Gestern in Erlangen: 3 Schüler und 100 Lehrer

Resume Gestern haben Schüler aus meiner 11.Klasse eine Veranstaltung mit Französischlehrern durchgeführt. Es sollte gezeigt werden, dass man 17-jährige nur mit sehr anspruchsvollen Inhalten motivieren kann.

Ich gebe hier meinen Eintrag aus der LdL-Plattform wieder und die Reaktion von Torsten Larbig:

Heute fand unser Auftritt in Erlangen statt. Zu uns kamen mehr Lehrer als erwartet, ungefähr 100. Leider hatten wir nicht genügend Handouts vorbereitet, so dass ein Teil der Leute nach einer gewissen Zeit wieder gegangen sind, weil sie nicht mitarbeiten konnten. Dennoch war es möglich, mit einigen Veränderungen in der Planung die Veranstaltung zu einem guten Ende zu führen. Die zentrale Frage war, wie man 11.Klässler, die Französisch ablegen wollen und wenig Interesse an Französisch haben, doch für dieses Fach motivieren kann. Die Antwort ist, dass man sehr anspruchsvolle Inhalte behandeln muss: Philosophie, Psychologie, Politik, Geschichte und vor allem Texte über die Aktualität (allerdings ebenfalls sehr anspruchsvolle). Natürlich wurde diese meine Position sehr kontrovers diskutiert, denn viele Anwesende meinten, gerade diese Themen seien für Schüler uninteressant. Als dann meine Schüler eine Einheit über Geschichte (Napoléon) durchführten und im Anschluss einen Text über den Glücksbegriff bei Nietzsche mit den TN auf Französisch diskutierten, kippte die Stimmung um. Einige TN betonten, wie lehrreich die Veranstaltung für sie gewesen sei, denn nie hätten sie vermutet, dass Schüler auf hohem Niveau über so komplexe Texte diskutieren könnten. Es habe ihre Augen geöffnet. Natürlich waren nicht alle Anwesenden überzeugt, aber für einige war es ein Erlebnis und eine Offenbarung (glaube ich).

Jean-Pol Martin


Toll! – Für mich ist es immer wieder spannend zu verfolgen, dass es gerade Anforderungen sind, die man als Lehrer möglicherweise für »zu hoch« hält, die Schülerinnen und Schüler zu motivieren vermögen! Wird hier womöglich das Ende der »pädagogischen Reduktion«, der Vereinfachung von Inhalten für Schüler und Schülerinnen eingeläutet?
Ich erinnere gerade eine Zitat aus Golo Manns »Erinnerungen und Gedanken. Eine Jugend in Deutschland«:
»Man soll Kindern nur das Beste zu lesen geben. Oh, ein banaler Satz, aber bedeutungsschwer, wie die meisten Banalitäten, die auszusprechen man sich darum nicht schämen sollte; heute, im Zeitalter der Video-Filme, noch brennender wichtig als dazumal. Kinder nehmen das Gute an, aber das Schlechte auch und schleppen es nun, bewusst wie ich oder doch unbewußt, den Rest ihres langen, langen Lebens mit sich herum.« (S. 69f)
Torsten Larbig
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5 Antworten

  1. Das Problem freilich, dass das Beste sie irgendwie treffen muss.
    Dazu gehört viel Fingespitzengefühl und Fähigkeit, sich selbst zu begeistern. Aber auch das Training darin, dass sie bei LdL aus einem Text das herausholen, was sie und ihre Mitschüler daran interessiert und nicht unbedingt das, was nach Kenntnis des Lehrers an dem Text besonders wichtig ist.

  2. @apanat
    Ja, genau diese Komponenten sind von großer Bedeutung: a) was aus dem Überfluss an interessanten und wichtigen Inhalten wähle ich als Lehrer aus, damit es die Schüler gerade in dieser Stunde erreicht, b) werden die Schüler aus den angebotenen Texten im LdL-Verfahren tatsächlich herausarbeiten, was sie interessieren kann, auch wenn es aus meiner Sicht nicht besonders bedeutsam ist.

  3. Zur Warenästhetik von Unterrichtsfragen.

    Der Referendar in der 10. Klasse stellte eine Frage, alles Schüler meldeten sich. Die Antwort eines Schülers war richtig. Der Supervisor feixt: ‚Sie hätten besser eine stärker differenzierende Frage stellen müssen‘. (Nächste Lehrprobe) Der Referendar stellte eine Frage, kein Schüler meldet sich. Bei der nächsten Frage auch wieder. Bei der dritten Frage meldeten sich wieder alle Schüler. Hoffnungsfroh ruft der Referender einen Schüler auf. Dieser antwortete: ‚Entschuldigung, aber wenn Sie uns lauter Fragen stellen, die lehrplangemäß erst in der zweiten Schuljahreshälfte durchgenommen werden dürfen, können wir Ihnen kein kompetente Bedienung ihres Fragewunsches zusagen und Sie werden in den Augen ihres Beobachters sicherlich nicht gut abschneiden. ‚ [ich übersetze mal auf deutsch: ‚Ey Alda, stell ordentliche Fragen, sonst kannst bei deiner Show nicht mit uns rechnen!“]

    Bedenke, alle Schüler sind Unterrichts-Profis, weil sie tagtäglich den oft schwierigen Umgang mit ihren Lehrern aushalten müssen. Deswegen finde ich LdL grundsätzlich eine tolle Methode, weil sie die Chance zu neuen Sichtweisen bei Lehrern eröffnet (auch wenn ich der Rolle des Regisseurs noch etwas abgewinnen muss).

  4. @Itari
    Danke sehr für deinen Beitrag! Gestern war besonders auffällig, dass die Schüler sich nicht mit den Antworten der Lehrer zufrieden gaben sondern permanent nachbohrten, wie wir das im Unterricht auch machen. Das hat meine Kollegen glaube ich am meisten überrascht und teilweise irritiert, denn sie waren auf diese Inhalte nicht vorbereitet (z.B. wie Napoléon an die Macht kam und auf welche Bevölkerungsschichten er sich stützte) und mussten sich von den Schülern helfen lassen.

  5. […] bald zu anspruchsvoller Nietzsche-Interpretation vorstoßen kann, zeigt er in Wiki und auf seinem Blog. Die drei Themen scheinen mir in der Tat für viele Altersgruppen […]

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