Extrem?

Resume Die eigene Persönlichkeit kann man nicht soweit steuern, dass man sich trotz exaltierter Grundstimmung permanent besonnen verhält oder im Gegensatz dazu als ruhiger Mensch den Entertainer gibt. Was sagen die Philosophen dazu?

1. Aristoteles: Mediocritas

Offensichtlich ist Exaltiertheit eine verbreitete Grundstimmung, sonst würden die griechischen Philosophen, allen voran Aristoteles sie nicht so stark bekämpfen. Nicht Überschwang und Grenzüberschreitung sondern Mediocritas ist bei Epikur, bei den Stoikern, den Skeptikern und den Zynikern das Verhaltensziel. Andererseits bedeutet das französiche Wort „médiocre“ auf deutsch „mittelmäßig“ bis „unzulänglich“.

2. Das Gegenkonzept: Nietzsche

Zu „Mediocritas“ stehen ganz entgegengesetzt Nietzsche und die Romantiker. Kleine Kostprobe aus Nietzsches „Zarathustra“:

Was groß ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: Was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist. Ich liebe die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Untergehende, denn es sind die Hinübergehenden. Ich liebe die großen Verachtenden, weil sie die großen Verehrenden sind und Pfeile der Sehnsucht nach dem andern Ufer. Ich liebe die, welche nicht erst hinter den Sternen einen Grund suchen, unterzugehen und Opfer zu sein: sondern die sich der Erde opfern, dass die Erde einst des Übermenschen werde.“

Das hat er mit elf Jahren geistiger Umnachtung und Leiden bezahlt…

Fazit Was nun?

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80 Antworten

  1. Den wohl bedachten, ausbalancierten, goldenen Mittelweg, als „mittelmäßig“ abzuqualifizieren wird der Sache nicht gerecht.
    Die pejorative Verwendung der Begriffe kann einer ausgeglichenen Gelassenheit wenig anhaben.
    Das liegt etwa genauso nahe wie die Vorstellung, romantische Leidenschaft würde Umnachtung zeitigten.
    „Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort“ befindet Herr Schiller. Offenbar war ihm die Leichtfertigkeit des Alters ganz fremd.

  2. @Frieder
    „„Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort“ befindet Herr Schiller. Offenbar war ihm die Leichtfertigkeit des Alters ganz fremd.“
    – Wenn ich Sie richtig verstehe, liegt hier ein Missverständnis vor. Mein Fazit ist: „Was nun?“. Ich gebe keine Antwort, sondern werfe eine Frage auf. Das verdanke ich meinem Alter. Früher hätte ich die Antwort vorangestellt.

  3. Habe ich leichtfertiges Antworten unterstellt?
    Nein, Antworten sind wirklich nicht zu erkennen, es werden eher schnell gefertigte Fragen gestellt, in die sich Pejoratives mischt, wo es m. E. nicht hingehört.
    Und es werden m. E. falsche Zusammenhänge nahegelegt. Beispielsweise Mittelmaß sei mittelmäßig oder Leidenschaft erzeugt Umnachtung. 😉

    Zarathustras Geschichte vom asketischen Eremiten über den gescheiterten Missionar zum Misanthropen – um mal ganz schnell fertig zu werden, es ist überhaupt nicht mein Thema – gegen eine, wie auch immer geartete, Mittelmäßigkeit zu installieren, verkennt deren Pathos, den halkyonischen Ton, wie Nietzsche seinen Stil charakterisiert … Es scheint mir, mit Verlaub, eine untaugliche Indienstnahme, eine schnelle Dekoration, statt einer ernsthaften Grundierung einer wirklichen Frage.

    „Was nun?“ steht möglicherweise für einen dieser neuen, allgemeinen, flotten „Reflexe“, die sich nach „kollektiver“ Resonanz sehnen? … 😉

  4. Ja, das kann man so interpretieren. Man könnte auch das so deuten, dass mich diese Fragen existentiell herumtreiben, nicht in Ruhe lassen, permanent beschäftigen und dass ich mich gerade mit den Denkern befasse, die ähnliches thematisieren. Und dass ich Mitdenker ansprechen möchte. Daraus muss nicht unbedingt ein Blogeintrag entstehen, aber Blogeinträge sind keine wissenschaftliche Abhandlungen sondern spontane Appelle. Der Leser kann je nach Interpretationslaune mir Unredlichkeit und Effekthascherei unterstellen oder versuchen, meine Position zu verstehen. Dass Leser den ersten Weg gehen, ist mein Risiko.

  5. @Frieder
    Im übrigen finde ich bemerkenswert, viel locker und schnell Ihnen Kritik aus der Feder fließt. In dieser Hinsicht lasse ich mich lieber von den alten Griechen als von Nietzsche inspirieren.

  6. „hast du alles gehört so lautet der schluß: fürchte gott, und achte auf seine gebote“ (prediger 12:12, bibel). mein lieblingstext zum themenkomplex. einsicht wär vorhanden, allein der glaube fehlt mir…

  7. Es liegt mir fern, Sie zu ärgern, zu kritisieren – i. S. von würdigen – schon.
    Was die Schnelligkeit der Reaktion anbelangt: Die würde ich mir nicht zurechnen. (Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht mehr die „Feder“ gebrauche … 😉
    Ich wollte weder „Unredlichkeit“ noch irgendeine „Effekthascherei“ unterstellen und weiß auch nicht, woraus Sie das lesen.
    Was die „Reflexe“ angeht – unbedachte Schnellschlüsse bloßer Alltagsevidenz – seien es individuelle oder so genannte kollektive, habe ich meine Vorbehalte früher schon angedeutet.

    Also nix für ungut, eher solidarisches Mitdenken, auch wenn es weniger lobhudelig daher kommt.
    So, sorry for that.

  8. @Filterraum
    Ist die wunderschöne Stelle, Prediger 12,12, nicht etwas knapp zitiert?
    „Und über dem allen, mein Sohn, lass dich warnen; denn des vielen Büchermachens ist kein Ende, und viel Studieren macht den Leib müde. Lasst uns die Hauptsumme aller Lehre hören: `Fürchte Gott und halte seine Gebote`“

  9. @frieder

    das ganze buch ist wahnsinnig gut!

  10. @jeanpol: Da reagiert jemand mal wie ein Neuron und schon regt sich das Neuron in dir und kritisiert seine Einseitigkeit. Dabei ergänzt ihr euch doch ganz schulmäßig. (genauso wie Frieder und Filterraum) Das ist ja das Gute daran, dass du immer wieder Kommentarlawinen auszulösen verstehst.

    Mein Freund pflegt zu sagen: Nicht Coolness, sondern die richtige Betriebtemperatur ist das Ziel. Und wenn sie viel zu ziehen und zu puschen hat, muss die Lokomotive unter Dampf stehen.
    Da mag es dann mal schon als Schock empfunden werden, wenn der Überdruck wegfällt. Vor James Watt …; aber das hieße die Metapher zu weit treiben. http://de.wikipedia.org/wiki/Dampfmaschine#Atmosph.C3.A4rische_Dampfmaschine

  11. @Apanat
    Da ist was dran, an deiner Beschreibung. Der Punkt ist nur, dass ich mich bemühe, Raster aufzustellen, die mir eine Einordnung von Lebensentwürfen ermöglichen. Das soll auch mein/unser Handeln erleichtern. Dass es zu Vereinfachungen führt, ist unvermeidlich. So ist es für mich sehr nützlich zu erkennen, dass es einerseits eine große Gruppen von Denkern gibt, die für den Mittelweg plädieren, andere dagegen, die den Sinn ihres Lebens im Beschreiten von unbekannten Feldern sehen, nicht nur geographisch, sondern auch gedanklich. Zwischen diesen beiden Extremen bewegen sich die uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Und natürlich führt es einen dazu über die eigene Biographie nachzudenken, wobei Nietzsche und die Romantik symbolhaft für die eine Richtung stehen, Epikur und die Stoiker für die andere. Dass sofort nach Differenzierung und Präzisierung verlangt wird, ist zu erwarten, aber nicht immer zweckdienlich, so zumindest mein Gefühl.

