Internet: mein Bildungsraum.

Resume Auf dem Educamp in Hamburg wurde die Frage erörtert, inwiefern das Internet ein Bildungsraum sein kann. Ich versuche ein Beispiel an mir selbst zu liefern.

1. Ausgangspunkt

Lange Zeit fand ich außerhalb meiner Präsenzveranstaltungen an Schule und Universität einen wichtigen Bildungsraum in der Wikipedia. Als ich meinen ersten Artikel über „Lernen durch Lehren“ anlegte wurde ich sofort und sehr hart angegangen, so muss man es nennen. Als Hochschullehrer war ich gar nicht daran gewöhnt, so ruppig behandelt zu werden, aber es war sehr heilsam. Ich musste mich mit hochintelligenten Menschen auseinandersetzen, die meisten hatten gar nicht studiert, und auch mit vielen Trolls.  Das war sehr nützlich, auch in der realen Welt und bis heute. Ich lernte, wenn ich hart kritisiert wurde, „denotativ“ zu bleiben. In der Wikipedia fand ich unzählige Lehrmeister, nicht zuletzt unter den Admins. In der Wikipedia entwickelte ich schließlich ein Gespür für Vernetzungen und für das redundante Plazieren von Theoriebausteinen (legitime Selbstreferenzialität).

2. Und jetzt im Ruhestand am Beispiel Philosophie

An anderer Stelle habe ich beschrieben, dass Informationsverarbeitung (wohlgemerkt der Prozess der Verarbeitung, nicht das Ergebnis) ein Grundbedürfnis aller Lebewesen ist (Neugier). Über Informationsverarbeitung erhält man „Kicks“. Wo soll ich als Rentner meine Kicks holen? Wo konnte ich weiterlernen? Ich erinnerte mich an das gute Prinzip des Lernens durch Lehren und beschloss, Arbeitskreise für Philosophie anzubieten. Denn in Philosophie kenne ich mich überhaupt nicht aus. @Hosi half mir dabei.  Woher mein Wissen holen? Natürlich gibt es populärwissenschaftliche Darstellungen und Wikipedia-Artikel über Philosophen. Aber vor allem es gibt unter meinen Community-Partnern viele Leute, die sich super auskennen. Ich postete einen kleinen Blogbeitrag (Groteske Gründlichkeit) und es meldeten sich sofort tolle Lehrmeister und Lehrmeisterinnen. Ich wurde sehr gewarnt (Herr Larbig bekam sogar Bauchschmerzen), aber auch ermutigt. Besonders hilfreich waren Jörg Kantel, Herr Larbig, Filterraum und Lisa Rosa.  Auch Peter Blomert forderte und förderte mich sehr.  Gerade läuft unser virtueller Arbeitskreis „Philosophie für Senioren“ und mein Lehrmeister ist Apanat.

3. Die top-down/bottom-up Diskussion

Nach dem Educamp in Hamburg habe ich einen kurzen Blogeintrag verfasst über eine Entwicklung, die mir aufgefallen war. Es schien mir, dass das „Unkonferenz“-Prinzip etwas aufgeweicht wird. Der Eintrag löste eine Diskussion aus, die mir in einigen Abschnitten an die Wikipediaarbeit erinnert. Man denkt und lernt viel, weil man hart hinterfragt wird. Perfekt. Ein Beispiel:

du machst aus komplexen dingen, im fall von platon einer theorie, triviale dinge. ich will nicht sagen, dass komplexität erhöht werden muss. aber dass man sie nicht endlos reduzieren kann, ohne lebenswichtige komponenten in mitleidenschaft zu ziehen. ich will nicht mehr komplexität! aber mehr gefordert sein.

Da musste ich schon nachdenken, um diesem Einwand zu begegnen:

– Ich bemühe mich, die unterschiedlichen etappen, die zu unserem heutigen denken geführt haben, zu rekonstruieren, und zwar so, dass sie in einer gesamtschau fassbar werden. So halte ich beispielsweise die opposition zwischen einem materialistischen strang (im philosophischen sinn) und einem idealistischen als zentrales unterscheidungsmerkmal, um die wurzeln der heutigen denksysteme zu erkennen. Dieses Erkennen ist notwendig, um über die eigene weltsicht klarheit zu gewinnen. Bezüglich der einzelnen philosophen ziehe ich darstellungen aus diversen populärwissenschaftlichen publikationen heran, (usw)…

Fazit Im Internet findet man, wahrscheinlich mehr als in der realen Welt, Menschen, die einen intellektuell und emotional fordern und fördern. Ohne Schonung!

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20 Antworten

  1. Ja, zweifellos ein Vorzug des İnternets. Vor allem liesse sich wohl noch viel mehr über dieses Vehikel realisieren. Gerade im Bereiche Bildung.
    Gratuliere zu diesem sehr interessanten Blog.

  2. @walter
    Vielen Dank! So ein schnelles posivites feed-back freut einen natürlich!

  3. Danke für diese Perspektive. Ich finde sie wichtig, weil Kritik an etwas, das man im Netz veröffentlicht hat, bei vielen Menschen zunächst zu einer anderen Reaktion führt: sie ziehen sich zurück und hören auf, im Netz zu veröffentlichen.

    Das ist natürlich auch verständlich, aber auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Kritik, die mir zeitweise entgegenschlägt, mein Denken und meine Arbeit verbessert – allerdings ist es auch nicht immer einfach, diese Kritik zu verarbeiten. Man ist dadurch manchmal Selbstzweifeln unterworfen, die man natürlich nicht hätte, wenn man im Verborgenen arbeiten würde.

    Das Prinzip der Transparenz ist aber „ansteckend“, wie ich finde und breitet sich dann auch verstärkt auf andere Arbeitsbereiche (zum Beispiel Unterricht, Schulverwaltung) aus.

  4. @retemirabile
    „ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Kritik, die mir zeitweise entgegenschlägt, mein Denken und meine Arbeit verbessert – allerdings ist es auch nicht immer einfach, diese Kritik zu verarbeiten.“
    – Ja, man muss sich die entsprechende Technik aneignen. Man konzentriert sich auf die in jedem kommentar enthaltenen inhalte und berachtet nicht die im kommentar mitransportierten emotionen (wenn sie negativ sind).

  5. Danke für das Beispiel, Jean-Pol. Auch für mich sind das Internet und die Kontakte – hinter denen ja Menschen stecken! – sehr wichtig. Das ist auch „mein Bildungsraum“.

    Bezogen auf die Diskussion beim #ec10hh hätte ich aber gern noch ein paar Dinge gehört, die diesen Bildungs-„Raum“ von einem Bildungs-„Werkzeug“ unterscheiden. Warum ist das Internet mehr als ein neues „Sprachlabor“? Oder warum ist ein Smartphon mehr als ein neuer „Taschenrechner“?

  6. @hosi
    Ich glaube dass die leute, die auf dem educamp waren, vor allem mit werkzeugen befasst sind. Das ist ihr job als medienwissenschaftler oder IT-Profis. Daher lag der Focus weniger auf den Inhalten und den Möglichkeiten, Kontakte mit Menschen aufzunehmen, die ähnliche Bildungsinteressen haben. Insofern war Mons7 ein gutes Beispiel für jemanden, der außer Bildungsinteressen sonst nichts anderes im Internet sucht..(Das auf die Schnelle, denn jetzt muss ich schwimmen gehen: arthrose!:-))

  7. Danke Jean-Pol, für mich würde ich den Raum etwas erweitern.

    1. Online-Offline-Korrespondenzen

    Die Werkzeuge bleiben Mittel zum Zweck, deshalb würde ich den Bildungsraum auch an den Personen und den von ihnen zur Verfügung gestellten Inhalten festmachen. Ganz hoch im Kurs steht dabei natürlich der folgende Austausch mit den Autoren selbst oder anderen Interessierten. Wichtig sind mir dabei ebenso die Offline-Treffen wie auf einem Barcamp. In den verschiedenen Online-Korrespondenzen entwickeln sich Bilder verknüpft mit Inhalten, die Menschen dahinter jeweils mit ihren eigenen Ideen und Motivation sind wichtig – zumindest für mich. Auch wenn dafür manchmal Jahre ins Land gehen wie bei @chrizzlys oder @birkenkrahe. Bei dir waren es damals 7 Tage von Online zu Offline – was uns damals erst den Vernetzungsgedanken über das Internet an sich näher gebracht hat.

    2. Tote Hochschule?
    Im Gegenteil zu @mons7 ist die Hochschule für mich kein toter Bildungsraum. Sie ist nur einfach sehr gesteuert dank Studien- und Prüfungsordnung. Das ist für mich der größte Unterschied. Im Studium muss ich lernen, was für die Prüfungen relevant ist. Im Internet suche ich mir die Themen selbst aus – interessengeleitetes Lernen mit dem Zusatz, dass ich auch mir aufgedrückte Themen gut über die Werkzeuge des Internets lernen kann.

    3. Didaktiktischer Mehrwert?
    In didaktisch gut aufbereiteten Seminaren lernt es sich für mich ideal. Da gehört für mich das internetbasierte Lernen auch dazu ist aber kein muss. (Ein Grund warum ich angehende Lehrende zu Fachdidaktikern ausbilden würde und nicht zu Fachwissenschaftlern.) Im Übrigen stelle ich mir selbst die Frage wie das Arbeiten mit dem Internet inkl. Vernetzung ein maximum an didaktischen Mehrwert erreichen kann… Motivation darf dabei nur ein Aspekt sein von vielen.

    4. Hierarchische Strukturen
    Kurz: sie fallen so gut wie weg und ermöglichen dadurch ein respektvolles Augenhöheverhältnis. Eine Frage der Wahrnehmung, eine Frage der Vermittlung von Inhalten. „Von oben herab“ erstickt die eigenen Ideen im Keim, sie will ja eh keiner hören.

    5. Internet als Bildungsraum?
    Klares Ja, mit all dem was uns sonst noch so zur Verfügung steht.

  8. @Melanie
    Herzlichen Dank für deine sehr präzise und tiefgehende Analyse. Ich bin mit allen Punkten einverstanden. Mit allen!

  9. @Melanie: Zu Punkt 4 „Hierarchische Strukturen“
    Du sagst: „eine Frage der Wahrnehmung, eine Frage der Vermittlung von Inhalten“.
    Ganz genau. Das heißt für manche Leute mit umfangreichem Wissen: Lernt unarrogant zu sprechen, wenn ihr wollt, dass euch die anderen zuhören! Lasst die Plusterphrasen weg – die interessieren niemanden! Wissen und Inhalte überzeugen durch sich selbst (naja, im Idealfall …).

    Meinen Bildungsraum habe ich schon beschrieben – hier nebenan, zwar allgemein formuliert, aber dennoch für mich zutreffend.

  10. Subjektive Beschreibungen von Bildungsräumen, die sich den Autoren durch das Internet eröffnet haben (Links):
    1. Mons7:

    2. rip:
    https://jeanpol.wordpress.com/2010/02/07/ec10hh-mons7-und-die-bottom-up-guerilla/#comment-2115

    3.Melgottschalk:
    https://jeanpol.wordpress.com/2010/02/10/internet-mein-bildungsraum/#comment-2140

    4. Herr-Larbig:
    http://bit.ly/aK8zIY und
    http://bit.ly/9MSj1c

  11. bei dem begriff bildungsraum muss ich irgendwie an mein hirn denken

  12. @michael
    Auf jeden Fall gehört dein hirn zu meinem bildungsraum!

  13. Einen schönen guten Abend an euch!

    In mir ist noch eine weitere Frage aufgekommen, nicht nur jene, wie ich denn meinen eigenen Bildungsraum im Internet beschreiben würde, sondern folgende:

    Anscheinend empfinden einige Menschen die Universität ja mitnichten als toten Bildungsraum, sondern als einen äußerst lebendigen.

    Was macht für diejenigen unter euch diesen „Bildungsraum Universität“ aus; sind das vergleichbare Eckpunkte wie für mel und rip der „Bildungsraum Internet“?

    DAS würde mich wirklich interessieren!

    B.a.w.

    m

  14. @jeanpol

    ich tanz wohl etwas aus der reihe mit meinen gedanken zum bildungsraum.

    ich meinte den raum zur „Formung des Menschen im Hinblick auf sein „Menschsein“ (wikipedia/bildung) und dass meinte ich mit hirn als bildungsraum.

    also ich geh einfach hin, und verstehe unter dem begriff was scheinbar völlig anderes als wie hier gemeint.

  15. @Michael
    Ich glaube nicht, dass du den begriff anders verstehst als wir, denn wir haben ihn gar nicht definiert. Jeder versteht wahrscheinlich etwas anders darunter, aber jeder verwendet ihn, wenn er für alle die gleiche bedeutung hätte. Das ist der Stand im Augenblick.

  16. @Michael Wald @jean-pol martin … ich denke immer noch über meine Begriff von „Bildungsraum“ nach.

    @Michael Wald ich finde Deinen Ansatz – je länger ich drüber nachdenke – immer besser.
    Anfänglich hat mich nur gestört, dass ich „Hirn“ räumlich immer nicht sehr ausgedehnt vorstellen konnte ;)))

  17. @eLEx
    „Was macht für diejenigen unter euch diesen “Bildungsraum Universität” aus; sind das vergleichbare Eckpunkte wie für mel und rip der “Bildungsraum Internet”?“
    – Ja, es sind ähnliche, vorausgesetzt man findet dort die richtigen leute und schafft sich eine gute community.

  18. @eLEx

    vielleicht hast du spaß an diesem video:

    The Human Brain & Cybernetics

  19. Also haben wir alle verschiedene Bildungsräume, die ineinander übergreifen? Bei mir ist es Fernsehen (Al Bundy, Malcom mittendrin, Simpsons, Arte, Phönix) und Internet.
    Bei anderen fallen zB. die Simpsons weg und werden durch die Uni ersetzt. Und dann ist noch die Frage wie die Statistik der Bildungsräume gewichtet ist.
    Und die Bildungsräume werden dann noch von solchen Fragen wie soziale Herkunft beeinflusst.
    Ist das so zu verstehen?

  20. @sayadin
    Ja.

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