Ich glaube, da liegt ein Missverständnis vor (Schulmeister und kein Ende)

Aus: Jorissen’s blog

3. Im Nachgang wurde allerdings sichtbar, dass es zu geringen Anteilen auch waschechten Antiintellektualismus in dieser Szene gibt. Einige (sehr wenige) gefallen sich darin, einen Theoretiker-Praktiker-Graben zu inszenieren: “Theoretiker” (was immer das genau heißen soll bei den eingeladenen empirischen Forschern bzw. Schulmeister als e-Learning-Aktivist) hätten keine Ahnung von der Praxis, würden nur “Top down” denken, und insofern brauche man keine geladenen Experten. Grandioser Blödsinn. Das zugehörige Modell von “weltferner” autoritärer Wissenschaft stammt aus den Tiefen des letzten Jahrtausends; von so etwas wie qualitativer Bildungs- und Sozialforschung hat man offenbar noch nichts gehört (Tipp: Verlagsprogramm des VS-Verlags durchblättern, für den Anfang). Man darf so einen uninformierten Unsinn natürlich nicht ernst nehmen (daher auch kein Link an dieser Stelle). Sehr lustig der u.a. mir gemachte Vorwurf, ich würde das Web nicht kennen, von dem ich rede :-). Wäre diese Form des kruden Antiintellektualismus prägend für Educamps, würde ich sicher keines mehr aufsuchen (es wäre glatte Zeitverschwendung). Daher sei an dieser Stelle gesagt: Er spielte auf dem Camp de facto kaum eine Rolle, verglichen mit dem Wirbel, den er in Blogkommentaren verursacht.

Als Antiintellektuller fühle ich mich nicht. Und die ganz winzige (ja winzigste) Gruppe von Leuten, die mich unterstützen, kommt mir auch nicht als antiintellektuell vor.

Advertisements

39 Antworten

  1. Ich finde, der „Top-Down-Einwand“ ist ein berechtigter, der durchaus ernst genommen werden sollte. Die Reaktion, die du zitiert, wirkt so, als würde man diese Aussagen „niederstampfen“ wollen. Es werden nämlich keine Argumente vorgebracht, sondern nur Abwertungen: „Grandioser Blödsinn“, „man darf so einen uninformierten Blödsinn natürlich nicht ernst nehmen“, … Ich halte das für eine Überreaktion, und bei solchen Überreaktionen bin ich immer geneigt zu denken, dass eben doch was dran ist…

    Und: auch bei qualitativer Forschung geht das Weltbild des Forschers ein. Dieser beforscht nur diejenigen Dinge, die in seinem konzeptuellen Horizont sind. Insofern verstehe ich auch nicht, weshalb qualitative Forschung ein „Gegenargument“ sein soll.

  2. Interessant finde ich auch (was mir gerade noch einfällt), dass dein Vorstoß mit „antiintellektuell“ in Verbindung gebracht wird. Ich hätte ihn als „intellektuell“ bezeichnet.

    Auf Wikipedia findet man beispielsweise folgender Bemerkung: „Der Intellektuelle analysiert, hinterfragt und kritisiert laut Sartre in öffentlichen Auseinandersetzungen und Diskursen gesellschaftliche Vorgänge, um deren Entwicklung zu beeinflussen. “ Also: Es gibt einen waschechten Intellektualismus in der Szene.

  3. @spannagel
    Genau. und nebenbei: ich habe mein leben lang nichst anderes getan als qualitativ zu forschen!:-))

  4. @Spannagel
    Aber der Vorwurf soll mich treffen. Du warst ja in Hamburg gar nicht!

  5. @jeanpol Nicht physisch. Aber ich war im Geiste bei euch. ;-))

  6. @cspannagel
    Du warst bei uns im geist? Dann waren wir doch nicht nur eine „sehr kleine“ Winzgruppe!:-))

  7. Ein Mathematiker würde jetzt sagen: Wenn n die Mächtigkeit einer sehr kleinen Winzgruppe ist, dann ist (n+1) die Mächtigkeit einer um ein Element größeren sehr kleinen Winzgruppe. Es kommt nicht wirklich viel dazu.

  8. @spannagel
    Aber wenn du dazu kommst ist doch mehr als nur n+1! Oder ist 1 spannagel gleichzusetzen mit jedem anderen element?

  9. Wenn ich versuche, denotativ aufzunehmen, so hat Jorissen (m.E.) gesagt, dass nicht alle Theoretiker top-down denken und dass die, die es tun, es nicht immer tun.
    Daraus schließe ich, dass Theorie auch seiner Meinung nach sehr wohl bottom-up entwickelt werden kann.

    Im Sinne von Kants Widerlegung des Satzes „Das mag in der Theorie richtig sein, stimmt aber nicht in der Praxis“, halte ich es außerdem für berechtigt, dass er es für eine unangemessene Forderung an Theorie hält, dass sie bottom-up entwickelt wird. Wichtig ist doch wohl, dass sie falsifizierbar ist und – bislang – noch nicht falsifiziert worden ist.
    Deshalb stelle ich mal die Hypothese auf, dass die Kommentare zu diesem Blogbeitrag absichtlich nicht nur argumentativ, sondern auch emotional gehalten sind, um Schulmeisters „Ansichten zur Kommentarkultur in Weblogs“ (http://www.zhw.uni-hamburg.de/uploads/ansichten-zur-kommentarkultur.pdf) zu bestätigen. Stimmt’s?

  10. Klaro – Element ist Element. 🙂

  11. Je nach dem. z.B. 1 cspannagel > 1 wspannagel.

  12. (Scherz-Tag wurde ausgefiltert)

  13. @walter Aber c<w, also 1 cspannagel < 1 wspannagel 🙂

  14. @apanat
    – Von welchem Blogeintrag sprichst du? Der vorliegende mit dem Titel „Da liegt ein Missverständnis vor…“ enthält lediglich ein Zitat aus dem Blog von Jörissen mit dem Hinweis, dass ich weder mich noch meine wenigen Mitstreiter als antiintellektuell ansehe.
    Und jetzt versuche ich, auf deine anderen Punkte einzugehen (fortsetzung folgt).

  15. Zu den anderen Bemerkungen: die von dir referierten Gedanken habe ich bei Jorissen nicht gelesen und würde auch nicht auf sie eingehen. Mein Punkt ist, dass das für die Untersuchung von Blogen angesetzte Untersuchungsmodell nicht ausreichend komplex ist für die Analyse derselben. Zu den anderen Punkten habe ich mich nicht geäußert.

  16. @jeanpol: Schulmeister titelt ja auch nicht „Analyse“, sondern „Ansichten“. Er bleibt allerdings im Rahmen einer wissenschaftlich verstandenen Arbeit allzu sehr die Darstellung seiner Prämissen schuldig, so dass diese sehr schulmeisternd (sic!) wirkt. Ich frage mich noch immer, was er mit seinem Ansatz überhaupt darlegen will.

  17. @Walter Spannagel
    Ich denke, dass viele Arbeiten dieser Art erstellt werden und der Autor keine allzuhohen Ziele damit verfolgt. Er verfasst eine kleine Studien für einen Sammelband (Festschrift). Durch seinen Auftritt auf dem Educamp ist sein Aufsatz plötzlich in den Mittelpunkt gerückt worden.

  18. Zu dem

    „Man darf so einen uninformierten Unsinn natürlich nicht ernst nehmen (daher auch kein Link an dieser Stelle).“

    kann ich nur sagen, dass es einen ziemlich unsouveränen Eindruck macht, wenn man jemandem auch noch auf die Nase bindet, dass man ihn absichtlich nicht verlinkt. Da könnte man fast meinen, dass derjenige sich persönlich „angefasst“ oder „ertappt“ fühlt.

    Ich finde ja, das „nicht ernst nehmen“ der verheerendste Weg ist, um Lernen zu unterbinden. Wenn z.B. Lehrer die Schüler nicht ernst nehmen. Prinzipiell ist „nicht ernst nehmen“ ganz nah dran an „ignorieren“. Damit jedoch ist es wohl wenig konstruktiv.

    Meine 2 cent.

  19. @Helge Chapeau!

  20. @helge chapeau claque!

    ich konnte jorissens artikel gar nicht mehr finden eben. stattdessen stand auf der seite ein link, ungefähr so:

    „sie werden in wenigen minuten auf die seite 404 weitergeleitet. sollten sie nicht weitergeleitet werden, klicken sie bitte nicht, sondern entfernen sich selbst.“

    huh?

  21. @marcus
    das ist ja selbstversenkung!:-))

  22. Einen interessanten Kommentar als Versuch einer Deutung der ganz unverdienten aufmerksamkeit, die meinen blogeintrag erfahren hat, parke ich mal hier als wissenspäckchen:
    „Ein letztes Wort zum Antiintellektualismus (ich scheue davor, den berühmten Passus aus Adornos Minima Moralia, Abschnitt 72, über die Fremdwörter zu zitieren), über den ja eigentlich gar nicht weiter geschrieben werden sollte, dessen Sturm im Wasserglas aber sogar hier noch Wellen schlägt: “Insofern eignet sich die Metapher der parasitären Existenz von Konflikten; aber das Parasitentum ist hier nicht typisch auf Symbiose angelegt, sondern tendiert zur Absorption des gastgebenden Systems durch den Konflikt in dem Maße, als alle Aufmerksamkeit und alle Ressourcen für den Konflikt beansprucht werden.” (Soziale Systeme, S. 533).

  23. Ich sage nur der ROI-Faktor ist nicht zu unterschätzen: Risk of ignoring 😉

  24. Anmerkung: Normalerweise wird der ROI-Faktor immer sehr gerne im wirtschaftlichen Kontext verwendet: Return of Investment (gerade auch im E 2.0 Kontext) – manchmal bringt das Ignorieren auch gleichzeitig den Return…

  25. @Alexander
    Ich bin seit längerer zeit auf der suche nach einer überzeugenden erklärung für die aufmerksamkeit, die mein blogeintrag https://jeanpol.wordpress.com/2010/02/07/ec10hh-mons7-und-die-bottom-up-guerilla/ erfahren hat. Bist du mit der Interpretation „parasitäre existenz von konflikten“ einverstanden?

  26. @Alexander
    Yup. Ich formuliere es noch einmal anders, korrigiere mich, wenn du etwas anderes meintest.

    Normalerweise fragt man sich: Was bringt mir das, wenn ich mich nun anstrenge? (ROI = Return on Investment). Ab und an müsste man sich aber fragen: Was entgeht mir, wenn ich mich nicht anstrenge? (ROI = Risk of Ignoring).

    Als Beispiel auf Unternehmen übertragen: „Was kostet es uns, wenn wir mit Kunden twittern?“ vs. „Was kostet es uns, wenn wir nicht mit Kunden twittern?“

  27. @oliver danke für das „on“ – passiert mir immer (Lernfaktor 😉

    Alles, was mit Netzwerken zu tun hat können wir nicht mehr mit dem ROI messen. Denn niemand weiß so genau, was da passiert http://www.zeit.de/zeit-wissen/2010/01/Soziale-Netzwerke?page=1
    Außerdem stellt sich mir auch die Frage, ob es immer so sinnvoll ist, immer nur nach dem Return… zu fragen. Das nervt mich auch privat: Ich habe dir aber 2x beim Umzug geholfen… du nicht… was soll das?

    Tim O’Reilly zu Netzwerken: „Create more value than you capture“ – So sehe ich das auch. Vielen fällt das (noch) sehr schwer…

  28. @jeanpol: was möchtest du eigentlich sagen? #parasitäre…

  29. @Alexander
    „parasitär“ stand in einem Kommentar im blog von Jörissen und bezeichnete die von mir ausgelöst diskussion. Hier der Kommentar:
    http://joerissen.name/allgemein/nachgedanken-zum-educamp-2010-hamburg/comment-page-1/#comment-272

  30. @Alexander
    Und mit deinem vorangehenden beitrag (return) bin ich voll einverstanden!

  31. Ich weiß, dass du gerne provozierst und „Parasiten, parasitär“ ist sicherlich gut geeignet, um provozierende Texte zu verfassen.

    Im Coaching gibt es auch den provokativen Stil, der sehr effektiv einsetzbar ist. Aber – und hier liegt „mein Knackpunkt“ in deinem Kontext – ist für diesen Ansatz ein 100% Rapport nötig und der Klient gibt dem Coach die Erlaubnis! (im Prozess i.d.R. durch Non-Verbals) provozieren zu dürfen! Das führt häufig zu wundervollen Ergebnissen im Veränderungs-Prozess.

    Also: Wenn die Voraussetzungen gegeben sind ein super Instrument, wenn nicht dann führt das zum Abbruch der Beziehung, nicht nur im Coaching 😉

    Ich persönlich bin für den Dialog. Neues Paradigma. Denn im Grunde genommen ist es doch egal (Perspektive) wer seine Meinung durchboxen will – boxen bleibt boxen…

  32. @Alexander
    Aber ich habe doch nicht provoziert. Ich habe nur gefragt, ob ich mit meinem Ansatz wirklich parasitär bin, wie es im blogkommentar stand.

  33. Sorry, ich dachte der nächste Blogbeitrag droht 😉

    Was soll ich dir dazu schreiben? Ich bin für offene Kommunikation.
    Wenn jemand meint, dass sich Parasiten an ein wichtiges Thema hängen (war das damit gemeint?), so what?

    Ich nehme dich wirklich anders wahr und vor allem auch mit deinem Hintergrund der Aktionsforschung. Vielleicht kann man das „wissenschaftlich“ als parasitär begründen, da du ja als Aktionsforscher in deinem Forschungsfeld aktiv bist und mitwirkst… Ich denke aber, das andere Begriffe hilfreicher dafür sind!

  34. @Alexander
    OK. Blogmäßig konzentriere ich mich jetzt auf meine philosophischen Inhalte, gerade auch wenn sie super zu der aktuellen Diskussion (Wissenschaftlichkeit). Das Thema „parasitär“ möchte ich nicht hochhängen. Ich bin auch bereit, die ganzen „Angriffe“ zu vergessen und mit den leuten zu kooperieren, auf welche weise auch immer. Aber sie und ich haben andere interessen.

  35. Betr.: Vorliegende Mißverständnisse (obgleich in den Begriff nicht mag).

    Bevor mein Kommentar zu Benjamin Jörissens Artikel hier weiter munter anders verstanden als ursprünglich gemeint wird und in Anbetracht der Tatsache, dass der beanstandete Begriff diskursiv (vor-)belastet ist, eine halbherzige Fußnote: „Parasit“ ist ein Terminus technicus des französischen Philosophen Michel Serres. Luhmann (und in Folge auch Baecker) griffen auf diese Konzeption zurück (beispielhaft im angeführten Zitat aus Soziale Systeme).

    „Der Parasit“: http://beluga.sub.uni-hamburg.de/record/2625528
    Wikipedia-Stumpf zu Serres: http://de.wikipedia.org/wiki/Michel_Serres

    Ein letztes Wort zur sog. Diskussionskultur: Wie ich zuletzt (in der Diskussion zu deinem EduCamp-Artikel, meinem eigenen Fazit und im erwähnten Blogbeitrag bei Benjamin Jörissen) geäußert habe, interessiert mich die ganze Pseudo-Kontroverse (die sich um willkürliche Kategorisierungen entsponnen hat) herzlich wenig; persönlich hielt ich eine Problematisierung von den der Podiumsdiskussion inhärenten Streitfragen für wünschenswert. Aber nun gut, das läßt sich schwer steuern. Und: Konflikte sind hochintegrativ (weil „spannend“) und treten häufig an die Stelle formaler Diskussion; nichts anderes besagt das an Serres anschließende Luhmann-Zitat. Du musst dich also nicht angegriffen fühlen. Meinen Kommentar hier aus dem Kontext gerissen zu problematisieren halte ich allerdings schon für unangemessen.

    Damit schalte ich mich nach Richtigstellung und ’nem Literaturtipp (vielleicht für deine Philosophie-Kurse) auch völlig unkonstruktiv wieder aus dieser Diskussion aus.

  36. @Sebastian
    „persönlich hielt ich eine Problematisierung von den der Podiumsdiskussion inhärenten Streitfragen für wünschenswert.“
    – Was meinst du genau?
    „Und: Konflikte sind hochintegrativ (weil “spannend”) und treten häufig an die Stelle formaler Diskussion; nichts anderes besagt das an Serres anschließende Luhmann-Zitat. Du musst dich also nicht angegriffen fühlen.“
    – Ok. Aber was bedeutet noch einmal „parasitär“ im Sinne von Michel Serres?
    „Meinen Kommentar hier aus dem Kontext gerissen zu problematisieren halte ich allerdings schon für unangemessen.“
    – Es war keine geplante Aktion. Zunächst habe ich deine Textpassage hier geparkt (sowie ich gelegentlich andere mir interessant erscheinenden sätze „parke“). Und dann habe ich darauf aufmkersam gemacht, allerdings nicht massiv. Soll keine Entschuldigung sein, ich beschreibe jetzt nur.

  37. p.s. @jean-pol:

    Welche #Fragen ich für diskussionswürdig hielt, habe ich in meinem Fazit zum EduCamp angedeutet. Um dich zu zitieren: „Und dann habe ich darauf aufmkersam gemacht, allerdings nicht massiv. Soll keine Entschuldigung sein, ich beschreibe jetzt nur.“ – Das sah mit fünf gezielten @-replies anders für mich aus. Aber geschenkt. Serres wirst du selbst lesen müssen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: