„Partizipieren? Nein danke! Und das ist mein gutes Recht!“

Resume Für mich eine völlig neue Erkenntnis: nicht jeder will auf meine Partizipationsangebote eingehen! Und das ist sein gutes Recht!

1. Ich gehe viel zu sehr von mir aus

Mein Menschenbild sieht vor, dass jeder Einzelne seine Bedürfnisse nur durch umfangreiche Aktivitäten befriedigen kann. Dies betrifft nicht nur die physiologischen Bedürfnisse, sondern auch das Bedürfnis nach sozialer Einbindung und sozialer Anerkennung, das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und das Bedürfnis nach Sinn. Folglich versuche ich als Didaktiker und Pädagoge meinen Schülern permanent Felder innerhalb und außerhalb des Klassenzimmers anzubieten, in denen sie die Möglichkeit erhalten, ihre Bedürfnisse durch Aktivität zu befriedigen. An diesem Ansatz habe ich nie gezweifelt, denn in den letzten 30 Jahren wurden meine Angebote in jeder Klasse meist begeistert aufgegriffen. Allerdings, und das ist der entscheidende Punkt, nicht von allen Schülern. Da ich aber immer genug Leute hatte, um meine Projekte zu tragen, habe ich mich auf diese konzentriert und die anderen einfach mitgenommen. Für mich war es klar, dass fitte Schüler oder Studenten mitmachen (partizipieren) und die anderen waren einfach mit dabei, aber ich habe mir keine großen Gedanken über sie gemacht. In meinen Augen waren die Engagierten normal, und die anderen ein bisschen träge (was soll’s, c’est la vie).

2. Wer nicht auf meine Angebote eingeht, ist nicht deshalb schon träge!

Aus gegebenem Anlass wird mir aber klar, dass auch die in meinen Augen spannendsten Projekte nicht unbedingt für Schüler spannend sind. Meine Schüler beispielsweise, die ich bereits vielfach als „zurückhaltend aber klug“ beschrieben habe, haben durch intensive (von mir aufgezwungene) Arbeit ein beachtliches Wissen über die Strukturen der Europäischen Union (sowohl historisch als auch aktuell) aufgebaut. Es wäre ein Leichtes für sie, am bevorstehenden Studientag ihrer Jahrgangsstufe Crash-Kurse über Europa in Form von Workshops für ihre Mitschüler zu gestalten. Diese Idee habe ich voller Begeisterung gestern vorgestellt. Ihre Reaktion war: „mal sehen…“. Dass meine Schüler intelligente und aktive Leute sind, das weiß ich. Aber sie bringen ihre Energien woanders ein. Damit muss ich mich abfinden.

3. Trotzdem weiter anbieten

Es wäre verfehlt, wenn ich meine Aktivitäten einstellen würde. Erstens kann ich das von meinem eigenen Wesen her gar nicht, zweitens haben meine Schüler verdient, gut versorgt zu werden. Und es ist auch nicht so, dass sie nie Angebote aufgreifen. Immer wieder bin ich durch eine Emergenz überrascht! Aber sie sind nicht so begeistert, wie ich das gerne hätte. Mein Idealbild von Partizipationsfähigkeit habe ich in einem Aufsatz dargestellt, der gerade erschienen ist.

Fazit Schüler, Studenten und Kollegen, die nicht gleich auf unser Angebot mit Begeisterung reagieren, sind nicht gleich träge. Sie haben andere Schwerpunkte.


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2 Antworten

  1. Dieses Recht auf Nicht-Partizipation finde ich unter einer Voraussetzung wichtig:

    Man muss darüber im Klaren sein, dass man nicht die Vorteile, die durch Partizipation entstanden wären für sich beansprucht bzw. die Nachtteile, die durch Nicht-Partizipation entstehen, beklagt. Jedes dieser beiden Rechte ist für mich dann für diese Person verwirkt.

    Hypothetisches Beispiel (kommt so gut wie nie vor):
    Versammlung. Geht um irgendeine Sache. Versammlung beschließt. Person X hat *keinen Bock* anwesend zu sein, was ihr Recht ist.
    Person X meckert anschließend und macht Stimmung gegen den Mehrheitbeschluss. Person X darf sich gerne ärgern – aber bitteschön nur über sich selbst.

    Maik

  2. @mccab99
    ich hätte ein anderes Beispiel: Lehrer organisiert dies und jenes (Reise nach Frankreich z.B.). Schüler kommen mit, sind lieb, aber lassen sich bedienen und machen selbst sehr wenig (keine Initiative). Das habe ich noch nicht in dieser Form erlebt, das ist nur ein konstruierter Fall. Aber wie reagiert man dann? Sie kommen mit nach Frankreich, also greifen sie das Angebot auf (sie partizipieren). Aber auf der Reise partizipieren sie nicht, weil sie sich nur minimal einbringen. Jetzt wird schwierig zu definieren, was partizipieren genau bedeutet…

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