Der Durchbruch.

Resume Gestern habe ich beschrieben, dass man als Lehrer und Erzieher Geduld haben muss. Man sieht den eigenen Input aber was sich in den Köpfen und Herzen der Schüler aufbaut, kann man nur an den wenigen Emergenzen erahnen. Und heute war er da, der qualitative Sprung in meiner 11c.

1. Zunächst sieht man nichts

Als ich meine 11. Klasse vor 5 Monaten bekam und LdL einführen wollte, waren die Aktivitäten in der Klasse sehr verhalten. Das hatte historische Gründe (Französisch Hassfach), und die Schüler trauten sich nicht, im Unterricht zu sprechen. Wenn ich eine neue Klasse bekomme, lasse ich immer sehr anspruchsvolle Texte bearbeiten, um zu sehen, wie die Schüler intellektuell liegen. Und diese Klasse war klug, auch wenn im Unterricht selbst kaum etwas zu sehen war. Ich bemühte mich, ein reiches Angebot an Unterrichtsideen, Themen, Internetmaterialien, außerunterrichtlichen Aktivitäten zu unterbreiten, aber das alles wurde nur sehr zögerlich aufgegriffen. Dennoch stellte ich fest: die Hausaufgaben werden von den meisten als Anlass genommen, ihr Wissen durch Internetrecherchen auszuweiten und ihrer Klugheit vollen Lauf zu geben. Ich behielt also das Vertrauen.

2. Schritt für Schritt Wissen aufbauen, auch wenn im Unterrichts kaum was zu sehen ist

Als Hausaufgaben ließ ich jede Woche umfangreiche Texte behandeln zu folgenden Themen: die Europäische Geschichte (+ Kunst und Philosophie) seit der Renaissance bis zur Gegenwart; die aktuelle Politik (Israel und die Palestinenser, die Finanzkrise, Obama, Sarkozy und der französische Protektionismus, die Struktur der EU, die UNO…); philosophisch/psychologische Themen: z.B. Nietzsche, die Utopien im 18. Jahrhundert, im 19. Jahrhunder und heute… All diese Themen wurden von den Schülern mit Interesse aufgegriffen und bearbeitet. Im Unterricht blieben die Aktivitäten weit unter den angebotenen Möglichkeiten, insbesondere was das Ausschöpfen von LdL-Techniken betrifft. Einige Schüler konnten sich nicht durchringen, im Unterricht nur einen Satz zu formulieren. Dennoch was das Klima freundlich und familiär, ich hatte mich mit der Zurückhaltung der Schüler abgefunden.

3. Auf einmal

Seit Beginn der Woche sitzen Studenten bei mir im Unterricht. Die fremde Präsenz bewirkte, dass die Schüler zunächst ganz in Deckung gingen und die Studenten verwundert waren ob dieser Schüchternheit. Die Studenten ließen auch diese Verwunderung spüren.  Hier war ich gefordert: ich teilte mit, dass ich den Eindruck der Studenten verstehe, dass ich selbst oft mehr Aktivitäten wünsche, aber dass meine Schüler klug und willig sind, und dass ich mich ganz auf diese Eigenschaften konzentriere. Ich ergriff also Partei für meine Schüler (und gleichzeitig auch für mich selbst).  Es scheint, dass diese eigenartige Frontenbildung (wir gegen Besucher) einen enormen qualitativen Sprung bewirkt hat, denn auf einmal zeigten die Schüler zu unser aller Verblüffung, was sie alles in den 5 Monaten gelernt haben, nicht nur inhaltlich, sondern auch LdL-mäßig. Gerade die sehr zurückhaltenden Schüler zeigten, was sie alles bisher in Reserve gehalten hatten. Für mich ein großes Erlebnis. Ob wir die neue Kompetenzstufe stabil erhalten werden, weiß ich nicht, aber allein wegen dieser Stunde haben sich die 5 Monate harter Arbeit gelohnt.

Fazit: nach 5 Monaten harter Arbeit wird durch ein besonderes Ereignis sichtbar, was alles in dieser Zeit an Kompetenzen aufgebaut wurde.

PS: Natürlich sind die Studenten sehr nett und sollen hier nicht als Buhleute hingestellt werden. Sie haben aber als Katalysatoren gewirkt. Siehe dazu die Einträge von Merlin.