  12. @Frieder
    Jetzt vielleicht doch step by step:
    „es werden eher schnell gefertigte Fragen gestellt,“
    – Diese Fragen beschäftigen mich seit Jahrzehnten, und nicht nur mich. Es ist bedauerlich, wenn der Eindruck entstanden ist, sie seien aus einer oberflächlichen Laune heraus schnell in den Blog gestellt worden.
    „in die sich Pejoratives mischt, wo es m. E. nicht hingehört.“
    – Das ist eben die von mir aufgeworfene Problematik: ich bin selbst in einem Kontext aufgewachsen, in dem „romantische“ Muster bis zum Exzess als Modell angeboten und von vielen verinnerlicht wurden. Und dies geschah nicht zuletzt in Absetzung von „Maße“ und „Besonnenheit“ als „kleinbürgerlichen“ Eigenschaften. Für mich ist das noch nicht ganz geklärt.
    „oder Leidenschaft erzeugt Umnachtung“
    – Nicht zwangsläufig. Aber die Frage ist, ob romantisches Gedankengut mit positiver Hervorhebung überschwänglicher, ja irrationaler Verhaltensweisen nicht Lebensgestaltungen fördert, die zu erheblichen Leiden führen. Die Theorie und Berechtigung dazu wird ja von ihr geliefert. Auch die Schriften von Kierkegaard blieben nicht ohne Konsequenzen, z.B.
    „Zarathustras Geschichte (…) gegen eine, wie auch immer geartete, Mittelmäßigkeit zu installieren, verkennt deren Pathos, (…)“
    – Gegen wen hat sich Nietzsche gewendet, wenn nicht gegen das mit Sokrates einsetzende Mitleid mit „Schwachen“ und „Mittelmäßigen“? Gegen welches philosophische Modell wird der Übermensch in Position gebracht?

  13. @Jean-Pol

    da rumort etwas in dir seit einiger zeit. und zwar provozierst du antworten, aber ich fürchte, keine würde dich zufrieden stellen. eine schwangerschaft will ausgetragen werden und das kind kommt dann wann es will.

    hättest du nicht gedacht, was, und das in deinem alter ;:-))

    herzlich
    Jutta

  14. @Jutta
    :-))
    Aber du weißt ja, dass die Frage: Aristoteles „Mittelweg“ vs. Romantik/Nietschens „Exessivität“ eine eminent Philosophische ist und uns auch in unseren Workshops beschäftigt. Gerade wird Robert Schumann in den Medien thematisiert und auch hier geht es um jemanden, der nicht den Mittelweg gewählt hat, sondern „Großes“ geleistet hat und gleichzeitig kaputt ging. Ich weiß schon, dass man hier nicht mit „entweder/oder“ arbeiten kann. So einfach wie ich das beschreibe, ist das nicht, aber es lohnt sich vielleicht doch darüber nachzudenken, welches Modell man selbst leben und propagieren würde. Man könnte mir auch entgegenhalten, dass das Thema selbst in den Kitsch gehört. Auf jeden Fall üben diese Figuren eine starke Faszination aus, insbesondere auf die Jugend… Als Pädagoge war ich aufgerufen, Position zu beziehen. Das habe ich auch ausführlich getan, indem ich stets gegen die Romantik gewettert habe. Andererseits propagiere ich auch gerne das „Übersichhinauswachsen“, koste es was es wolle! Auch von Wissenschaftlern verlange ich gerne „Passion“ auf Kosten von anderen Lebensbereichen. Schwierig, schwierig…:-))

  15. Goethe über Günther (http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Christian_G%C3%BCnther): „Er wusste sich nicht zu zähmen, und so verann ihm sein Leben wie sein Dichten.“
    Das hätte er wohl auch über Lenz gesagt. Über Hölderlin und Büchner das Gleiche zu sagen, wäre sicher sehr unangemessen.
    Lessing: „Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, hat keinen zu verlieren.“
    Noch zugespitzter und falscher als Goethes Satz, aber gewiss ist etwas Wahres dran.

  16. Vermutlich sind diese Ausführungen so etwas wie weit gespannte Bögen für Dich? „Gegen welches philosophische Modell wird der Übermensch in Position gebracht?“ 😉 … in drei Sätzen, oder?

    Mir bleibt dunkel wie man, eine gewisse Beschäftigung mit diesen Dingen vorausgesetzt, mit so wenig Unterscheidungen auskommen kann – oder will.
    Beispiele:
    – Den Hedonismus Epikurs mit den Stoikern in einem Topf unterzubringen, erscheint mir einfach unsinnig.
    – „Mäßigung“ über den „Mittelweg“ zur „Mittelmäßigkeit“ herabzuwürdigen, geht weit am Sinn des Begriffs und seines Konzepts vorbei.
    – Ein gefühlsduseliger Romantik-Begriff mag viel mit Gartenlauben-Seeligkeit zutun haben, aber vergleichsweise wenig mit Friedrich, Richter, Delacroix, v. Arnim, Kleist, den Demagogen, der deutschen Kleinstaaterei, dem Erbfeind Frankreich und so vielem mehr …

    Zu Nietzsche:
    Sokrates lehrt, glaubt man der platonischen Redaktion, eine rationale Sicht des Universums, in dem die Tragik ihren Sinn verloren hat. Die griechische Tragödie knüpft laut Nietzsche an apollinische und dionysische Kulte, deren Grundlage das Chaos und die Sinnlosigkeit des Lebens ist, sofern es nicht durch die Götter durch deren Übernahme der menschlichen Gestalt gerechtfertigt worden ist und das Schicksal der Menschen versöhnt.

    – zur Ironie: Natürlich erzeugt Leidenschaft nicht zwangsläufig Umnachtung …natürlich nicht. Dazu: Lange-Eichbaum, W., Kurth, W.: Genie, Irrsinn und Ruhm, München/Basel 1967.

    „In dieser Hinsicht lasse ich mich lieber von den alten Griechen … inspirieren.“ Das kann fruchtbar sein. Ich schlage in diesem Zusammenhang also vor, die Unterscheidung von Doxa (Meinung etc.) & Episteme (Begründung, Argumentation, etc.) wieder stärker einfließen zu lassen.

  17. @Frieder: Es geht um Denkbewegungen, nicht um Resultate. Dabei scheint mir durchaus nicht nur (!) der Unterschied von Epikur und Stoikern wichtig.

  18. ²Vermutlich sind diese Ausführungen so etwas wie weit gespannte Bögen für Dich?“
    – Ja:
    https://jeanpol.wordpress.com/2009/12/28/groteske-grundlichkeit/
    „Mir bleibt dunkel wie man, eine gewisse Beschäftigung mit diesen Dingen vorausgesetzt, mit so wenig Unterscheidungen auskommen kann – oder will.“
    – Der Schwerpunkt liegt auf „auskommen“. Tatsächlich versuche ich mit einem überschaubaren Satz an Denkmodellen und Mustern mein Leben zu führen. Jede zusätzliche Ausdifferenzierung bringt die Gefahr mit sich, dass meine Handlungsfähigkeit eingeschränkt wird.
    “ – Den Hedonismus Epikurs mit den Stoikern in einem Topf unterzubringen, erscheint mir einfach unsinnig.“
    – Weil du mein Kriterium nicht kennst: sowohl Epikur als auch die Stoiker, aber auch die Zyniker und Skeptiker wollen sich SCHÜTZEN. Sie wollen sich durch die Reduktion ihres Bedürfnisbefriedigungsniveaus unabhängig von der Umwelt machen. Der Hedonismus von Epikur beruht auf der Vorstellung, dass auch Wasser glücklich machen kann. Da es leichter ist, sich Wasser zu besorgen, soll man sich auch mit Wasser zufrieden geben. Diogenes reduziert seine Abhängigkeit von der Umwelt ganz radikal und verzichtet auch auf Gesellschaft. Sich SCHÜTZEN kommt Nietzsche und den Romantikern (die ich hier in eine Kategorie setze) gar nicht in den Sinn. Wir sind nicht zum Glück bestimmt (im Gegensatz zur Position der meisten Griechen). Es geht hier um den großen Schritt in die Welt, ohne Rücksicht auf eigene Befindlichkeit, Wohlgefühl und Zukunft. Die kleinbürgerliche Moral, die SCHUTZ stets im Blick hat, wird verachtet und abgeschafft. Und genau diese Opposition zwischen vorsichtige Vorsorge und rücksichtslose Selbstverausgabung ist das Thema, das mich aktuell – auch existentiell – beschäftigt.
    „Ich schlage in diesem Zusammenhang also vor, die Unterscheidung von Doxa (Meinung etc.) & Episteme (Begründung, Argumentation, etc.) wieder stärker einfließen zu lassen.“
    – Ja, diese Unterscheidung ist mir bei jedem Eintrag bewusst, denn ich sehe auch vor meinen Augen die stirnrunzelnden, philosophisch geschulten Leser, die sich über meine Trivialitäten erheben. Auch das muss ich in Kauf nehmen, wenn ich vorankommen will.

  19. @Jean-Pol „Tatsächlich versuche ich mit einem überschaubaren Satz an Denkmodellen und Mustern mein Leben zu führen. Jede zusätzliche Ausdifferenzierung bringt die Gefahr mit sich, dass meine Handlungsfähigkeit eingeschränkt wird.“

    Das hört sich für mich an wie „Du darfst nicht denken“
    analog zu
    „Du darfst nicht merken“ von Alice Miller 1981

    ich frage mich auch, ob Ausdifferenzierung etwas ist, wogegen man sich grundsätzlich entscheiden kann ? ich glaube es nicht.

    Das Handeln unterbricht den Prozess des Denkens temporär und ist nur möglich, wenn man seine Aufmerksamkeit focussiert, ja.

    Die Sehnsucht nach Überschaubarkeit, tja, wer kennt sie nicht ?

    Aber wenn wir lebendige Impulse unterdrücken, wozu doch auch das Denken, Fragen, Unterscheiden = Ausdifferenzierung gehören, dann rauben sie uns Energie und spielen uns Streiche. Also schaffen sich Raum und entfachen ein Feuerwerk dort wo wir gerade auf einer Flamme eine Mahlzeit zubereiten wollten ;:-))

  20. @Jutta
    „Das Handeln unterbricht den Prozess des Denkens temporär und ist nur möglich, wenn man seine Aufmerksamkeit focussiert, ja.“
    – Ich sehe das umgekehrt: das Denken unterbricht den Handlungsfluss temporär (oder eher: das Denken begleitet ihn). Analog zu „soviel Theorie wie unbedingt nötig“ (Ockhams Rasiermesser) sage ich: „soviel Denken, wie unbedingt nötig um ein adäquates Handeln zu sichern“. Denn das Ziel ist: über Handeln das Glück erreichen oder das Unglück erträglich zu machen.

  21. @Jean-Pol „Auch von Wissenschaftlern verlange ich gerne „Passion“ auf Kosten von anderen Lebensbereichen.“

    ich nehme an, du „verlangst“ oder schätzt vor allem die Passion,

    aber misst sie nicht daran, dass sie oder wie sehr sie auf Kosten von anderen Lebensbereichen geht ?

  22. @Jutta
    „aber misst sie nicht daran, dass sie oder wie sehr sie auf Kosten von anderen Lebensbereichen geht ?“
    – Das ist es eben: bei einer Passion gibt es keine Rücksicht. Gar keine! In keinerlei Hinsicht!

  23. @Jutta
    Ich muss mich kurz verabschieden, weil ich unbedingt noch einmal die Philosophen (Plotin, Augustinus, Thomas von Aquin, Machiavelli und Thomas Morus) bis heute abend überblicken möchte.:-))

  24. @Jean-Pol „Der Punkt ist nur, dass ich mich bemühe, Raster aufzustellen, die mir eine Einordnung von Lebensentwürfen ermöglichen. Das soll auch mein/unser Handeln erleichtern.“

    1,2,3 A, B, C
    die Verlockung ist auch für mich immer wieder gross, aber ich verrenne mich nicht mehr so (lange) darin ;-)….

    zusätzlich spüre ich eine Aversion gegen den Begriff „Raster“ und wandle ihn, sofern er mir zu Bewusstsein kommt und er nicht unbewusst wirkt, sogleich in „Muster“ um. Damit hab ich eine Ordnung, Bezogenheit und Dynamik zugleich. –

    noch eine andere Assoziation:
    ich hörte neulich in einem podcast von einer Frau, die über 10 Jahre ihr Leben danach gestaltete, dass eine geradlinige berufliche Biografie daraus wurde, ohne Rücksicht darauf, ob die einzelnen Etappen ihr entsprachen oder nicht…..

  25. Es gibt Menschen, die möchten sich austauschen.
    Andere wollen sich vor allem äußern.

    Manche warten darauf, verstanden zu werden, was in der Regel bedeutet: sie warten auf Bestätigung. Sie wünschen eigentlich keine Antworte auf die Frage, die sie formuliert haben, man soll darauf antworten, wie die Fragen gemeint war.
    Wie eine Frage gemeint war, lässt sich auch im Nachhinein trefflich ändern.

    Manche Menschen versuchen, das Geschriebene ernst zu nehmen, sozusagen zum Nennwert …
    Wir können – vermutlich alle – nur zur Kenntnis nehmen, was wir in der Lage sind zu verstehen.
    Besser: glauben zu verstehen. Verständnis als Konstruktion.

    Wenn Politik Lobby-Interessen folgt, schwebt sie in Gefahr sich korrumpieren zu lassen.
    Wenn Kunst benutzt wird, z. B. zur Repräsentation, verkommt sie zur Dekoration.
    Soll Philosophie benutzt werden, genauer: utilitaristisch instrumentalisiert werden – z. B. zur Handlungsanweisung für ein gutes Leben – verliert sie sich, diese „Philosophie“ ist meistens keine mehr. Diese Art „Philosophien“ tragen heute viele Betriebe vor sich her. Der Denker wird zum Apotheker, er führt Rezepte aus.

  26. philosophie – liebe (zur) weisheit. welch grausames sprachspiel

  27. @Frieder
    „Soll Philosophie benutzt werden, genauer: utilitaristisch instrumentalisiert werden – z. B. zur Handlungsanweisung für ein gutes Leben –“
    – Wozu soll Philosophie gut sein, wenn nicht um dem Menschen, auch dem Individuum in seinen Alltagsnöten, zu helfen, sein Leben zu meistern? Das ist auch der Ansatz den ich hier und woanders verfolge: ich möchte nicht Philosophie betreiben ausgehend von den Fragen, die sich Fachwissenschaftler stellen, sondern von den Bedürfnissen, die aus unserem Leben – auch als Laien – entstehen. Und Hilfe – auch existentielle – habe ich bereits umfangreich von der Philosophie erhalten.

  28. Die Forderung, dass Philosophie keine Handlungsanweisungen – oder nicht einmal Bewertungsmaßstäbe für Handlungsalternativen – bieten solle, scheint mir doch eine sehr akademisch, idealistische zu sein.
    Die Trennung von Handlung und Denken (von Tat und Philosophie) ist ebenso absurd wie (zum Glück) uneinlösbar.

    Wem nutzt das um sich selbst kreisende Meta-Denken, wenn es sich versucht von der Lebenspraxis fern zu halten?
    Nutzen kann hier in den verschiedensten Bereichen liegen: von der reinen Selbstbestätigung, über die Freude am Lernen und Kommunizieren, über die Möglichkeit offener mit neuen Gedanken umzugehen bis hin zur – dann utilitaristischen – Entscheidungshilfe in konkreten Situationen.
    Wenn mein Philosophieren in all diesen Bereichen keine Rolle spielt … nun denn … dann war es umsonst: weder erstrebenswert noch der Mühe wert.

