Die Basisdemokratie und die Piraten.

Resume Immer schon dachte ich: wenn man technische Verfahren erfindet, um die Meinung der Bürger bei Entscheidungen einzuholen, werden die basisdemokratisch eingestellten Parteien – wie die Grünen – diese sofort einsetzen. Es kam aber anders…

1. Ausgangspunkt

Bekanntlich waren die Grünen bei ihrem Entstehen am Ende der siebziger Jahre radikal basisdemokratisch eingestellt. Sie wollten das Wissen und die Meinung der Bürger möglichst flächendeckend, permanent und bei jeder Entscheidung einbeziehen. Allerdings fehlten damals die technischen Möglichkeiten und auf basisdemokratische Strukturen – beispielsweise das Rotationsprinzip – wurde schrittweise verzichtet.

2. Die Piraten: von der Technik zur Politik

Verblüffend ist festzustellen, dass am Ende nicht eine Partei die basisdemokratischen Potentiale des Internets erkannt hat, sondern Menschen, die a priori nicht an Politik interessiert waren. Es waren Technikfreaks, die sich als Reaktion auf eine politische Maßnahme politisiert und die Möglichkeiten der ihnen vertrauten Technik für kollektiven Widerstand eingesetzt haben!

3. Aktuelles Beispiel: die Erstellung des piratigen Menschenbildes

Hier wird gerade das (von meinem Menschenbild inspierierten!:-)  Menschenkonstrukt erstellt, das als Präambel in das Grundsatzprogramm der Piraten eingehen soll:

Antrag: Piratiges Verständnis des Menschen – Antrag für das Grundsatzprogramm

Entstehung und Diskussion: Piratenpad: Menschenkonstrukt

Jeder kann mitdiskutieren, auch Nicht-Piraten!

4. Und die Grünen?

Die Grünen schlafen nicht! Sie sind im Gegenteil hellwach und lassen sich aus allen Quellen inspirieren! Eine strenge Trennung zwischen den Parteien wird es auf Dauer sowieso nicht geben. Das Internet führt uns in eine ganz offene Demokratie, wo jeder sich an verschiedenen Quellen bedient und mit unterschiedlichen Gruppen punktuell – projektbezogen – kooperieren kann.

Fazit Uns wird das alles noch viel Spaß machen!

12 Antworten

  1. …. wie ein offenes Unternehmen (das im übrigen Geld verdient!) mit Transparenz umgeht zeigt FrankRoebers, Vorstand der Synaxon AG:

    http://bit.ly/awobqk

    Danke Jean-Pol, mit auf das PiratePad aufmerksam gemacht zu haben. Das ist ein gutes Beispiel, wie Kollaboration heute und in Zukunft aussieht. Ähnlich gehen wir auch beim Projekt LockSchuppen vor. Alle Informationen öffentlich, http://mindbroker.de/wiki/LockSchuppen (und von jedem, der im Netzwerk angemeldet ist änderbar). Die stieß bei bisherigen Businessplanwettbewerbteilnahmen auf Unverständnis bei den Veranstaltern – ähnlich stelle ich mir vor, dass die Offenheit via PiratePad auch bei den anderen Parteien bislang eher auf Unverständnis trifft. Die Zeiten ändern sich😉

    Schöne Grüße aus Dresden, Ralf

  2. @Ralf
    Yes, the times are changing!:-))

  3. mojn jean-pol,
    guter start in den morgen, diese lektüre, nachdem mir gestern die berichterstattung in der taz (http://taz.de/1/zukunft/umwelt/artikel/1/wie-scharfe-kampfhunde) ziemlich auf den magen geschlagen hat. das eine eröffnet möglichkeiten für die zukunft, das andere ist ein beissreflex einer politiker-generation von gestern. keine frage, was attraktiver für die meisten menschen und wichtiger für die demokratie ist: partizipation.

  4. @Lutz
    Ja, partizipation und auflösung der parteienlandschaft…

  5. (Jean-Pol) #“Aktuelles Beispiel: die Erstellung des piratigen Menschenbildes
    Hier wird gerade das (von meinem inspierierten!:-) Menschenkonstrukt erstellt, das als Präambel in das Grundsatzprogramm der Piraten eingehen soll“….

    Wenn politisch Aktive sich auf ein Menschenbild besinnen und dies klären weckt dies Vertrauen in mir und zeigt auch, dass ein Bedarf an Orientierung und Aktualisierung besteht.

    Aber die neue Generation muss noch viel cleverer sein: sie sollte Modell für einen kompetenten Umgang mit verschiedenen Modellen sein. Dies schliesst m.M. die Wissenserwerbsprozesse ein.

  6. @Jutta
    „Wenn politisch Aktive sich auf ein Menschenbild besinnen und dies klären weckt dies Vertrauen in mir und zeigt auch, dass ein Bedarf an Orientierung und Aktualisierung besteht.“

    Den (positiven) Satz merke ich mir mal!:-)

  7. @RalfLippold
    Das Piratenpad ist die Art, wie wir Piraten gemeinsam Texte erstellen. Von Pressemitteilungen bis zu komplette Artikel.

    Beim Kunst Projekt der CoPirates (http://www.copirates.org/) soll das Pad eine wichtige Rolle spielen. So fasziniert war der Choreograph von den kollaborativen Möglichkeiten.

    @Jutta
    Wir Piraten sind so offen in unseren Prozessen (inkl. Wissenserwerbsprozesse) dass jeder daran teilnehmen kann, der sich berufen fühlt. Ich durfte und habe schon an den Prozessen teilgenommen, Monate bevor ich Mitglied wurde. Entsprechend geht meine Einladung an dich und jedem anderen, mitzumachen – auch ohne Mitgliedschaft. Gute Ideen hat jeder, wir werden gerne von guten Ideen angefeuert.

    Schönen Gruß
    Aleks

  8. @Aleks

    danke für die Einladung🙂 ich stehe ja gewissermassen schon am Eingang😉

    Ich möchte noch einmal deutlich machen worauf ich immer mal wieder in bezug auf Jean-Pols Konstrukt hinaus will.
    Es ist, wie das den kognitivistisch geprägten Modellen eigen ist, bestechend klar und das macht ihre Faszination aus. Wie nun aber Jean-Pol selbst sagt, gibt es in den Erlebens- und gesellschaftlichen Prozessen und ihrer Darstellung viele Unschärfen und Antinomien.
    Deshalb halte ich es für wichtig ein möglichst integratives Modell zu entwerfen, sich dabei aber nicht zu fixieren. Sondern auf einer Metaebene den souveränen und kritischen Umgang mit der Vielfalt von Konzepten und Modellen zu pflegen.-
    Wie der Name schon sagt, sind die kognitivistischen Richtungen schwerpunktmässig auf die kognitiven Leistungen konzentriert. Diese sind in einer Zeit entstanden, als es zwar schon andere, mehr auf die emotionalen Aspekte setzenden Modelle gab, aber noch keine allgemeinen Bestrebungen von theoretischen Fusionen und auch noch keine Gehirnforschung. Beides ist inzwischen in vollem Gange und zeigt den Menschen als ein Wesen, dessen Erleben nich auf das mechanistische Reiz-Reaktionsschema nach Belohnung und Bestrafung (Kognitionspsychologie) reduziert werden kann. Vielmehr ist sein Lernen und Handeln sehr komplex vernetzt und bezieht immer auch das eigene Wertesystem ein und zwar nicht nur in bezug auf den eigenen Vorteil sondern auch in bezug auf das Wohl der Gemeinschaft.

  9. @Jutta
    „nich auf das mechanistische Reiz-Reaktionsschema nach Belohnung und Bestrafung (Kognitionspsychologie) reduziert werden kann.“
    – Das ist nicht die Kognitionspsychologie, sondern der Behaviorismus.

    „Vielmehr ist sein Lernen und Handeln sehr komplex vernetzt und bezieht immer auch das eigene Wertesystem ein und zwar nicht nur in bezug auf den eigenen Vorteil sondern auch in bezug auf das Wohl der Gemeinschaft.“
    – Das ist eine kognitionspsychologische Betrachtung.

  10. @Jean-Pol

    @Jutta
    „nich auf das mechanistische Reiz-Reaktionsschema nach Belohnung und Bestrafung (Kognitionspsychologie) reduziert werden kann.“
    – Das ist nicht die Kognitionspsychologie, sondern der Behaviorismus.

    stimmt, habe beide in einen Topf geworfen, unverzeihlich😦

    „Vielmehr ist sein Lernen und Handeln sehr komplex vernetzt und bezieht immer auch das eigene Wertesystem ein und zwar nicht nur in bezug auf den eigenen Vorteil sondern auch in bezug auf das Wohl der Gemeinschaft.“
    – Das ist eine kognitionspsychologische Betrachtung.

    …“Im Gegensatz zum Behaviorismus wird das menschliche Hirn (im Kognitivismus, Anm. Ju.) nicht mehr als bloß passiver Behälter gesehen, sondern es wird ihm eine eigene Verarbeitungs- und Transformationskapazität zugestanden […] Die Art des Lernens, die im Kognitivismus im Mittelpunkt der Forschung steht, ist das Problemlösen: Es geht nicht mehr darum, auf gewisse Stimuli die (einzig) richtige Antwort zu produzieren, sondern weit allgemeiner darum, richtige Methoden und Verfahren zur Problemlösung zu lernen, deren Anwendung dann erst die (eine oder mehreren) richtigen Ant-
    worten generiert.“ (aus Baumgartner, P. und S. Payr. 1997. Erfinden lernen. In: Konstruktivismus und Kognitionswis-
    senschaft. Kulturelle Wurzeln und Ergebnisse. Zu Ehren Heinz von Foersters, Hg. von K. H. Müller und F. Stadler. Wien-New York: Springer. 89-106.)

    soweit Zustimmung zu deiner Korrektur Jean-Pol🙂

    nun:
    „Eine Kritik am Kognitivismus sehen wir in der relativ geringen Rolle des Körpers. Historisch als Reaktion gegen den Behaviorismus entstanden – weshalb oft von der „kognitiven Revolu-
    tion“ in der Psychologie gesprochen wird7 – scheint uns hier eine gewisse Überreaktion statt gefunden zu haben. So wie der Behaviorismus das körperliche Verhalten überbetont, so findet
    im Kognitivismus unserer Auffassung nach eine zu starke Konzentration auf geistige Verarbeitungsprozesse statt.“(ebd.)

    und:
    […] „selbst in seinem zentralen Anwendungsbereich der Verfahren und Prozeduren zur Pro- blemlösung scheint auch das Lernmodell des Kognitivismus noch zu einfach und zu einseitig zu sein. Es geht davon aus, daß das Problem objektiv gegeben ist, repräsentiert werden kann
    und bloß noch seiner Lösung harrt. Dies ist jedoch nicht der Fall: Probleme müssen erst einmal gesehen (konstruiert oder erfunden) werden, damit sie gelöst werden können.“
    […] „Dieses Manko versucht der Konstruktivismus zu umgehen. Er lehnt die Gültigkeit einer sogenannten „objektiven“ Beschreibung (Repräsentation) oder Erklärung der Realität ab. Um keine
    Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Die Konzeption einer außerhalb unseres Geistes existierenden Realität „da draußen“ wird nicht verneint, sondern nur, daß diese Realität unabhängig, dh. objektiv wahrgenommen werden kann. Realität wird als eine interaktive Konzeption verstanden, in der Beobachter und Beobachtetes gegenseitig und strukturell miteinander gekop-
    pelt sind. Sowohl Relativitätstheorie als auch Quantenmechanik sind Beispiele dafür, daß unsere Wahrnehmung beobachterrelativ ist. Auch neurophysiologische Erkenntnisse zeigen, daß unsere Sinnesorgane nicht nur die Außenwelt abbilden, sondern im Verarbeitungsprozeß bereits strukturieren und „interpretieren“.“ (ebd.)

  11. @Jutta
    Nun ist mein menschenkonstrukt nicht einseitig kognitivistisch. Ich habe es im Laufe der Jahre permanent modifiziert. Insofern relativiert es doch die Einwände, die du unserem Freund Aleks gegenüber meinem Konstrukt entgegengebracht hast. Aber da und dort werden sich immer noch Defizite aufzeigen lassen. Wie ich mehrmals betont habe, geht es um mein Menschenkonstrukt um ein opterationalisierbares Instrument und nicht um die Beschreibung menschenlichen Verhaltens bis zu den kleinsten Ramifikationen.

  12. @Jean-Pol

    ich denke nicht, dass es in meinen beiden letzten Abschnitten um eine „Beschreibung menschlichen Verhaltens bis zu den kleinsten Ramifikationen“ geht.-

    Ich habe mir inzwischen das wunderbare Video von Peter Kruse, das du in deinen blog gestellt hast, angesehen.

    Hier noch einmal sinngemäss:
    Wir können keine Innovation fordern sondern nur Rahmenbedingungen schaffen in denen sie gedeiht

    Z.B. Unterschiedlichkeit im System erhöhen

    Intelligente Systeme erzeugen interne Spannungsverhältnisse und daraus resultieren instabile Phasen (nicht zu verwechseln mit Dauerchange)

    Aus diesen instabilen Phasen heraus werden neue Prozessmuster kreiert

    Querdenkern eine Chance geben, Störer zulassen !

    und vernetzen: nichtlineare Rückkopplungsprozesse sorgen für Irritationen und Instabilität

    und erzeugen dann übersummative Intelligenz und Kreativität

    Nur Systeme mit grossen unkalkulierbaren Dynamiken können mit grossen unkalkulierbaren Dynamiken in ihrem Umfeld umgehen, sind ihnen gewachsen.
    ____________________________________________________
    Das ist systemtheoretisches Modell pur und geht über das kognitivistische Menschenbild weit hinaus. Hier werden nicht nur Informationen verarbeitet, sondern es wird von „unkalkulierbaren Dynamiken“ gesprochen.

    Wobei wir wieder einmal bei dem Thema „Kontrolle“ wären, haha.

    Ich frage mich, und dies wirklich nicht rhetorisch gemeint, ob nicht die Zeiten für „operationalisierbare“ Modelle ganz grundsätzlich vorbei sind ??

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: