Der unwürdige Greis.

Der Text ist an einer Stelle vielleicht missverständlich: mit „Genuss“ und „das Leben genießen“ meine ich intensive, spannende Aktivitäten, also durchaus Anstrengungen und Arbeit…

Literatur

15 Antworten

  1. Ja, Jean-Pol, gilt dieses Machtstreben wirklich so für alle Menschen? Ich bin vor 10 Jahren nicht ganz freiwillig – und sehr plötzlich -aus dem aktiven Berufsleben verabschiedet worden, war „machtlos“ und hätte mir im nachhinein einen fließenderen Übergang gewünscht. Warum sollte ich eigentlich mit 60 Jahren weiterhin an der Spitze stehen oder gar noch eine weitere Stufe der Karriereleiter erklimmen?

    Ich habe mir sehr bald als junger Ruheständler gewünscht, dass es für Ältere so etwas wie die Rolle eines freundschaftlichen Begleiters von Jüngeren – sollte ich Coach sagen? – gegeben hätte. Ich kann daher heute die junge Stadträtin verstehen, die mit Verwunderung auf den nicht enden wollenden Ehrgeiz des über 70jährigen Bürgermeisters blickt.

    Natürlich möchte ich auch im Alter akzeptiert werden – nenne es ruhig in Würde alt werden. Das ist aber auch ein zweiseitiger Prozess: Wenn ich den Jüngeren anerkenne und fördere, sollte/wird er auch von meinen Erfahren lernen und mich „würdigen“.

  2. @Horst
    Der genannte Bürgermeister klammert wohl deshalb, weil er sich nicht vorstellt, dass er als coach oder in anderen Funktionen ebenfalls ein sehr aktives und interessantes Leben führen kann. Das Klammern an der Macht ist eigentlich der Wunsch, weiterhin ein spannendes Leben zu führen. So interpretiere ich zumindest dieses Verhalten, das man bei den meisten Politikern beobachtet. Mit meinem Beitrag werfe ich die Frage auf, inwiefern man sich als alter Menschen gleich auch den Würdezwang auferlegen lassen muss.

  3. Zwei Fragen:
    1. Sind Männer, die sich von ihrer Macht nicht trennen wollen, gleichzusetzen mit Älteren („alt“ ist man heute laut Opaschowski ja erst ab 72), die ohne Rücksicht auf Würde ihr Leben genießen (= anreichern) wollen?
    Ich sehe da einen Unterschied, jedenfalls sind mir die, die den Übergang ins dritte Lebensalter vorwärts gewandt wagen, viel sympathischer.
    Oder empfinde ich das nur so, weil ich selbst mich für die Altersteilzeit und damit für einen früheren Übergang entschieden haben.
    2. Willst du, jeanpol, wirklich jeden Tag so viele Kicks wie möglich, „koste es was es wolle“? Ich frage mich, ob eine solche Rücksichtslosigkeit in Bezug auf Neben- und Folgewirkungen des eigenen Tuns, wirklich im Innersten möglich ist. Sicher, man muss das nicht übertreiben und ständig bis ins Kleinste überlegen, welche Konsequenzen mein aktuelles Tun hat. Ich behaupte aber, das völlige Ausblenden dieser Begleitwirkungen ist uns nicht möglich und daher wägen wir auch – und sei es unbewusst – ab, welchen Preis wir zahlen (wollen).

  4. @klaus
    Zu 1.
    Die Äußerung der Stadträtin hat mich nur daran erinnert, dass man von uns älteren Menschen ein bestimmtes Verhalten erwartet, was nicht unbedingt mit unseren Zielen und Selbstbildern konform geht. Von allen Seiten wird von uns Pensionisten verlangt, dass wir uns engagieren, aber wohl in Nebenbereichen. Das kann ich gut nachvollziehen, aber das wurde mir durch die Beschreibung der Stadträtin bewusst und so habe ich das auch für mich problematisiert. Wo darf ich mich engagieren und bis wohin?
    Zu 2.
    „Koste es was es wolle“ ist natürlich (wieder mal) etwas überzogen. Hier denke ich vor allem an die Außenwirkung und die Frage, ob ich mich mit meinem Verhalten nicht lächerlich mache, also unwürdig bin. Und hier neige ich dazu, keine allzugroße Rücksicht auf meine „Würde“ zu nehmen.

  5. das junge menschen keinen wert auf „würde“ legen halte ich für ein gerücht. die nennen es wohl einfach nur anders, und zwar „respekt“.

  6. @Filterraum
    Von Jugendlichen verlangt man a priori nicht, dass sie sich „würdig“ verhalten. Man akzeptiert, dass sie bestimmte Grenzen überschreiten und unter Umständen sich sogar damit blamieren. Daher werden sie mit diesem Vorwurf auch selten konfrontiert. Dagegen ist „Würde“ die Hauptforderung an Älteren, vor allem wenn sie sich „verdient“ gemacht haben. Ich finde das legitim und in Ordnung, frage mich aber welche Eingrenzungen mit dieser Forderung verbunden sind. Was darf ein älterer Mensch alles nicht machen, wenn er nicht als unwürdig erscheinen will.

  7. hmmm, es ist vorbei.
    vorbei mit altersdenken.
    neure trend ist angesagt.
    der senior als entrepreneur.
    cool.
    greis?
    gräßliches wort.
    ein wettbewerb der generationen?
    rechtfertigung?
    niemals.
    miteinander.
    bei keinem projekt mit ich auf die erfahrung eines seniors verzichten und die unbekümmertheit des/der jungen.

    herrliche zukunft naht.
    warum?
    weil wir senioren noch sehr brauchen werden.

  8. @jeanpol

    „meine oma fährt im hühnerstall motorrad“

  9. Würde kann man verschieden auslegen😉

    z.B. als ein dezentes, eher zurück gezogenes Verhalten, das grundsätzlich anderen den Vortritt lässt, ohne dass geprüft wird ob diese wirklich besser geeignet sind. Auf solch einen Kuhhandel würde ich mich wie Jean-Pol nicht einlassen wollen.

    Würde kann auch Reife bedeuten, und diese hat unter anderem etwas mit der Kenntnis und Rücksichtnahme auf die eigenen realen Grenzen zu tun, das ist in jedem Alter wichtig, genauso wie..

    …dass man dann nicht abgeschoben wird, sondern Hilfsmittel zur Verfügung gestellt bekommt, resp. genug Mittel hat, sie sich zu besorgen und dann das, was definitiv nicht kompensiert werden kann mit Fassung zu tragen bereit ist.

  10. @Jutta

    Würde kann auch Reife bedeuten, und diese hat unter anderem etwas mit der Kenntnis und Rücksichtnahme auf die eigenen realen Grenzen zu tun, das ist in jedem Alter wichtig, genauso wie..

    – Richtig. Die eigenen Grenzen erkennen. Allerdings erkennen einige (zu denen ich auch zähle) die Grenzen erst nachdem sie sie überschritten haben…

  11. „Würdig“ meint etwas ganz anderes als Menschenwürde.
    Brechts „unwürdige Greisin“ will etwas vom Leben haben, was ihr früher versagt blieb: Menschenwürde, nicht Amtswürde

  12. @Apanat
    Amtswürde ist eine Möglichkeit, Eigenständigkeit – damit auch Menschenwürde – zu erreichen oder aufrechzuerhalten. In dem von mir beschriebenen Fall geht es um die Frage, wann das (Macht)Verhalten eines älteren Menschen nicht mehr als „würdig“ empfunden wird.

  13. Lieber Jean-Pol,
    du hast eine ungemein große und intensiv mitarbeitende Fan-Gemeinde. Sonst kämen nicht an einem Tag 12 Kommentare. Gratuliere.

    Das ist der Erfolg Deiner Arbeit. Was du mit dem „Kick“ meinst, ich kann es nachvollziehen.

    Der Dialog zwischen den Generationen, es muss ja nicht gleich im Coaching sein, ist etwas, was unser Leben ungemein bereichert. Ich freue mich auf ein Gespräch am kommenden Donnerstag, bei dem ich Gast an der hiesigen Uni bin und an einem internationalen Alumnitreffen mit aktuell Studierenden zum Thema „Gender“ teilnehmen werde. Siehe auch:
    http://seniorenforum-wuerzburg.de/?p=2701

  14. @jpm
    Die Stadträtin weiß schon, worauf es im Alter ankommt: die Würde nicht zu verlieren – und möglicherweise meint sie nur: den Anstand. Es ist hart mitzuerleben, wenn alte Menschen nicht mehr hören, wie ihre Schritte schlurfen, nicht mehr richen, wie ihre Kleidung und Körper stinken, nicht mehr merken, wie ihre fleckige Haut blutig wird usw.
    So soll sich der Greis und erst recht die Greisin aus der Öffentlichkeit entfernen.

    Alte Menschen – insbesonders die reflektierenden – wissen, wie die jüngeren Leute auf die alten schauen. Denn sie waren ja (vor kurzem) noch die jungen (Stadträtinnen).

    Ich habe alte Typen immer bewundert. Ich wollte immer alt sein. Jetzt, da ich alt bin, bemerke ich, wie wenige Leute alte Menschen bewundern, wie selten das Altsein ein positives Merkmal ist.

    Wie waren denn die Alten in deinen Augen?

  15. @Herbert
    Ich denke, dass das Thema „Altwerden“ wie alle anderen Projekte, die du in deinem Leben vorher angingst, sich einfach angeboten hat. Wenn man alt wird, ist es naheliegend, dass man sich eben mit dem gesellschaftlichen Aspekt „Altwerden“ befasst und den damit verbundenen Problemen. Früher war ich Didaktiker und habe mich mit Möglichkeiten der Unterrichtsverbesserung befasst, heute bin ich alt und interessiere mich eben für das Feld „Leben im Alter“. Und da es breite Schichten der Bevölkerung betrifft, hat man auch viele Interessierte und Mitstreiter. Das Ganze macht Spaß, zumal wenn es, wie bei dir, so erfolgreich ist!

    @Treidelpfad
    Früher habe ich mich wenig für alte Menschen interessiert. Innerhalb meiner Familie gab es gute Leute, wie meinen Großvater, den habe ich geliebt und bewundert, weil er so sportlich war, bis 85… Heute habe ich größte Achtung für eine ganze Reihe von älteren Damen, die mutig und powervoll ihre Projekte in hohem Alter durchziehen, mit Rollator, Metallhüften und sonstigen Behinderungen. Das Alter ist nichts für Feiglinge, wie eine Bekannte von mir zu sagen pflegt.
    Das Bild, das ich schon lange mit mir transportiere als Projektion für meine eigene Zukunft ist das eines körperlich völlig ramponierten Greises, der ohne Zähne und völlig gekrümmt, aber immer noch heiter gegen Ungerechtigkeit mit in die Luft gestreckter Krücke agitiert. „Kämpfen bis zum Schluss“ das gehört zu den Mythen, die ich in meinem Kopf herumtrage…

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