Feed-Back-Kultur in twitter und blogs.

Resume Jeden Tag wird unsere Identität im Rahmen von hunderten Interaktionen redefiniert. Vorgestern sagte mir meine Frau ich sei „wahnsinnig zäh“ (das meinte sie positiv). Davon werde ich die nächsten Jahre leben können.

1. Feed-Backs im Reallife

Die Identität ist bei weitem nicht so stabil, wie man meint. Sie wird jeden Tag zur Disposition gestellt und neu verhandelt. Wenn die erste Person, die ich in der Früh treffe, mir bescheinigt, ich sehe schlecht aus, brauche ich sofort Energie, um diese erste Definition zu verarbeiten und positiv umzupolen. Natürlich ist dieses Beispiel harmlos. Wenn ein Dozent einer Studentin nach einer Lehrprobe bescheinigt, ihr Französisch sei miserable und die Stunde eine Katastrophe, wie lange braucht die Studentin um sich zu erholen? Das muss nicht so extrem sein, aber jede Bemerkung, auch die scheinbar harmloseste, wird von uns als Identitätsbaustein benutzt. Und da hilft es wenig, wenn man sich selbst als „der Größte“ in einem Gebiet empfindet, wie es bei mir der Fall ist!:-))) An jedem Tag wird die Identität neu konstruiert mit den Bausteinen, die man geliefert bekommt. Im Reallife kann es durchaus sein, dass man zwar viel Energie investiert, aber kein Feed-Back bekommt, weil die Menschen einfach nicht drangewöhnt sind, zügig und konstruktiv zu feedbacken. Man konstruiert dann seine Identitäten aus Vermutungen: „ich hatte das Gefühl, dass es gut ankam“. Feed-backen müsste man sehr früh in der Familie und gleich im Anschluss in der Schule lernen.

2. Feed-backen in twitter und blogs

Das Internet legt das Feed-backen nahe. Vor allem Twitter, denn es gibt soviele Impulse, dass man am liebsten zu allem etwas schreiben würde. Mit Blogs und Wikis ist es anders. Wenn man Kurse über das Bloggen durchführt, muss man den TN vermitteln, wie wichtig es ist, dass sie die Blogs anderer TN kommentieren. Oft kennen die TN diese Fuktion gar nicht. Man sollte kommentieren, und zwar zeitnah. Wichtig ist auch, dass man die Möglichkeiten der Akteure nicht überschätzt. So wurde ich oft sehr gelobt und man versprach mir eine längerfristige Beschäftigung mit meinen Gedanken und Texten. Das war absolut ernst gemeint. Und ich habe diese Versprechen als tolle Feed-Backs gewertet. Dass es am Ende doch nicht dazugekommen ist, mindert den Wert dieser Absichten nicht. Wenn jemand sich vornimmt, sich intensiv mit meinen Ideen zu befassen, ist es ein herrliches Feed-Back, im hier und jetzt. Und damit baue ich meine Identität im hier und jetzt.

Fazit Wenn du etwas gut findest, sage es massiv und sofort. Der andere braucht solche Baussteine, um seine Identität zu konstruieren, jeden Tag aufs Neue.


Advertisements

22 Antworten

  1. natürlich überlege ich sofort: wie mache ich das eigentlich …
    ich glaube was auch „hilft“ und gut ist (wenn z.B. Feedbacks fehlen oder her kritisch sind) Musik hören
    seit ich am PC zwischendurch Musik hören kann, bin ich auch zu motivieren ohne feedbacks
    was die überschwenglichen und massiven Feedbacks angeht, die Jeanpol anspricht: ich bin sofort abwehrend eingestellt: nehms nicht so ernst -> feedback eleminiert auf NUll
    geht mir auch so mit überschwenglicher freundlichkeit -> ist eher ein kulturelles Problem Bayen vs. rheinländische frohnatur

    ich höre auch öfter von menschen, die nicht in bayern sozialisiert sind: in norddeutschland /anderswo würde viel mehr gelobt und positiv gefeedbackt
    „viel feedback nötig zur täglich rekonstruktion“ auch kulturelle differenz oder eher „individuelle eigenheit/scheäche“
    soviel dazu in aller herrgottsfrüh am samstag
    ich hoffe @jeanpol liest den blog und lobt mich 🙂 (nur nicht zu überschwenglich)

  2. @petra
    Ich habe dich genug gelobt, weil du es auch mit mir getan hast. Allerdings nicht überschwenglich. Ich sage, was ich positiv meine. Nicht mehr, aber natürlich nicht weniger. Das Negative behalte ich länger für mich, bis das wirklich reif ist und ohne zu verletzen vermittelt werden kann.
    Und toll, wie du es mit mir machst!:-)))

  3. Ein sehr schöner Beitrag. Ich kann dir voll zustimmen. Gerade als Lehrer ist man ja ständiger Kritik und Selbstkritik ausgesetzt. Da ist es besonders wichtig, dass man eine konstruktive Feedbackkultur pflegt und fördert. Oft ist ja so, dass Kritik oft und auf „kleine“ Dinge gegeben wird während viele Menschen erst loben, wenn sie das Gefühl haben, es sei etwas „Großes“ gut gelaufen. Auch die kleinen Dinge oft (und aufrichtig) zu loben, halte ich für extrem wichtig. Das gilt sowohl für das Lob an andere als auch für das Lob an sich selbst, was bei Lehrern oft zu wenig ausgeprägt ist. Seek and celebrate small victories.

  4. @Andreas
    Danke sehr. Natürlich darf loben nicht mechanisch wirken. Es muss schon fundiert sein, oder man muss sein Lob begründen können, falls Nachfrage kommt. Und das Loben ist auch extrem wichtig innerhalb der Familie. Wenn, wie es bei mir der Fall ist, die Frau eine traditionelle Rolle übernommen hat (zu Hause), dann macht sie unendlich Vieles, was man übersehen könnte. Ich freue mich aber sehr über alles, was im Hause läuft und sage es auch aus voller Überzeugung. Wenn meine Frau nicht da ist (verreist) ist das öde genug zu Hause. Das muss sie wissen, nicht ab und zu, sondern am liebsten jeden Tag.

  5. schwäbisch ‚loben‘: „net gschempft isch gnuag globt“ – so eine granaten Scheiße – ich hab lange gebraucht, bis ich gemerkt habe, dass ich mich über Lob freue, es mir aber schwer fiel, selbst zu loben
    Heute bezeichne ich es als Wert-Schätzung und bin aufmerksam im Umgang mit Lob annehmen und verteilen
    Wertschätzung gibt so viel Energie an alle Beteiligten
    danke JeanPol
    Manfred

  6. […] Feed-Back-Kultur in twitter und blogs. « Jean-Pol Martins Weblog Etiket: alexander-rausch, gehirnmetapher, identit, impressum, internet, jean-pol-martin, […]

  7. Lieber Jean-Pol,
    ich stimme Dir voll zu. Allerdings ist das Loben gar nicht so einfach.
    Der Lobende muss zunächst einmal überhaupt darauf achten, wie es dem anderen geht und welche Leistung er da erbracht hat (die für den Lobenden vielleicht „ein Leichtes“ gewesen wäre, aber nicht uU nicht für den, dem das Lob gelten soll). Das heißt es erfordert nicht nur eine eigene gute Laune, denn bei schlechter Laune ist man zu sehr mit sich selbst beschäftigt, sondern auch Sensibilität und Einfühlungsvermögen in den anderen. Es ist aber auch etwas, was man sich wirklich anerziehen kann. Für mich als Kind war das dieeeee Entdeckung überhaupt, daß man die Reaktion des Gegenübers mit einem Lob regelrecht „steuern“ kann. Ein Lob ist immer ein guter Einstieg mit dem Gesprächspartner. Und es gibt eigentlich immer etwas, was man loben kann, da braucht es gar nicht so viel Phantasie dazu.

  8. @Manfred und Barbara
    Merkt Ihr, wie man doch sehr schnell mit diesen Kommunikationsmitteln tief in lebens- und glücksbestimmdem Austausch treten kann? Wie lange kennen wir uns und wie oft haben wir uns gesehen? Recht wenig. Und dennoch gelingt es uns jetzt, Themen aufzugreifen, die mit Lebensführung und Glück eng zusammenhängen! Unnötig zu erwähnen, dass eure Rückmeldungen mich sehr freuen!

  9. Ich stimme dir (wie so oft; seltsam…) voll und ganz zu. Ich empfinde das selbst so, dass ich eine kleine Bemerkung, die fast unmerklich etwas unterschwellig an mir kritisiert, sofort nehme und – emotional angeschlagen – analysiere. Um ein angemessenes Bild seiner selbst konstruieren zu können, braucht man ständig Feedback von außen. So verankert man sein Selbstbild in der sozial-konstruierten Realität und verringert die Gefahr, sich eine Scheinwelt aufzubauen.

  10. @christian
    Welche Freude! Daher ist das permanente Konzeptualisieren auch so wichtig, weil es Emotionales aufgreift und sofort zum kognitiven Schema neutralisiert.

  11. der beitrag von manfred ist sehr spannend. ich habe mit jeanpol heute vormittag über die bayerische kultur „ned gschimpft is globt gnua“ gesprochen und in mir blieb – trotz jeanpols vehementer verneinung – die frage offen: akzeptiere ich solche kulturellen differenzen und muss mir wertschätzung und aufmerksamkeit im bayerischen raum eben selbst denken, wenn nicht „gschimpft“ wird ….
    ich fühle mich bestärkt darin, dies abzulehnen und werde künftig (noch) wertschätzender mit menschen umgehen – und negatives einfach nicht gleich anmerken – macht auch besseres feng shui

  12. Ich habe immer noch Probleme zu loben, freue mich aber selbst über Lob. Ich bemühe mich mein Verhalten zu ändern und mehr zu loben – vor allem meine eigene Frau, die so vieles erledigt, was ich als selbstverständlich hinnehme, was es aber nicht ist !
    Vielleicht liegt dies auch in meiner Erziehung begründet, die eher auf Kritik und Tadel aufgebaut war, als mit Lob mich zu motivieren.

  13. Man muss vor allem bedenken, dass alle Menschen uabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund die gleichen Bedürfnisse haben (anthropologisches Modell). Das Bedürfnis nach Wertschätzung und Anerkennung ist bei den Eskimos und den Pygmäen dasselbe. Wenn eine Kultur Lob unterdrückt, dann leben die Menschen dieser Kutlur eben etwas unglücklicher. Wenn eine Kultur Frauen unterdrückt, dann leben die Frauen in dieser Kultur weniger glücklich als woanders. Es gibt also Kulturen, die besser als andere sind. Das ist nicht political correct, aber zielführend (Menschenrechte usw.)

  14. Mit Lob habe ich weder im Netz noch nicht-virtuell ein Problem. Intessanter finde ich den Aspekt, dass man immer eine „Erholungsphase“ braucht, wenn man negativ kritisiert wurde. Ich bin ganz und gar der Meinung, man sollte das Negative überdenken, begründen und „gut verpacken“. Unreflektiert negativ zu kritisieren macht oft mehr kaputt, als man meint. Und dann dem anderen die Chance geben sich zu erholen und gegebenfalls Bereitschaft für ein klärendes Gespräch zeigen.

  15. @ekirlu
    Nur en passant: dir und deiner feed-back-kultur verdanke ich etliche Identitätsstabilisierende flows!:-)))

  16. Auch wenn es weg vom feed-back-gedanken geht:
    „Es gibt also Kulturen, die besser als andere sind. Das ist nicht political correct, aber zielführend (Menschenrechte usw.)“
    – Diesen Gedanken finde ich sehr wichtig, gerade wenn wir in der Pädagogik und Didaktik von interkultureller Kompetenz sprechen. In unserem IPK-Projekt mit Togo ist mir aufgefallen, dass die kollektiv konstruierten Fragebögen zum Thema „Rolle der Frau“ auch eine gewisse „Färbung“ erhalten haben: Punkte, die wir im mitteleuropäischen Kontext als schon angehandlt betracht hatten, kamen so wieder auf…

  17. @Michael
    Ja, das ist der Punkt. Und bei Divergenzen stellt sich mal die Frage was ist „gut“, was ist „schlecht“, der man immer versucht, auszuweichen.

  18. Lieber Jean-Pol,

    Identität ist wirklich eine fragile Sache… und tatsächlich sehr abhängig von der Reaktion der Außenwelt!

    Bemerkenswert finde ich, dass Du dem Feedback Deiner Frau einen so hohen Stellenwert einräumst, dass Du Jahre von Ihrer kleinen Äußerung zehren kannst. Das macht deutlich, dass nicht jedes Feedback ein gleich großer Identitätsbaustein ist…

    Und nun ist Deine Frage ja auch: Was bedeuten Feedbacks aus der virtuellen Welt = von Menschen, mit denen man womöglich nur punktuell und tempörär verbunden ist?

    Dazu meine Nachfrage bei Dir: Wie wirkt es auf Dich, dass ich erst nach zwei Tagen auf Deinen Blogartikel, auf den Du mich via Twitter aufmerksam gemacht hast, reagiere?

    Daran anknüpfend: Räumen wir unserem Austausch im Internet eigentlich noch genügend Wirkungszeit ein? (Zumindest hast Du mir noch nicht siganlisiert, dass Du mittlerweile von mir „enttäuscht“ bist, nur weil wir gerade nicht ganz so intensiv im Austausch miteinander sind… ;-))

    Wer nur auf schnelles Feedback aus ist, der verrent sich im Internet meiner Meinung nach. Beziehungen und Projekte – auch die übers Web angeschobenen – müssen wachsen dürfen, auch in einem selbst reifen können, bevor wieder (öffentlich) etwas dazu gesagt wird. Gleichwohl ist ein Signal zwischen durch à la „Ich bin noch da, ich denke nur gerade ein bisschen so vor mich hin…“ auch wichtig.

    Auch ich plädiere hier für intensives Kommentieren von Blog-Beiträgen, weil dies wirklich enorm anspornt. Und ich nehme mir hiermit vor, Blogartikel, die ich lese, wieder spontaner mit einem kurzen Feedback zu beehren. So wie jetzt gerade.

    Liebe Grüße von der Göre

    P.S.: Mein Buch-Projekt wird gerade konkreter – ich bring Dich schon noch ganz groß raus, keine Sorge! :-))

  19. @Diegoere
    „P.S.: Mein Buch-Projekt wird gerade konkreter – ich bring Dich schon noch ganz groß raus, keine Sorge! 🙂 )“
    – Ich habe keine Sekunde daran gezweifelt! Dennoch kann ich mich nicht ausschließlich darauf verlassen und sorge auch selbst dafür (ganz groß rauskommen!:)))

  20. @Die Göre
    „Dazu meine Nachfrage bei Dir: Wie wirkt es auf Dich, dass ich erst nach zwei Tagen auf Deinen Blogartikel, auf den Du mich via Twitter aufmerksam gemacht hast, reagiere?“
    – Folgender Satz war mit Blick auf dich verfasst (siehe Blogeintrag oben):
    „So wurde ich oft sehr gelobt und man versprach mir eine längerfristige Beschäftigung mit meinen Gedanken und Texten. Das war absolut ernst gemeint. Und ich habe diese Versprechen als tolle Feed-Backs gewertet. Dass es am Ende doch nicht dazugekommen ist, mindert den Wert dieser Absichten nicht. Wenn jemand sich vornimmt, sich intensiv mit meinen Ideen zu befassen, ist es ein herrliches Feed-Back, im hier und jetzt. Und damit baue ich meine Identität im hier und jetzt.“

  21. @jeanpol
    Ja, das hab ich mir schon gedacht, dass Du mich damit gemeint haben könntest… Zum Glück kennst Du Dich ja mit laaaangen Inkubationszeiten und plötzlicher Emergenz gut aus (https://jeanpol.wordpress.com/2009/02/11/habe-geduld-und-warte-auf-die-emergenzen/). Trotzdem hast auch Du schnelles Feedbakc mehr als verdient. Dein Blog-Artikel ermahnt mich, meine virtuellen Kontakte mit kontinuierlicher Aufmerksamkeit zu versehen – denn auch Twitter-Accounts und Blogautoren sind Menschen! 😉
    Fühl Dich aus der Ferne bedacht, gewertschätzt und umarmt
    von der Göre

  22. @diegöre
    Ja, wir alle sind Menschen. Aber ich fühlte mich ja gar nicht verletzt, wie du sehen konntest.
    Und darüber hinaus:
    „Wer nur auf schnelles Feedback aus ist, der verrent sich im Internet meiner Meinung nach. Beziehungen und Projekte – auch die übers Web angeschobenen – müssen wachsen dürfen, auch in einem selbst reifen können, bevor wieder (öffentlich) etwas dazu gesagt wird.“
    – Sehe ich genau so!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: