Petra Kleine: Die neue Emergenz (never ending story)

Resume Vor 29 Jahren lernte ich Petra Kleine kennen. In Ingolstadt hatte sich ein kleiner links-alternativer Kreis gebildet und auch ich war dabei. Bald stieß die Gruppe zu den Grünen und Petra war die Galionsfigur. Unsere Wege trennten sich, und plötzlich…

1. Vor 29 Jahren Weichen zur Zusammenarbeit gelegt

Als ich 1980 von Erlangen nach Ingolstadt zog, suchte ich sofort Kontakt zu der linken politischen Szene. Es waren diverse Gruppen dabei, auch Leute, die sich stärker mit Ökologie und Umeltschutz befassten. Mein Thema war eher die Vernetzung. Als die Computertechnologie aufkam, war ich davon überzeugt, dass die Basisdemokratie, die wir uns ja wünschten, nur über dieses Medium zu realisieren sei.  Damit kam ich nicht super an, denn damals herrschte unter Grünen und Alternativen noch eine gewisse Skepsis gegenüber der Technologie. Bald mutierte die Gruppe zu einem Grünen Verband und betrieb mit viel Erfolg Kommunalpolitik. Hier spielte Petra eine zentrale Rolle. Was mich angeht, so kam ich auf die LdL-Idee und widmete mich ganz meiner Aufgabe als Didaktiker und Forscher.

2. 28 Jahre Inkubationszeit

Natürlich beobachtete ich weiter was mit der Gruppe geschah und sah, wie die Grünen unter Petras Obhut zu einem wichtigen Faktor der Ingolstädter Politik wurden. Einen Ansatzpunkt zur Zusammenarbeit fand ich in dieser Zeit nicht, war mein Interessengebiet doch sehr speziell und nicht leicht zu vermitteln, vor allem im  politischen Kontext. Im Hinterkopf behielt ich die Vorstellung, dass wenn ich etwas mehr Zeit hätte, beispielsweise im Ruhestand, ich mich dort wieder engagieren könnte. Und jetzt bin ich so weit. Ich habe vor ein paar Wochen eine Grüne Sitzung besucht und Petra schien sich richtig zu freuen.

3. Petra twittert

In der besagten Sitzung formulierte ich die Hypothese, dass eine stärkere Einbeziehung und Bejahung der „neuen“ Kommunikationsmittel unter dem Motto „Geschwindigkeit und Vernetzung“ das Grüne Image vor allem für Jugendliche etwas aufpolieren würde (“ Sind die Grünen sexy?“). Ich hob vor allem Twitter als Kommunikationstool hervor. Und zu meiner großen Freude tauchte vo ein paar Tagen Petra als Twitterin auf: Petrakleine. Und so besteht die Möglichkeit, dass wir wieder (mehr oder minder eng, je nach Situation) zusammenarbeiten.

Fazit Nachhaltigkeit hat sich gelohnt. Nach 29 Jahren kann dank der neuen Kommunikationstools in kürzester Zeit wieder Kontakt aufgenommen und zusammengearbeitet werden.

Guttenberger in Jena: „Niemand war weggerissen!“

Resume Michael Kratky und Johannes Guttenberger haben am vergangenen Freitag einen Wokshop in Jena durchgeführt. Nach Guttenbergers Meinung war niemand vom Workshop „weggerissen“. Seine Hinweise scheinen mir für die Zukunft unserer Projekte sehr wichtig.

1. Heiner Wittmann äußerte sich positiv:

Blogentry 1: (…) Die Art und Weise, die präzise Darstellung anhand eines Beispiels, wie mit einem Wiki gearbeitet wird, ist klasse. (…)

Blogentry 2: (…) Michael Kratky und Johannes Guttenberger haben über den Einsatz von Wikis berichtet. Dachte mir zuest kenne ich schon, aber ihr Atelier „Wissenskonstruktion mit partizipativen“ Tools war schon deshalb so gut, weil es so klasse vorbereitet war und vorgetragen wurde.(…)

2. Ich fragte Johannes, warum aus seiner Sicht niemand hin und weg war

„Ich denke dazu Folgendes:

1. in der extremen form, wie wir (bzw vor allem beispielsweise Sie und Hr. Spannagel) die sache angehen und betreiben, ist sie nicht Standard, aber Wikis oder Moodle-Zeugs oder dergleichen wird natürlich immer bekannter und immer mehr auch von schulen eingesetzt, so dass es nicht mehr so besonders ist als noch vor wenigen monaten und jahren.

