Freitod, Sterbehilfe… Was sagt die Ethik dazu?

Resume Gleich vorweg: mir geht es sehr gut und ich glaube, dass es länger so bleiben wird. Dennoch stellt sich mit zunehmendem Alter die Frage, unter welchen Bedingungen das Leben „sich lohnt“. Wie steht die Ethik dazu?

1. Ausgangspunkt

Im Rahmen meines VHS-Kurses „Philosophie“ haben wir uns intensiv mit dem Thema „Glück“ befasst. Im Augenblick steht „Ethik“ auf dem Programm. Ich bin der Überzeugung, dass ein Philosophie-Kurs nur dann einen Sinn hat, wenn man sich mit aktuellen Fragen befasst und versucht, Antworten zu finden, die im realen Leben möglichst zeitnah umgesetzt werden. Daher greife ich bei der Auswahl meiner Inhalte stets auf Impulse aus dem Kurs oder aus der direkten Außenwelt (Kommunalpolitik, aktuelle gesellschaftliche Probleme). Das Leiden im Alter ist angesichts der demographischen Entwicklung ein solches Thema.

2. Normative Ethik: drei Positionen

  • Teleologische Ethik (Utilitarismus)

Die teleologische Ethik (insbesondere Aristoteles) sieht „Glück“ als Ziel des Lebens an. Auf diesem Hintergrund hat Tugend zum Zweck, den Menschen glücklich zu machen. Tugend und Glück sind eng miteinander verknüpft. Im 19. Jh. entstand der Utilitarismus, der ebenfalls Glück als Ziel menschlichen Handelns sah und zwar nicht nur im individuellen Sinn sondern bezogen auf die gesamte Gemeinschaft. Aus utilitaristischer Sicht, das ist hier mein eigener Eindruck, gibt es keinen zwingenden Grund, Menschen, die unglücklich sind und aus dem Leben scheiden wollen, daran zu hindern. Das Gesamtglück der Gruppe wird dadurch erhöht und nicht gemindert. Natürlich müsste man einen Abgleich mit dem eventuellen Leiden der Umwelt (Verwandte, Freunde) vornehmen und bilanzieren.

  • Pflichtethik (Deontologie)

Hauptvertreter der Pflichethik ist Immanuel Kant. Für ihn gibt es feste Regeln (kategorische Imperative), die absolute Gültigkeit haben, unabhängig von den Auswirkungen in konkreten Situationen. So ist lügen prinzipiell abzulehnen, selbst wenn dadurch reale Nachteile und Leiden entstehen sollten. Als Kriterium für die Bewertung einer Handlung gilt: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“  Ich erschrecke gerade, denn ich stelle fest, dass ich durchaus wollen kann, dass, wenn Menschen keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen, sie diesem ein Ende setzen können und dass dies ein allgemeines Gesetz werden soll.

  • Tugendethik

Die Tugendethik befasst sich mit der Frage, welche Eigenschaften tugendhafte Menschen aufweisen und was tugendhaftes Verhalten ausmacht. Sie vertritt den Standpunkt, dass man Tugenden durch Erziehung und Einübung aufbaut. Die von Platon hervorgehobenen Kardinaltugenden sind die Gerechtigkeit und zugeordnet dazu die Weisheit, die Besonnenheit und die Tapferkeit. Später kamen als weitere Tugenden mit dem Christentum Glaube, Liebe und Hoffnung. Hier kann man tatsächlich feststellen, dass die Tugendethik von ihrer Theorie heraus das freiwillige Ausscheiden aus dem Leben verurteilen muss. Zwar verhalten sich Gerechtigkeit, Weisheit und Besonnenheit zum Freitod indifferent, aber Tapferkeit spricht dagegen („Das Alter ist nichts für Feiglinge“ heißt es im Volksmund).  Dass die christliche Ethik den Selbstmord verurteilt, geht aus den von ihr vertretenen Kardinaltugenden „Glaube“, „Liebe“ und „Hoffnung“ hervor.

3. Sterbehilfe?

In dem Abschnitt 2 habe ich mich auf die Frage des Freitodes aus ethischer Sicht beschränkt. Mit dem Thema „Sterbehilfe“ könnte man ähnlich verfahren und zu vergleichbaren Ergebnisse kommen, nämlich dass die teleologische und die deontologische Ethik von ihrem Ansatz heraus wenig Einwände hätten. Mit der Tugendethik sieht es anders aus.

Fazit Mit einigen Beispielen wollte ich aufzeigen, wie nützlich und sinvoll es sein kann, bei wichtigen Entscheidungen im realen Leben die Positionen der Philosophie, insbesondere der Ethik in den Blick zu nehmen. Ich stehe allerdings am Anfang dieses Denkprozesses…