von Ärzten, die „geholfen“ haben, als es nach ihrer Meinung nicht akzeptabel war, einen Menschen länger leiden zu lassen. Das hat schon immer so funktioniert.
    Sicher brauchen wir eine Apassung an neue Lebenskonditionen, nur müssen wir aufpassen, dass die natürliche Entwicklung unserer Philosophie nicht aus den Gleisen gerät.

  18. @Karin

    Sicher brauchen wir eine Apassung an neue Lebenskonditionen, nur müssen wir aufpassen, dass die natürliche Entwicklung unserer Philosophie nicht aus den Gleisen gerät.

    Genauso ist es. Daher ist eine sehr offene und breite Diskussion notwendig, damit verwerflichen Entwicklungen vorgebeugt werden kann.

  19. Jean-Pol dit: „Allerdings habe ich nicht systematisch erforscht, was teleologische, deontologische und tugendetische Denker zum Freitod sagen, sondern nur selbst aus ihren Grundpositionen erschlossen, was sie zu diesem Thema sagen müssten.“

    Ich gehe davon aus, dass apriorische Konstrukte nicht taugen. Für Deine historischen Forschungen möchte ich Dir David Hume empfehlen. Er ging konsequent vom Menschen aus und hat etwas über Suizid geschrieben.

  20. @amruthgen
    „Nicht taugen“ ist etwas scharf ausgedrückt. Mir geht es darum zu prüfen, welche ethischen Urteile man ausgehend von teleologischen, deontologischen und tugendethischen Positionen aus über Freitod und Euthanasie formulieren kann. Und ich glaube festzustellen, dass die beiden ersten Ansätze keine Missbilligung logisch nach sich ziehen. Entsprechend war auch Freitod in der Antike moralisch zulässig.
    Danke für deinen Hinweis auf Hume, ich werde dem nachgehen!

  21. „Schwärmerei, die in einem aufgeklärten Zeitalter nicht aufkommen kann, als nur wenn sie sich hinter einer Schulmetaphysik verbirgt, unter deren Schutz sie es wagen darf, gleichsam mit Vernunft zu rasen, wird durch kritische Philosophie aus diesem ihrem letzten Schlupfwinkel vertrieben, und über das alles kann es doch einem Lehrer der Metaphysik nicht anders als wichtig sein, einmal mit allgemeiner Beistimmung sagen zu können, daß, was er vorträgt, nun endlich auch Wissenschaft sei, und dadurch dem gemeinen Wesen wirklicher Nutzen geleistet werde.“ Kant, Prolegomena.
    Das sollten wir nicht aus dem Auge verlieren: Vernunft kann rasen, getarnt als Schulmetaphysik. Was, wenn die Politik sich der Schulmetaphysik bedient, um mit ‚rasender Vernunft‘ – also gerade anti-affektuell – ökonomisch-psychologische Zwecke zu realisieren? Welche Wissenschaft könnte das sein, die uns ermöglicht, ‚dem gemeinen Wesen wirkliche(n) Nutzen (zu) leiste(n)‘?

  22. @amruthgen
    Hume habe ich nun gelesen. Bestätigt meine Überlegungen:
    http://www.textlog.de/hume_selbstmord.html
    @Xaver
    Mein Blogeintrag zeigt zumindest, dass zwei der drei etablierten Ethikrichtungen keine Verurteilung von Suizid erlauben. Der Schritt zum Rasen wird dadurch noch nicht eingeleitet.

  23. Jean-Pol schrieb: „’Nicht taugen‘ ist etwas scharf ausgedrückt. … ich glaube festzustellen,dass die beiden ersten Ansätze keine Missbilligung logisch nach sich ziehen. Entsprechend war auch Freitod in der Antike moralisch zulässig.“

    Ich vermute, dass die Menschen in Zeiten, als es keine Autoritäten gab, die mit Verdammnis drohten, angesichts sehr stark beeinträchtigender Altersleiden – die medizinisch nicht gelindert werden konnten – der Logik ihres Empfindens gefolgt sein dürften. Es könnte sein, dass die menschliche Natur – neben vielen anderen Grenzen – auch eine Schmerzgrenze hat. Dafür könnte folgendes Hinweis sein: Menschen verlieren z.B. das Bewusstsein, wenn plötzlich durch einen Unfall große Schmerzen entstehen. Chemotherapien können derart unangenehm sein, dass Betroffene Todeswünsche empfinden.
    A priorische Konstrukte klammern m.E. derart konkrete Situationen in der Regel aus oder fordern auf, gegen jede menschliche Regung bei abstrakten Urteilen zu bleiben. Sie bieten keine Anleitung für Handeln. Kant – dem es vor allem um einen hieb- und stichfest begründetes Sittengesetz gegangen sein dürfte – meinte zu diesem Problem – auf das er vielfältig angesprochen wurde – dies mache seine Theorie nicht untauglich. Aus meiner Sicht schon: Menschliches und nicht Apriorisches hat m.E. Priorität. Deshalb wäre es eher sinnvoll bei allen Entscheidungen vom Menschlichen auszugehen.

    Schön, dass der Hume-Text interessant für Dich war.

  24. Ich bin von der Qualität und der Vielfalt der Kommentare beeindruckt …

  25. @amruthgen
    Bei mir geht es genau besehen darum (du bringst mich auf diesen gedanken) einen kategorischen imperativ aufzuweichen, nämlich dass man leben unbedingt retten muss. Auch ich bin für entscheidungen, die aus der konkreten situation ausgehen und ohne jeden imperativ angegangen werden.

  26. Vielleicht werden wir ja auch alle Probleme der Abbruchbedingungen für Lebendigsein einfach den Medizinern überlassen, denn wie V.Kauder sagt:
    „Die Ethik kann nicht feststellen, wann der Mensch tot ist.“

    ———————

    „Volker Kauder (Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion) über Organspende, Hirntod und Ängste

    FRAGE: Brauchen wir nicht zunächst eine breite Debatte darüber, wann der Mensch wirklich tot ist?

    ANTWORT: Das wird uns nicht weiterführen. Das ist eine naturwissenschaftliche Frage. Ich kann nicht erkennen, dass es eine überzeugende Alternative zur Feststellung des Hirntods gibt.

    FRAGE: Das ist doch eine philosophische oder ethische Frage, bei der wir mit naturwissenschaftlicher Forschung gar nicht weiterkommen. Die Grenzen des Lebens werden durch den medizinischen Fortschritt in Frage gestellt, am Ende des Lebens genauso wie an seinem Anfang.

    ANTWORT: Die Ethik kann nicht feststellen, wann der Mensch tot ist. Das können nur die Mediziner. Mit der Frage der Transplantation hat das zunächst nichts zu tun.

    Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.01.2011, Nr. 2 / Seite 5

  27. @ehrenpreis
    Dei Frage, die sich mir (und wohl vielen anderen auch) stellt ist die, wann das Leben für eine bestimmte Person mit ihrer Menschenwürde kompatibel ist und wann nicht mehr. Entscheidend ist zunächst, wie sie das selbst beurteilt. Aber wenn sie selbst auf Grund eines Verlustes an Bewusstheit nicht mehr in der Lage ist, dies zu tun, dann stehen wir als Außenstehende in der Verantwortung. Wenn es offensichtlich ist, dass das Ausscheiden aus dem Leben für diese Person und ihre Umwelt eine Erlösung darstellt, dann sind wir ethisch verpflichtet zu handeln. Daher ergeben sich drei Möglichkeiten: a) Der Betreffende ist voll bewusst und wir respektieren seinen Willen, gegebenenfalls auch den, seinem Leben ein Ende zu setzen; für uns ergibt sich daraus kein Dilemma, b) Es ist unsicher, ob der Betreffende in der Lage ist, Entscheidungen mit vollem Bewusstheit zu treffen und wir stehen vor dem Problem, die Qualität seiner Willensäußerung zu bewerten, wenn er beispielsweise Suizid begehen möchte oder c) Der Betreffende hat jede Bewusstheit verloren, leidet aber offentsichtlich so sehr, dass ein Ableben für ihn und seine Umwelt eine Erlösung darstellen würden. Auch hier stehen wir vor einem Entscheidungsproblem.
    @alle
    Meine Überschrift habe ich erneut verändert und „Euthanasie“ durch „Sterbehilfe“ ersetzt.

  28. Jean-Pol: „Auch ich bin für entscheidungen, die aus der konkreten situation ausgehen und ohne jeden imperativ angegangen werden.“

    Das ist für mich auch wichtig. Deshalb dürfte es auch schwer fallen, eine letztwillige Verfügung zu schreiben, für den Fall, dass andere einen Sterbenden unbedingt am Leben halten möchten.

  29. @amruthen
    Je mehr ich mich mit dem thema befasse, desto komplexer wird die materie, denn jeder fall ist ein fall für sich und verlangt umfangreiche überlegungen und abstimmungen zwischen den beteiligten. Dennoch – oder gerade deswegen – glaube ich, dass eine breite gesellschaftliche diskussion darüber von vorteil sein könnte. Je mehr denkmuster und kognitive schemata kollektiv erarbeitet werden, desto schneller kommt man zu befriedigenden lösungen wenn man mit dem einzelfall konfrontiert ist.

  30. Das sehe ich genauso.

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