Philosophie: entnaivisieren!

Resume Im Augenblick bemühe ich mich, überall wo es nur geht Philosophie-Wokshops anzubieten. Warum und Wozu?

1. Warum

Weil ich nach einer sinnvollen,  intensiven und nachhaltigen Beschäftigung suche.

2. Wozu Philosophie?

Als Didaktiker steht im Zentrum meines Bestrebens die Erhöhung der Glückschancen meiner Schüler, Studenten und der sonst mit mir Befassten, inklusive meiner selbst. Ein wesentlicher Faktor dauerhaften Wohlbefindens – wenn nicht sogar der zentrale – ist die Kontrolle.

Kontrollerhöhung durch Beschäftigung mit Philosophie:
A. Ein Überblick über die philosophischen Positionen von der Antike bis zur Gegenwart schafft Kontrollgefühl indem man begreift, wie sich relevante Deutungsmuster historisch entwickelt haben.
B. Die Schemata, die kluge Menschen im Laufe der Geschichte erarbeitet haben, ermöglichen uns, unser Leben, den Alltag und die Welt besser zu begreifen (kognitiv unter Kontrolle zu bringen).
Als Bezugspunkte sind besonders zu nennen Sokrates, Platon, Aristoteles, Epikur, die Stoiker, Thomas Morus, die Utilitaristen, Nietzsche, Rawls.
Ferner stellt sich für mich auch die Frage, wie ich dieses Glücksinstrument „philosophische Interpretationsmuster“ möglichst ökonomisch einer Gruppe von Teilnehmern vermittele, mit der Hoffnung, dass sie rasch zu einer intensiveren und effektiveren Reflexion über ihren Alltag gelangen, dass ihre Glückschancen dadurch also erhöht werden.

3. Platon und seine Anhänger kritisch beleuchten

Um brauchbar kognitive Instrument zu erarbeiten, sollte man sich einerseits mit den Ansätzen befassen, die solche geliefert haben (z.B. die epikuräische Genügsamkeit), aber auch die Denkgebäude kritisch beleuchten, die Leid hervorgebracht haben. Und das sind just die Denkrichtungen, die immer wieder postulieren, dass man „nichts wissen könne“, dass es über unserer scheinbaren Wirklichkeit eine höhere Wahrheit gäbe, der wir nicht einmal einen Namen geben dürfen. So Platon, Plotin, Augustinus, Boethius, bis heute Wittgenstein.  Diese Positionen verstärken unsere ohnehin vorhandenen Ängste, vermitteln uns das Gefühl der Ohnmacht, der Dummheit, der Unfähigkeit, selbst unsere Schicksal in die Hand zu nehmen. Wer sich von solchen Vorstellungen befreit, hat Chancen auf mehr Glück (oder weniger Unglück). Ein Ziel meiner Aktivitäten ist es, möglichst vielen Menschen den Respekt vor tradierten, im Nimbus der Unfehlbarkeit stehenden Namen wie Platon, Hegel, Wittgenstein zu nehmen. Ich möchte entnaivisieren. Das ist meine Aufgabe und meine Pflicht als Didaktiker.

Quelle: Hier wird kollektiv Wissen über Philosophie konstruiert.

FazitKein Respekt vor großen Namen! Lasst Euch nicht einschüchtern!

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14 Antworten

  1. „Kein Respekt vor gr0ßen Namen! Lasst Euch nicht einschüchtern!“

    damit bin ich einverstanden, im Sinne von : seid euer eigener Experte im Nachfragen und Bewerten.

    Mein Begriff von Autonomie ist aber ein ganz anderer. Gerade diejenigen, die die nicht-kontrollbaren Aspekte der menschlichen Existenz leugnen werden zu Opfern von Programmen auf der Basis eines totalen Machbarkeitswahns. Heiterkeit entspringt meiner Meinung nach einer Akzeptanz von Grenzen. Einem Leben mit der Angst, nicht gegen sie. Und nur so lässt sie sich überwinden.

  2. @Jutta
    „Gerade diejenigen, die die nicht-kontrollierbaren Aspekte der menschlichen Existenz leugnen.“
    – Aber niemand leugnet die nicht-kontrollierbaren Aspekte der menschlichen Existenz. Es wäre ja ganz weltfremd. Es ist kaum etwas dauerhaft kontrollierbar in unserem Leben!

  3. „….Nimbus der Unfehlbarkeit…“

    ist es nicht so, dass im Prinzip alle Autoren selten explizit ihre Fehlbarkeit markieren ?
    Dies ergibt sich doch auch daraus, dass sie bestimmte Aspekte betonen und erst einmal heraus arbeiten wollen. (daneben gibt es natürlich auch Gründe der Postitionierung auf einem konkurrierenden Markt etc.) –

    Kann man wirklich bestimmten Philosophen diesen Nimbus mehr unterstellen als anderen ?

    Speziell in bezug auf Wittgenstein scheint mir das unangebracht. Erstens hat er sein 1. Werk total fallen lassen zugunsten eines Neuanfangs (Hut ab!) 2. möchte er mit seiner Sprachspieletheorie doch gerade dazu beitragen, dass Menschen im Alltag besser zurecht kommen. Einerseits durch Kenntnis dieser Sprachspiele, andererseits dadurch, dass sie nicht beginnen von etwas zu reden, ohne sich bewusst zu sein, welcher Sphäre der Inhalt angehört.

  4. @Jutta
    “….Nimbus der Unfehlbarkeit…” ist es nicht so, dass im Prinzip alle Autoren selten explizit ihre Fehlbarkeit markieren? Dies ergibt sich doch auch daraus, dass sie bestimmte Aspekte betonen und erst einmal heraus arbeiten wollen. (daneben gibt es natürlich auch Gründe der Postitionierung auf einem konkurrierenden Markt etc.)“

    – Du hast recht. Daher unterstelle ich nicht den einzelnen Autoren, dass sie bewusst eine bestimmte Wirkung auf die Rezipienten erzielen wollen. Ich nehme die Perspektive der Rezipienten ein und sehe den Effekt, den bestimmte Aussagen bei ihnen auslösen. Die Ideenlehre Platons liefert eine Blaupause u.a. für die Vorstellung eines streng hierarchisierten Staates, mit einer kleinen Elite, die nicht zuletzt aufgrund ihrer engen Nähe zum Reich der Ideen ihre Führungslegitimation ableitet. Auch wenn das Modell zunächst abstrakt bleibt, so hat es sich als Muster in allen Köpfen und Herzen eingefräst und aktualisiert sich in jeder Institution, in jedem Unternehmen, in jedem Verein. Top-down. Insofern führt Platon ein Modell ein, das totalitäre Züge trägt. Bei dieser Beschreibung befinde ich mich in guter Gesellschaft, denn auch Karl Popper kritisiert das Platonschen System. Platons Muster wird aufgegriffen und verschärft duch Plotin, Augustinus, Boethius, die Gott immer wieder als Unergründlich, Unbegreiflich in seinen Zielen und Entscheidungen, einer Entität, der man am liebsten stumm begegnet. In vielen Religionen wird der Name Gottes nicht ausgesprochen. Und ein ähnliches Muster finde ich wieder bei Wittgenstein; ich zitiere das Philosophenportal (S.373): „Mit der Klärung dessen, was sagbar ist, werden zwar Wissenschaft und Philosophie in die Schranken verwiesen. Sie erhalten aber einen untergeordneten Rang, weil in ihnen ‚unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind‘. Diese Lebensprobleme, wie das Problem des Todes, der Sinn des Lebens oder der Sinn der Welt, liegen jenseits von Wissnschaft und Philosophie. (…) Das, was jenseits dieser Schwelle liegt, kann nicht mehr gesagt, sondern nur gezeigt werden. Auf der letzten Seite des Tractatus erhält das Zeigen die Funktion, über das Rationale hinaus auf das Mystische zu verweisen.“ Der von Wittgenstein vorgeschlagene Weg ist der Schritt ins Mystische.
    Ich denke, dass eine „emanzipatorische“ Durchsicht der Geschichte der Philosophie die Positionen und Modelle kritisch durchleuchten muss, die Hinnahme des „Unbegreiflichen“ als Option darstellen.

  5. Zitat Jean Pol
    „….Ich denke, dass eine “emanzipatorische” Durchsicht der Geschichte der Philosophie die Positionen und Modelle kritisch durchleuchten muss, die Hinnahme des “Unbegreiflichen” als Option darstellen….“

    Für mich lautet das etwa so: „….Ich denke, dass eine “emanzipatorische” Durchsicht der Geschichte der Philosophie die Positionen und Modelle kritisch durchleuchten muss, die die Hinnahme des “Unbegreiflichen” als Option darstellen….“ um sie mit konkreten Ableitungen bezüglich Hierarchen und Machtverhältnissen zu verschmelzen.

  6. Lieber Jean-Pol,

    in punkto Philosophen lasse ich mich gerne darauf ein, mich entnaivisieren zu lassen… allerdings habe ich bedenken, was danach kommt?

    Ungefähr vergleichbar mit dieser Illusion (von Hollywood geschürt), es gebe so etwas wie eine romantische andauernde Liebe. (Deshalb hört ja (fast) jeder amerikanische Film mit der Hochzeit/ dem Zusammenkommen der Liebenden auf… ).
    Wir (mich nicht unbedingt ausgeschlossen) neigen dazu, uns davon einlullen zu lassen und an diese Illusion zu glauben… aus Angst, was danach kommt.

    Meine Frage also…

    … habe ich die Philosophen vom Socken gestoßen… wer bin ich dann?

    [falls ich mal wieder in Rätseln spreche, bitte kurze Rückmeldung, dann formuliere ich anders/ um]

    Freue mich auf jeden Fall auf ein (erneutes) Abenteuer…

    die mons7

  7. …. oops… mal wieder meinen Beitrag nicht nochmals durchgelesen… bitte um Verzeihung…

    … ich will die Philosophen vom SockeL stoßen,…

  8. @Jutta
    „um sie mit konkreten Ableitungen bezüglich Hierarchen und Machtverhältnissen zu verschmelzen.“
    – OK.
    @eLEx
    „… habe ich die Philosophen vom Socken gestoßen… wer bin ich dann?“
    – Die Philosophen bieten ja einen ganzen Katalog an Denkmustern, die sehr brauchbar sind. Es geht mir darum, die für unsere Konstruktionen nützlichen Bausteine zu erkennen und zu sammeln. Das gilt für alle Denker, von Thales bis zu Singer. Unser Ziel ist nicht in erster Linie, die Philosophen vom Sockel zu stoßen, sondern uns an ihren guten Ideen zu bedienen, und die weniger guten Modelle abzulegen. Wer du dann bist? Du bist dann jemand, der selbst seine eigene Philosophie konstruiert und im Alltag erprobt hat.

  9. Zitat Jean-Pol „B. Die Schemata, die kluge Menschen im Laufe der Geschichte erarbeitet haben, ermöglichen uns, unser Leben, den Alltag und die Welt besser zu begreifen (kognitiv unter Kontrolle zu bringen).“

    Was ich an einer aktuellen Strömung in der Philosophie faszinierend finde ist, dass sie sich nun endlich auch den Gefühlen zu wendet. Denn ohne dies läuft sie meiner Meinung Gefahr den menschlichen Erfahrungen nicht gerecht zu werden.

    In ihrem Buch „Philosophie der Gefühle“ befasst sich Sabine A. Döring z.B. mit Themen wie
    „Die Rationalität der Gefühle“
    „Philosophie der Gefühle als empirische Wissenschaft“.

    http://www.amazon.de/gp/reader/3518295071/ref=sib_rdr_toc?ie=UTF8&p=S006&j=0#reader-page

  10. @Jutta
    Das Buch ist vielversprechend. Es hilft uns, die Gefühle „kognitiv“ zu erfassen.

  11. @Jutta
    Danke sehr! Sobald ich ein bisschen Zeit habe, hören ich mir diesen Text an. Im Augenblick bereite ich mich für heute Nachmittag vor (VHS): „Plotin, Augustinus, Thomas von Aquin, Machiavalli, Thomas Morus, Francis Bacon“.
    Liebe Grüße.

  12. Hallo,
    wie angekündigt eine kleine Anregung, was gesellschaftsphilosphisch auf Rawls folgte:
    Die Kommunitaristen (The Communitarians) – nicht zu verwechseln mit den Kommunisten ;-).
    Im Anschluss an Rawls „Theory of Justice“ hat sich in den USA und in GB eine Diskussion über das liberale Menschenbild und seine Tragfähikgeit ergeben. Während die „liberitarians“ den Menschen und seine Möglichkeiten weitgehend isoliert betrachten, versucht der Kommunitarismus dies in eine Gemeinschaft einzubetten. In etwa zur gleichen Zeit passierte ähnliches auf empirischer und soziologischer Ebene.
    Politisch kann man die Denker schwer zusammenfassen. Sie reichen von konservativen, über liberale bis hin zu linken Denkern. Im Zentrum steht aber immer das Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft.
    Die ideengeschichtlichen Wurzeln sind demnach auch weit gestreut, beginnend bei Aristoteles & Aquinus über Rousseau & Hegel bis hin zu den Kibuz-Theoretikern und Rawls.

    Ich denke für ihre gesellschaftspolitischen Ziele sind das durchaus interessante Vorlagen, die teilweise genau ihre Thematiken unter die Lupe nehmen, je nachdem mit wem man sich beschäftigt.

    Zum Einlesen würde ich empfehlen:
    Michael Haus: Kommunitarismus. Einführung und Analyse. Westdt. Verlag, Wiesbaden 2003

    Walter Reese-Schäfer: Kommunitarismus. Campus Einführungen. Frankfurt am Main/New York 2001

    wichtige Vertreter des Kommunitarismus:

    Soziologischer Praktiker: Amitai Etzioni
    etwas düsterer Ethiker: Alisdair MacIntyre
    liberaler Philosoph: Michael Walzer
    grundsatz Demokrat: Ben Barber

    nicht zu vergessen: Charles Taylor & Michael Sandel

    (Natürlich gibt es noch mehr, aber das dürfte für den Anfang reichen)

  13. @Anna
    Super! Sehr hilfreich!!!

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