@jkantel und @plomlompom

Resume Die letzten drei Tage war ich in josefstal, auf den macdays. So was Wildes hatte ich schon lange nicht mehr erlebt. Vielleicht war ich doch zu lange auf das Schulmilieu fixiert.

1. @plomlompom

Auch wenn plomlompom (Christian Heller) erst am Ende der Tagung auftrat, fange ich mit ihm an, weil er den theoretischen Rahmen stellt für meine Beschreibung von Jörg Kantel. Heller zeigte auf, dass mit dem Ende der Privatheit eine Aufsplitterung der Identitäten erfolgt, deren Parzellen überall im Netz zu finden sind, deren Rekonstruktion aber ein mühsamer, kaum zu schaffender Prozess darstellt. Im realen Leben werden je nach Handlungskontexten unterschiedliche Teilidentitäten aktualisiert,  das war schon immer der Fall. Aber durch das Verteilen von Identitätssplittern im Netz werden diese unübersichtlich und nicht mehr kontrollierbar. Das Ende der Privatheit ist auch das Ende des Individuums als wichtige Entität, wie sie seit der Renaissance betrachtet wird. Natürlich versuchen die Menschen, die Kohärenz zu retten, indem sie z.B. Biographien verfassen, die sie über den Tod hinaus als Einheit präsentieren. Auch ihre Homepages können die völlige Auflösung hinauszögern.  Aber eben nur hinauszögern.

2. Jörg Kantel

Dieses Phänomen kann man zum Teil an Jörg Kantel beobachten. Der Mann ist ein Genie. Damit meine ich, dass er in einer Fülle von Gebieten Exzellenz erreicht hat, sogar in der Disziplin Agility (eine Art Hundeturniere).  Er behauptet, dass er in seinem Blog fünf Einträge pro Tag eingibt. Gleichzeitig bekleidet er eine hohe Position am Max-Plank-Institut.  Ich würde ihn als Mutant bezeichnen, denn er ist in der Lage, von allen Seiten einströmende Informationen blitzschnell zu verarbeiten, zu kombinieren und zu hochanspruchsvollen  Kognitionen zu verbinden.  Es scheint ihm zu gelingen, noch so etwas wie eine kohärente Identität immer wieder herzustellen (was ihm nur durch übersteigerte Egozentrik gelingt, aber wer könnte ihm das verdenken?).  Wer versucht, ihm im Netz zu folgen, wird seine Schwierigkeiten haben, diese Identität zu fassen und zu beschreiben. Bei fünf Blog-Einträgen pro Tag kann es gar nicht gelingen. Die letzten fünf bezogen sich auf: 1. Computergeschichten 2. Hundeturnier 3. Yahoo 4. Das Bauen eines Kettenkarussels 5. Die NPD.  Wer ist Jörg Kantel?

3. Mein Vorschlag  zur Restitution von Kohärenz: Handeln

Offensichtlich führt der Versuch, alle Parzellen des Ichs in das Netz zu streuen um die eigene Identität über den Tod hinaus zu retten, zu dem Gegenteil dessen, was man beabsichtigt. Das Ich löst sich in Einzelberichten über Alltagskleinigkeiten (Essen, Verdauung,  Wetter, Müdigkeit, Stimmungen) im Netz auf.  Um die kohärente Identität rasch wiederherzustellen,  gibt es auch meiner Sicht nur eine Möglichkeit, nämlich das Handeln. Alle Bausteine werden automatisch zusammengefügt, wenn ein externes Problem angegangen werden muss. Wenn ich beispielsweise als Lehrer eine Klasse führen und im Griff behalten will, darf ich nicht zu sehr über die Qualität meiner Stuhlgänge reflektieren.

Fazit Das Ende der Privatheit läutet das Ende des alten, individualistischen Paradigmas ein. Wenn das Individuum durch die Verbreitung der Informationen im Netz an Bedeutung verliert, kann es an Wert wiedergewinnen, wenn es sich an kollektiven (weltverbesserungs-)aktionen beteiligt.


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16 Antworten

  1. Hi, Jeanpol! Uff! Das war aber eine komplizierte Beschreibung dessen, was derzeit im Netz abgeht – aber ich glaube, ich habe es begriffen. Wenn ich sehe, was alles dabei auftaucht, wenn ich nach dem Namen anntheres suche, bin ich jedesmal wieder verblüfft… Das Netz vergisst nichts…aber es ist dann natürlich für Fremde ein Puzzlespiel. Doch wer sich darauf einläßt, muss damit leben, dass er überall verstreut ist… Und ist selber manchmal erstaunt, weil man vieles eben wieder vergessen hat. Doch Du hast schonmal richtig erwähnt, dass es in gewisser Weise auch zur Disziplin erzieht, wenn man nicht „unangenehm“ auffallen will. Einzige Konsequenz wäre, es ganz zu lassen – aber wer will das schon. Dazu sind die Möglichkeiten viel zu spannend…:-))

    LG Anntheres

  2. @Anntheres
    Ja, das ist ein bisschen kompliziert, weil ich noch ganz unter dem Eindruck von Josefstal stehe und auf dieser Ebene weiterdenke und schreibe.
    Das Wichtigste ist aber: wenn man seine Identität kohärent halten will, muss man handeln. Man ist dann gezwungen, seine ganze Kraft auf ein Ziel hin zu bündeln.

  3. Ich denke, mit der Netzidentität geht noch lange nicht die persönliche unter (http://fontanefan.blogspot.com/2009/10/arbeit-mit-dem-netz.html).
    Aber sich Ziele setzen und sich nur zum Ausspannen treben lassen, das ist gewiss nicht falsch.

  4. Ich sehe immer mehr die Funktion von Twitter (welches ja vermutlich die am meisten zersplitternde Informationsverbreitungsmaschine im Netz ist) im Herstellen von Kontexten. Man bekommt ein „Gefühl“, in diesem Sinne stellt das Netz einen 6. Sinn dar. Aus diesem Gefühl, aus diesem Kontext heraus ist es aber tatsächlich zwingend notwendig, auch Dinge umzusetzen, in Bewegung zu bringen, schlicht zu handeln, sonst geht die eigene Identität unter.
    Kurz: sehr wichtiger und schöner Beitrag, der mal nicht nur zum Denken, sondern zum Handeln anregt!

  5. @Ulrich
    Danke sehr! Mich haben diese drei Tage stark vorangebracht!

  6. @apanat
    Ich habe in deinem blog (kurz) kommentiert.

  7. Hallo Jean-Pol Martin,
    ich habe eine spontane Nachfrage zu Deinem/ Ihrem außerordentlich ispirierenden und tiefsinnigen Eintrag:

    Ist ein Kohärenz herstellendes Handeln somit nur im nicht-virtuellen Raum möglich,… oder gibt es ein Kohärenz herstellendes Handeln auch im virtuellen Raum (oder würde ein solches nur die Aufsplitterung potenzieren?)?

    Einen weiterhin inspirierten Feiertag wünscht

    mons7

  8. @mons7
    Wir sind per du!:-))
    Kohärenz herstellendes Handeln ist auf jeden Fall im virtuellen Raum möglich. Alle Internet-Projekte führen, wenn sie erfolgreich sind, zu konkreten Ergebnissen. Das einfachere wäre ein Wikipedia-Artikel, das kompliziertere wären folgende Projekte:
    http://www.projektkompetenz.de

  9. WOW! Wow, wow, wow.

    Wow.

    …muss ich drüber nachdenken…

    wow.

  10. @christian
    Lass dir ruhig zeit. Eine halbe stunde, oder so…:-)))

  11. Toller Eintrag, der die Auswirkung von Internet-Präsenz (im Sinne von namentlich im Internet durch eigene und fremde Beiträge präsent sein) auf die Identität der Netzteilnehmer so beschreibt, wie ich es mir bisher noch nicht bewusst gemacht hatte, obwohl ich irgendwie bereits ein Gefühl dafür entwickelt hatte. Faszinierend.

  12. @rip
    Und du bist in puncto internet ein wirklich alter Hase! Das freut mich, wenn ich dich auf einen bestimmten Aspekt aufmerksam machen konnte.

  13. […] Nachtrag zu den MaC*_days 2009 gibt es hier eine ultimative Lobhudelei. Ein bißchen dick aufgetragen, aber egal. Ich will mehr davon. [Jean-Pol Martins […]

  14. […] erst seit dem Internet gibt. Daher halte ich die Thesen von Plomlompom, die ich allerdings nur in Jean-Pols Zusammenfassung kenne, zumindest in dieser Zusammenfassung nicht unbedingt für […]

  15. […] müssen. Das passiert vor aller Augen, so muss man sich zur Kohärenz zwingen und das hilft, eine klare Identität zu […]

  16. […] könnte), habe ich mich von all meinen Nebenblogs (vorläufig?) verabschiedet und somit meine verschiedenen Netzidentitäten wieder zusammengefügt. Ab heute wird nur noch dieses Blog und mein Wiki (Cognitiones Publicae) […]

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