Zukunft der Schule und digitales Lernen. (#Cebit10)

Resume Am kommenden Samstag werde ich auf der Cebit in Hannover auf dem Podium sitzen. Zur Vorbereitung hat uns der Moderator ein paar Fragen geschickt.

Hier meine Gedanken:

1. Paradigmenwechsel: von top-down zu bottom-up

Seit der Antike (Platon:-)) hat sich das top-down-modell in unsere Köpfe und Herzen eingefräst. Klar, dass dieses Muster auch biologisch vorgegeben ist (Tiere ordnen sich meist einem Rudelführer unter).Allerdings gibt es Phasen, in denen das Top-down-Format, weil es veraltete Strukturen zementiert, nicht mehr funktionstüchtig ist. Es kommt eine lebhafte Bottom-up-Periode, und in einer solchen sind wir gerade.

2. Top-down in Schule und Uni, bottom-up außerhalb

Es herrscht top-down in den Schulen, und noch mehr top-down in den Unis, wo das Einschüchterungspotenzial des (falsch interpretierten) „Humboldtschen Bildungsideals“ gewaltig ist. Ein grausames Bild: Tag für Tag wandern Massen von jungen Menschen in Gebäude und Halden, in denen sie instruiert werden. Sie bekommen portionsweise (häppchenweise) Informationen, die sie nach einem vorgegebenen Schema verarbeiten müssen. Früher war es legitim, denn es gab keinen anderen Ort als Schule und Uni, wo Informationen bereitgehalten wurden. Aber heute? Heute ist es eher so, dass es überall relevante Informationen gibt, die man frei verarbeiten kann, nur an Schule und Uni nicht! Außerhalb von Schule und Uni wird ob bewusst oder nicht, in Projekten gelernt. Menschen kommen für eine bestimmte Zeit zusammen, arbeiten virtuell intensiv miteinander, treffen sich manchmal face-to-face und liefern die Ergebnisse ab. Auf wiedersehen! Und so wird das Bildungssystem der Zukunft organisert sein.

3. Was steht noch im Wege?

An Unis stehen im Wege die Profs.Drs.Bedenkenträgerundverfechterdesaltenbildungsideals. Die Progressiveren versuchen sich anzupassen und führen beispielsweise Blogs, aber mit Vorsicht und im alten akademischen Stil. Sie versuchen die Barriere zwischen „wissenschaftlich“ Gebildeten und Normalbüger aufrechtzuerhalten (natürlich unbewusst). An den Schulen sind die meisten Lehrer willig, aber sie bewegen sich organisatorisch in Strukturen, die ihnen den raschen Wandel erschweren. Es wäre doch viel besser, wenn die draußen herrschende Projektstruktur auch in den Schulen umgesetzt würde. Das würde viele Disziplinprobleme lösen, denn man muss nicht mehr die jungen Menschen so kontrollieren und so zwingen.  Das muss man zwar auch, aber nicht so kleinschrittig, wie es heute der Fall ist.

4. Die bottom-up-Montur

Der bottom-up-Aktive hat im Kopf

*ein schlankes Bildungskonzept: das macht ihn zielsicher und handlungsfähig,

*ein schlankes Selbstkonzept: das macht ihn heiter und fröhlich,

*ein schlankes Verhaltenskonzept: das macht ihn schneller, kommunikativer, lustiger.

Fazit Alles wird gut!

Advertisements

34 Antworten

  1. Dann steige ich doch hier mit ein 🙂

  2. @Oliver
    Super, dass du schon so früh einsteigst!

  3. Ist „Lernen durch Lehren“ automatisch „Bottum up“?

  4. Habe das bisher Geschriebene gelesen. Teil 2 ist klasse, bei Teil 3 fühle ich mich auch direkt angesprochen.
    Ich arbeite heute Abend mal die Fragen ab, dann können wir gezielter diskutieren.

  5. bottom up. Kann ich nur bestätigen. In den letzten Monaten, seit ich damit beschäftigt bin, auf irgendeine Weise mein Wissen zu vertiefen habe ich soviel gelernt wie nur selten. Ich habe allerdings ein Problem mit dem „unbewußt“ als Barriere zwischen Gebildeten und Normalbürger. Ich glaube nicht, dass es „unbewußt“ geschieht. Ich könnte jetzt ausfällig werden, mach ich aber nicht. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass es nicht „unbewußt“ geschieht.

