LdL und die Automatisierung partizipativer Haltungen.

Resume Angeregt durch die Rezension des jüngsten LdL-Buches und als mentale Einstimmung auf eine Podiumsdiskussion des BLLV am 14.12. mache ich mir erneut Gedanken zum Thema LdL und Partizipation.

1. LdL als Unterrichtstechnik oder Lebenskonzept?

In seiner Rezension des Sammelwerkes LdL – Lernen durch Lehren geht global(Hrsg. Guido Oebel) stellt Ralph Degen fest:

Ich denke, LdL ist zum momentanen Zeitpunkt weniger die leitende, umfassende Methode als ein methodologischer Seitenarm, ein diaktisches Werkzeug, auf das man neben anderen Unterrichtsformen zurückgreifen  kann. Schon die Tatsache, dass die meisten Unterrichtenden keine genaue Vorstellung von LdL haben, wie LdL im Sinne Martins eigentlich aussieht, dürfte belegen, dass man hier nicht von einem Paradigmenwechsel sprechen kann.

Dem Verfasser muss ich zustimmen, was die bescheidene Rezeption von LdL im Chor der allgemeinen didaktisch-methodischen Diskussion angeht. Ich kann auch nachvollziehen, dass LdL als „didaktisches Werkzeug“ aufgefasst wird, möchte aber aufzeigen, warum eine Reihe von Kollegen* und ich selbst LdL als umfassendes Unterrichtskonzept, teilweise als Lebenshaltung betrachten.

2. Partizipation im LdL-Unterricht

Der Einsatz der Methode LdL induziert von der ersten Stunde an kritisch-partizipative Haltung bei Lehrern und Schülern im Unterricht. Die Tatsache, dass nicht der Lehrer sondern Schüler den neuen Stoff präsentieren bewirkt a) dass die verantwortlichen Schüler während der ganzen Darstellung hellwach in Bezug auf die Aufnahme der Inhalte durch ihre Mitschüler achten, b) dass ihre Mitschüler besonders aufmerksam die Präsentationen verfolgen, denn sie müssen Unklarheiten erkennen und durch Nachfragen und Drängen zu einer korrekten Wissensaufnahme gelangen.  Kritisches Hören und Prüfen sowie Klärung von Unbestimmtheiten steht im Zentrum des Unterrichtsgeschehens. Falls Fehler nicht erkannt werden und Unklarheiten bestehen bleiben, ist es die Rolle des Lehrers, darauf hinzuweisen. Insofern wird eine Gesamthaltung eingefordert und – im güstigen Fall – automatisiert.

3. Partizipation im Leben

Es war meine Erfahrung, dass diese partizipative Haltung sich tatsächlich im Laufe der Zeit einstellte. Nicht bei allen Schülern, aber bei vielen. Da ich mich – vor allem in den höheren Klassen – sehr um aktuelle Themen bemühte, wurden die Schüler immer mehr daran gewöhnt sich mit dem Tagesgeschehen in der Presse zu befassen und sich für politische Themen zu interessieren. Partizipationsfähigkeit wurde in meinem Unterricht zu einem zentralen Ziel (siehe: Lernziel Partizipationsfähigkeit und Netzsensibilität„). Nun zeigt sich, dass dieses Ziel generell in der Gesellschaft angesteuert wird, nicht zuletzt begünstigt durch die Verbreitung des Internets. Seitdem ich im Ruhestand bin macht sich auch in meinem eigenen Leben diese Haltung bezahlt. Mein Interesse hat sich von Uni und Schule auf die Stadt verlagert, in der ich leben. Und hier gibt es viele spannende Bereiche, wo Partizipationsfähigkeit gefordert wird und den Partizipanten zur Fortsetzung eines anspruchsvollen, erlebnisreichen Lebens verhelfen.

Fazit Mit LdL wird eine partizipative Haltung automatisiert, die in allen Lebensbereichen von großem Nutzen sein kann!

____________

*Immerhin hat eine Gruppe von etwa 25 Lehrerinnen und Lehrer zwischen 1987 und 2002 intensiv an der Implementierung und Verbreitung von LdL in allen Fächern von der Grundschule bis zur Staatsexamen gewirkt und viele tun es heute noch. Soviel Engagement wird in der Regel nicht für die Popularisierung eines schlichten Unterrichtswerkzeugs aufgebracht.

10 Antworten

  1. Ich erachte LDL ebenfalls nicht als ein Werkzeug, dass nur punktuell eingesetzt werden sollte. Die konsequente LDL-Anwendung im Französischunterricht von Herr Martin während meiner Schulzeit, hat mir persönlich bedeutende Vorteile eingebracht, die alle anderen Fächer mit ihren meistens überwiegend frontalen Unterrichtsformen zusammen nicht bewerkstelligen konnten.
    In diesem Zusammenhang befürworte ich sogar den Einsatz von LDL in Fächern wie Mathematik und Physik, die in der Regel von Kritikern aus der Machbarkeitsspanne herausgenommen werden. Meine Meinung dazu, Schüler haben deutlich mehr Gespür für die Verständnisprobleme ihrer Kameraden in naturwissenschaftlichen Fächern als der Lehrer. Ein von Schüler für Schüler gestalter Unterricht, mit dem Lehrer als Moderator, scheint mir erfolgsversprechend. Jeden falls würde ein Versuch nicht schaden. Mut zum Risiko.

    Die Passivität im Frontalunterricht tötet meiner Erfahrung nach Partizipation, Selbstbildung und Interessensausbildung sowie Persönlichkeitsentwicklung ab. Mein Abitur is noch gar nicht solange her, circa 2-3 Jahre,ich weiß also noch von was ich spreche.
    Durch LDL kann Wissen konstruieren Spaß machen, man lernt Themen zu strukturieren, ansprechend zu gestalten und unwichtige Sachen wegzulassen, baut Kompetenzen in den Bereichen Kommunikation und Pädagogik auf und der Geist wird aktiviert, da er kein absorbierender mehr ist, sondern ein absorbierender, verarbeitender, weiterentwickelnder und austeilender.
    Ich kann bestätigen, dass LDL sich mit all seinen Vorzügen positiv auf das weitere Leben auswirkt. Mich hat dieser Unterricht aktiviert, außerhalb der Schule aktiv zu werden, Projekte umzusetzen und innovative Ziele zu verfolgen, da ich das nötige Selbstvertrauen, die Kompetenzen und Anreize, gerade durch die teilweise selbstgewählten Unterrichtsthemen, erfahren habe. Genauso hab ich gelernt mit Kritik umzugehen und selber das Leben kritisch zu beobachten, Menschen besser einschätzen zu können, z.B. durch das Martinische Menschenbild. Ein Thema aus dem Martinischen Unterricht (Darfurkonflikt) hat letztlich dazu geführt, dass ich mit Mitschülern ein soziales Projekt dafür gestartet habe (www.liveforlife.de)

    Natürlich hab ich hier LDL in Bestform erlebt, aber auch unter anderen Lehrern wird die integrative Unterrichtserfahrung die Schüler weiterentwicklen und ihre Potenziale wecken können.
    Vielleicht haben andere sogar noch mehr quantitativen Erfolg, da Herr Martin durch seine extrovertierte Persönlichkeit immer stark polarisierte und dadurch einige Schüler sich nicht nur zu ihm, sondern auch zur Methode distanzierten.
    Für die anderen war es vor allem eine enorme qualitative Ressource und eine Art intellektuelle Auferweckung (Förderung und Forderung) nach Jahren voller Müdigkeit und Langeweile.

  2. @Andreas
    Wow!

  3. „intellektuelle Auferweckung“ – das gefällt mir.
    @Andreas: Danke!
    @Jeanpol: Gratuliere!

  4. @vilsrip
    Danke! Die Beschreibung ist hervorragend, auch wenn ich natürlich am Ende ein bisschen schlucken musste. Dass ich polarisiere, weiß ich schon, aber das noch einmal schwarz auf weiß zu lesen!:-))

  5. Der erste LDL-Mensch kann gar nicht „Nicht -Polarisieren“ denke ich – die Folgenden werden das irgendwann gar nicht mehr nötig haben. Außer sie haben auch wieder eine eigene Message.

    Vielleicht wäre Christos mal ein guter Ansprechpartner bzw. wäre es interessant zu hören was er für Vorstellungen für seine Arbeit später hat, der studiert ja Lehramt.

  6. @Andreas

    Der erste LDL-Mensch kann gar nicht „Nicht -Polarisieren“ denke ich – die Folgenden werden das irgendwann gar nicht mehr nötig haben. Außer sie haben auch wieder eine eigene Message.

    Stimmt, das beruhigt mich wirklich! Ich schaue, ob ich Christos auf den Blogbeitrag aufmerksam machen kann!

  7. […] Kommentar zu einem vorangehenden Blogeintrag speise ich hier als eingenständigen Eintrag ein, damit ich bei Bedarf  leichter auf ihn […]

  8. Klar geht ldl in Mathe.

  9. Hallo!

    Ich habe mir ein paar Gedanken gemacht, und möchte nun als ehemaliger Mitschüler von Andreas W. auch einen Kommentar loswerden.
    Letztens in der Uni behandelten wir einen Text, der hier irgendwie ganz gut zu passen scheint. Er ist von Nietzsche und ist ein Kommentar zur Zukunft der Wissenschaft. Er beginnt wiefolgt: “ Die Wissenschaft giebt Dem, welcher in ihr arbeitet und sucht, viel Vergnügen, Dem welcher ihre Ergebnisse lernt, sehr wenig.
    Meiner Meinung nach trifft das voll auf den Unterricht zu. Sobald man als Schüler (Aber auch als Student, oder in jeder Lern-/Lehrsituation) in den Prozess der Wissensvermittlung involviert ist, und die Möglichkeit hat ihn vollkommen zu durchdringen und mitzugestalten, findet schnell eine Identifikation mit der Sache statt. Man bewegt sich scheinbar als Forscher auf dem Stoff des Unterrichts und ist frei, alles dazu beizutragen was man selbst herausgefunden hat. Die Motivation steigt, und somit die Qualität des Unterrichts.

    Aber LDL fördert auch die Charakterbildung, und das ist für mich der größte Vorteil dieses Konzept.
    Für mich ist es die logische Entwicklung der Schule in diese Richtung, da wir ja in einer Demokratie leben, und in einer „Herrschaft des Volkes“ ist es wichtig dass der Bürger selbst Initiative ergreift!

    Das trifft für sehr viele Bereiche des Lebens zu, nicht nur für das der Politik (wikileaks). Sondern es ist auch wichtig was die Verbesserung der Situation der Menschheit (das klingt sehr übertrieben, aber deswegen ist LiveforLife entstanden), des freien Zugangs von Wissen (wikipedia), freies zur Verfügung stellen von Software (Open Source Projekte wie Linux) und vieles mehr angeht.

    Junge Menschen wachsen heute mit einer unendlichen Quelle an Informationen und Entscheidungsmöglichkeiten auf, und es stellt sich schnell das Gefühl ein, dass man selbst nichts verändern kann. Das ist jedoch nicht wahr wenn man sich obige Beispiele ansieht.
    Außerdem muss man lernen mit diesem (meist) unübersichtlichem Medium umzugehen und die wichtigen Informationen „herauszufiltern“.

    Ich hoffe das mein Kommentar hilfreich war und sich viele mit LDL näher beschäftigen möchten😉

    Christos Ioannidis

  10. @christos
    Ja, Dein Kommentar ist sehr hilfreich und Nietzsches Zitat kommt wie gerufen! Auch deine beschreibung der heutigen situation mit dem riesigen angebot an informationen und der damit verbundenen notwendigkeit einer aktiven auseinandersetzung mit ihnen trifft voll zu!

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