Und plötzlich emergiert @Cervus! Wow!

Resume Lisa Rosa, Peter Ringeisen, Cervus, Filterraum, Claudia Boerger, Andreas Mertens, und ein paar andere… Alle haben gedrängt: „lass doch die Neuronen-Metapher weg“! Danke Leute, die Botschaft hat mich erreicht!

1. Was ankommt und was nicht…

Als Mensch, der an der Universität sozialisiert wurde und 40 Jahre lang wissenschaftliche Texte verfasst hat, sind mir Konzeptualisierung und Produktion von abstrakten Modellen mit entsprechender Terminologie in Fleisch und Blut übergegangen. Die Wissenschaftssprache ist zu meiner Muttersprache geworden. Paradoxerweise sind die wissenschaftlichen Begriffe sogar emotional geladen:  „Schwellenpotential“ hat für mich mehr Evozierungskraft als „Blumenstrauß“, „Kartoffelpüree“ oder „Geburtstag“.  Und den meisten Wissenschaftlern geht es ähnlich. Will ich mein Publikum verwöhnen, so setze ich einen drauf und spiele mit den Assoziationen und Termini wie ein Kabarettist. Je skurriler, desto lustiger. Besonders das Kleinhirn und das limbische System haben mir es angetan. Nur: warum soll mein Publikum diese Sprache ebenfalls so lustig finden? Trete ich vor Lehrern auf, so wollen sie von mir erfahren, mit welchen Techniken ich Lernfortschritte bei meinen Schülern erreiche. Sie sind wohlwollend und akzeptieren den einen oder anderen Fachbegriff, aber zu viel ist zu viel.

2. Wie ich das endlich kapiert habe

Vorausgeschickt: natürlich sind für mein Denken und Handeln diese abstrakten Schemata und diese Metaphern sehr hilfreich.  Sie liefern mir eine Grammatik, mit der ich meinen Alltag durch den Einsatz des einen oder anderen Schemas bewältige. Aber gleich mit dieser „Grammatik“ im Rahmen eines Vortrages für Lehrer zu beginnen ist unklug. Das habe ich erst definitiv verstanden, als ich massive Hinweise von bloggenden und twitternden Kollegen erhalten habe. Lisa Rosa hielt auf lange Strecken das Thema am Kochen, Peter Ringeisen leitete die Wende ein – ich kenne ihn seit mehreren Jahren als wohlwollenden Begleiter und sein Posting enthielt genau die Argumente, die  zu diesem Zeitpunkt gefragt waren -, Maik Riecken bestätigte dies („zunächst konkrete Unterrichtserfahrungen, dann die Konzeptualisierung“),  Michael Wald betonte, dass die von mir benutzte Begrifflichkeit nur bei Leuten ankommt, die damit vertraut sind, Claudia Boerger bekräftigte die Ansicht, dass die Begriffe abschreckend wirken und eine negative Haltung mir gegenüber induzieren, Apanat baute mich – wie so oft – wieder auf, Andreas Mertens schließlich beschrieb, wie er selbst sein Publikum mit der von ihm vertrauten Terminologie manchmal verfehlt: „Ich tappe auch immer wieder in diese Falle„.

3. Und pötzlich kommt @Cervus

In meinem eigentlichen Vortrag war von Neuron kaum die Rede, den Vortrag kannten aber meine Adressaten nicht. Sie hatten nur den Blogeintrag zur Kenntnis genommen. Ich setzte einen Link auf den Text und Peter Ringeisen las ihn. Er fand ihn sehr gut. Das war eine große Entlastung für mich. Und heute früh nach dem Aufstehen sehe ich in Twitter folgenden Kommentar: „ich emergiere :). les grad den ludwigsburg-vortrag, klingt super! der verzicht auf so manche neuronenmetapher stärkt ihn ungemein.“ Das war @Cervus, den ich zwar followe, mit dem ich bisher aber kaum direkten Kontakt hatte. Und er hatte meinen Vortrag durchstudiert!

Fazit Dank Blogs und Twitter ist es möglich geworden, beim Verfassen von Texten Denkpartner einzubinden, die durch starken Druck radikale Änderungen einleiten.  Eine solche Denkpartnerschaft geht sehr in die Tiefe.

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28 Antworten

  1. Ich kann verstehen, dass man von konkreten Praxisbeispielen ausgehen soll – das halte ich auch für notwendig. Aber ich finde es auch gut, wenn man in die Konzeptualisierung des Beispiels (die ja folgen muss) die Metaphern mit einbindet. „Sie sehen hier, wie die Klasse miteinander interagiert hat. Sie sprechen einfach das aus, was sie denken, weil wir vorher geklärt haben, dass sie feuern sollen wie Neuronen…“ usw. Was ist daran schlecht? Daran ist gar nichts abstrakt oder wissenschaftlich-unverständlich. Und im Gegenteil: Ich (und ich glaube auch viele meiner Studenten) haben sich durch die Metaphern richtig für die Thematik begeistern lassen. So hat Ulrike z.B. sofort ein Weblog eingerichtet mit „Meerschweinchen“ im Titel. Und ich glaube die Maschendraht-Community hätte auch nicht soviel Zulauf erhalten, wenn es nicht die Maschendraht-Metapher gegeben hätte. Ich vertrete hier trotz aller Kritik die Position: Pro Metapher! 🙂

  2. @Spannagel
    Voll d’accord! Wir müssen unterscheiden zwischen Lehrern, die Konkretes für ihren Unterricht brauchen und Studenten und Dozenten, die von berufswegen sich mit abstrakten Modellen über die Praxis befassen. Wir machen weiter wie gehabt, nur dass wir unsere Lehrerklientel nicht nerven dürfen…

  3. Aber Hallllooooo, PRO METAPHER. Ich bin für die Neuronen. Ohne macht das ganze keinen Sinn, oder wird schwer vermittelbar. Damit kann ich den ganzen „Quatsch“ den wir machen, immer schnell erklären.
    Also Pro Metapher.

  4. @Spannagel
    Und wir müssen unbedingt noch reden über Aktionsforschung und deren Merkmale. Im Augenblick sind wir richtige Zwillinge, was unsere Forschungsaktivitäten angeht. Daher fallen mir immer Dinge ein, die ich dir unbedingt sagen will…

  5. @Spannagel
    …aber hier nicht sagen darf…:-)))

  6. @mosworld
    Du bekommst deine Metaphern, jede Menge!:-)))

  7. Mit hat vor allem die Neuronenmetapher sehr geholfen – und doch verstehe ich die Kritik sehr gut, der der LdL-Soziolekt nach sich gezogen hat. Und im Vortrag verzichtest du ja nicht ganz auf die Fachsprache – las da mehrfach von Emergenzen…

    Dabei ist das Problem in meinen Augen nicht die Nutzung der Metaphern, sondern deren Rezeption: „Was – da werden aus Menschen Neuronen gemacht? Das ist dann doch wohl arg reduziert. Was ist das denn für ein Menschenbild?“ – Und schon muss erklärt werden: Die Metapher, das Menschenbild etc.

    Von daher: Für den Vortrag finde ich die Entscheidung gut und nachvollziehbar. Für mein eigenes Denken werde ich bei der Neuronenmetapher erst einmal bleiben. Und das aus einem ganz simplen Grund: Ich kann mit der Metapher (den Metaphern – von der Meerschweinchenmetapher mal abgesehen) was für mich anfangen.

    Die Neuronen-Metapher ist für mich auch ein Beobachtungsinstrument, das meine Aufmerksamkeit im Unterricht bzw. bei dessen Reflexion unterstützen kann, wenn ich z.B. frage, ob und in welcher Form im Unterricht kognitive Leistungen der Schülerinnen und Schüler Raum hatten und wie sich das ausgedrückt hat. – Und da geht mein Gebrauch der Metapher auch über LdL hinaus, ist nicht nur eine Metapher für den Unterricht, sondern kommt mir immer mehr auch in nicht-schulischen Zusammenhängen immer wieder in Sinn, ganz einfach so, im Alltag – z.B. in der S-Bahn, beim Gespräch mit Freunden etc.

    Von daher: Pro Metapher, aber pragmatisch an die Frage rangehen, wo sie eher nutzen und wo nicht, auch wenn man natürlich nie weiß, was von dem bei anderen Leuten ankommt, was man selbst sagt – da gibt es immer wieder Überraschungen (für mich).

  8. „Die Information einer Beschreibung hängt von der Fähigkeit eines Beobachters ab, aus dieser Beschreibung Schlußfolgerungen abzuleiten.“ (Heinz von Foerster)

    Pro Fachsprache 🙂
    Am liebsten mit einfachen Praxisbeispielen, die ich bei dir/euch bisher nicht vermisst habe!

  9. @Herr Larbig und Michael Wald
    Ich denke, das war ein ganz sinnvoller Klärungsprozess. Ich sehe deutlicher, wo die Gefahren liegen.

  10. Und das tolle dabei ist: Ein solcher Prozess findet (öffentlich) statt, wird sichtbar, nachvollziehbar – und damit ein Beispiel mehr, wie vernetztes Arbeiten Früchte trägt.

  11. @Herr Larbig
    Allerdings verlangt es, dass wir unsere Finger und Füße wie Brücken in verschiedenen Bereichen verankert haben: uni, schule, twitter, blogs, plattformen, etc.. und ständig von einem Ort zum anderen rennen!:-))

  12. @jeanpol Also eine Brückenmetaper, die was münchhausenähnliches hat: Selbst die Verankerung der Brücke sein, auf der man dann von einem Ort zum anderen rennt – und die Brücke hat auch noch x Ausfahrten, zu dem Inselreich, das sie verbindet, kreuzt x andere Brücken und – ohne lange nachgedacht zu haben, schon wieder ergibt sich eine gehirnähnliche Struktur.

  13. @Herrlarbig
    Ja, um metaphern kommt man nicht herum!:-)))

  14. „Dank Blogs und Twitter ist es möglich geworden, beim Verfassen von Texten Denkpartner einzubinden, die durch starken Druck radikale Änderungen einleiten. Eine solche Denkpartnerschaft geht sehr in die Tiefe.“

    Dies ist wirklich ein sehr bemerkenswerter neuer Prozess der Wissenskonstruktion. Ist es zu romantisiert, wenn man in punkto Kollege 2.0 schon von einer „Kulturrevolution“ spricht? http://www.jochenenglish.de/?p=3345

  15. @Claudia
    Mal sehen. Ich denke, die Kulturrevolution wurde mit dem Aufkommen des Internets bereits eingeleitet. Sie ist voll im Gange.

  16. Was mich noch ein wenig an der Diskussion stört, ist die stark vereinfachende Charakterisierung von Lehrern, frei nach dem Motto „mit Studenten und Dozenten können wir uns wissenschaftlich unterhalten, Lehrer wollen davon nichts wissen“. Ich denke, wir sollten uns vor Augen halten, dass Lehrer durchaus Leute mit akademischem Hintergrund sind (immerhin haben sie ja mal studiert), die bei weitem nicht so ablehnend und ausschließlich praxisorientiert daherkommen wie sich manch einer das vorstellt. Die Diskussion nimmt hier und da solche Züge an.

    Vielleicht stört mich auch eher die generelle Aussage „Lehrer wollen die Metaphern nicht hören“. Es gibt sicher solche und solche, wie immer im Leben. 🙂

  17. @Spannagel
    Du hast recht, aber mit diesen Unschärfen müssen wir umgehen. Es ist auf jeden Fall günstig, dass wir verschiedene Gruppen ausgemacht haben, die unterschiedliche Interessen haben. Dass die einzelnen Gruppen nicht scharf trennbar sind ist klar, aber zumindest müssen wir wissen, dass es leute gibt, die unsere Gedankenpirouetten nur mäßig amüsieren, weil sie in der Woche ihre 25 Stunden schieben müssen und Konkretes in der Hand haben wollen.

  18. @christian
    Ja, es gibt solche und solche. Meine Wahrnehmung ist aber, dass solche, die mit den Metaphern umgehen wollen im Sinne einer Einlassung quantitativ vielleicht nicht so präsent sind, wie wir es hier uns in unserem eigenen Saft manchmal so vorstellen. LdL lebt nicht einer Blase, sondern in einer Welt mit ihren eigenen Gesetzen und Realitäten. Du magst keine „ja, aber“ – ich weiß, aber mein Lehrer-Ich muss das jetzt sagen.

    Das System Schule ist nach meiner Wahrnehmung seit Jahren – ach was – Jahrzehnten – auf Selbsterhalt und Besitzstandswahrung als top2bottom-Pipe programmiert – und jetzt kommen wir und fordern – um im Bild zu bleiben – saubere Variablendeklaration und strenge Objektorientierung. Das klappt schon bei den Programmierern nicht…

    Der Rudereinschlag des Tankers wird moderat korrigiert vielleicht eher zu Kursänderungen führen – vielleicht auch nicht. Den Rudereinschlag empfinde ich jetzt als ein wenig moderater.

  19. @spannagel
    Ich finde dein Kommentar geht ein wenig an der Diskussion vorbei – zumindest wie ich sie wahrgenommen habe. Es geht nicht um eine „vereinfachende Charakterisierung“, sondern um eine erlebte Wahrnehmung aus der konkreten Praxis. Was evtl. vielen akademisch Lehrenden nicht einmal ansatzweise bewusst ist, ist das massive Ueberlastungsgefuehl – zeitlich oder nervlich oder beides – unter dem vielen Kollegen leiden. Es geht nicht darum, dass viele Kollegen nicht akademisch denken KOENNEN (das hast du doch nicht wirklich angenommen, dass es hier darum geht?!), sondern dass sie nicht die Muße haben, dies auch zu WOLLEN. Abstrakte Didaktisierei schafft keine schnelle Loesung fuer konkrete Probleme. Tut mir leid, wenn ich wieder mit dem unschoenen Argument komme, aber ein wenig Schulpraxiserfahrung mit Vollzeitstelle waere glaube ich sehr einsichtsvoll fuer dich. Ich habe das Gefuehl, du uebertraegst deine Erfahrungen aus der akademischen Erwachsenenbildung nicht immer stimmig auf den viel anstrengenderen Schulalltag. (Ich habe beides lange gemacht, kann mir also schon eine Meinung dazu bilden).

  20. Es gibt solche und solche – und sogar noch andere.
    Ich liebe Metaphern, aber ich mag keine latinisierenden oder graezisierenden Fachausdrücke, wo sie meinem Eindruck nach unnötig (und störend) sind. Warum muss es „Neuron“ heißen, wenn „Nervenzelle“ dasselbe bedeutet und der Metapher nichts von ihrer Schönheit nimmt?
    Ich muss sagen, dass ich es einigermaßen weltfremd und negativ-elitär finde, wenn Lehrern pauschal unterstellt wird, sie seien geistig zu träge, eine Metapher nachzuvollziehen.
    Es geht hier nicht primär um sprachliche Bilder, sondern es ist eine Frage der Wortwahl; Stil und Wortwahl sollten – nach Möglichkeit – kontextorientiert sein. Wenn ich also darüber spreche, wie ich die Kommunikation, die Motivation und das Selbstvertrauen bei Schülern verbessern kann (und damit das Lernverhalten und den Lernerfolg), dann sollte das in einem Stil geschehen, den auch die Schüler nachvollziehen können.
    @Jeanpol: Ich glaube, *wir* haben uns schon richtig verstanden. Aber einige Kommentare hier fand ich seltsam.

  21. @rip
    Ja, es ist wirklich ein heikles thema. Ich denke auf jeden Fall, dass ich aus der Diskussion viel gelernt habe, auch dass Fremdwörter nicht unbedingt zur Verständlichkeit beitragen.

  22. Vielen Dank auch für die zahlreichen Kommentare auf meinen Kommentar. Ich habe eigentlich nichts hinzuzufügen; ich finde die Diskussion extrem aufschlussreich.

  23. Ach so…. @Claudia: Es gibt soooo vieles, von dem ich weiß, dass es mir gut tun würde, wenn ich es am eigenen Leib erfahren würde. Nur leider kann ich diese Erfahrungen alle nicht selbst machen. Aber dafür hab ich ja dann dich, dass du mir wieder den Kopf zurecht rückst. 😉

  24. und mein sohn (9) fragt sich, warum es dividieren und nicht teilen heißt…

  25. @Michael
    Wenn er das wort dividieren 1000 mal gehört und angewendet hat, wird er fragen, warum manche leute „teilen“ sagen und nicht dividieren!“:-)))

  26. […] können. Ich habe mich nun zudem entschlossen, aufgrund verschiedener Diskussionen hier und hier und hier diese Vorlesungsform nicht Neuronenvorlesung, sondern Aktives Plenum zu nennen (ein […]

  27. Ich Naivling habe nicht gemerkt, dass die Umbenennung mit dieser Diskussion zusammenhängen könnte. Ich hatte sie nur einfach für sinnvoll gehalten.

  28. @jeanpol Es gibt vieles, was Menschen trennen kann. Mitunter ist es die Sprache. Vor allem, wenn man etwas schon 1000mal gesagt hat.
    Lernen durch Lehren ist freilich eine Methode, die ungemein hilfreich ist, solche Sprachtrennung aufzuheben.

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