2. viele konzentrieren sich meiner meinung nach (logischerweise 🙂 nur auf das sichtbare, also auf das erstellen von wikis oder praktische fragen, wie beispielsweise „wie bringe ich meine schüler zu diesem oder jenem“ (seiten erstellen etc). Die dahinterstehende theorie aber vernachlässigen vermutlich viele (vllt weil sie sie für zierde oder überzogen oder falsch oder wichtigtuerei halten) und manche lassen sich nicht, andere nur bedingt oder vorübergehend darauf ein, fangen aber wahrscheinlich nie oder nur ganz selten an, in derartigen kategorien und mit derartigen mustern zu denken, so dass sie davon nicht „begeistert“ (im Sinne des Wortes) sein können.

3. es kommt ja immer aufs publikum drauf an. manchmal sind leute dabei, die sich sehr leicht davon begeistern lassen und sehr drauf abfahren, manchmal nicht. dabei kommts vllt auch aufs alter an. jüngere leute lassen sich vllt leichter mitreißen, sind noch begeisterungsfähiger und manchmal idealistischer. sie lassen sich vllt nicht so sehr von der technik begeistern (weil sie mit der eh schon ziemlich vertraut sind oder es schnell werden), aber evtl durch die dahinterstehenden Ideen bzw wirklich interessante Projekte, die sich mit Hilfe der Technik angehen lassen.

4. man darf ja nie die inkubationszeit außer acht lassen, obwohl die „Beeinflussungsphase“ bei einem derartigen atelier schon sehr kurz und damit nicht so intensiv ist wie z.B. 3 Jahre Französischunterricht. Aber manchmal reicht ja schon ein kleiner Ruck, um eine Lawine ins Rollen zu bringen…

5. Auch wenn wir noch lang nicht alle Potenziale ausnutzen, so sind doch mittlerweile die meisten – zumindest was die technik angeht – im pc- und internet-zeitalter (neuen paradigma) angekommen.

Was meinen und denken Sie dazu??

vg, Johannes“

Was ist wo und durch wen vorne?

Resume Als Forscher, der versucht Innovationen hervorzubringen und zu propagieren, beobachte ich die Verbreitungsfortschritte unserer Gedanken. Wo sind sie gerade, diese Ideen?

1. Das ganze Paket am letzten Freitag in Jena

Kollektive Wissenskonstruktion, Neuron, Gehirn, exploratives Verhalten, LdL, IPK, Inhalte im LK-Französisch, Menschenbild, Weltverbesserung, UNO und anderes mehr… Das ganze Paket wurde von Michael Kratky und Johannes Guttenberger auf dem Bundeskongress der Französischlehrer in Jena am letzten Freitag in einem Workshop vorgetragen. Ein Mitarbeiter des Klett-Verlages saß im Saal und hat mitgebloggt ( Wissenskonstruktion mit partizipativen Tools. Von H.Wittmann).

2. Ludwigsburg, Spannagel und Lutz Berger

Welche Gedanken im Ludwigsburger Umfeld von wem und wohin getragen werden, weiß ich nicht genau. Ich kann nur die permanenten Emergenzen über Twitter, Blogs und Plattformen wahrnehmen. Die jüngste war gestern abend, es war ein Tweet von Lutz Berger: „Looking at: meine ldl-clip-statistik „lutzland.blog“ » LdL – Rückschau – wer schaut was?“ Die ganze Ludwigsburger Aktion wird einen Höhepunkt am 09.05.09 schaffen, aber wie es weitergeht kann ich nur ahnen. Es wird wahrscheinlich besser, als ich es mir in den kühnsten Fantasien vorstelle.

3. Guido Oebel in Japan

Eine Emergenz, die mich besonders freut, ist das Erscheinen des von Guido Oebel herausgegebenen Sammelbandes „LdL – Lernen durch Lehren goes global: Paradigmenwechsel in der Fremdsprachendidaktik und kulturspezifische Lerntraditionen. Erweiterter Tagungsband der 2.DaF-Werkstatt Westjapan vom 27. bis 29. Oktober 2006 an der Universität Kurume, Mii-Campus.“ Verlag Dr.Kovac. 2009. 410 Seiten.  Zusammen mit der persönlichen Komponente (Guido Oebel hat die LdL-Bewegung enorm vorangebracht) beglückt mich, dass das universalistische Menschenbild, das LdL zugrundeliegt, ins Zentrum der Reflexion rückt.

4. Reflexion über Unterricht

Und natürlich komme ich auch voran in meinem ureigenen Feld, der Durchführung von Unterricht und der Reflexion darüber. Es scheint, dass meine Schüler bereit sind, aus der abwartenden Haltung zur Offensive überzugehen. Nachdem wir uns ausführlich mit Europa beschäftigt haben, werden wir, so hoffe ich, ab morgen die Probleme der Welt angehen. Über das entsprechende Buch verfüge ich ja: Histoire/ L’Europe et le monde depuis 1945. Klett/Nathan. Und für meine vertieften Reflexionen über meinen Unterricht vefüge ich über zwei vorzügliche Denkpartner: das ist einmal apanat, den ich im Rahmen meiner Aktivitäten in der Wikipedia kennen- und schätzen gelernt habe, und Maik Riecken, der erst vor kurzem und mit intellektueller Wucht in meinem Horizont aufgetreten ist.

5. Nur Bestandsaufnahme heute um 9.50Uhr

Selbstverständlich vergesse ich nicht Joachim Grzega, oder auch Twitter-Denkpartner wie Filterraum oder Itari_Itari, ganz zu schweigen von Mindlounge. In meinem Eintrag habe ich die Personen und Aktionen thematisiert, die sich gerade im Brennpunkt meiner Aufmerksamkeit befinden. Und auf die Arbeit mit den Grünen freue ich mich natürlich sehr, Petrakleine!

Fazit Da und dort kommen wir voran. Überall innovativ, überall erfolgreich und dennoch in der Summe unspektakulär. Das ist Aktionforschung eben. Der Glanz kommt nach dem Tod!:-))

„Partizipieren? Nein danke! Und das ist mein gutes Recht!“

Resume Für mich eine völlig neue Erkenntnis: nicht jeder will auf meine Partizipationsangebote eingehen! Und das ist sein gutes Recht!

1. Ich gehe viel zu sehr von mir aus

Mein Menschenbild sieht vor, dass jeder Einzelne seine Bedürfnisse nur durch umfangreiche Aktivitäten befriedigen kann. Dies betrifft nicht nur die physiologischen Bedürfnisse, sondern auch das Bedürfnis nach sozialer Einbindung und sozialer Anerkennung, das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und das Bedürfnis nach Sinn. Folglich versuche ich als Didaktiker und Pädagoge meinen Schülern permanent Felder innerhalb und außerhalb des Klassenzimmers anzubieten, in denen sie die Möglichkeit erhalten, ihre Bedürfnisse durch Aktivität zu befriedigen. An diesem Ansatz habe ich nie gezweifelt, denn in den letzten 30 Jahren wurden meine Angebote in jeder Klasse meist begeistert aufgegriffen. Allerdings, und das ist der entscheidende Punkt, nicht von allen Schülern. Da ich aber immer genug Leute hatte, um meine Projekte zu tragen, habe ich mich auf diese konzentriert und die anderen einfach mitgenommen. Für mich war es klar, dass fitte Schüler oder Studenten mitmachen (partizipieren) und die anderen waren einfach mit dabei, aber ich habe mir keine großen Gedanken über sie gemacht. In meinen Augen waren die Engagierten normal, und die anderen ein bisschen träge (was soll’s, c’est la vie).

2. Wer nicht auf meine Angebote eingeht, ist nicht deshalb schon träge!

Aus gegebenem Anlass wird mir aber klar, dass auch die in meinen Augen spannendsten Projekte nicht unbedingt für Schüler spannend sind. Meine Schüler beispielsweise, die ich bereits vielfach als „zurückhaltend aber klug“ beschrieben habe, haben durch intensive (von mir aufgezwungene) Arbeit ein beachtliches Wissen über die Strukturen der Europäischen Union (sowohl historisch als auch aktuell) aufgebaut. Es wäre ein Leichtes für sie, am bevorstehenden Studientag ihrer Jahrgangsstufe Crash-Kurse über Europa in Form von Workshops für ihre Mitschüler zu gestalten. Diese Idee habe ich voller Begeisterung gestern vorgestellt. Ihre Reaktion war: „mal sehen…“. Dass meine Schüler intelligente und aktive Leute sind, das weiß ich. Aber sie bringen ihre Energien woanders ein. Damit muss ich mich abfinden.

3. Trotzdem weiter anbieten

Es wäre verfehlt, wenn ich meine Aktivitäten einstellen würde. Erstens kann ich das von meinem eigenen Wesen her gar nicht, zweitens haben meine Schüler verdient, gut versorgt zu werden. Und es ist auch nicht so, dass sie nie Angebote aufgreifen. Immer wieder bin ich durch eine Emergenz überrascht! Aber sie sind nicht so begeistert, wie ich das gerne hätte. Mein Idealbild von Partizipationsfähigkeit habe ich in einem Aufsatz dargestellt, der gerade erschienen ist.

Fazit Schüler, Studenten und Kollegen, die nicht gleich auf unser Angebot mit Begeisterung reagieren, sind nicht gleich träge. Sie haben andere Schwerpunkte.


Plötzliche Emergenzen: immer wieder…

Resume Immer wieder erlebe ich im Unterricht und woanders: man speist kontinuierlich Impulse ein und sieht nichts. Und plötzlich: eine tolle Emergenz.

1. Extrem „stille“ Klasse

Wie bereits mehrfach berichtet habe ich dieses Jahr eine besonders „zurückhaltende“ 11. Klasse bekommen. Die Schüler sind freundlich und wohlwollend, aber meine Impulse und Anregungen lösen nicht die Begeisterung aus, die ich aus den früheren Jahren kenne. Auch die Filmaufnahmen eines SAT1-Teams mit entsprechendem Bericht im Fernsehen, der Besuch einer Gruppe von Studenten aus Ludwigsburg mit ihrem Dozenten und einem Filmproduzenten, die Durchführung eines Workshops mit hundert Französischlehrern verursachten keine großen Wellen. Und dennoch gelingt es uns immer wieder, beeindruckende Unterrichtsphasen zu erleben. Wie geht das?

2. Sehr anspruchsvolle und relevante Inhalte

Von Anfang an habe ich sehr anspruchsvolle Hausaufgaben zur Bearbeitung am Wochenende ausgeteilt. Sämtliche Themen sind aus der Tagespolitik entnommen oder aus der Geschichte. Im Augenblick befassen wir uns mit der Geschichte Europas nach dem zweiten Weltkrieg mit allen Details und stimmen uns ein auf die Europawahlen am 07.Juni 2009. Die Schüler kennen die Funktionsweise der Europäischen Organe sehr genau und können ausführlich auf die Frage eingehen, warum ein Demokratiedefizit zu beklagen ist und die in Lissabon vorgeschlagenen Reformen  dem entgegenwirken.

3. Plötzlich beeindruckend!

Natürlich wirkt der LdL-Unterricht in dieser „stillen“ Klasse oft uninspiriert. Manchmal frage ich mich, ob es einen Sinn hat, soviel Input zu geben, um einen Unterricht zu erreichen, der vielfach ohne Glanz bleibt. Aber im Vergleich zum Beginn hat sich sehr viel getan, auch was die mündliche Beteiligung und Kompetenz angeht. Und vor allem: die Qualität der Inhalte erlaubt den Schülern immer wieder zu zeigen, was sie wirklich können und wissen. Wenn sie in der Klasse – wie heute früh – plötzlich intensiv und hochkompetent über die Struktur der Europäischen Union auf französisch kommunizieren, dann weiß ich, dass die viele Arbeit sich lohnt!

Fazit Wenn man als Lehrer absolut sicher ist, dass man gute Inhalte vermittelt, kann man Durtstrecken im Unterrichtsdiskurs aushalten. Plötzlich und unerwartet emergiert ein Klassengespräch auf hohem Niveau, das einen für das „Dranbleiben“ belohnt.

Kontrollsucht? Ein Paradoxon.

Resume Wenn das Bedürfnis nach Kontrolle tatsächlich alle anderen Bedürfnisse einschließt, dann ist es logisch, dass unser Bestreben sich ganz und gar auf die Gewinnung und Aufrechterhaltung von Kontrolle richtet. Und damit werden wir süchtig nach Kontrolle. Aber Sucht ist doch das Gegenteil von Kontrolle! Eben!

1. Das Bedürfnis nach Kontrolle schließt alle anderen Bedürfnisse ein

An anderer Stelle habe ich geschildert, dass alle Grundbedürfnisse, beispielsweise die von Abraham Maslow beschriebenen, sich dem Bedürfnis nach Kontrolle unterordnen lassen. Alle Handlungen, die Lebewesen vollziehen, dienen der Lebenserhaltung und haben nur ein Ziel: alles „im Griff“ zu behalten. Dies betrifft alle physiologischen Bedürfnisse, das Bedürfnis nach Sicherheit, nach sozialer Einbindung, nach sozialer Anerkennung, nach Selbstverwirklichung und nach Sinn. Dazu geselle ich noch das Grundbedürfnis nach Informationsverarbeitung, das dafür sorgt, dass wir uns auf die Umwelt einstimmen können.

2. Sucht

In seinem Blogeintrag „Computerselbstwirksamkeit erheben“ zeigt Christian Spannagel sehr gut, wie das Gefühl der Kontrolle im Rahmen von Computeraufgaben entstehen kann. Dieses Gefühl ist so positiv, dass viele Menschen immer wieder den Computer aufsuchen, weil sie dort bestimmen können was geschieht. Gleichzeitig besteht aber die Gefahr, dass sie sich so sehr selbstwirksam erleben, dass sie ihre Aktivitäten ganz auf den Computer verlegen und dabei die Kontrolle über ihr sonstiges Leben verlieren. Dies gilt nicht nur für den Computer, sondern für alle anderen Quellen der Bedürfnisbefriedigung auch. So gesehen definiere ich „Sucht“ als einseitige Fixierung auf eine Quelle der Bedürfnisbefriedigung. Auch die Verliebtheit ist eine solche Fixierung, aber ebenfalls Waffennarrheit, Pornosucht, Alkoholsucht, Putzfimmel usw. Der Fachausdruck dafür ist „Manie„. Die Menschen konzentrieren ihre ganze Aufmerksamkeit auf ein einziges Segment des Lebensspektrums und bemühen sich um volle Kontrolle in diesem Segment. Und dabei verlieren sie die Kontrolle über ihr Leben.

3. Prophylaxe

Suchverhalten entsteht oft ohne dass die Kognition den Vorgang wahrnimmt. Es läuft über die Emotionen, man sucht immer wieder das Suchtfeld auf, weil es Spaß macht, dort Kontrolle auszuüben.  Um dem zu begegnen sollte man kognitive Instrumente ausbilden, um die eigenen Tendenzen zu erkennen und zu steuern.  Ferner sollte man vielfältige und anspruchsvolle Feldern aufsuchen, in denen man die Kontrolle nie erreicht. Man schmiedet sich zwar immer wieder neue kognitiven Instrumente, um diese wechselnden Felder „in den Griff zu bekommen“, aber man kann sich nie so bequem einrichten, dass man dabei süchtig wird. Vor kurzem fragte mich ein Denkpartner wie man sich als Lehrer und Kollege in der Schule davor schützen kann, allzu viel Macht auszuüben, wenn man das Talent dazu hat. Ich antwortete, dass – zumindest auf dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrung – diese Macht nur sehr kurzfristig verliehen wird und sofort wieder verschwindet. Die Gefahr, dass man die eigene Macht in der Schule zusehr auskostet und missbraucht ist gering. Die Gefahr einer Fixierung auf die Macht als Quelle der Bedürfnisbefriedigung – also eine Machtsucht – ist in der Schule ebenfalls gering.

Fazit:  Vielfältige Felder angehen und kontrollieren zu wollen und dabei permanent kognitive Instrument zur Kontrollgewinnung erstellen ist der beste Weg dazu, Sucht (Selbstwirksamkeit in einem engen Feld) zu vermeiden.

Mein wissenschaftliches Credo: poetisch von Lutz Berger beschrieben.

Die Beschreibung ist so schön, sie entspricht sosehr meinem wissenschaftlichen Credo, dass ich sie von Christian Spannagels Blog hierher einkopieren:

Lutz Berger

(…)die theoretische debatte über etwas, das man nicht/kaum kennt, ersetzt nicht das tun. ldl und web 2.0 nähert man sich nur bedingt durch den diskurs, sondern eher durch gelebte praxis, hinfalle, aufstehen und feedback, feedback, feedback.

aber ich will mich da nicht weiter in die nesseln setzen, nur eins noch: begeisterung und freiwillige feldversuche haben nichts, aber auch gar nichts mit sektiererei zu tun.

die gruppe die ich begleitete und die menschen die ich dabei traf, sind vom missionieren himmelweit entfernt. wer da die keule schwingt, bekommt von mir die rote karte und muss zurück auf start!

es ist vielmehr der liebenswerte zug des forschers, des pre-experten und des amateurs (lat. amare, remember?), der rote backen kriegt: schau mal, das klassenzimmer fliegt tatsächlich! in den worten von george soros, experte für prozese in zeiten des ungleichgewichts:

“Ich bin der Archetyp des Amateurs. Ich bin wie ein Stammeshäuptling, der nicht lesen und schreiben kann … Aber es ist eine gute Position, zu früh da zu sein. Da zu sein, bevor die Profis, die Experten alles an sich gerissen haben.

Ich bin ein Pre-Experte. Und ich befinde mich in keiner schlechten Gesellschaft, denn viele große Entdeckungen des 19. Jahrhunderts wurden von Amateuren vollbracht. Als die Entdeckungen da waren, dann erst kamen die Professionellen, die richtigen Experten. Ich liebe diese frühe Phase, die Phase der ursprünglichen Entdeckungen. In dieser Zeit ist der Wettbewerb sehrt gering und man kann mit wenigen Mitteln sehr große Erfolge erzielen.”

und jetzt: hitzefrei!

Lutz Berger

Warum ich twitter brauche: zur Organisation kollektiven Denkens.

Resume Als Wissenschaftler sehe ich meine Aufgabe darin, kollektive Reflexion anzuregen und zu organisieren. Dazu brauche ich Inhalte (Handlungsziele), Menschen (Neuronen) und Kommunikationstools (Gehirnarchitektur).

1. Die Ziele (Inhalte)

Aus Gründen, die ich bereits an anderen Stellen beschrieben habe, bin ich stets auf der Suche nach umfangreichen informativen Stimuli. Die finde ich, wenn ich Projekte durchführe. Um Projekte durchzuführen wiederum, brauche ich Menschen. Ich muss also Menschen mobilisieren. Es hat sich erwiesen, dass Menschen gerne an „Weltverbesserungsprojekten“ mitarbeiten.  Solche Projekte sind z.B. die Verbesserung des Schulsystems durch die Verbreitung neuer Kommunikationstools (Web2.0) oder durch die Einführung neuer Methoden, wie Lernen durch Lehren (LdL).  Solche Projekte sind aber auch politische Aktionen gegen die Zerstörung von Ressourcen, wie die Grünen sich auf die Fahne geschrieben haben.

2. Die Menschen (Neuronen)

Wenn Menschen gemeinsam Projekte durchführen, müssen sie kollektiv reflektieren. Das geht am besten, wenn sie schnell und möglichst permanent kommunizieren, wie Neuronen im Gehirn. Ich selbst bearbeite folgende Themen und versuche kollektive Reflexion mit folgenden Menschen durchzuführen (ich liste nur die Projekte und Personen auf, die mich aktuell beschäftigen):

  • Verbesserung der Methodik in Schule und Hochschule dank der Methode Lernen durch Lehren: Knotenpunkt: cspannagel und Lutzland, melgottschalk sowie ekirlu (zusammen mit weiteren Akteuren, die ich nicht mehr überblicke)
  • „Weltverbesserungsprojekte“ nach dem IPK-Muster: Knotenpunkte: kratky (zusammen mit etwa 80 Studenten) und mindlounge (zusammen mit weiteren Akteuren)
  • Intensivierung der Kommunikation unter Grünenmitgliedern: Knotenpunkte speedwuschel und frumpy63
  • Internetprojekte mit Senioren an der Universität Ulm: Knotenpunkt steht noch nicht fest
  • Permanente Reflexion ohne konkretes Projekt mit apanat und Itari sowie Birkenkrahe, dieGoerelebt und Filterraum
  • Sehr vertiefter Austausch über Unterricht mit mccab99 und herr_larbig

3. Ohne Twitter geht es nicht

Bei einer so großen Anzahl von effektiven und möglichen Projektpartnern, die man ansprechen möchte oder die man mit anderen Inhalten (Links) oder Personen verknüpfen will (Organisation kollektiver Reflexion)  ist es unabdingbar, dass man die Übersicht über ihre Aktivitäten behält und auf den Augenblick wartet, der für eine Kontaktaufnahme günstig erscheint. Wenn ich einen Partner mit Hilfe von Twitter verfolge, kann ich seine emotionale und intellektuelle Bereitschaft erkennen, sich auf ein Kontaktangebot von mir einzulassen. Ich kann auch einschätzen, inwieweit er belastbar ist und eventuell freie Kapazitäten hat, um mit mir eine Aktion durchzuführen. Einen solchen Überblick kann ich mir nur mit twitter verschaffen!

Fazit Twitter ist gegenwärtig das einzige Medium, das ermöglicht, sich einen umfassenden Eindruck über die Verfassung eines  Kontaktpartners zu verschaffen, also über seine aktuelle Kontaktbereitschaft und aktuelle Belastbarkeit.

Mein Ludwigsburger Vortrag (09.05.09)

Resume Wenn ich einen Aufsatz verfasse oder einen Vortrag halten soll, bemühe ich mich immer um Unterstützung von außen (open source, kollektive Wissenskonstruktion). Auch diesmal arbeite ich ressourcenorientiert an meinem nächsten Vortrag.

Die Gruppe als Gehirn: lange Inkubation, plötzliche Emergenz

Einleitung:

Der Konstruktivismus hat darauf hingewiesen: neue Informationen werden nicht vom Gehirn 1 zu 1 verarbeitet, sondern sie verursachen Perturbationen, die zu Reorganisationen innerhalb des kognitiven Systems führen. Diese Phänomene entziehen sich dem Beobachter. Wenn man also mit einem Menschen spricht und feststellen will, was die eigenen Worte in ihm bewirken, dann ist man auf Vermutungen und Interpretationen angewiesen. Oft genug bleibt das Gesicht des Gegenüber intransparent. Es verrät nichts. Dasselbe gilt für Gruppen, beispielsweise Schulklassen. Und dasselbe gilt in hohem Maße für das Internet: man weiß, was man hineingibt, aber es ist schwer zu erschließen, was diese Eingaben bewirken. Meist stützt man sich auf die Introspektion und auf die eigenen Erfahrung. Es ist günstig, wenn man prinzipiell Texte eingibt, auch wenn sich zunächst nichts im System bewegt, sei das System ein Mensch, eine Gruppe oder das Internet. Und plötzlich, wie aus dem Nichts, emergiert eine Reaktion. Im Vortrag wird dies an drei Beispielen ausgeführt: an Schülern als Beispiel für Einzelpersonen, an einer Klasse als Beispiel für eine Gruppe und an Twitter sowie an diversen Kommunikationsplattformen als Beispiel für das Internet.

1. Informationsverarbeitung als Grundbedürfnis

(…)

Und hier geht es weiter (wer mir helfen will, kann auf der Wiki-Diskussionsseite seine Anmerkungen einfügen): Fortsetzung des Ludwigsburger Vortrages (under construction)

Gestern in Erlangen: 3 Schüler und 100 Lehrer

Resume Gestern haben Schüler aus meiner 11.Klasse eine Veranstaltung mit Französischlehrern durchgeführt. Es sollte gezeigt werden, dass man 17-jährige nur mit sehr anspruchsvollen Inhalten motivieren kann.

Ich gebe hier meinen Eintrag aus der LdL-Plattform wieder und die Reaktion von Torsten Larbig:

Heute fand unser Auftritt in Erlangen statt. Zu uns kamen mehr Lehrer als erwartet, ungefähr 100. Leider hatten wir nicht genügend Handouts vorbereitet, so dass ein Teil der Leute nach einer gewissen Zeit wieder gegangen sind, weil sie nicht mitarbeiten konnten. Dennoch war es möglich, mit einigen Veränderungen in der Planung die Veranstaltung zu einem guten Ende zu führen. Die zentrale Frage war, wie man 11.Klässler, die Französisch ablegen wollen und wenig Interesse an Französisch haben, doch für dieses Fach motivieren kann. Die Antwort ist, dass man sehr anspruchsvolle Inhalte behandeln muss: Philosophie, Psychologie, Politik, Geschichte und vor allem Texte über die Aktualität (allerdings ebenfalls sehr anspruchsvolle). Natürlich wurde diese meine Position sehr kontrovers diskutiert, denn viele Anwesende meinten, gerade diese Themen seien für Schüler uninteressant. Als dann meine Schüler eine Einheit über Geschichte (Napoléon) durchführten und im Anschluss einen Text über den Glücksbegriff bei Nietzsche mit den TN auf Französisch diskutierten, kippte die Stimmung um. Einige TN betonten, wie lehrreich die Veranstaltung für sie gewesen sei, denn nie hätten sie vermutet, dass Schüler auf hohem Niveau über so komplexe Texte diskutieren könnten. Es habe ihre Augen geöffnet. Natürlich waren nicht alle Anwesenden überzeugt, aber für einige war es ein Erlebnis und eine Offenbarung (glaube ich).

Jean-Pol Martin


Toll! – Für mich ist es immer wieder spannend zu verfolgen, dass es gerade Anforderungen sind, die man als Lehrer möglicherweise für »zu hoch« hält, die Schülerinnen und Schüler zu motivieren vermögen! Wird hier womöglich das Ende der »pädagogischen Reduktion«, der Vereinfachung von Inhalten für Schüler und Schülerinnen eingeläutet?
Ich erinnere gerade eine Zitat aus Golo Manns »Erinnerungen und Gedanken. Eine Jugend in Deutschland«:
»Man soll Kindern nur das Beste zu lesen geben. Oh, ein banaler Satz, aber bedeutungsschwer, wie die meisten Banalitäten, die auszusprechen man sich darum nicht schämen sollte; heute, im Zeitalter der Video-Filme, noch brennender wichtig als dazumal. Kinder nehmen das Gute an, aber das Schlechte auch und schleppen es nun, bewusst wie ich oder doch unbewußt, den Rest ihres langen, langen Lebens mit sich herum.« (S. 69f)
Torsten Larbig