Für Lanig Garo, die Piraten und die Grünen.

Resume Wenn das von mir in den letzten dreißig Jahren entwickelte Menschenkonstrukt stimmt, so sollten Parteien bei der Aktualisierung gesellschaftlicher Strukturen die Grundbedürfnisse in den Fokus nehmen.

1. Die Menschenrechte

Ein erster Versuch, die Grundbedürfnisse als Basis für ein gesellschaftliches Modell heranzuziehen, stellt die von den Vereinten Nationen 1948 verabschiedete Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Sie lesen sich fast wie ein Katalog zur Umsetzung der Maslowschen Pyramide (siehe dazu Martin 2009). Allerdings hat die Anthropologie (darunter Psychologie, Gehirnforschung, Soziologie) seit 1948 große Fortschritte gemacht. Wir wissen heute viel genauer als damals, was Menschen brauchen, um „glücklich“ zu sein. Mit meinem Menschenkonstrukt versuche ich, eine solche, neue Basis zu stellen. Dabei stütze ich mich auf 35 Jahre Erfahrung als empirisch arbeitender Aktionsforscher.

2.  Das Menschenkonstrukt und die politischen Konsequenzen

– Das alle menschliche Aktivitäten umfassende Motiv ist das Bedürfnis nach Kontrolle (= das Gefühl, dass man alles im Griff hat). Konsequenz: die angebotenen Strukturen müssen jedem einzelnen die größtmögliche Freiheit und Autonomie lassen. Über die Einschränkungen muss durch intensive kollektive Reflexion ein breiter Konsens erzielt werden.

– Die physiologischen  Bedürfnisse (Nahrung, Wohnraum, Sexualität) sowie die Sicherheit spielen für das Glück eine zentrale Rolle. Konsequenz: eine moderne Gesellschaft muss dafür sorgen, dass jeder Mensch ein ausreichendes Einkommen hat, unabhängig von seiner Stellung im Arbeitsprozeß.

Die soziale Einbindung zählt ebenfalls zu den wichtigsten Bedürfnisse. Konsequenz: der Arbeitsprozess muss so organisiert werden, dass stabile soziale Netze aufgebaut werden können. Die Mobilität, die von jedem Arbeitnehmer verlangt wird, steht dem Aufbau einer festen „familiären“ Gruppe entgegen.

– Schließlich ist  die Selbstverwirklichung das zentrale Expansionsbedürfnis. Konsequenz: Über die Freiheit hinaus müssen Umwelten geschaffen werden, die dem einzelnen und der Gruppe die größtmögliche Realisierung ihrer Potenzialitäten ermöglicht. Davon profitiert die Gesellschaft insgesamt. In diesem Zusammenhang ist der freie Zugang zu allen vorliegenden Informationen unabdingbar. Die schließt mit ein, dass die Möglichkeit zur Partizipation durch entsprechende Medien weltweit eröffnet wird. Zur kollektiven Wissenskonstruktion müssen alle Menschen in die Lage versetzt werden, miteinander zu kommunizieren. Dabei ist hervorzuheben, dass die Verarbeitung von Information zu den zentralen Bedürfnissen aller Lebewesen zählt und als Glücksquellen wahrgenommen wird.

Fazit: Es ist alles einfacher als man denkt. Klar enthält mein Modell noch Unschärfen, aber mit Unschärfen muss der Mensch umgehen. Keine Angst vor Fehlern! Und keine zu lange Diskussionen (Neuronenverhalten!:-))

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12 Antworten

  1. An dem Modell selbst gibt es soweit nichts auszusetzen denke ich, auch die hier beschriebenen Schlußfolgerungen halte ich für plausibel.

    Die Frage ist jedoch, ob die entsprechenden Parteien die Erfüllung der Grundbedürfnisse über die Erfüllung wirtschaftlicher Fragen und Aspekte stellen möchte oder nicht. Die Frage die wir uns stellen müssen lautet also nicht, ob das was hier geschrieben steht stimmt oder nicht stimmt, sondern sie lautet: Was ist wichtiger? Die Erfüllung und Selbstverwirklichung eines jeden Bürgers oder das bestreben „machtvoller“ Individuen, immer mehr ihrer unstillbaren Bedürfnisse auf Kosten anderer zu stillen?

    Ich denke die derzeitige Lage entspricht letzterem, und, Entschuldigung wenn ich das so sage, aber da haben auch die Grünen mit der Mitbeschließung von Hartz IV ihr Schärflein beigetragen, da dieses System mit der Nichterfüllung der Grundbedürfnisse droht, um das Individuum zu brechen und gefügig zu machen. Am Egoismus der Mächtigen sind leider die meisten guten Ideen zerbrochen, zuletzt der Kommunismus. Und die soziale Marktwirtschaft droht ebenfalls daran zu scheitern.

    Und wie in Aleks‘ Diskussionsrunde in Kassel klar wurde wird auch ein Gesellschaftsmodell nicht funktionieren, welches zunächst auf einer Umerziehung der Menschen fußt. Was also tun?

  2. @Fizz
    „Die Frage ist jedoch, ob die entsprechenden Parteien die Erfüllung der Grundbedürfnisse über die Erfüllung wirtschaftlicher Fragen und Aspekte stellen möchte oder nicht.“
    – Das liegt an uns, das von unseren Parteifreunden zu verlangen.

    „Was ist wichtiger? Die Erfüllung und Selbstverwirklichung eines jeden Bürgers oder das bestreben „machtvoller“ Individuen, immer mehr ihrer unstillbaren Bedürfnisse auf Kosten anderer zu stillen?“
    – Wir müssen Strukturen schaffen, die das erste befördern und das zweite unterbinden. Kein großes Problem!

    „Und wie in Aleks‘ Diskussionsrunde in Kassel klar wurde wird auch ein Gesellschaftsmodell nicht funktionieren, welches zunächst auf einer Umerziehung der Menschen fußt. Was also tun?“
    – Mein Ansatz geht von den Bedürfnissen des Menschen aus und versucht Strukturen aufzubauen, die denen entsprechen. Und das ist heute möglich geworden, weil unendlich viele Leute mitdenken und mitarbeiten können, dank des Internets: daher: Infernet für alle, freier Zugang zu Informationen für alle, und zwar weltweit!

  3. Ich stimme den Gedankengängen zu und war auch schon immer Verfechter der Idee, von den Bedürfnissen und Eigenarten der Menschen auszugehen.

    So ein Paradigmenwechsel kann allerdings nur stattfinden, wenn wir das Neidschema hinter uns lassen und die Interaktion, das Teilen und die gegenseitige Unterstützung als Werte wieder positiv besetzen.

  4. @Marcel-André
    „…wenn wir das Neidschema hinter uns lassen und die Interaktion, das Teilen und die gegenseitige Unterstützung als Werte wieder positiv besetzen.“
    – Genau. Mit entsprechenden Strukturen (Gesetzen) kann man auch nachhelfen.

  5. @Fizz
    Entschuldigung, aber wenn ich nicht irre, mussten die Menschen durch restriktive Maßnahmen schon im sozialistischen System gehalten und indoktriniert werden, bevor überhaupt so etwas wie Kommunismus entstehen konnte. Ist das keine erzwungene Umerziehung? Wie kannst du dann den Kommunismus für eine gute Idee halten?

    Und wenn du einerseits den Anspruch hast, ausgehend von den menschlichen Bedürfnissen eine Gesellschaftsform zu entwickeln, hinter der die nomologische Aussage steht: „Die ist für alle Menschen die beste.“, du dann aber offenbar mit rein normativen Aussagen ins Rennen gehst, wirkt das ziemlich wackelig.

  6. @Oliver dieser Übergang durch Umerziehung ist der Sozialismus, nicht der Kommunismus. Und ja, er ist an der Umerziehung und Repression gescheitert. Grundsätzlich finde ich dennoch viele Ideen des Kommunismus, mal abgesehen von der Absenz der Freiheit, gut. Aber der Mensch als solcher ist nunmal nicht so gestrickt wie Marx sich das gedacht hat. Daher finde ich den Diskurs den wir gerade (unter anderem) hier führen auch gut und richtig, ich glaube wir entwickeln sozusagen via „reverse engineering“ ein Gesellschaftsbild. Ich sehe aber eben in diesem noch immer das Problem der oberen Ebenen der Pyramide, der unstillbaren Bedürfnisse die auch ewig von denen, die sich um die unteren Ebenen (der Pyramide) nicht mehr kümmern müssen eben auch auf Kosten Dritter, weiter gestillt werden wollen.

    Sensibilisierung des Miteinander wäre aber der richtigere Weg, sprich, man muss etwas davon haben das es allen anderen gut geht. In einer Partnerschaft ist das kein Thema, unter „Gleichen“ wohl auch nicht, aber ansonsten sehe ich da ein Problem… acuh Arbeitsverhältnisse waren (für alle Seiten) weitaus entspannter als es weniger Arbeitslose gab bzw. auf diese nicht so ein Druck ausgeübt wurde.

  7. Yup, habe ja vom Sozialismus gesprochen als Weg zum Kommunismus – weil man wohl wusste, dass man den nicht per Fingerschnipp hinbekommt. Wenn das also notwendig ist, hast du die Umerziehung immer beim Kommunismus dabei, auch wenn sie nicht konkret dazu gehört. Nenn es Kollateralschaden oder wie du magst.

    Den Diskurs finde ich auch gut, aber dann sollte er meiner Meinung nach auch ergebnisoffen sein und das Menschenbild als Ausgangspunkt nehmen und streng davon ausgehen und weitere Aussagen ableiten – zum Beispiel, was diese individuellen Bedürfnisse überhaupt für Gruppen bedeuten, bevor man sie auf ganze Gesellschaften übertragen könnte; vielleicht geht das auch gar nicht. Maslow macht nämlich mit der Hierarchisierung überhaupt keine normativen Aussagen, sondern nur deskriptive/explikative. Man kann vielleicht eine normative Aussage dabeben stellen und erhält ein konsistentes Aussagensystem, aber sicher ebenso mit einer anderen. Und dann ließe sich nicht sagen, dass dem einem System der Vorzug vor einem anderen eingeräumt werden sollte.

    In der Mathematik hat Kurt Gödel gezeigt, dass es kein „allmächtiges“ System existiert, mit dem man alle mathematischen Probleme lösen kann. Würde vermuten, das ist hier ebenso.

  8. Kontrolle als dominantes Grundbedürfniss

    was wir tun wird von unseren Bedürfnissen und von der Erwartung gesteuert, ob wir mit den Handlungszielen die Befriedigung unserer Bedürfnisse erreichen können. Bedüfnis und Erwartung sind multiplikativ miteinander verbunden: wird der eine Faktor 0, so ist auch das Produkt 0. Wenn eine Aktion für uns keinen Wert hat für uns keinen Wert hat, tun wir nichts, egal wie hoch die Erfolgswahrscheinlichkeit sein mag. Ebenso unternehmen wir nichts, wenn wir uns keinen Erfolg von unserem Tun versprechen. (vergl. Dörner, Bauplan für eine Seele, S.395)
    Die Fähigkeit, Erfolgswahrscheinlichkeit beurteilen zu können kann man als Kontrollbedürfnis bezeichnen: erst wenn ich weiß was ich durch meine Aktivitäten erreichen kann (was ich kontrollieren (im Sinne von controlling) kann) wird die Aktivität wirklich. Ich werde aktiv auf der Grundlage von dem, von dem ich das Gefühl (oder besser Wissen) habe, was klappt und was nicht klappt.
    Die Fähigkeit zu schulen, Erfolgswahrscheinlichkeit der Bedürfnisbefriedigung angemessen beurteilen zu können, ist deshalb das für alle Bedürfnisbefriedigung notwendige Grundbedürfnis.

  9. @Treidelpfad
    Das erinnert stark an die Valenz-Instrumentalitäts-Erwartungs-Theorie von Vroom aus den 60ern.

    Implizit unterstellt Dörner dann das Prinzip der Nutzenmaximierung/des homo oeconomicus: Ich strenge mich nur/um so stärker an, wenn/je mehr Nutzen ich mir verspreche und Erfolg sehe.

  10. Nur eine kurze Zwischenmeldung:
    Die Präsentation des Menschenbildes gestern abend bei den Ingolstädter Grünen durch Lanig Garo kam sehr gut an. Es ist geplant, das Modell in der Grünen-Homepage ausführlich darzustellen und immer wieder bei sachlichen Entscheidungen und theoretische Überlegungen als Referenzbasis heranzuziehen!

  11. […] der OM 10 ist die Diskussion um das Menschenbild nach Martin mit Jean-Pol selbst und vielen Piraten weitergegangen. Dabei kristallisiert sich meiner Meinung nach heraus, das wohl der Utilitarismus die am nächsten […]

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