Neuer Resonanzraum: die Ingolstädter Grünen

Resume Paradigmenwechsel erfolgen dadurch, dass man von einem kohärenten System zu einem anderen kohärenten System übergeht. Alte Denkstrukturen werden gegen neue ausgetauscht. Dafür braucht man aber einen Resonanzboden.

1. Resonanzboden Universität

Als ich 1981 die Unterrichtsmethode Lernen durch Lehren (LdL) entwickelte, die aus meiner Sicht zahlreiche Probleme des Fremdsprachenunterrichts löste, wollte ich diese Technik in meinem Wirkungskontext, also der Universität, verbreiten. Die strukturellen Voraussetzungen sind nicht schlecht, denn der Resonanzraum ist überschaubar und schön geschlossen (kleine Gruppe von Spezialisten). Damals wusste ich aber nicht, dass in der Universität ganz andere Kräfte wirken. Die Absorbtionskarft, also die Trägheitsmomente des Systems Universität bewirken, dass jede Innovation sofort im Keim erstickt wird (Schwarzes Loch). Das stelle ich ohne jede Häme fest, denn letztlich ist es mir gelungen, LdL doch bekannt zu machen. Aber es gibt niemanden an der Universität, der ein Interesse hat, neue Ideen eines Kollegen (der immer auch ein Konkurrent ist) bekannt zu machen. Im Gegenteil, jeder Kollege ist bemüht, innovative Einfälle eines anderen totzuschweigen oder wenn es nicht geht, kleinzureden. Und ich nehme mich bei dieser Beschreibung nicht aus. Ich verfasste meine Dissertation über LdL und schrieb ein paar Artikel in angesehenen Zeitschriften, aber ohne nennenswerten Erfolg.

2. Das Schulwesen als Resonanzraum

Als nächsten Resonanzboden kam mir die Schule in den Sinn. Ein gewaltiges Vorhaben, denn im Gegensatz zu den kleinen universitären Zirkeln ist es sehr schwer, einen so großen Raum wie das Schulwesen in Resonanz zu bringen. Hier kämpft man gegen starke dissipative Kräfte (Entropie)! Dennoch: im Gegensatz zur Universität waren die Lehrer daran interessiert, meine Ideen zu verbreiten. Sie standen nicht in Konkurrenz zu mir sondern konnten in das Feld „Schule“ neue Konzepte einbringen und auf diese Weise Aufmerksamkeit für sich erreichen. Es gelang uns also, LdL im Kontext der Schule über Fortbildungsveranstaltungen bekannt zu machen. Angesichts der Weite des Resonanzraumes beanspruchte dieser Prozess natürlich sehr viel Zeit, etwa drei Jahrzehnte.

3. Zurück zur Universität: Ludwigsburg als Inputgeber

Im Laufe der Zeit konnte sich die Universität dem von außen einströmenden LdL-Input nicht mehr verschließen. Die Studenten, die im Rahmen von Schulpraktika von LdL gehört hatten, wollten auch an der Universität darüber informiert werden. Eine junge, weniger traditionsbelastete Generation von Didaktikern wuchs heran, die bereit waren, sich auch mit LdL zu befassen. Und seit einigen Monaten scheint es, dass tatsächlich durch die Initiative eines jungen Kollegen, der mit großer Wucht LdL redundant im universitären Kontext einbringt, an diversen Stellen in der Hochschule Resonanz entstehen könnte. Nachdrücklich möchte ich betonen, dass ich auch von Anfang an an der Universität von einzelnen Kollegen kräftigen Beistand erhielt, beispielsweise von Guido Oebel (Japan). Aber zur Erstellung von Resonanz musste eine kritische Menge von Kollegen erreicht werden.

4. Ein neuer Resonanzboden: Grüne Partei Ingolstadt

Einige Resonanzräume reichen nicht aus. Ich muss multipolar vorgehen. Dafür bieten sich politische Gruppen an, wenn sie für meine Ideen empfänglich sind.  Politische Gruppen wollen Aufmerksamkeit erregen und brauchen zündende Ideen und Themen. Im Gegensatz zu den geschlossenen universitären Zirkeln wollen politische Gruppen nach außen wirken. Ich habe Kontakte zur Grün-Alternative Szene in Ingolstadt behalten. Meine Kernbegriffe (Vernetzung, Gehirn, Neuron, Exploratives Verhalten, no risk-no fun, Weltverbesserung, Geschwindigkeit) scheinen gut anzukommen. Nun müssten die Hauptakteure diese Termini a) unter die Grünen selbst redundant einspeisen, bis eine grünen-interne Resonanz erzielt wird und b) redundant in die Bevölkerung einbringen. Da diese Konzepte lustbetont und „sexy“ sind, müsste sehr bald diese Terminologie auf dem Ingolstädter Markt unter Hausfrauen emergieren. Mal sehen…

Fazit Nachdem unsere Ideen die Resonanzräume „Schule“ und „Hochschule“ in Erregung gebracht haben, dürfte es nicht allzuschwer sein, die Resonanzräume „Ingolstädter Grünen“ und „Ingolstädter Politdiskussion“ in Wallung zu bringen.

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13 Antworten

  1. Hallo Jean-Pol,

    interessanter Artikel! Wir hatten uns vor ein paar Monaten schon darüber ausgetauscht, dass der Kontext zur Verbreitung von LdL nicht in der Schule und Uni stattfinden darf, sondern bei den „Entscheidern“ selbst. Ich finde es großartig, dass Du nun diesen Schritt gegangen bist. 🙂 Und bin gespannt wie es an dieser Stelle weitergeht.

    Grüße aus dem sonnigen Oldenburg

    Thorsten S.

  2. @thorsten
    Danke für dein positives feed-back. Ich denke, man muss überall ansetzen: in der Schule, in der Hochschule, in der Politik. Nur so kann das gesamte System in Resonanz geraten.

  3. Ich finde es nicht nur großartig, sondern irgendwie auch witzig: Du bringst immer wieder Resonanzböden ins Spiel, an die ich zuvor nie und nimmer gedacht hätte. Und witzig daran ist außerdem, dass man Menschen in total unterschiedlichen Kontexten pertubiert. Und zusätzlich ist daran auch noch witzig, dass man nie weiß, was das alles bewirkt. Hoch spannend!

  4. @cspannagel
    Danke. Solche Feed-Backs sind wichtiger als du vielleicht denkst. Als Akteur führe ich Aktionen durch, die für mich naheliegend und „normal“ sind. Daher brauche in einen Blick von außen, der mir aufzeigt, was andere „gut“ finden und was ich weiterhin pflegen soll…
    Ich brauche also jemanden, der mir sagt: weiter in diese Richtung… Jetzt weiß ich, dass die Diversifizierung dir gefällt.

  5. Autonome oder elitäre Zirkel als „geschlossene Systeme“ bringen uns mit unseren verschiedenen und teilweise übereinstimmenden Interessen auch nicht weiter.

    Mein momentan grob gefasstest „Weltverbesserungsprojekt“ hat zum Ziel, die mir bekannten Gruppen aus dem Bereich „Bildung 2.0“ im bildungspolitischen Kontext weiter zu vernetzen.

    Da scheint es ja Übereinstimmung mit euren Aktivitäten zu geben.

    Ferner les ich gerade nochmal das Harvard Konzept (Buch) quer. http://de.wikipedia.org/wiki/Harvard-Konzept

    >Neuron
    >Brainstorm

  6. @Michael Wald
    Übereinstimmung besteht auf jeden Fall. Nur darf ich (dürfen wir) die Rechnung nicht ohnen den Wirt machen. Es ist nicht sciher, dass der politische Kontext bereit ist, sich auf unser Angebot einzulassen (soweit meine aktuellen Erfahrungen).

  7. Sind politische Gruppen ein wenig wie Religionsgemeinschaften? Sowas wolltest doch mal aus irgendwelchen Gründen gründen …

  8. Politische Gruppen bestehen aus Menschen, die oft sehr nachhaltig an einem Projekt zusammenarbeiten, manchmal mehrere Jahrzehnte lang. Und so etwas mag ich.

  9. Schade, dass du dich drückst, dass Thema anzudiskutieren.

    Aber ich geb dir dann noch was zum Nachdenken: In wirtschaftlichen Organisationen (Unternehmen usw.) werden gerne Menschen eingestellt, die ein wenig herum gekommen sind, also auch mal in anderen Firmen unterschiedlich Aufgaben wahrgenommen haben. Manche sprechen dann auch von Unternehmens-Kompetenz. So etwas gibt es gelegentlich auch in der Politik: Menschen, die sich in unterschiedlichen politischen Felder betätigt haben und in unterschiedlichen politischen Organisationen gearbeitet haben, manchmal sogar in verschiedenen Parteien bzw. politischen Gruppen. Man könnte diese Politik-Kompetenz als „Reife-Grad“-Indikator verstehen … leider würde das gegen eine lang andauerde Zusammenarbeit sprechen …

  10. @Iari
    Ich drücke mich nicht, sondern stecke gerade in einer stress-situation privater natur (Haus in Bretagne verkaufen, Mutter ins krankenhaus in paris bringen, alles auf einmal. nicht so wild, aber zeitraubend). Ansonsten verstehe ich durchaus deinen Hinweis. Auch ich bemühe mich, in verschiedenen Feldern zu wirken um meine eigenen Kompetenzen zu erweitern, bzw. in Schuss zu halten. Daher auch mein Wiedereinstieg bei den Grünen und bei der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft). Das spricht aber nicht gegen eine lange andauernde Zusammenarbeit, ganz im Gegenteil. Das ist Time-Sharing. Ich habe mich mein Leben lang bemüht, in unterschiedlichen Feldern stabil mitzuarbeiten, zB als Lehrer an der Schule parallel zu meiner Arbeit als Uni-Mensch.

  11. […] Siehe zum Punkt Resonanz auch: Blog redundant einspeisen und Neuer Resonanzraum: Die Ingolstädter Grünen […]

  12. […] nun, einfach rühren (redundant einspeisen), bis die Resonanzräume in Berührung geraten und womöglich […]

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