  29. (Das war mir schon vor ich den ersten Kommentar klar. Aber, danke, für die eindeutige Position. Vermutlich wäre sie früher schon da & dort zu lesen.)
    Diese Einstellung, die nach unmittelbarem Nutzen, schneller Verwertbarkeit womöglich noch Effizienz fragt, ist vermutlich einer der beliebtesten Irrwege unserer Tage und dementsprechend haben Lebensberatung / Ratgeber / Coaching and so on mit dem Ansatz einer „Lebensqualitätsertragssteigerung“ (mehr Erfolg, mehr Geld, mehr Geltung, mehr Glück, usw) hohe Konjunktur.
    Insbesondere mit diesem quasi religiösen Erlösungsanspruch:
    „- Wozu soll Philosophie gut sein, wenn nicht um dem Menschen, auch dem Individuum in seinen Alltagsnöten, zu helfen, sein Leben zu meistern?“
    Das kann Philosophie m. E. so einfach und direkt eben nicht.
    Aber, nochmal, natürlich darf man das machen, was daran sinnvoll ist, mag jeder selbst entscheiden – er wird es erfahren.
    Aus Philosophie wird dabei meist ein bunter Strauß (Best-off-Reflexe) (alt-)kluger Kalenderweisheiten, eben so wie aus dem Kunstwerk eine Schaufensterdekoration werden kann oder aus einem Konzert die Fahrstuhlmusik – aber machen darf man das natürlich. Vielleicht ist es ein klein bisschen Etikettenschwindel … „Workshop Philosophie“ aber, so what.) Meint man es jedoch mit dem Denken ernst, kann die Frage nach dem eigenen Leben und seinen Bezüglichkeiten ein wunderbarer Einsteig in Philosophie sein.
    Darf ich vorsorglich für den Fall die Ratschläge eines philosophischen Vaters an seinen Sohn empfehlen? Aristoteles, Nikomachische Ethik und etwas zeitgemäßer, darauf aufbauend: Hannah Arendt, Vita activa oder vom tätigen Leben.
    Oder eine Einführung in Philosophie? Konrad Paul Liessmann, Vom Nutzen und Nachteil des Denkens für das Leben, 1998. Der Titel passt doch ganz gut, sogar die Nietzsche Nähe … 😉 Stay tuned!

  30. Es ist immer schade, wenn sich das Attribut „ernst meinen“ auf einen vermeintlich abgrenzbaren Kanon, akademisch erschlossener Gedankenwelten und AutorInnen beschränkt und der weite Rest mit der argumentsfreien Unterhaltungskeule ettiketiert und ignoriert wird.
    Der akademische Kanon ist in seiner Beschränkheit überholt … und das schon immer. Den Blick zu weiten: auch das Neue in seiner Originalität zuzulassen, das vermeintlich Triviale und im akademischen Duktus „wert-freie“ zu erörtern … das ist m.E. schlichte Voraussetzung, um mehr zu tun als ausgetretene Philosophie-Pfade ab zu wandern.
    An diesem elitären Dünkel aber scheiterte nicht nur Frankfurter Schule und andere tradierte Philosophengruppen – daran scheitert erstaunlicherweise auch die universitäre Philosophie-Ausbildung.
    Was die Musik schon geleistet hat: das Enttarnen der närrischen Trennung von E- und U-Musik, als Dünkel der vergreisten Musikwissenschaft – das steht der Philosophie noch bevor.
    Wir warten fröhlich darauf und tun unser bestes, diesen Weg zu beschleunigen.

  31. @Andreas
    Mit „ernst nehmen“ meine ich Begriffe klären, (zurückliegende Kommentare) Absichten offen legen, (statt Philosophie, vielleicht irgendeine Art Lebensberatung) die eine oder andere Präzisierung also ohne eigenwillig reformulierte (aber eigentlich wohl eher missverstandene) Fachtermini, einfach sagen, was Sache ist.
    (Was ja beim zur Rede stehenden Anlass in Ansätzen passierte – nach ein paar Hebammen Übungen.)
    Ich stimme Dir, was die neugierige Haltung seiner Gegenwart gegenüber anbelangt, völlig zu. Diese Auffassung findet man seit der Antike bis heute. Die zeitdiagnostischen Radiobeiträge von Adorno sind dafür ein schöne Beispiel. Am elitären Dünkel scheitert die Frankfurter Schule ganz sicher nicht.
    Mir ist nicht ersichtlich, wo ich mich für einen akademischen Kanon“ ausgesprochen haben soll.
    Das war ja ohnehin nicht der Einwand, der bezog sich auf die Verfahren einer Indienstnahme, einer Vernutzung philosophischer Gedanken – das kann man schon unterscheiden. Mit irgendeinem, wie auch immer gearteten Kanon akademischer Gedankenwelten hat das zunächst wenig zu tun.
    Deine Schlussanspielung auf Nietzsches Fröhliche Wissenschaft ist nett.
    Aber – by the way – einen „Weg beschleunigen“? Das ist was ich meine – den Weg würdest Du gern abkürzen um schleunigst ans gewünscht Ziel zu gelangen. Sicher fallen solche Petitessen anlässlich neuer fröhlicher Originalitätsübungen gar nicht mehr so auf. So what.

  32. #Frieder Kerler Wenn die Philosophie und letztlich alles ernsthafte Denken nicht den notwendigen Zweck/Bedingung erfüllt, „das Leben zu meistern“, wozu dann das ganze?
    Was sind denn deine Alternativen, deine Zwecke der Philosophie, warum betreibst du Sie?

    #jeanpol Ich glaube deine Unterscheidung zwischen der Schutzphilosophie/Mediocritas und Nietzsche/Risiko verkennt, das beide „gefährliche“ Lebenspfade sein können. Ein massvolles Leben in einer überspannten Gesellschaft zuführen kann auch mit persönlichen Opfern verbunden sein.
    Eine Vermutung von mir ist, das es beiden Richtungen darum geht wirkliche (Welt-)Kontrolle, im Jeanpol Sinne, zu erlangen.
    Ein Aufbrechen von Wertvorstellungen die auf Sand gebaut sind bzw. ein wegwischen von kollektiv eingebildeten Chimären ist auch ein Suchen nach „festen Grund“ bzw. wenigstes die sichere Gewissheit das es diesen nicht gibt. Damit wird Kontrolle über die Welt erlangt.

  33. @mischpat
    Absolut! Das sehe ich auch so, dass beide „gefährliche“ Lebenspfade sein können. Eigentlich liegt das Missverständnis der „Sichextremschützenden“ und der „Jedesrisikoeingehende“ darin, dass beide meinen, über ihre Strategien ein Maximum an Kontrolle zu erreichen und nicht sehen, dass die Balance (das Surfen über den Ereignissen) die größte Kontrolle sichert. Und zu deiner letzten Analyse (Nietzsche), das Zerstören von sicherheitspendenden Illusionen ist tatsächlich der Schritt zum Aufbau eines festeren Grundes. Danke für diese weiterführenden Hinweise!

  34. Wie bereits erwähnt, bearbeitet ein gut Teil der Philosophie den Menschen, sein Leben, die Welt, Gott …. Ich habe Autoren genannt, es gibt andere.
    Ich wandte mich nur gegen die Art der „Vernutzung“ dieser Gedanken. Philosophische Theorie einzudampfen auf den knappen Ansatz, den lockeren Spruch, den schillernden Begriff, der, aus dem Kontext entfernt, seine ehemalige Bedeutung gegen ein bloßes Alltagsverständnis eingetauscht hat, wird trivial und führt, davon bin ich überzeugt, zur Enttäuschung.
    Die solcher Art beschleunigte philosophische Hintertreppe endet als Rolltreppe im Banalen.

  35. @jeanpol:
    Mir gefällt Dein Ringen darum, deine persönlichen Lebensfragen im Dialog mit den Philosophen der Geschichte zu klären.
    Und ich vermute, dass „kritische Freunde“ Dir dabei helfen, befürchte aber auch, dass „sophisticated“ Philosophie-Erklärer dich davon nur ablenken.
    Also: hör (auch) auf Deinen Bauch!
    (Wenn ich mir den Rat erlauben darf.)

  36. Da kann man sich nur fröhlich anschließen!

  37. @Frieder
    „Die solcher Art beschleunigte philosophische Hintertreppe endet als Rolltreppe im Banalen.“
    – Sie landet also richtig, da wo wir sie brauchen. Mit dem Banalen – also mit uns selbst – ringen wir unser Leben lang. Mitten im Außergewöhnlichen besteht selten Philosophiebedarf.
    @Klaus
    Dein Rat (und dein Zuspruch) sind mir sehr wertvoll!

  38. @Frieder Kerler „Soll Philosophie benutzt werden, genauer: utilitaristisch instrumentalisiert werden – z. B. zur Handlungsanweisung für ein gutes Leben – verliert sie sich, diese „Philosophie“ ist meistens keine mehr. Diese Art „Philosophien“ tragen heute viele Betriebe vor sich her. […]“
    Das Problem bei diesem Beispiel sehe ich allerdings darin, dass die Angestellten mit den Handlungsanweisungen ein Denkverbot mit serviert bekommen. Man hat diese Art des „guten Lebens“ zu schlucken und sie so zu interpretieren, dass es für die Firma stimmt.
    Das Übel scheint mir im Kontext zu liegen und nicht in der Instrumentalisierung selbst ?

  39. @Frieder Kerler […]den schillernden Begriff, der, aus dem Kontext entfernt, seine ehemalige Bedeutung gegen ein bloßes Alltagsverständnis eingetauscht hat […]“

    warum sich nicht an beidem freuen, der Klassik und dem Pop ? Je nach energetischer Verfassung.

    Schlimm wird es doch nur wenn eines von beiden zum Massstab erhoben wird.

  40. Jean-Pols Vorgehen mag unorthodox erscheinen/ sein (was ihm aber gewiss bewusst ist), nichtsdestotrotz hat es seine Berechtigung. Und zeitigt (zumindest bei mir) einige Folgen.

    Es ist vielleicht nicht so wichtig ob die Alternative, die Jean-Pol formuliert, historisch oder philologisch adäquat ist.
    Wichtig ist, ob sie besteht – und es ist schwer zu bestreiten, dass es diese Alternative gibt.

    Übrigens: Epikuräer und Stoiker waren in der späteren Antike tatsächlich nicht so weit voneiander entfernt, wie es wirkt, wenn man nur ihre Lehren nebeneinanderstellt

    Und Nietzsche hätte sich selbst wohl auch nicht auf die „aurea mediocritas“ berufen – da liegt Jean-Pol sicher auch historisch nicht so falsch.

    Das weiss ich von @heinz, mit dem ich gerade heisse Diskussionen über die Thematik führe!

  41. Nichts gegen heiligen Ernst. Ob er überall der rechte Ansatz für Kommunikation ist?
    Kommunikation als Weg, dem eigenen Verstehen ein neues hinzuzufügen, ist es nicht.
    Aber Jesus hat die Händler und Wechsler aus dem Tempel getrieben, warum also nicht auch die Nutzanwender aus dem Tempel der Weisheit?

  42. mein thema ist: gibt es neue, bessere zugänge zu kunst und philosophie ? ein ansatz ist „respektlosigkeit“, ohne sie hätte ich selbst keinen zugang gefunden, denn ich habe keine humanistische hochbildung in jungen jahren genossen. –
    gefällt MIR, gefällt MIR nicht. dann ging es weiter. WARUM gefällt es mir ? wie sehen es ANDERE ? die, deren fachgebiet es ist, die aus anderen kulturen ? was sind das für persönlichkeiten, wie GEHEN sie mir UM ? kann ich persönlichkeit und produkt trennen (Heidegger) ? wie kann es zu solch offenkundigem auseinanderklaffen von beidem kommen ? bedeutet popularität qualität ? wie weit sind denker selbst den mechanismen unterworfen oder unterwerfen sich ihnen, die sie in ihrem konzept bekämpfen (Freud Inzest Phantasie/Realität)……

    und schon bin ich mittendrin 🙂

  43. @Monika
    „Jean-Pols Vorgehen mag unorthodox erscheinen/ sein (was ihm aber gewiss bewusst ist), nichtsdestotrotz hat es seine Berechtigung. Und zeitigt (zumindest bei mir) einige Folgen.“
    – Meine Domäne ist die Didaktik. Wie organisiert man Lernprozesse? Als erstes, indem man die Scheu vor dem Gegenstand nimmt: es gibt nichts, was du nicht durch Arbeit und Kommunikation lernen kannst! Die Philosophie wirkt auf dich einschüchternd, wage dich ran, du wirst sehen: die Philosophen kochen auch nur mit Wasser, sie erzählen sehr viel Blödsinn, aber viele Gedanken wirst du auch fruchtbar aufgreifen können. Das ganze macht Spaß. Und wenn ein Spezialit dir voll Zorn die Beschäftigung mit seinem Fachgebiet untersagen will, lasse dich nicht verjagen.

    „Übrigens: Epikuräer und Stoiker waren in der späteren Antike tatsächlich nicht so weit voneiander entfernt, wie es wirkt, wenn man nur ihre Lehren nebeneinanderstellt
    Und Nietzsche hätte sich selbst wohl auch nicht auf die „aurea mediocritas“ berufen – da liegt Jean-Pol sicher auch historisch nicht so falsch.“
    – Genau darauf kommt es mir an. Auch als Laie möchte ich auf keinen Fall Falsches beschreiben. Und das ist auch gerade das Faszinierende, dass ich als Autodidakt genau die Verwandtschaft zwischen Epikur und die Stoiker und die Opposition zu Nietzsche hervorhebe, die für mein/unser Verständnis – auch der heutigen Welt – relevant ist. Maßhalten und Besonnenheit auf der einen Seite, Radikalität auf der anderen. Damit kann ich, damit können wir besser die Entwicklung der Geistesgeschichte nachvollziehen. Und auch unsere eigene „bipolare“ Konstitution als Mensche besser verstehen und handhaben.

  44. @Frieder
    Das Problem ist, dass du durch deinen Zorn das Denken nicht förderst sondern hemmst. Das war immer schon meine Schwierigkeit in der Schule und in der Uni: Gralshüter des Wissens. Und daher habe ich auch LdL entwickelt, das den Lernwilligen nicht belehrt und demütigt, wie du es hier mit mir tust, sondern ihm Mut macht!

  45. Also Zorn mag Dein Problem sein – gewesen sein -meines ist es nicht.
    Belehrung als Demütigung? Na, jetzt versteigen Sie sich aber. Wenn man Fragen stellt, sollte man damit rechnen & es aushalten, dass jemand antwortet.
    Die kleinen Kritiken an der obersten Oberfläche haben, schaut man auf die Anzahl der Beiträge, das Denken schon etwas gefördert. Hab ich den Eindruck.
    Im Übrigen … aber ich muss arbeiten … bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss.
    Also nur Mut, immer fröhlich & alle Angaben ohne Gewehr. (Danke Picki)

  46. @Monika
    „Und zeitigt (zumindest bei mir) einige Folgen.“
    – Große Freude für mich!:-))
    @Jutta
    „ein ansatz ist „respektlosigkeit“, ohne sie hätte ich selbst keinen zugang gefunden, denn ich habe keine humanistische hochbildung in jungen jahren genossen. -“
    – Super. Wir bleiben dran!:-)

  47. @Frieder
    Wahrscheinlich interpretiere ich Ihren Stil falsch. Da ich mich – insbesondere als Lehrer – angewöhnt habe, nie Begriffe wie „Unsinn“, „falsch“, „verfehlt“, „schief“ usw. gegenüber anderen Menschen zu verwenden, reagiere ich auf Ihre (vielleicht wohlgemeinten/schmunzelnden) Spitzen zu empfindlich.

  48. @martin
    Das mag so sein. #Empfindlichkeit bei Anspielungen
    Nicht nur im Alltag auch in der Literatur begegnet man, wie Sie wissen, klaren Worte durchaus. Mit zu denken wäre dabei, dass es sich natürlich immer um die Ansicht dessen handelt, der spricht oder schreibt.
    Und als Lehrer habe ich erfahren, dass deutliche Benennungen, auf den Punkt gebrachte, geklärte Begriffe, treffend sind und öfter verstanden werden, wie sie gemeint sind. (Sie dürfen jetzt Mitleid mit meinen Schüler/-innen haben, die sich grade fröhlich von mir verabschiedet haben. #Abitur)
    Nicht erst seit dem letzten Jahrhundert ist DIE Hauptaufgabe der Philosophie Sprachkritik.

    Zudem scheint es übliche Praxis, bei mangelnden Sachargumenten auf die Metaebene zu wechseln und über Stilfragen zu reden, was persönliche Polemik in der Regel eher notdürftig kaschiert. Ich finde immer interessant, zu beobachten, bei der wievielten Erwiderung innerhalb eines Diskurses dieser Ausweg gewählt wird.
    Es gibt diese Haupt- & Nebenwege. (P. Klee) Am Beginn unseres Hauptweges stand eine vereinsamte Tugend, die Mäßigung, deren Trennung von ihren Schwestern Klugheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit vermutlich mit dazu beitrug, sie mit Mittelmäßigkeit zu assoziieren.
    Das nenne ich einen groben Fehler – ohne Sie damit angreifen zu wollen. Sie haben ihre Gründe, ich versuchte meine anzudeuten.
    Also: weder Zorn noch Demütigung, eher der stümperhafte Versuch meinerseits ein paar Präzisierungen zu bewerkstelligen mit, zugegebenermaßen, mäßigem Erfolg.
    Aber, wir bleiben dran.

  49. @Frieder
    „Zudem scheint es übliche Praxis, bei mangelnden Sachargumenten auf die Metaebene zu wechseln und über Stilfragen zu reden, was persönliche Polemik in der Regel eher notdürftig kaschiert.“
    – Oh Frieder! Kannst du denn nie Ruhe geben!

  50. @martin
    Ach, darum gehts? #Ruhe geben
    Sorry, das hab ich wohl gründlich missverstanden.

    (Aber das Schöne bei einer Kommunikation ist doch gerade, dass man zurückfragen kann.)

    😉

  51. @Frieder
    „zugegebenermaßen, mäßigem Erfolg.“
    – Aber die zentrale Frage hier ist, ob die Beschreibung einer Opposition zwischen Epikur/Stoiker/Zyniker/Skeptiker auf der einen Seite und Nietzsche/Romantik auf der anderen Seite „unsinnig“ ist oder nicht. Das war doch der Ausgangspunkt. Und ich habe inzwischen gute Gründe zu glauben, dass mein Vorschlag auch inhaltich und historisch richtig ist. Deine Kritiken scheinen in erster Linie den Mangel an Ausdifferenzierung zu treffen und nicht die sachliche Richtigkeit. Da ich aber immer wieder betone, dass ein zu hoher Auflösungsgrad eher hinderlich für das Verständnis größerer Zusammenhänge und ich eine Reduktion (oder Kompression) der Komplexität anstrebe, so drehen wir uns im Kreis. Letztlich hat die von deiner Kritik ausgelöste Diskussion mich dazu geführt, dass ich die Qualität meines Zugangs erstmals herausgearbeitet habe. Bzw. das sage ich ausdrücklich denn ich bin nicht allein: wir haben zusammen mit Andreas, Apanat, Jutta und Monika, Klaus und Mischpat erkannt, wo die Stärken unseres Zugriffes liegen.

  52. @martin
    Da hapert es schon etwas mit dem Verständnis, die Differenzierung ist zunächst Ihr Problem, ich habe Bedenken gegen Begriffsinhalte formuliert. Mir fehlte die Präzisierung.

    Aber Auslöser einer Qualitätssteigerung der Beschreibung eines „Zugriffs“ zu sein, auch noch für eine ganze Gruppe, ist natürlich schmeichelhaft.
    Bedauerlich, dass davon kaum etwas bei mir ankam. Gibts noch ein weiteres Forum?

    Wenn ich mal die m. E. eher untauglichen Referenzen weg lasse, las ich ursprünglich eine Gegenüberstellung zweier Lebens-Dispositionen – in meinen Worten – so:
    Einer ausgeglichenen Gelassenheit – Coolness, würden meine Buben sagen -, stand die leidenschaftliche Extrovertiertheit gegenüber.
    Da steht der Besonnenheit, stets kontrollierter, „kleiner“ Emotionen verbunden mit einer distanziert beobachtenden Einstellung, über der gelegentlich ein grauer, eintöniger, tendenziell langweiliger Lethargieverdacht schwebt, auf der anderen Seite eine extatische, dionysische, orgiastische zu Gefühlsausbrüchen neigende Form gegenüber, deren bunter Überschwang höchste Höhen und dramatischte Tiefen kennt und deren hohe Lebhaftigkeit dem Klischee des Genies unverwüstlich verbunden bleiben wird, wobei manchmal bloß unreife Aufgeregtheiten die Hauptrolle spielen mögen.

    Nach der Aufforderung, theoretischen Ballast abzuwerfen, stellt sich mir der knapp skizzierte Plot so dar.
    Eine Gegenüberstellung also, die zunächst in der Adoleszenz eine Rolle spielen mag.

    Und was war daran jetzt Ihr „Vorschlag“? Ursprünglich schloss die Vorstellung ja mit dem bedeutungsdräuenden „Was nun?“.
    Welcher „Zugang“ oder gar „Zugriff“ hat sich denn nun ergeben?
    Vielleicht auch fern ab möglicherweise unnötiger philosophischer Grundierung.

  53. @martin
    Zur Klarstellung: Der Unsinnigkeitseinwand bezog sich nicht auf die pubertäre Gegenüberstellung insgesamt, wie fälschlicherweise behauptet wurde. Die Vokabel taucht in einem sehr viel präziseren Zusammenhang auf:
    „Den Hedonismus Epikurs mit den Stoikern in einem Topf unterzubringen, erscheint mir einfach unsinnig.“
    Das finde ich weiterhin und werde das bei Bedarf gerne begründen, was keine Drohung sein soll.
    😉

  54. Ich habe nicht alle Kommentare gelesen, aber auf den Ausgangspunkt möchte ich eingehen. In der östlichen Philosophie gibt es das Konzept von Ying und Yang, zwei gegensätzlichen Polen, die dennoch auch immer Teile des anderen enthalten – das symbolisieren die beiden kleinen Kreise im bekannten Symbol. Demnach trüge jeder Besonnene auch ein bisschen Exaltiertheit (das Wort habe ich hier gelernt 🙂 ) in sich und umgekehrt – als Potenzial. Denn Ying und Yang stehen auch immer im Fluss und gehen ineinander über; dann gäbe es kein „stabiles Mittelmaß“.

  55. wie mir scheint kann man philosophische texte unterschiedlich behandeln oder auch misshandeln ;:-)

    ich kann sie streng in ihrem kontext erforschen und sehen, was es an gesicherten quellen gibt.

    ich kann pendeln zwischen meinen aktuellen persönlichen fragestellungen und den aussagen dazu in den texten. diese form ist riskant, wenn ich den anspruch habe, die autoren verstehen zu wollen, aber anregend für lebensweltliche angelegenheiten.

    oder, ich lasse den anspruch die autoren verstehen zu wollen, ausdrücklich beiseite, und lese die texte wie ich mir abstrakte bilder anschauen kann (hier: nicht kunsthistorisch) und projiziere, interpretiere wild drauf los, löse elemente bewusst aus ihrem kontext und setze sie nach belieben mit anderen zusammen, so dass sie mich ansprechen. das wäre dann eine art geschichten erzählen….

    philosophie ist für mich in erster linie das denken, den denkprozess zu
    schulen und zu beleben. insofern wäre auch die letzte variante philosophieren.

  56. @Jutta
    Wirklich erfreulich zu sehen, wie unterschiedlich man an die Philosophie herangehen und wie fruchtbar jeder Zugriff sein kann! Wie du weisst, versuche ich die einzelnen Philosophenpositionen mithilfe der Sekundaerliteratur zu erfassen, zu memorieren und in Beziehung zu den anderen zu setzen. Es ist auch besonders spannend zu sehen, wie ein Motiv, das bereits in der Antike aufkommt, immer wieder verschwindet um viel später wieder aufzutauchen, wie beispielsweise der Falsifikationismus, der bei Xenophanes, bei Francis Bacon und später bei Popper eine wichtige Rolle spielt.

  57. Was ist legitimer Umgang mit einer Philosophie?
    Schiller hat sich von Kant abgesetzt, als er merkte, dass dessen Radikalität ihm schadete, Kleist hat den Freitod gesucht. Es gab weit mehr Gründe als Kants Lehre, aber erschüttert war auch er von ihr.
    Ein Philosophieprofessor darf sich nicht Kants oder Hegels Lehre so zurechtschneiden, damit er sie verdammen oder in den Himmel heben kann. Er muss sie schon möglichst präzis zu verstehen suchen.
    Marx hat für seine Zwecke Hegels System auf das gestellt, was er als die Füße ansah. Das scheint mir legitim. Was Lenin und Stalin ihrerseits aus dem Marxismus gemacht haben, ging dann freilich über eine Veränderung der Philosophie hinaus.

  58. Es gibt eine ganze Reihe von Aussagen über Philosophen und Philosophien, die unbestritten sind. So vertritt – um ein einfaches Beispiel zu nehmen – Augustinus den Standpunkt, dass der Glaube den Vorrang gegenüber dem Verstand hat. Dagegen ist Abélard der Meinung, dass der Glaube der kritischen Einsicht folgt. Für Thomas von Aquin gibt es Bereiche der Erkenntnis, zu denen entweder die Philosophie Zugang verschafft oder die Offenbarung.
    Hier gibt es nichts zu bewerten, sondern nur die verschiedenen Positionen in Beziehung zu setzen und Entwicklungslinien aufzuzeigen.

  59. oh mein stichwort zum thema: offenbarung =)

    „An den Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: So spricht Er, der -Amen- heißt, der treue und zuverlässige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: Ich kenne deine Werke. Du bist weder kalt noch heiß. Wärest du kalt oder heiß!

    Weil du aber lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien.“

    Offenbarung 3:14-16 (Bibel, Einheitsübersetzung Herder 1980)

  60. @Filterraum
    Und da waeren wir wieder bei der Ausgangsfrage!

  61. bi- und multipolar

    unter solcher konstitution scheinen tiere eben nicht zu leiden, sie folgen mehrheitlich ihrem instinkt (es gibt auch dort erstaunliche neue forschungsergebnisse, interpretation noch offen) und polaritäten können sich nicht in ihrem bewusstsein festsetzen.-

    menschen dagegen verinnerlichen konstrukte, die ihnen eine geistig-psychische kontinuität bieten, mit vielen vorteilen verbunden.
    dieser vorteil wird m.M. nach damit erkauft, dass diese kontinuität nur dadurch erreicht werden kann, dass (früh erworbene) konstrukte zähflüssig werden (in der sprache der hirnforschung sich strukturell niederschlagen) und sich damit evtl. notwendigen anpassungen widersetzen.-

    kinder sind wohl grundsätzlich „bipolar“, himmel hoch jauchzend im einen moment, zu tode betrübt im nächsten. paranoid und vertrauensseelig, etc. etc.
    diese entwicklungsstufe wird dadurch „überlernt“ , dass einfühlsame erwachsene eine vermittlung, eine art mediation, anbieten. geschieht dies unzureichend, bleiben die pole isoliert von einander und undifferenziert.
    bei erwachsenen führt dies meisst zu interaktionsproblemen. –

    Tina Turner scheint diesbezüglich eine gelungene lebensform gelungen zu sein: wie ich in einem interview hörte tobt sie sich nach wie vor bei ihren auftritten aus. dazwischen zieht sie sich in ihrer wohnung zurück, meditiert, folgt ihren bedürfnissen nach ruhe, reflexion etc.-

    bei der entdeckung eines neuen gegenstandes oder einer neuen erlebensqualität, emotion, nehmen kinder gern das eine für alles. in der geistesgeschichte, der kollektiven entwicklung von metaebenen, scheint mir ähnliches beobachtbar zu sein.

  62. @Jutta
    Du beziehst dich wohl auf diesen Satz: „Und auch unsere eigene „bipolare“ Konstitution als Mensch besser verstehen und handhaben.“
    – Ich finde deine Ausführungen sehr interessant. Dieser Unterschied zwischen Tier und Mensch in Bezug auf die Bipolarität war mir natürlich nicht klar.
    Falls jemand sich näher mit dem Thema Bipolarität befassen will, hier der Link auf den Wikipedia-Artikel, wobei es sich hier um pathologische Fälle handelt:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Bipolare_St%C3%B6rung

  63. Zur Klärung: der Ausgangspunkt meines Blogeintrages war, dass mich das Problem der Bipolarität beschäftigt hatte und dass ich in der Geschichte der Philosophie die beiden Pole sehr deutlich zu erkennen glaubte (vereinfachend): die Griechische Philosophie, die als Ziel des Lebens das Glück und als Weg die Besonnenheit und Genügsamkeit vorschlägt im Gegensatz zu Nietzsche, oder zur Romantik, für die das Glück nicht als primäres Lebensziel angesehen wird und aurea mediocritas nicht als entscheidende Haltung.
    http://www.uni-weimar.de/medien/medman/sites/ws0304/hans/hans_content/romantik_moderne_wistingshausen.pdf

  64. […] Jutta Dietberg zeigt uns Möglichkeiten auf: wie mir scheint kann man philosophische texte unterschiedlich behandeln oder auch misshandeln ;:-) […]

  65. @Jean-Pol „Dieser Unterschied zwischen Tier und Mensch in Bezug auf die Bipolarität war mir natürlich nicht klar.“

    der unterschied liegt darin, dass tiere, lässt man sie in einem einigermassen natürlichen umfeld, keine neurosen entwickeln und wenn sie doch so etwas wie „neurosen“ entwickeln, dann fehlt diesen die sprachliche dimension, der überbau sozusagen.

    wichtiger finde ich meine aussage, dass der umgang mit emotionen und den dazu gehörigen dimensionen, erst gelernt werden und in relationen gesetzt werden muss.

  66. @martin
    „die Griechische Philosophie, die als Ziel des Lebens das Glück … vorschlägt im Gegensatz zu Nietzsche, oder zur Romantik, für die das Glück nicht als primäres Lebensziel angesehen wird “.

    Die Romantik schwört aus Ihrer Sicht dem Streben nach Glück ab? Wie kommen Sie darauf?
    Die direkt im Anschluss verlinkte Arbeit führt das Gegenteil aus:

    http://www.uni-weimar.de/medien/medman/sites/ws0304/hans/hans_content/romantik_moderne_wistingshausen.pdf:

    „Oder sollten wir vielmehr die einfachen Glücksmomente unseres alltäglichen Lebens wahrnehmen und neu schätzen lernen, wie es die Romantiker taten?“

  67. „schwört aus Ihrer Sicht dem Streben nach Glück ab“
    – Nein, sie schwört es nicht ab. Das Streben nach – irdischem – Glück steht aber nicht im Vordergrund. „(…) nicht als PRIMÄRES Lebensziel(…)“. Es gibt höhere Werte/Ziele.

  68. Wenn man der verlinkten Arbeit folgen wollte, müsste man um glücklich zu werden wie „die“ Romantiker religiös werden.
    Nun hat dies Erstsemester vielleicht von Friedrich von Hardenbergs Schrift „Die Christenheit oder Europa“ und der Rückwendung zum Mittelalter gehört, aber offenbar von Schellings Philosophie noch recht wenig rezipiert.
    Natürlich gab es Romantiker, die religiös waren und Clemens von Brentano ist nach seiner schöpferischen Phase sehr wundergläubig geworden. Das, was der Student beim Taugenichts an munteren Glückshoffnungen sieht, sieht bei Eichendorff insgesamt freilich schon wieder ganz anders aus.
    Das typisch Romantische am Taugenichts ist weniger sein Glücksoptimismus als seine Ablehnung des Spießertums und die Sehnsucht in die Ferne. Angestebt wurde in der Romantik Entgrenzung, nicht Mäßigung (wie in der Klassik), sondern Öffnung zum Unendlichen. Dafür steht als Symbol die blaue Blume. Aber die Suche danach ist nicht glückverheißend, sondern verspricht nur ein ständiges Streben. Eine charakteristische Zeile fasst es in „Dort, wo du nicht bist, da ist das Glück.“
    Das heißt selbstverständlich nicht, dass „die“ Romantiker nicht anstrebten, glücklich zu werden, aber das Streben hatte bei den chrakteristischsten Vertretern ambitioniertere Ziele als möglichst große Zufriedenheit.

  69. Wenn Ihr Romantiker also das Streben nach Lebensglück zurückstellt, nicht als PRIMÄRES Lebensziel verfolgt, welche höheren Werte/Ziele verfolgt er den dann Ihrer Meinung nach?

    Kleist schreibt dezidiert vom Anspruch auf Lebensglück. Darin schwingt immer noch die Idee des Glücks als Telos (Ziel), der in der menschlichen Natur angelegten Eudaimonia, (Lebensglück, Platon, Aristoteles), mit.
    Ramdohr erörtert Voraussetzungen des Lebensglücks: Tradition, Vererbung, Erziehung, diese werden in beispielgebenden Erzählungen entfaltet.
    Fichte argumentiert gegen studentische Zwiste, sie könnten das Lebensglück gefährden.
    Er nähert sich dem Konzept des bloß subjektiv empfundenen Glücks, (Hedonisten). Ein quasi objektives Telos, eine Disposition vielleicht sogar Bestimmtheit, wird durch eine subjektive, individuelle Empfindung ersetzt. Nun scheint Glück mögliches Ergebnis einer vernünftigen Lebensweise.
    Schelling wirft die Frage der Solidarität auf: „Welche Zuflucht außer dem Grabe bleibt dem Unglücklichen, der durch unverschuldete Schuld sein Lebensglück verscherzt, wenn nicht mehr diese wohltätige Gesellschaft ihm ihre Arme öffnet …“
    Diesen Romantikern steht das Glück des Menschen deutlich vor Augen. Ich kann nicht erkennen welche „höheren Werte/Ziele“ sie – oder andere? – statt dessen situieren sollen.?

  70. @apanat
    Vielen Dank für die sachlichen, ernsthaften Ausführungen.
    Mir scheint, dass hier der glückliche Moment, des zufällig, dem Menschen „zufallenden“ Glücks (Eutychia) durch ihm günstige, besondere, außergewöhnliche Umstände, thematisiert wird, was sich in Entgrenzung, Transzendenz – sicher besonders religiös verstanden – zeigt.

    „Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück.“ heißt es am Schluss des Schubert Liedes „Der Wanderer“. Schuberts Glück scheint tendenziell unerreichbar. Der Kontext gibt Hinweise darauf was gemeint sein könnte. Schubert thematisiert vielleicht eine melancholische Empfindung, politische Aspekte spielen eine Rolle, sich in dieser Welt fremd zu fühlen, fehl am Platz zu sein, er geht doch aber deutlich von einem Streben nach Glück aus und installiert keine Alternative.

    „Das heißt selbstverständlich nicht, dass „die“ Romantiker nicht anstrebten, glücklich zu werden, aber das Streben hatte bei den chrakteristischsten Vertretern ambitioniertere Ziele als möglichst große Zufriedenheit.“
    Ambitioniertere Ziele? Entgrenzung, orgiastische Momente, Öffnung zum Unendlichen (was immer das heißen könnte), Transzendenz – mögen andere Formen des Glückserlebens beschreiben, eine besonnene, mäßige, tugendhafte Lebensweise ist keineswegs erledigt.

  71. Ich behaupte nicht, dass „eine besonnene, mäßige, tugendhafte Lebensweise“ für „die“ Romantiker und insbesondere für Georg Philipp Schmidt von Lübeck in seinem Gedicht „Des Fremdlings Abendlied“ (von Schubert unter dem Titel „Der Wanderer“ vertont) „erledigt“ gewesen sei.
    Aber von der Frühromantik bis zur Spätromantik findet sich in den Aussagen führender Romantiker immer wieder eine Ablehnung der Anpassung an Regeln und die Bereitschaft für ihre neuen Ziele extreme Schwierigkeiten in Kauf zu nehmen, nicht zuletzt bei den auf Emanzipation bedachten Romantikerinnen, die in der damaligen Zeit durchaus nicht als Kennzeichen einer besonnenen, mäßigen, tugendhaften Lebensweise von Frauen galt.

  72. @martin
    Wenn Ihr Romantiker also das Streben nach Lebensglück zurückstellt, nicht als PRIMÄRES Lebensziel verfolgt, welche höheren Werte/Ziele verfolgt er den dann Ihrer Meinung nach?
    Kleist schreibt dezidiert vom Anspruch auf Lebensglück. Darin schwingt immer noch die Idee des Glücks als Telos (Ziel), der in der menschlichen Natur angelegten Eudaimonia, (Lebensglück, Platon, Aristoteles), mit.
    Ramdohr erörtert Voraussetzungen des Lebensglücks: Tradition, Vererbung, Erziehung, diese werden in beispielgebenden Erzählungen entfaltet.
    Fichte argumentiert gegen studentische Zwiste, sie könnten das Lebensglück gefährden.
    Er nähert sich dem Konzept des bloß subjektiv empfundenen Glücks, (Hedonisten). Ein quasi objektives Telos, eine Disposition vielleicht sogar Bestimmtheit, wird durch eine subjektive, individuelle Empfindung ersetzt. Nun scheint Glück mögliches Ergebnis einer vernünftigen Lebensweise.
    Schelling wirft die Frage der Solidarität auf: „Welche Zuflucht außer dem Grabe bleibt dem Unglücklichen, der durch unverschuldete Schuld sein Lebensglück verscherzt, wenn nicht mehr diese wohltätige Gesellschaft ihm ihre Arme öffnet …“
    Diesen Romantikern steht das Glück des Menschen deutlich vor Augen. Ich kann nicht erkennen welche „höheren Werte/Ziele“ sie – oder andere? – statt dessen situieren sollen.?

  73. Das Ziel ist die Wiederherstellung einer verlorengegangenen Harmonie. Die Triebfeder ist die Sehnsucht. Das Glück mag ein Ergebnis dieser Bestrebungen sein. Im Vordergrund steht das Bemühen, nicht das Resultat.

  74. @jeanpol
    meinst du mit verlorengegangener harmonie das paradies?

  75. @Filterraum
    Nicht direkt (das wäre zu konkret) sondern paradiesische Zustände, die in die Vergangenheit (Mittelalter) oder in exotische Länder (Amerkika) heingedichtet wurden. Solche offene Räume waren fruchtbare Projektionsflächen für Sehnsüchte.
    Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Romantik#Hintergrund
    „Treibende Kraft der deutschen Romantik ist eine ins Unendliche gerichtete Sehnsucht nach Heilung der Welt, nach der Zusammenführung von Gegensätzen zu einem harmonischen Ganzen. Symbolische Orte und Manifestationen dieser Sehnsucht sind nebelverhangene Waldtäler, mittelalterliche Kloster-Ruinen, alte Mythen und Märchen, die Natur etc.“

  76. @Filterraum
    Noch eindeutiger die der oben von mir zitierten Stelle vorangehende Passage:
    „Die Grundthemen der Romantik sind Gefühl, Leidenschaft, Individualität und individuelles Erleben sowie Seele, vor allem die gequälte Seele. Romantik entstand als Reaktion auf das Monopol der vernunftgerichteten Philosophie der Aufklärung und auf die Strenge des durch die Antike inspirierten Klassizismus. Im Vordergrund stehen Empfindungen wie Sehnsucht, Mysterium und Geheimnis. Dem in die Zukunft gerichteten Rationalismus und Optimismus der Aufklärung wird ein Rückgriff auf das Individuelle und Numinose gegenüber gestellt. Diese Charakteristika sind bezeichnend für die romantische Kunst und für die entsprechende Lebenseinstellung.
    Der Romantiker verortet einen Bruch, der die Welt gespalten habe in die Welt der Vernunft, der „Zahlen und Figuren“ (Novalis), und die Welt des Gefühls und des Wunderbaren.“

  77. @Filterraum
    Nebenbei: mein Ziel war es nach der Pensionierung, mir (nicht zuletzt auch mit Hilfe des Internets) Strukturen zu schaffen, die mich zwingen quasi flächendekend nachzudenken und damit mein Gehirn fit zu halten.
    Du hast deine Frage um 23:49 Uhr gestellt, ich habe sie um 5:17Uhr beantwortet, wobei ich vorher noch ein bisschen recherchiere musste!:-))

  78. @jeanpol

    ja verstehe.

    es gibt da diese saharasia these, in der James deMeo spekuliert, warum sich die welt so „herzlos“ entwickelt hat. kurz umrissen:

    Zitat Wikipedia

    Unter dem Titel »Saharasia« hat DeMeo seine Dissertationsschrift publiziert, in der er die These entwickelt, „dass mit dem Übergang von relativ feuchten zu extrem trockenen, wüstenbildenden Klimabedingungen in Nordafrika, dem nahen Osten und in Zentralasien um 4000 v. Chr. auch der Wechsel von matristischen (ungepanzerten) zu patristischen (gepanzerten) Gesellschaftsformen einhergegangen sei.

    http://de.wikipedia.org/wiki/James_DeMeo#.C2.BBSaharasia.C2.AB

    Zitat Ende

    eine ausführlichere darlegung findet sich hier
    http://www.holis.de/history/saha.php

  79. @Filterraum
    Der These müsste ich nachgehen, wobei ich zunächst prüfen müsste, inwiefern die Welt sich wirklich „herzlos“ entwickelt hat.

  80. […] Temperamentssache? Die Frage hat mich schon in der Vergangenheit […]

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