Ludwigsburg: der countdown läuft.

Resume Heute in einer Woche werde ich den Abschlussvortrag auf dem LdL-Tag in Ludwigsburg halten. Mein Thema: „Lange Inkubation, plötzliche Emergenz“. Hier ist Multitasking akut angesagt, denn ich bin mit anderen Sachen extrem beschäftigt (z.B. Umzug).

1. Das Thema

Das Thema ist von größter Relevanz. Was muss ich in ein System (einzelner Mensch, reale oder virtuelle Gruppe) einspeisen, damit dieses System sich so verhält, wie ich mir es wünsche? In meinem Vortrag fange ich mit der konkreten Beschreibung meiner Klasse an: Ich möchte, wie jeder Lehrer auch, dass meine Schüler Instrumente erwerben, damit sie im Leben gut zurechtkommen. Ich muss wissen, was sich in deren Köpfen und Herzen abspielt, damit ich mit meinem Angebot andocken kann? Was beschäftigt sie gerade? Wo kann ich anknüpfen, um ihre Aufmerksamkeit zu mobilisieren? Welche Inhalte sind für ihr Leben relevant? Mit welcher Art von Perturbation kann ich bewirken, dass sie sich öffnen, damit ich einen Blick in ihre Innenwelt werfen kann?

2. Perturbation, Inkubation und Emergenz

Den zweiten Teil meines Vortrages werde ich einer Analyse dieser Phänomene in der virtuellen Welt widmen. Während eine Schulklasse zumindest physisch als geschlossenes System vor mir liegt (die Schüler sind körperlich anwesend) und nicht entfliehen kann, ist die virtuelle Welt a priori völlig intransparent und absolut volatil. Will ich aus den Menschen, die sich im System bewegen, ein System (Online-Community) konstruieren, so ist eine sehr ausgefeilte Strategie unabdingbar. Vereinfacht beschrieben: ich muss Neuronen-Verhalten konsequent zeigen und kontinuierlich ressourcenorientiert arbeiten. Ferner muss ich angesichts der raschen Verfallszeit immer wieder Perturbationen in das System einbringen und das in Erregung geratene und orientierungslose System („Gehirn“) in die von mir gewünschte Richtung lenken („Cortexaufgabe“). Nur durch Perturbationen kann ich mir ein Bild des Innenlebens des Systems verschaffen. Allerdings muss ich Geduld haben und warten, bis nach einer gewissen Inkubationszeit die ersten Emergenzen erscheinen.

3. Beispiele aus Twitter und Blogs: Liebe und Hass?

Meine permanenten Perturbationen werden auch als solche wahrgenommen. Wie in einem normalen Organismus auch reagiert das System unterschiedlich. Da die Perturbationen so angelegt sind, dass sie die Emotionen ansprechen (limbisches System) werden zunächst Gefühle mobilisiert. Als Beispiel dazu kann ich die Überschrift „Jesus als Modell für Verbreitungsaktivitäten“ anführen, die damals für ein bisschen Agitation gesorgt hatte. Wichtig ist, dass, nachdem ich Bild-Zeitungs-mäßig Aufmerksamkeit erregt habe, inhaltlich Fleisch anbieten kann, also mit Modellen die Kognition meiner Leser zufrieden stelle. Natürlich werden dabei auch Leute verletzt, aber ich bin immer bereit zu erklären, warum ich so arbeite und werde meist auch verstanden. Wie dem auch sei, diese Perturbationen polarisieren und die Emergenzen zeigen eine Art Lagerbildung, die gelegentlich auch die Extremen Liebe und Hass einschließt. Auf meinem Vortrag werde ich konkrete Beispiele für die unterschiedlichen Emergenzen anführen und interpretieren.

Fazit Will man in der virtuellen Welt Gruppen (Systeme) aufbauen und steuern, so muss man bestimmte Techniken entwickeln und anwenden. Zentral ist dabei, dass man Einblick in das System gewinnt. Das geht so: Perturbieren, inkubieren lassen, die Emergenzen interpretieren.

PS:  Hier der Vortrag (under construction) und hier die Diskussion.

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18 Antworten

  1. Lieber Prof. Jean-Paul Martin,

    ich empfehle von Hartmut Häfele und Kornelio Maier-Häfele das Buch „101 e-Learning Seminarmethoden“, um die Teilnehmer bei Laune zu halten.

    Herzliche Grüße,
    Lisa

  2. @Lisa
    Danke, Lisa, ich werde mir das Buch bestellen!

  3. Ich bin wirklich gespannt auf deinen Vortrag und auf die anschließende Diskussion! 🙂

  4. @Christian
    Das wesentliche wurde bereits im blog beschrieben!

  5. Ich glaube, dass die Perturbation – das Spiel im Wechselbad der Gefühle – in virtuellen und physikalischen Räumen teilweise unterschiedlich behandelt werden sollte. Dabei kommt es darauf an, ob der virtuelle Raum, indem die Perturbation stattfinden soll, mit synchronen oder asynchronen Kommunikationskonstrukten ausgestattet ist. Aus meiner Erfahrung heraus würde ich sagen, dass ich Irritationen/Perturbationen im echten Klassenzimmer anders durchführe als im virtuellen Raum bzw. hier unterscheide zwischen virtuellen Räumen, inden Kommunikation asynchron, synchron oder nahezu synchron stattfinden kann. Die Entfaltung von Emergenz und auch die Gruppendynamiken erscheinen mir anders.

    Unglücklich finde ich, dass es auch so viele verschiedene Vorstellungen von „virtuellen Welten“ gibt. Die Einen meinen damit das Web 2.0, Social Networks, Blogs, Twitter & Co. – Andere verstehen 3D-Computerspiele darunter, und wieder Andere verstehen darunter Metaversen wie Second Life. Und die Kommunikationsformen, Wertschätzungsmechanismen usw. unterscheiden sich da doch sehr stark.

  6. @Andreas
    Danke (Stoff zur Reflexion)!

  7. Auch wenn das vielleicht jetzt nervt – denn dieser Aspekt wurde auch schon von Hokey angesprochen -, aber ich will hier etwas Redundanz auch in dieser Richtung erzeugen. Außerdem kommt am Schluss eine konstruktive Anregung 😉
    Ich möchte davor warnen, Leute mit dem Vokabular zu verschrecken, das für Lehrer (jedenfalls für mich) fremdartig und auch entfremdend und befremdlich wirkt. Ich finde LdL als Methode sehr gut. Aber ich muss mich wirklich dazu zwingen, einen Artikel zu Ende zu lesen, in dem es von „Perturbationen“, „Neuronen“ und „Emergenzen“ nur so wimmelt. Versteh mich nicht falsch: Das geht nicht gegen das gedankliche Gebäude dahinter, ich finde nur diese Begriffe unschön.
    Wenn das nur mein Privatproblem wäre, würde ich mir sagen: Na gut, ich bin halt ein wenig kindisch, und diese wissenschaftliche Terminologie liegt mir nicht. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht allein mir so geht, sondern dass du riskierst, vielen Leuten das Thema LdL durch diese Terminologie zu verleiden.
    Ein wenig abgemildert wird dieser Befremdungseffekt sicher, wenn du an einer Stelle in deinem Vortrag direkt darauf eingehst und erklärst, warum du diese Begriffe verwendest UND dass es LdL nicht schadet, wenn man statt „die Neuronen feuern“ sagt „alle beteiligen sich mit spontanen Beiträgen an der Ideensammlung/an der Diskussion/am Gespräch“.

  8. @rip

    ja, – „neuronen feuern“ ist gelinde gesagt erschreckend !

    ebenso :
    „Während eine Schulklasse zumindest physisch als geschlossenes System vor mir liegt“…

    – „zumindest“ SITZEN, vielleicht auch STEHEN sollten die armen Jugendlichen doch wohl, oder wovon träumt der monsieur da ? –

    …“und nicht entfliehen kann …“

    – ja foutre, welches gesunde Lebewesen möchte das nicht, wenn es von oben als „System“ beäugt wird ?

    Aber nützt da Sprach-Kritik (-bei einem SPRACHLEHRER !-), wenn >le style est l’homme meme< ?

    „… – der Countdown läuft.“
    – was will die Rakete ???

    Warnung an alle fluchtunfähigen Lerner :
    AN IHRER SPRACHE WERDET IHR SIE ERKENNEN !

  9. @rip und andre
    Ich verstehe. Gut, dass ihr mich darauf hinweist. Ich werde mich bemühen, das Ganze live so zu präsentieren, dass es verständlich und erträglich ist für die zuhörer. Mein Problem ist, dass diese Sprache für mich völlig normal ist und alle konnotationen, die ihr mitempfindet, selbst nicht spüre. Und das sehe ich auch nicht 1 zu 1 so, sondern als „lustige“ Metaphern. Also mich amüsiert das…
    Wie gehe ich also die Sache an?

  10. @rip
    „Ein wenig abgemildert wird dieser Befremdungseffekt sicher, wenn du an einer Stelle in deinem Vortrag direkt darauf eingehst und erklärst, warum du diese Begriffe verwendest UND dass es LdL nicht schadet, wenn man statt “die Neuronen feuern” sagt “alle beteiligen sich mit spontanen Beiträgen an der Ideensammlung/an der Diskussion/am Gespräch”.
    – Auf jeden Fall! Danke dass du mich darauf hingewiesen hast! Ich werde versuchen, durch meinen Vortragsstil alles zu entschärfen. Die Leute sollen sehen, dass diese systemtheoretischen Beschreibungen nicht tierisch ernst gemeint sind, sondern nur ein gutes Erkenntnisinstrument darstellen.

  11. @rip und andre
    Wirklich lustig, dass es mir gar nicht aufgefallen war. Jetzt habe ich meinen Text mit anderen Augen gelesen und bin erschrocken!:-))
    Da muss ich was machen!!!

  12. @rip und andre
    Zu meiner Beruhigung: ich habe den vortrag selbst noch einmal gelesen, und er ist bei weitem nicht so schlimm wie mein Blogeintrag!
    http://de.wikiversity.org/wiki/Benutzer:Jeanpol/LdL-Treffen-Ludwigsburg/Vortrag

  13. […] Neueste Kommentare Jean-Pol Martin on Ludwigsburg: der countdown… […]

  14. @jeanpol rip und andre haben recht. Ich tappe auch immer wieder in diese Falle. Ich glaube es ist regelrecht eine Kunst, Terminologie – oh welch Unwort – ich meinte Fachsprache, immer dann zu nehmen, wenn man unter „Seinesgleichen“ ist und die Fachsprache vermeidet bzw. „verpackt“ wenn man „öffnetlich“ spricht. Einfach um die Sachverhalte breit und einfach zugänglich zu machen! Vielleicht ist die Fachsprache auch nur ein Codex, um Menschen auszuschließen !?

    Hier ein Beispiel. Seit drei Jahren ziehe ich durch die Welt und erzähle den Leuten, dass Second Life kein Spiel ist, weil es keine vorgegebenen Rahmenbedingungen gibt und in Echtzeit dreidimensionale Objekte kollaborativ, gemeinsam bearbeitet werden können. Meist rutschte ich zudem noch in eine technikverliebte Fachsprache. Irgendwann begann ich eine Analogie zu entwickeln und so leite ich an einen bestimmten Punkt meines Vortrags wie folgt über zum nächsten Thema:

    „Stellen Sie sich vor, es gäbe eine digitale Knetasse – die digitale Knete, mit der man Software kneten kann ….“. Hiermit habe ich gute Erfahrungen gemacht. Dies bleibt bei den Leuten hängen, insbesondere, wenn ich den Teilnehmern die didgitale Knete auch noch live zeige. Zudem kennen die meisten Zuhörer Knete und das Wort „digital“. Zusammengesetzt ist das Wort aber neu: „Digitale Knete“. Es baut sich dann im Kopf der Zuhörer ein Konstrukt auf. Und an dieses Konstrukt docke ich dann wieder an.

    Manchmal benutze ich die Terminologie – sorry Fachsprache – um bewusst eine Perturbation – sorry Irritation/Störung – herbeizuführen. Und hier möchte ich wieder auf die asynchrone bzw. synchrone Kommunikationformen zurückkommen. Findet Kommunikation im physikalischen Klassenraum statt, kann ich in unglaublich hoher Geschwindigkeit feststellen, ob ein Fremdwort bekannt ist. Einfach, indem ich in die Gesichter schaue, um das unsichtbare Fragezeichen über den Köpfen zu sehe (oder nicht). Sehe ich ein Fragezeichen, dann kann ich direkt reagieren und das Fremdwort in einfache Kleider packen.

    Immerhin sind wir im 3D-Internet schon soweit, die visuelle gerichtete Aufmerksamkeit einer Person in einem gemeinsam geteilten virtuellen Raum zu beobachten. Im „flachen“ 2D-Internet ist das allerdings nicht der Fall. Ich denke, dass die von Dir angesprochenen „Konzepte“ der Perturbation und Emergenz zwar im physischen Raum und im virtuellen Raum wirken/real sind, allerdings etwas unterschiedlich zu handhaben sind bzgl. der Kommunikations-Werkzeuge, die einzusetzen sind.

  15. @Mertens
    Vielen Dank für deine Ausführungen (immer sehr interessant für mich). Mein Votrag ist nun ganz konkret und – wie ich hoffe – an die Erfahrung der Lehrer anknüpfend.

  16. […] und twitternden Kollegen erhalten habe. Lisa Rosa hielt auf lange Strecken das Thema am Kochen, Peter Ringeisen leitete die Wende ein – ich kenne ihn seit mehreren Jahren als wohlwollenden Begleiter und sein […]

  17. wie schön,
    es hat was genützt !
    sprache wörtlich nehmen und
    auf dem gemein SAMEN boden bleiben …

  18. @andre
    Ja, auch dein posting damals hat gefruchtet. Am Ende werden alle die Metaphern mit großer Freude verwenden, bloß ich nicht!:-)))

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