Das Wort „Wissenschaft“ überhaupt!

Resume Früher, als ich als Kind in die Kirche ging, veränderte sich schon beim Eingangstor mein ganzes Wesen. Auf einmal musste ich ernst und besorgt blicken. Heute erfasst mich beim Wort „Wissenschaft“ die selbe Stimmung.

1. Meine erste Begegnung mit dem Wort „Wissenschaft“

In Frankreich habe ich Deutsch studiert. Das Fach genoß kein Ansehen, wie das Sprachenstudium überhaupt. Nie wären wir auf die Idee gekommen, wir seien Wissenschaftler. In Frankreich werden als „scientifiques“ nur diejenigen bezeichnet, die sich mit Naturwissenschaften befassen. Dann gibt es die Mediziner, die Wirtschaftler, die Juristen, das sind aber keine „scientifiques“. Als ich an die Uni in Erlangen kam, um mein Lehramtstudium aufzunehmen, sah ich im Vorlesungsverzeichnis, dass ich nun Sprachwissenschaft und Literaturwissenschaft studieren würde. Da hatte ich Respekt! Zunächst vor den anderen. Nach ein paar Wochen beherrschte ich die linguistische Terminologie und fühlte mich auch als Wissenschaftler. Dann hatte ich Respekt vor mir selbst. Zwar spürte ich schon, dass die Sachverhalte, mit denen ich mich „wissenschaftlich“ befasste, recht simple waren. Aber „Semantik“ klingt wissenschaftlich und „Bedeutungslehre“ nicht. Mit der neuen Terminologie konnte ich Mitstudenten terrorisieren. Wehe, jemand im Seminar verwechselte proklytisch und enklitisch! Plötzlich verbreitete sich eisiges Schweigen. Der Professor sah uns gequält an und fuhr kommentarlos fort.  Lapalien wurden terminologisch überhöht.

2. Und heute

Inzwischen bin ich promoviert und habilitiert und bezeichne mich in entsprechenden Kontexten als Wissenschaftler und Forscher. Sonst würde man mich dort nicht ernst nehmen. Trotzdem bringt mich das Wort „Wissenschaft“ immer zum Lachen, wenn ich sehe, dass bei diesem Begriff auf einmal nette, lustige junge Menschen ganz ernst und besorgt schauen, ja fast beleidigt ob der Unwissenschaftlichkeit des üblichen Lebens… Warum werden normale, amüsante Leute plötzlich so ernst, warum produzieren sie so lange, so umständliche Texte, sobald es um Wissenschaft geht? „Die traurige Wissenschaft“ hat einmal Adorno zu Beginn eines Aphorismen gesetzt.  Am Schlimmsten ist es, wenn man mit dem Killervorwuf der Unwissenschaftlichkeit konfrontiert wird! Dem werde ich immer wieder ausgesetzt. Und das stimmt mich ganz, ganz traurig!:-)))

Fazit Oft ist der wissenschaftliche Kaiser nackt, nur bedeckt mit seiner Fachterminologie. Das muss man ihm sagen.