Kontrollsucht? Ein Paradoxon.

Resume Wenn das Bedürfnis nach Kontrolle tatsächlich alle anderen Bedürfnisse einschließt, dann ist es logisch, dass unser Bestreben sich ganz und gar auf die Gewinnung und Aufrechterhaltung von Kontrolle richtet. Und damit werden wir süchtig nach Kontrolle. Aber Sucht ist doch das Gegenteil von Kontrolle! Eben!

1. Das Bedürfnis nach Kontrolle schließt alle anderen Bedürfnisse ein

An anderer Stelle habe ich geschildert, dass alle Grundbedürfnisse, beispielsweise die von Abraham Maslow beschriebenen, sich dem Bedürfnis nach Kontrolle unterordnen lassen. Alle Handlungen, die Lebewesen vollziehen, dienen der Lebenserhaltung und haben nur ein Ziel: alles „im Griff“ zu behalten. Dies betrifft alle physiologischen Bedürfnisse, das Bedürfnis nach Sicherheit, nach sozialer Einbindung, nach sozialer Anerkennung, nach Selbstverwirklichung und nach Sinn. Dazu geselle ich noch das Grundbedürfnis nach Informationsverarbeitung, das dafür sorgt, dass wir uns auf die Umwelt einstimmen können.

2. Sucht

In seinem Blogeintrag „Computerselbstwirksamkeit erheben“ zeigt Christian Spannagel sehr gut, wie das Gefühl der Kontrolle im Rahmen von Computeraufgaben entstehen kann. Dieses Gefühl ist so positiv, dass viele Menschen immer wieder den Computer aufsuchen, weil sie dort bestimmen können was geschieht. Gleichzeitig besteht aber die Gefahr, dass sie sich so sehr selbstwirksam erleben, dass sie ihre Aktivitäten ganz auf den Computer verlegen und dabei die Kontrolle über ihr sonstiges Leben verlieren. Dies gilt nicht nur für den Computer, sondern für alle anderen Quellen der Bedürfnisbefriedigung auch. So gesehen definiere ich „Sucht“ als einseitige Fixierung auf eine Quelle der Bedürfnisbefriedigung. Auch die Verliebtheit ist eine solche Fixierung, aber ebenfalls Waffennarrheit, Pornosucht, Alkoholsucht, Putzfimmel usw. Der Fachausdruck dafür ist „Manie„. Die Menschen konzentrieren ihre ganze Aufmerksamkeit auf ein einziges Segment des Lebensspektrums und bemühen sich um volle Kontrolle in diesem Segment. Und dabei verlieren sie die Kontrolle über ihr Leben.

3. Prophylaxe

Suchverhalten entsteht oft ohne dass die Kognition den Vorgang wahrnimmt. Es läuft über die Emotionen, man sucht immer wieder das Suchtfeld auf, weil es Spaß macht, dort Kontrolle auszuüben.  Um dem zu begegnen sollte man kognitive Instrumente ausbilden, um die eigenen Tendenzen zu erkennen und zu steuern.  Ferner sollte man vielfältige und anspruchsvolle Feldern aufsuchen, in denen man die Kontrolle nie erreicht. Man schmiedet sich zwar immer wieder neue kognitiven Instrumente, um diese wechselnden Felder „in den Griff zu bekommen“, aber man kann sich nie so bequem einrichten, dass man dabei süchtig wird. Vor kurzem fragte mich ein Denkpartner wie man sich als Lehrer und Kollege in der Schule davor schützen kann, allzu viel Macht auszuüben, wenn man das Talent dazu hat. Ich antwortete, dass – zumindest auf dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrung – diese Macht nur sehr kurzfristig verliehen wird und sofort wieder verschwindet. Die Gefahr, dass man die eigene Macht in der Schule zusehr auskostet und missbraucht ist gering. Die Gefahr einer Fixierung auf die Macht als Quelle der Bedürfnisbefriedigung – also eine Machtsucht – ist in der Schule ebenfalls gering.

Fazit:  Vielfältige Felder angehen und kontrollieren zu wollen und dabei permanent kognitive Instrument zur Kontrollgewinnung erstellen ist der beste Weg dazu, Sucht (Selbstwirksamkeit in einem engen Feld) zu vermeiden.

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19 Antworten

  1. Interessanter Post. Du überraschst mich immer wieder!

    Zu der Computersucht ne Bemerkung. Im Moment bewegt sich da auch die offizielle Diskussion ein wenig weg aus der puren Vorurteilsschwärmerei: Computerprogramme sind die ‚Bösen‘. Mittlerweile wird doch immer mehr festgestellt, dass es der vermittelnde Charakter des Computers ist (man spielt mit anderen zusammen und das erzeugt die Spielsucht [Rollenspiele] ) und dass sich die Geschichte nicht mehr auf die Kleinen und Jungen bezieht, sondern eher das Mitteljahrgangsfeld (25-45) ist, welches von der Sucht betroffen ist. Was aber nicht deinen Feststellungen zuwiderläuft.

    Bei der Suchtprävention bzw. Entsüchtigung wird man nicht ganz alleine und vor allem nicht nur durch Kopfarbeit alleine zurecht kommen. Da sind schwerere Kaliber nötig, vor allem ein gutes soziales Netz.

    Itari

  2. @Itari
    Klar, ich liebe Computer. Das war nur ein Beispiel für die Struktur von Suchtfeldern.

  3. Schöner Artikel. Ich möchte hinzufügen: Dadurch, dass man in einem Feld, in dem man keine Kontrolle hat, langsam Kontrolle gewinnt, entsteht Flow. Hat man die Kontrolle, dann muss man wieder Felder aufsuchen, in denen man die Kontrolle erlangen kann. So verschafft man sich selbst immer wieder Flows.

  4. @Spannagel
    Genau. Und das ist das Preskriptive an unserer Botschaft. Wir empfehlen Schülern und Studenten, immer wieder neue Felder aufzusuchen (exploratives Verhalten).

  5. Sehr interessanter Beitrag – gerade hinsichtlich Computer habe ich das gestern mit einigen Pädagogen diskutiert. Danke das du es direkt niedergeschrieben hast!

    Flows erreiche ich nicht, in dem ich immer wieder das tue, was zum letzten Flow geführt hat – unser „Flowareal“ gibt sich mit dem dann nicht mehr zufrieden!

    Die Sucht- und Frustgefahr (stuck state) besteht dann darin, dass ich immer wieder das Gleiche mache, aber das gewünschte Flowgefühl, welches ich damit erreichen möchte, nicht mehr erlange (das gilt, wie Jean-Pol geschrieben hat nicht nur für Computer).

    Häufig vergessen wir bei Kontrolle, oder Flow, dass sich sowohl wir selbst, als auch unser System, in dem wir leben, permanent verändert.

    Wenn wir durch unser gleichbleibendes Handeln versuchen Kontrolle oder Flow zu behalten, dann ist Sucht und Frust vorprogrammiert.

    Sowohl Kontrolle als auch Flow sind Zustände, die wir erreichen wollen und wenn wir sie haben, dann sind wir aber weiter, entwickeln uns weiter und dann geht es wieder von vorne los…

    Also „neues Thema/Ziel“ und dann wieder Kontrolle und Flow erlangen wollen… In diesem Wechselspiel (erlangen-loslassen) kann es ganz gut funktionieren, motivieren, gewinnbringend sein, ohne Kontrollfreak oder Süchtiger zu sein… zu werden.

    Kontrolle = Zwang = Stillstand in dieser EINEN Welt

    Wechselspiel = Entwicklung = Flows aus und in unterschiedlichen Bereichen = Welt endecken = Suchtgefahr: Lebensfreude und Zufriedenheit = OK 😉

  6. @Alexander
    Wow! Das freut mich total!

  7. Wir hatten ja gerstern darüber gesprochen. Für mich bedeutet dies, exploratives Verhalten und Selbstreflexivität so zu bündeln, dass immer wieder neue Flows entstehen. Der Artikel bringt es auf den Punkt.

  8. @Michael
    Fein! Einen schönen Tag!

  9. Wenn ich Büchner lese, finde ich dort eine Menge Kritik zu der Haltung nach immer neuen „flows“ zu suchen und immer „explorativ“ zu sein.

    Dahinter steckt für mich das idealistische Motto, was die Figur Jean-Luc Picard aus TNG einmal in einem sehr schönen Satz zusammengefasst hat: „Kern der Menschlichkeit ist das Streben danach, mehr zu sein als man bereits ist.“

    Für Büchner wäre dieser Satz menschenverachtend bzw. inhuman, weil er in seiner Lesart impliziert, dass der Mensch so wie er gemacht ist eben nicht „o.k.“ ist, sondern seine eigene Menschlichkeit bzw. sein menschlicher Wert allein an dem Grad seines Entwicklungswillens („explorative Flowentdeckung“) gemessen wird.

    Vielleicht bringt das ja irgendwann irgendwer zusammen – das mit die dem Idealismus und dem Materialismus.

  10. @mccab99
    Um sofort Klarheit zu schaffen: ich bin durch und durch Materialist (im philosophischen Sinne, nicht im Sinne der Alltagssprache), wie du es bestimmt gleich erkannt hast. Daher gibt es auch für mich keine moralischen Präskriptionen im Sinne „Kern der Menschlichkeit ist…“ sondern lediglich Empfehlungen, welche Strategien man einschlagen kann, um glücklich, bzw. weniger unglücklich zu sein. Wenig explorative und sehr explorative Menschen haben in meinen Augen denselben Wert (sofern dieses Wort überhaupt einen Sinn hat), aber für meine Projekte wähle ich mir explorative Menschen aus.

  11. Das war jetzt Neuronenverhalten von mir. Kein Vorwurf, keine Unterstellungen. Nur ein Gedanke. So war es gemeint.

  12. @mccab99
    Bei mir auch Neuronenverhalten. Ich habe einfach meine Position präzisiert.

  13. Der Beitrag hier gefällt mir ausgezeichnet. Er beschreibt die Zusammenhänge sehr anschaulich und plausibel.

  14. @rip
    Freut mich sehr! Solche Feed-Backs motivieren mich stark! Lustig, dass man immer wieder Unterstützung braucht, nicht nur ab und zu!:-)))

  15. Es fehlen zuviel informationen! Ich würde sehr gerne den psychologischen hintergrund verstehen, woran es liegt dass menschen sich so entwicklen!

  16. @Vando
    Das ist ein Blogeintrag, kein wissenschftlicher Artikel!:-)))
    Und es sind genug Links enthalten, die auf weitere Informationen hinführen!

  17. Man kann auch bei einem „Kartenhaus“ zu einem Flow gelangen!
    Als Konstruktivistin bin ich davon überzeugt, das die „Kartenhäuser“
    auswechselbar sind.
    Wie wäre es mit achtsamer Wahrnehmung? Nicht so explorativ
    doch sehr präsent

  18. Ja, auch Alexander und Napoléon (um nur zwei zu nennen), haben Kartenhäuser gebaut und entsprechende Flows erzielt. Achtsame Wahrnehmung klingt verlockend, führt von der eigenen Wahrnehmung ab, aber schützt vor Kontrollsucht nicht.

  19. […] Kontrollsucht? Ein Paradoxon. […]

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