Die Warnung nehme ich ernst.

Resume Unterrichten ist eine sehr komplexe Tätigkeit. Um Prozesse und Abläufe besser begreiflich zu machen ist es nützlich, Bilder aus anderen Bereichen (Metaphern) heranzuziehen. Dieses Vorgehen birgt Gefahren.

1. Rückmeldung eines Kollegen

In meinem letzten Blog-Beitrag habe ich den Entwurf meines Vortrages am nächsten Samstag in Ludwigsburg skizziert.

Daraufhin erhielt ich folgende Warnung:

rip, on May 2nd, 2009 at 9:34 pm Said: (…)Ich möchte davor warnen, Leute mit dem Vokabular zu verschrecken, das für Lehrer (jedenfalls für mich) fremdartig und auch entfremdend und befremdlich wirkt. Ich finde LdL als Methode sehr gut. Aber ich muss mich wirklich dazu zwingen, einen Artikel zu Ende zu lesen, in dem es von “Perturbationen”, “Neuronen” und “Emergenzen” nur so wimmelt.(…)

2. Das Dilemma

Einerseits verstehe ich die Warnung des Kollegen sehr wohl. Andererseits weiß  ich, dass wenn man die terminologische Hürde überwunden hat, Zusammenhänge, die sehr wichtig für das Verständnis von Unterricht sind, auf einmal klar werden. Es sind wenige Begriffe, aber sie reduzieren die Komplexität drastisch und sind dadurch rasch und einfach operationalisierbar. Ich kann auf die Begriffe nicht verzichten.

Fazit Ich werde in meinem Vortag versuchen, die abschreckende Wirkung der etwa fünf bis sechs zentralen Begriffe abzumildern durch relativierende, ironisierende Nebenbemerkungen. Wenn man diese Metaphern beherrscht, macht es nämlich viel Spaß, sie im Alltag als Deutungsinstrumente zu benutzen.

22 Antworten

  1. Hallo Jean-Pol, sowohl Vilsrips als auch deine Aussagen haben Hand und Fuß. Ich kann ihn gut verstehen, denn es fehlt vielleicht ein wenig die Erfahrung für deinen Vortragsstil. Jean-Pol nur gelesen ist nur ein halber Jean-Pol.😉 dennoch ist es gut, wenn du die Warnung im Hinterkopf behältst – damit deine Messages auch ankommen.🙂 und wieder beweist Du Wahrnehmung und Wertschätzung im Web.

  2. @Melanie
    Super, so eine Unterstützung zu erhalten. Durch unsere lange gemeinsame Projekterfahrung wachsen – auch bei mir – allmählich Gefühle!:-)))

  3. Ich bin ja nun Lehrer. Ich möchte auch die Kritik meines Kollegen bestärken: Das Vokabular wirkt auch viele KuK befremdlich und ich habe es deswegen bisher bewusst im Lehrerzimmer nicht eingesetzt.

    Warum fängst du mit der Metapher an? Warum entwickelst du die Metaphorik nicht an Hand konkreter Beispiele? (Wenn du es nicht eh schon tust…)

    Beispiel „Gehirnmetapher“ – ein Gedankenfetzenplot im Stil von Goethes „Götz“.

    * Film zeigen von Erich (Ausschnitt)
    * Was geschieht hier?
    * Schüler entwickeln auf Basis ihres Wissens angstfrei Lösungswege
    * Fehler sind erlaubt
    * damit verhalten sich die SuS ähnlich wie die Neuronen eines Gehirns, weil die…
    * die Summe aller Äußerungen führt zum Gedanken und produziert Neues, im klassischen Stil nicht Denkbares
    usw.

    Strenggenommen ist die Neuronenmetapher zumindest für mich eigentlich keine Metapher, sondern eher ein Modell (ich bin sehr nietzschegeschädigt). Eine Metapher lässt sprachlich immer einen individuellen und sehr freien Zugang zu. Unter einem „Strom von Menschen“ stellt sich jeder etwas anderes vor, weil die Metapher diesen Spielraum bietet. Den Spielraum deiner Gehirnmetapher empfinde ich als enger, was ich persönlich beschreiben und reflektieren kann. Unvoreingenommen kann ich mir vorstellen, dass beim „Erstkontakt“ erstmal genau dieses Gefühl von Enge entsteht – aber unbewusst – das ist immer doof ob der Irrationalität. Für mich muss es erstmal logisch sein, in einer bestimmten Art und Weise zu agieren. Logik kann paradoxerweise auch durch emotionale Bestätigung entstehen – hm. Schon wieder was zum Nachdenken für mein Blog. Fürch-ter-lich… Einen schönen Sonntag!

  4. Wie ich schon anmerkte, liegt aus meiner Sicht die Problematik darin, dass diese Metaphern nur greifen, wenn man mit Neuronenverhalten und Hirnfunktionen einigermaßen vertraut ist.

    Wenn jemand dann erst einmal sich über Neurowissenschaften schlau machen muss, verwirren solche Metaphern natürlich.

    Es ist allerdings meiner Meinung nach unmöglich, Universalmetaphern zu finden!

    Nehme zB. Jesus und die Bergpredigt.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Gleichnis

    Jesu Gleichnisse waren exakt auf seine Zielgruppe abgestimmt. Es gab dennoch Missverständnisse!

    Hier müsste man sich nun die Frage stellen, kann man von deiner/unserer Zielgruppe entsprechende Anschlussstrukturen voraussetzen?

  5. Viel abenteuerlicher finde ich solche Versuche (Ameisenmetapher):
    http://www.dnadigital.de/networks/blog/post.willms:13

  6. Ich habe beim Lesen des Artikels genau wie vilsrip gedacht.
    Meine Erfahrung aus der Lehrerfortbildung: Wissenschaftlichkeit führt bei Kollegen häufig dazu, dass sie abschalten. Wissenschaftlich arbeiten heißt notwendigerweise generalisieren, aber genau da fühlt sich mancher Kollege (unter Umständen zu Recht) mit seinem konkreten Leidensdruck und seiner latenten Überforderung in seiner ganz speziellen Schulsituation nicht erkannt. Im besten Fall wird dem Vortragenden der Vorwurf der Realitätsferne zuteil, im schlechtesten führt die wahrgenommene „selbstverliebte Laberei aus dem Elfenbeinturm“ zu Aggression: „Warum verschwendet der hier meine kostbare Zeit“.
    In beiden Fällen erreichst du keinen, egal wie viel Recht und auch Unterrichtspraxis du persönlich hast, Jean-Pol.

    Oft haben wir doch auch alle schon ganz andere, wirklich negative Erfahrungen mit Fortbildung gemacht. Ich habe den Prozess einmal in einem Blogaustausch mit Christian beschrieben: „[…] Sicherlich bei weitem nicht immer, aber auch gar nicht so selten zeugen diese Wortschablonen meiner Erfahrung nach nicht von wissenschaftstheoretisch notwendiger Abstraktion sondern vielmehr von einer gewissen Distanz zum wirklichen Schulleben, soll heißen bezeugen geradezu, dass man keine wirklich erlebte, konkrete Situation vor Augen hat, sondern sehr vage Vorstellungen oder gar Ideale. […] Bei dieser zumindest suggerierten Praxisferne wird man dann als Lehrerin natürlich ein wenig stutzig und fragt sich: Wie weit ist das Gesagte tatsächlich unterrichtstauglich und der Fachdidaktiker wirklich „vom Fach“ und damit glaubwürdig?“ http://cspannagel.wordpress.com/2009/01/29/tazde-und-deutschlandradio-kultur/

    Davon abgesehen: Ich kann dir gar nicht zustimmen, wenn du sagst „[…] Andererseits weiß ich, dass wenn man die terminologische Hürde überwunden hat, Zusammenhänge, die sehr wichtig für das Verständnis von Unterricht sind, auf einmal klar werden. Es sind wenige Begriffe, aber sie reduzieren die Komplexität drastisch und sind dadurch rasch und einfach operationalisierbar.“
    Beim mündlichen Vortrag hilft Redundanz m.E. viel mehr als der kondensierte Ausdruck – letzterem kann man als Zuhörer natürlich schlechter folgen.

  7. @Maik, Michael und Claudia
    Herzlichen Dank! Ich versuche eure Hinweise zu integrieren (in meinen Kopf). Und vor Ort möglichst stark auf die Stimmung im Raum eingehen und reagieren.

  8. Übrigens: in meinem Vortragstext beginne ich mit ausführlichen Schilderungen meines Schulalltags!
    http://de.wikiversity.org/wiki/Benutzer:Jeanpol/LdL-Treffen-Ludwigsburg/Vortrag

  9. @mccab99
    „Warum fängst du mit der Metapher an? Warum entwickelst du die Metaphorik nicht an Hand konkreter Beispiele? (Wenn du es nicht eh schon tust…)“
    – Werde ich tun.
    „Den Spielraum deiner Gehirnmetapher empfinde ich als enger, was ich persönlich beschreiben und reflektieren kann.“
    – Also nützlich, wenn ich dich richtig verstehe.

    @Michael
    „Hier müsste man sich nun die Frage stellen, kann man von deiner/unserer Zielgruppe entsprechende Anschlussstrukturen voraussetzen?“
    – Das ist tatsächlich eine zentrale Frage. Zumal ich in meinem Vortrag ausführlich auf die Intransparenz von Systemen, auch von Zuhörern in einem Saal, eingehe.
    Und danke für deine Links, die schaue ich mir an.

    @Claudia
    „Im besten Fall wird dem Vortragenden der Vorwurf der Realitätsferne zuteil, im schlechtesten führt die wahrgenommene „selbstverliebte Laberei aus dem Elfenbeinturm“ zu Aggression: “Warum verschwendet der hier meine kostbare Zeit”.
    -Möchte ich natürlich auf jeden Fall vermeiden!
    „Beim mündlichen Vortrag hilft Redundanz m.E. viel mehr als der kondensierte Ausdruck – letzterem kann man als Zuhörer natürlich schlechter folgen.“
    – Ich werde ja mündlich vortragen.

  10. @jeanpol „- Ich werde ja mündlich vortragen.“

    Eben.

  11. Für mich bedeutet die Neuronenmetapher: Fehlerfreundlichkeit
    Perturbation: Anregung durch Provokation, Verfremdung u.a.
    Emergenz: Ergebnis

    Das geht in meiner Sprache mit allen von Jean-Pols Begriffen. Nur das Gehirn halte ich für eine falsche Metapher, deshalb habe ich mir keine Übersetzung gebildet.
    Natürlich haben Fehlerfreundlichkeit, Anregung durch Verfremdung, Ergebnis bei Jean-Pol einen besonderen Sinn. Der ergibt sich aus dem Kontext.

    Ein großer Dirigent hat einmal den Hornisten eine ausführliche Erläuterung gegeben, wie die Stelle gespielt werden sollte, die bis dahin immer falsch gespielt wurde. Und endlich hatte er Erfolg. So war es richtig! Nachher sah er in die Noten, da hatte der Hornist eingetragen: „lauter“.

    Der Hinweis „lauter“ allein hätte es bei den Hornisten nicht gebracht, aber das Bild, was der Dirigent verwendet hatte, brachte es auch nicht. Aber während er sprach, merkten sie, worum es ihm an der Stelle ging, und von jetzt ab konnten sie so lauter spielen, wie er es gemeint hatte.

  12. @apanat
    Heißt es, dass ich in Ludwigsburg durch sprechen etwas bewirken werde, mehr als durch das Kreieren von Metaphern oder erklären von didaktischen Abläufen?
    Ich werde dort meine Denkpartner nennen! Aber schon im Voraus, Danke!

  13. So, jetzt habe ich alle einwände berücksichtigt. Nix mehr mit Neuron, alles schön konkret. Noch ein paar Ergänzungen über einzelne Denkpartner sind fällig und ich kann in die Bütt steigen:
    http://de.wikiversity.org/wiki/Benutzer:Jeanpol/LdL-Treffen-Ludwigsburg/Vortrag

  14. „und ich kann in die Bütt steigen:“

    Wolle mern nei lasse?? Enei mit em!! *uftata, uftata, ….“

  15. @Spannagel
    Der Spaß hört nicht auf!:-)))

  16. Wenn ich schon im Posting oben vorkomme, möchte ich doch auch hier (obwohl wir per Twitter schon kommuniziert haben) noch anmerken, dass ich mich darüber freue, meine Anregung ernstgenommen zu sehen.
    Viel Erfolg in Ludwigsburg!

  17. @rip
    Das wäre noch schöner, wenn ich dich nicht ernst nehme würde! So kann man „gemeinsam Wissen konstruieren“.

  18. […] Begleiter und sein Posting enthielt genau die Argumente, die  zu diesem Zeitpunkt gefragt waren -, Maik Riecken bestätigte dies (”zunächst konkrete Unterrichtserfahrungen, dann die […]

  19. apanats Beitrag (ein wenig weiter oben) hat es in sich: Ein Gleichnis für ein Gleichnis für ein Gleichnis.

    Zwar reden wir auch von Jesus irgendwo als dem großen Gleichnisverwender, aber obwohl wir weder wissen, ob es ihn wirklich gab, noch ob er das wirklich erzählte hat, was über ihn bereichtet wird, haben ne Menge Leute gewusst, wie man den Stoff aufbereiten muss für andere, damit was rüber kommt. Immer dran denken, dass die Bibel ja nur für Eingeweihte geschrieben wurde und erst sehr viel später auch übersetzt wurde. Oder ganz deutlich: der Jesus hat in seinem Leben nicht Wert darauf gelegt, dass seine Ausführungen für andere aufgezeichnet werden … vielleicht wollte er das gar nicht. Die Möglichkeiten dazu hätte er schon gehabt …

    Warum also Gleichnisse? Kann man die nicht einfach weglassen? Kann man Lehrern nicht einfach erklären, was sie zu tun haben? Muss es ihnen dabei auch noch Spaß machen? Muss man mit einer Methode die Mühsal des Lehreralltags beseitigen? Kann man nicht erwarten, dass sie mit Freude und Aufgeschlossenheit ihre Arbeit tun und sich neuen Dingen zuwenden? Ihre Arbeit bedeutet ja auch nichts anderes als JP hier macht: Ein wenig Gedankenzeugs von anderen Menschen so aufbereiten, dass die Kleinen es auch raffen….

    Und nun kommt apanat und stellt so locker fest: Wahrscheinlich ist das Missverständnis an und für sich systembedingt und der Transfer eh nicht wirklich zu erklären … ‚lauter‘. Es passt einfach. Und was hat JP damit zu tun? Er macht auch Sachen, die man nicht wirklich erklären kann (und daher erleben muss) und kommt damit an … Passt auch. Oder?

    Itari

  20. @Itari
    Ja, es ist eine Freude mit dir…:-))

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