  6. @Diegoere
    Ja, LdL ist im Kern bottom-up: der schüler blickt ohne barriere auf den stoff. Der lehrer schiebt sich nicht zwischen den schüler und den stoff. Er schaut aus der schülerperspektive auf den stoff.

    @Petra
    „Ich glaube nicht, dass es “unbewußt” geschieht.“
    – Die leute denken nicht bewusst „durch die schwere sprache und die wissenschaftlichen überhöhungen verhindern wir, dass bildungsferne leute uns die butter vom brot nehmen“.

  7. Wie definierst Du „bildungsferne“? Es besteht immer die Möglichkeit, diese Menschen mitzunehmen.

  8. ich verstehe Bottom-up im Zusammenhang mit dem Bildungssystem als „von den Bürgern ausgehend“, „kommunal verankert“ – als bewußte Alternative zum staatlichen Monopolanspruch. (s. hier: http://www.relearn.de/?p=473). Ich würde Deine Bottom-Up Montur noch ergänzen um:
    – Autonomie der Organisationen,
    – Autonomie der Personen und
    – Freiheit in der Gestaltung
    Viel Erfolg auf der CEBIT! bin leider nicht dabei!

  9. @jeanpol

    auch wenn es für dich vielleicht nach so vielen jahren etwas langweilig ist, würde ich mir eben LDL viel mehr als integralen, ja schon fast fundamentalen baustein in deinen texten immer wieder wünschen.

  10. „Was steht noch im Weg?“
    An der Stelle wird es interessant und vielleicht geht es nicht darum, was (noch) im Weg steht, sondern wer alles auf dem Weg steht und geht und wie man gemeinsam, den absolut überfälligen, neuen Weg beschreiten kann.
    Alte Pfade zu verlassen fällt schwer. Am besten bringst du ein paar Vorschläge mit, wie der Weg zumindest mal kurzzeitig verlassen werden kann.
    Die Energie würde ich auf die neuen Wege richten und nicht so sehr darauf, die alten Wege davon zu überzeugen sich neu auszurichten. Asphalttierte Straßen sind nicht gerade sehr flexibel…

  11. @alexander
    exakt. Daher liegt der schwerpunkt auf punkt 4!

  12. Einen schönen guten Morgen!

    Zu Punkt 1:
    „Klar, dass dieses Muster auch biologisch vorgegeben ist (Tiere ordnen sich meist einem Rudelführer unter).“
    @jean-pol:
    Lieber Jean-Pol, hier habe ich andere Erfahrungen (mit meinem Hund machen dürfen). Vielmehr lebe ich (und ich habe das auch schon bei anderen beobachten dürfen) mit meinem Hund in der Form zusammen, dass immer der gerade die Führung übernimmt, der besser in der jeweils gemeinsam avisierten Aufgabe ist.
    Das mag man mir jetzt glauben oder nicht, aber m.E. ist auch die Art wie wir unsere Tiere halten derart von Deiner o.g. Vorstellung geprägt, dass wir uns auf „natürlichere“ Modelle gar nicht einlassen können/ wollen (weil zusehr aus dem Rahmen fallend).

    Zu Punkt 2:
    Das Prinzip ist so allgegenwärtig, dass es als „normal“ (Norm, normierend) anerkannt wird, also für (die meisten von) uns nicht sichtbar. Ich glaube, es braucht zuerst eine Art „kritische Masse“ an Menschen, für die dieses Prinzip sichtbar ist, sonst kann ein Individuum da relativ wenig ausrichten (und fühlt sich immer irgendwie „verkehrt“, weil das herrschende Paradigma mit dem eigenen nicht übereinstimmt). Ergo: Um es nicht beim „Tropfen auf den heissen Stein zu lassen“, brauchen wir (mehr) Menschen, die sich auf diese Art der Denke überhaupt einlassen können.

    Zum Punkt 3: gehe ich absolut mit Alexander konform: „Asphalttierte Straßen sind nicht gerade sehr flexibel…“ …. und wünscht mir ebenso einen Blog-Beitrag zu „Neue Wege“ an dieser Stelle!

    Bis auf weiteres

    mons7

  13. @christian grune
    Ich werde deine texte noch einmal durchlesen zur Vorbereitung und dort bei bedarf zitieren.

    @Michael
    „würde ich mir eben LDL viel mehr als integralen, ja schon fast fundamentalen baustein in deinen texten immer wieder wünschen.“
    – Ich verliere LdL etwas aus den Augen. Aber du hast recht.

    @mons7
    „ist auch die Art wie wir unsere Tiere halten derart von Deiner o.g. Vorstellung geprägt, dass wir uns auf “natürlichere” Modelle gar nicht einlassen können/ wollen (weil zusehr aus dem Rahmen fallend).“
    – Durchaus möglich.
    „Um es nicht beim “Tropfen auf den heissen Stein zu lassen”, brauchen wir (mehr) Menschen, die sich auf diese Art der Denke überhaupt einlassen können.“
    – Daher meine Aktionen.

    „und wünscht mir ebenso einen Blog-Beitrag zu “Neue Wege” an dieser Stelle!“
    – Die neuen Wege werde in Punkt 4. aufgezeigt. Es geht hier schon einmal um eine Haltung. Ferner sehe ich als neuen Weg die Verminderung der Schul- und Unipräsenz und die Verlagerung der Arbeit in den virtuellen Raum, im Rahmen von Projekten. Dazu habe ich jede Menge Erfahrungen:
    Für die Uni:
    http://ipc.mixxt.com/
    Für die außerschulische Bildung:
    http://de.wikiversity.org/wiki/Benutzer:Jeanpol/philosophie

  14. Ich muss jetzt mal spontan eine Idee die uns hier am Institut auch schon beschäftigt zu Punkt 3 los werden:
    Neue Wege wollen scheinbar inzwischen viele beschreiten. Wie das aber funktionieren soll weiß man nicht. Vorallem weil auch wir alle immer noch geprägt sind von den genannten alten Paradigmen. Wie sollte man eine Veränderung herbei führen?
    Ich glaube eine Annäherung könnte ein struktuiertes Verlernen sein! Erstmal Platz schaffen um neues zu Lernen.
    Fazit: Im Wege stehen grundsätzliche alle alten Paradigmen die wir ordentlich verlernen müssen!

  15. @Alexander
    Haargenau!
    Wir brauchen den freien Blick. Bei LdL beispielsweise bekommen die Schüler einen freien Blick auf den Stoff. Der Lehrer schiebt sich nicht erklärend zwischen Schüler und Buch, sondern der Schüler erlebt die erste Begegnung direkt beim Lesen (unfiltriert). Daher auch meine Neudefinition von Bildung: Blick nicht auf die enorme Menge des Tradierten sondern Blick auf die Weltrealität mit der Aufgabe, Schemata und Konzepte selbst zu erstellen, um weiterzukommen. Vorher werden die tradierten Konzepte in kurzen „Durchzieher“ vermittelt („Geschichte Europas von der Antike bis zur Gegenwart in 10 Stunden“ „Geschichte der Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart in 10 Stunden“, usw.)…

  16. @Alexander
    Ich halte die alten Paradigmen für sehr wichtig, weil sie mir erst eine Positionsbestimmung ermöglichen. Daher will ich sie nicht verlernen, weil mir diese für mich wichtige Relation fehlt und der entstehende Raum einfach für mich so luftleer wäre, dass soziologisch wahrscheinlich bald der Zwang nach neuem Halt in Form neuer Paradigmen daherkäme. Regen => Traufe.

    Ein gutes Beispiel ist für mich zur Zeit Schule: Alles, was bisher dort gemacht, alles wie bisher dort gelehrt wurde, ist Mist – zumindest mag man das manchmal glauben, wenn man liest. Quo vadis, Schule?

    Jetzt gehen wir ins Kompetenzland, später vielleicht ins Prozessland. Wer weiß denn, wie es „richtig“ gehen soll, wer macht Wege klar?

    Ich beginne mehr und mehr zu glauben, dass gute Bildungskonzepte vor Ort („bottom-up“) gefunden werden müssen. Ein ländliches Schulchen wird andere Antworten finden als die städtische Brennpunktschule, wenn man sie denn beide einmal lassen würde.
    Für die eine Schule ist es ein riesiger Erfolg, wenn 50% der SuS einen Abischnitt von unter 2,0 aufweisen, die andere wird einen Luftsprung machen, wenn auf breiter Ebene ein fruchtbares Unterrichtsklima herrscht (trotz schlechter Noten) – beide Schulen werden Großes erreicht haben, wenn sie das bewerkstelligen.

    Dazu müssten wir aber lernen, in staatlichen Schulüberprüfungen auch solche individuellen Erfolge anzuerkennen. Das könnte für mich ein Weg sein, der aber reale Selbstständigkeit und nicht Papierselbstständigkeit voraussetzt.

  17. @Maik Riecken
    „Ich halte die alten Paradigmen für sehr wichtig, weil sie mir erst eine Positionsbestimmung ermöglichen.“
    – Exakt, daher auch mein Bemühen, die Mermale des abzulösenden Paradigmas ins Bewusstsein zu rücken.
    „dass gute Bildungskonzepte vor Ort (“bottom-up”) gefunden werden müssen.“
    – Ja. Mit guten (Denk) – Instrumenten und Haltungen ausgestatter, hinein in die Realität vor Ort.

  18. Just do it!
    Genau das, was Dein Thema ist, habe ich für die ersten Vielfaltschulen konkret umzusetzen.
    Ziel:
    Ende März konkreten Entwurf für den Start in allen Klassenstufen mit maximalen neuen Medienanteil.
    Fragmente daraus jetzt zu zitieren würde nur Mißverständnisse hervorrufen.
    LdL ist als Ergänzung dieser Strategie die 2.Säule (keine professionelle Nachhilfe mehr, Übung für die Schüler).

    Viel Erfolg morgen. Du machst es perfekt. Die deutsche Bildungslandschaft kannst sich glücklich schätzen, solchen idealisten, der „es macht“ und nicht nur redet, erleben zu dürfen.

  19. @Adi
    Danke für deinen Zuspruch.
    Allerdings: ein Idealist bin ich nicht!:-))
    https://jeanpol.wordpress.com/2008/11/11/warnung-vor-selbstidealisierung/

  20. Ich habe grundsätzlich ein Problem mit der top-bottom-Hierarchie. Es klingt nach Diktatur vs. Revolution – und ich glaube nicht, dass es das ist, was wir brauchen (auf Dauer). „Revolution (Umwälzung)“ ist zwar etwas, was sich zur Zeit vollzieht, aber es ist kein Prinzip, das auf Dauer ausgerichtet ist.
    Viel besser gefiele mir die Metapher vom „Netz“ – denn das verbildlicht sowohl gleiche Höhe als auch die Verknüpfung von Menschen und Ressourcen, die das Informationszeitalter prägt.
    Was man auf jeden Fall berücksichtigen muss: Die Innovation kann nur in Ausnahmefällen von den Schulen selbst (also von den Lehrkräften dort) angestoßen und umgesetzt werden – jedenfalls nicht als großer Wurf und radikal. Dazu sind die Lehrkräfte viel zu sehr in die existierende Struktur eingebunden. Der Schulalltag ist derart arbeitsaufwendig, dass sich der Durchschnittslehrer nicht auch noch mit Theorieerstellung und den Mühen der praktischen Umsetzung der neu erdachten Theorie beschäftigen kann.
    Deshalb ist es unerlässlich, dass nachvollziehbare Anwendungsbeispiele von denen erstellt werden, die bereits Unterricht im Modus des 21. Jahrhunderts praktizieren – und es ist nötig, dass sich die positiven Aspekte dieser Neuerungen in den Ministerien herumsprechen (was wiederum Akzeptanz und Publikationen auf Universitätsebene voraussetzt).
    Was gar nichts hilft: Den herkömmlichen Unterricht zu verteufeln und die Lehrkräfte, die im bestehenden System ihr bestes geben, zu demotivieren. Man muss Positives beibehalten, die Neuerungen verständlich darstellen und den Lehrkräften auch die Vorzüge klarmachen, die sich für sie selbst ergeben, wenn sie sich dafür öffnen – und nicht zuletzt auch die Vorteile, die sich für die Schüler ergeben (ja, Lehrer sind auch Idealisten).
    Das geht nicht von heute auf morgen. Aber, wie schon Wackernagel sagt: „Geduld bringt Rosen“ – „Geduld“ nicht im Sinne von Passivität, sondern von beharrlichem Bemühen.

    Viel Erfolg auf der CeBit!

  21. @rip
    Und wie, ist das hilfreich! Du listest eine ganze Menge von sehr wichtigen Aspekten auf. Insbesondere dass es fatal wäre, „die Schuld“ an der Verzögerung des Wandels den Lehrern in die Schuhe zu schieben. Das war nie meine Position.
    „Es klingt nach Diktatur vs. Revolution – und ich glaube nicht, dass es das ist, was wir brauchen (auf Dauer).“
    – Völlig einverstanden mit „auf Dauer“. Aber die „Machtverhältnisse“ möchte ich schon aufzeigen. Bei einem Paradigmenwechsel gibt es nun einmal Menschen, die im alten verharren und welche, die sich schon längst im neuen eingerichtegt haben. Konflikte sind unvermeidbar. Aus meiner Sicht geht es auch hier um die Auseinandersetzung zwischen einem tradierten Begriff von Bildung und einem, der dem 21.Jh. entspricht. Das muss man auch verdeutlichen. Zwischen beiden Extremen gibt es natürlich alle möglichen Schattierungen, aber es ist wichtig, die Grundstrukturen zu erkennen. Und bottom-up sollte eine Grundstruktur des „neuen“ Paradigmas sein.
    „Viel besser gefiele mir die Metapher vom “Netz” – denn das verbildlicht sowohl gleiche Höhe als auch die Verknüpfung von Menschen und Ressourcen, die das Informationszeitalter prägt.“
    – Absolut, das soll das Ziel sein!
    „Deshalb ist es unerlässlich, dass nachvollziehbare Anwendungsbeispiele von denen erstellt werden, die bereits Unterricht im Modus des 21. Jahrhunderts praktizieren –“
    – Absolut einverstanden.

    „Man muss Positives beibehalten, die Neuerungen verständlich darstellen und den Lehrkräften auch die Vorzüge klarmachen, die sich für sie selbst ergeben, wenn sie sich dafür öffnen – und nicht zuletzt auch die Vorteile, die sich für die Schüler ergeben (ja, Lehrer sind auch Idealisten).“
    – Ein guter Schluss. Ich werde den Satz in Hannover zitieren.

  22. Erst einmal herzlichen Dank für all die wertvollen Gedanken (auch in den Kommentaren).

    Zur Top-Down-Bottom-Up-Problematik:

    Die streng hierarchischen Strukturen hatten ihren Ursprung, als die unmittelbare Lebensbedrohung der Menschen noch weitaus größer waren, wie sie in unserer heutigen „Zivilisation“ vorherrschen. Das heisst streng hierarchisches Führen von Gruppen führte zu einer Sicherung des Überlebens aller. Nicht umsonst werden in vielen lebenskritischen Bereichen auch weiterhin erfolgreich streng hierarchische Top-Down-Führung eingesetzt, beispielsweise im Militär. Problematisch wird es jedoch, wenn

    a) Die unmittelbaren Gefahren und Bedrohungen für Leib & Seele eigentlich abnehmen (wenn sie nicht künstlich wieder durch Arbeitsplatzangst etc. aufgebauscht werden) Wir also in einem sicheren Milieu leben dürfen (jedenfalls was Westeuropa angeht)

    b) Die damit einhergehende Wandlung von der Produktionsgesellschaft zur Wissensgesellschaft vollzogen wird. Mit Wissensgesellschaft meine ich die sogenannte Creative Industry, die der produzierenden Gesellschaft sagt, was sie zu bauen haben. Design, Konzeption, Innovation aber eben auch Kultur, Philosophie etc. pp.

    In einer Gesellschaft, die geistige Kreativität in den Vordergrund stellt und damit die Entfaltung des Individuums erfordert, ist kein Platz mehr für hierarchische Struktur, da diese eben genau das Gegenteil erzeugt: Konformismus.

    Nun sollten Schulen und Hochschulen bzw. generell Bildungseinrichtungen so ausgelegt sein, dass sie möglichst anregend für den kreativen Geist sind. In einer unfreien Atmosphäre voller Versagensangst und diktierter Langeweile ist das Ergebnis im Vergleich zu anderen, bereits entwickelten Konzepten eher mau.

    Es hat also weniger damit zu tun, wer nun herrscht oder wer gestürzt werden muss. Es geht darum die Bildungseinrichtungen zu lüften und die verkrusteten hierarchischen Strukturen abzuschütteln. Em Ende zählt, wie Jean-Pol schon richtig bemerkte, sowieso nur noch die individuelle Arbeit in Projekten. Warum nicht so früh wie möglich die Menschen darauf vorbereiten, egal in welcher Branche/Disziplin/Ausrichtung.

  23. @jeanpol Hier lässt du aus, was deinen Unterricht mit LdL bestimmt:

    1. didaktische Auswahl interessanter Stoffe durch den Lehrer
    2. anspruchsvolle Aufgaben in Einzelarbeit mit Bewertung durch Lehrer
    3. Durchsetzung von Disziplin beim gemeinsamen Lernen

    All das wird in deinem Unterricht, so weit ich deine Theorie und – über Videos – deinen Unterricht kenne, nicht bottom up von Schülern gegen den Lehrer geleistet.
    Die Aufgabe, den Lehrer durch New York zu steuern, kam auch vom Lehrer. Sie war anspruchsvoll und motivierend. Würden bottom up angemessene Anspruchsniveaus gesetzt?

  24. Sorry, heute nichts mehr geschafft. Für morgen früh noch was reinbekommen, da musste ich noch was lesen.

  25. @Patrick
    „Es geht darum die Bildungseinrichtungen zu lüften und die verkrusteten hierarchischen Strukturen abzuschütteln.“
    – OK.
    @apanat
    „nicht bottom up von Schülern gegen den Lehrer geleistet.“
    – In der Tat. Aber LdL ermöglicht dem Lehrer, permanent die Schülerperspektive („bottom-up“) einzunehmen.

  26. […] dank Web2.0 (#cebit10) Veröffentlicht am 5. März 2010 von jeanpol Nach den Kommentaren zu meinem letzten Blogeintrag fasse ich […]

  27. Die Reduzierung auf top-down zu bottom-up halte ich für zu kurz. Die „Struktur“ einer solchen Hierarchie ist nicht sinnfrei und ermöglicht in „Krisensituationen“ schnelle Entscheidungen. Dass eine/r – legitimiert durch eine „Masse“ – Herrschaft ausübt, ist nicht per se schlecht.

    Wichtiger finde ich die Frage, ob man nicht den Konsens darüber, wer die Herrschaft ausübt, überdenkt. Ist es der Lehrplan – personalisiert durch den Lehrer? Oder gibt es neuere Strukturen, die vils als „Netz“ bezeichnet, die relevant werden müssen.

    Bzgl. meines Eindrucks einer erzwungenen Revolution schließe ich mich den Gedanken von vils an.

  28. @Felix
    „Die Reduzierung auf top-down zu bottom-up halte ich für zu kurz.“
    – Ich hoffe, du traust mir etwas mehr differenzierungsvermögen zu. Es geht um die veranschaulichung eines Strukturmoments. Eine Brille, wie Kant sagen würde:-)
    „Dass eine/r – legitimiert durch eine “Masse” – Herrschaft ausübt, ist nicht per se schlecht.“
    – Wie bereits Hobbes sagte!:-))
    „Wichtiger finde ich die Frage, ob man nicht den Konsens darüber, wer die Herrschaft ausübt, überdenkt.“
    – Auch hier befindest du dich in guter Gesellschaft (Locke, Hume, Rousseau, Hayek, John Rawls):-)
    „Oder gibt es neuere Strukturen, die vils als “Netz” bezeichnet, die relevant werden müssen.“
    – Unbedingt! Hier verweise ich auf Felix Schaumburg, Christian Spannagel, Peter Ringeisen, Maik Riecken, Michael Wald, Alexander Rausch, um nur ein paar zu nennen:-)
    „Bzgl. meines Eindrucks einer erzwungenen Revolution schließe ich mich den Gedanken von vils an.“
    – Ich auch.

  29. Schöne Kommentare, ich wünsche die Diskussion auf der Cebit wird ähnlich anregend! Als Metapher benutze ich für die hier in vielen Beiträgen beschriebene Transformation gerne den Umbau von der Bildungsburg zum Bildungsbürgernetz.

    Lernen durch Lehrern (LdL) und Open Educational Resources (OER) sind für mich augenscheinlich Elemente dieser Transformation. Eine Bitte: Pass auf, dass das Gespräch über Zukunft der Schule und digitales Lernen nicht beim technischen Wandel hängenbleibt!

    Ich habe Podien erlebt, die sich dann plötzlich darum drehten welche Bildschirmdiagonale für die Schülerlaptops/-netbooks nun wünschenswert sei. Als Gegenmittel könnte hier ein Zitat zur Einführung der Kreidetafel dienen, welches ähnlich überschwenglich klang wie viele meiner Aussagen zum Internet: [citation needed]

    Fundamentaler als die Technik finde ich den Wandel der Organisationformen im Bildungswesen. Adi Krefts Aufbruch Bildung (http://aufbruchbildung.wordpress.com) und Christian Grunes Artikel über neue Schulmodelle in Brandenburg (http://www.relearn.de/?p=473) gehen stark in diese Richtung. Andere Stichworte sind Enterprise2.0 und Charter Schools. David Wiley hat zum Thema Zukunft der (Hoch)Schule und digitales Lernen mehrere grandiose Präsentationen, u.a. „The Disaggregated Future of Higher Education“: http://www.slideshare.net/opencontent/presentations

    Bei der Transformation von der Bildungsburg zum Bildungsbürgernetz spielt vieles mit rein, was hier unter bottom-up zusammengefasst wird. Den Begriff finde ich dennoch etwas unglücklich gewählt. Sind bottom-up vs. top-down für dich dasselbe wie aufsteigende vs. absteigende Lernprozesse? Vgl. http://www.fachdidaktik-einecke.de/2_Lernen_in_Deutsch/induktiv_deduktiv_meth.htm

  30. @Basti
    „Als Metapher benutze ich für die hier in vielen Beiträgen beschriebene Transformation gerne den Umbau von der Bildungsburg zum Bildungsbürgernetz.“
    – Gute Metapher. Die merke ich mir.
    „Lernen durch Lehrern (LdL) und Open Educational Resources (OER) sind für mich augenscheinlich Elemente dieser Transformation.“
    – Freut mich!
    „Eine Bitte: Pass auf, dass das Gespräch über Zukunft der Schule und digitales Lernen nicht beim technischen Wandel hängenbleibt!“
    – Ok. Mache ich unbedingt!
    „Bei der Transformation von der Bildungsburg zum Bildungsbürgernetz spielt vieles mit rein, was hier unter bottom-up zusammengefasst wird.“
    – Sehe ich auch so.
    „Sind bottom-up vs. top-down für dich dasselbe wie aufsteigende vs. absteigende Lernprozesse?“
    – Für mich ist bottom-up wenn die Aktivitäten von der Basis ausgehen und die Wünsche und Impulse nach „oben“ also zu den Entscheidungsträgern und „Machthabern“ transportiert werden. In Schule und Universität bedeutet es, dass die Studenten und die Schülerperspektive viel stärker sichtbar und ins Kalkül gezogen wird. Bei LdL beispielsweise sieht man viel deutlicher die Ressourcen der Lerner und kann sie für den Lernprozess stärker mobilisieren.

  31. Siehe nun den neuen Beitrag, positiv und konstruktiv nach vorene blickend!:-)
    https://jeanpol.wordpress.com/2010/03/05/die-umsetzung-des-bottom-up-prinzips-dank-web2-0-cebit10/

  32. Der Auftritt auf der CeBIT ist beim Publikum sehr gut angekommen. Danke dafür!!!

  33. @Thomas
    Herzlichen dank! Das habe ich tatsächlich an den tweets gesehen und ich war -ehrlich gesagt – überrascht, denn es ist ja mein alltag, über den ich berichtet habe! Und noch einmal herzlichsten Dank an Sie und Ihre Frau. Ihre beider Freundlichkeit hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen!

  34. […] Veröffentlicht am 8. März 2010 von jeanpol Mit herzlichem Dank an alle, die mir bei der Vorbereitung im Vorfeld geholfen […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: