LdL-Hype, Schwarmdenken und was gerade passiert

Resume Natürlich möchte jeder, der in einer bestimmten Struktur eingezwängt ist, ausbrechen. Man kann diese Energie nützen und Menschen anstiften, sich zu befreien. Aber was macht man dann mit dieser freigesetzten Energie?

1. Die existierenden Strukturen halten Energien gefangen

Nehmen wir als Beispiel den Frontalunterricht. Er  hat sich im Laufe des 19. Jahrhunderts aus ökonomischen Gründen etabliert und war bis etwa 1980 zeitgemäß. Nun hat sich die Gesellschaft verändert und die Jugendlichen haben in der realen Welt ganz andere Techniken entwickelt, um ihr Wissen aufzubauen. Der lehrerzentrierte Unterricht ist heute nicht mehr funktional. Das spüren alle Beteiligten, sie fühlen sich in den alten Strukturen unwohl, wissen aber noch nicht, durch welche neuen, stabilen Lernarrangements man die alten ersetzen kann. Wer von außen kommt und auf die Inadäquatheit der bestehenden Verfahren hinweist, spricht die gefesselten Energien an. Wenn er sie aber entfesselt, was macht er damit? Er muss unbedingt wissen, wohin er diese befreiten Energien lenkt und wie die Strukturen aussehen müssen, die dem Ganzen wieder Stabilität verleihen. Sonst spielt er den Zauberlehrling.  Was für Schüler gilt, gilt auch für Studenten: die meisten Studenten spüren, dass sie an der Hochschule ihre Energie vergeuden (siehe: Lernziel Prokrastination).

2. Perturbation, Hype, und was dann?

Jeder Lehrer, der seinen Schüler oder seinen Studenten ein ganz anderes Unterrichtsarrangement vorschlägt , bei dem sie ihren Energien freien Lauf geben können, löst einen Hype aus (Perturbation). Aus konvergentem Denken wird schlagartig divergentes Denken. Das Gesetz der Entropie greift mit voller Wucht. Wenn der Lehrer also nicht genau weiß, was er mit diesen neuen Ideen, diesen befreiten Energie anfangen soll, wird er schnell überrannt. Er muss nach der Befreiung von den alten Mustern neue, offenere, aber genauso feste Settings anbieten. Er muss den Übergang von der alten Struktur zur neuen Struktur voll im Griff haben und genau wissen, wohin er will. Dies gilt beispielsweise für die Überführung von einem lehrerzentrierten Unterricht zu einem nach LdL gestalteten Setting. An der Hochschule trifft das Phänomen zwar auch für die Methodik zu (LdL als Innovation für die Hochschule) aber vor allem für die Denkstrukturen: wenn überkommene Denksysteme durch modernere ersetzt werden sollen, so muss ein kohärentes Ganze als Alternative vorgeschlagen werden (siehe Menschenbild), mit der dazugehörigen Terminologie. Sowohl in Bezug auf LdL als auch in Bezug auf mein Menschenbild plädiere ich für alles oder nichts. Schüler und Studenten erhalten nur dann Sicherheit, wenn sie aus einem klaren und stabilen System (lehrerzentrierter Unterricht, Vorlesungs/Referat-Betrieb) in ein ebenso klares und stabiles (LdL, Menschenbild, LdL/IPK-Terminologie) überführt werden.

3. Schwarmdenken?

Wenn einmal die in Schule oder Universität gefesselten Energien durch Perturbationen von außen freigesetzt sind, entsteht divergentes Denken bei den einzelnen Schülern und Studenten. Das ist kein kollektives Denken. Der Dozent, der ja weiß, wo das Ganze hinführen soll, muss sich kontinuierlich gegen die zentrifugalen Kräfte stemmen und

  • dafür sorgen, dass die einzelnen zusammenbleiben (Schwarmbildung)
  • ein Denkziel anbieten, sonst bleibt der Schwarm ziellos und ist permanent von Auflösung bedroht und
  • den Schwarm, der sich gerne ablenken lässt,  immer wieder auf das Ziel hinführen.

In Ludwigsburg wurden die drei Phasen durchlaufen: a) Perturbation (Spannagel führt LdL ein)-> Auslösen divergenten Denkens, b) Schwarmbildung (Spannagel hält seine Leute zusammen), c) Angebot neuer Strukturen und Fokussierung auf ein Ziel -> allmähliche Hinführung zu konvergentem Denken.

4. Was machen, wenn ich zwar perturbieren will, aber die Alternativstruktur noch nicht genau kenne?

Zeige dich explorativ, risikobereit, perturbiere und wir werden dir helfen, nach der Auflösung der alten Settings die neuen, stabilen Strukturen einzuführen. Das geht am besten, wenn du über Twitter, Blogs und vor allem über die LdL-Plattform permanent Kontakt zu Leuten suchst und aufrecherhältst, die bereits Erfahrungen haben. Sehr wichtig ist es, dass du dich sehr ausführlich über die theoretischen Hintergründe der LdL-Methode informierst. Mein Blog habe ich so konzipiert, dass alle Gedanken kohärent aufeinander bauen und in den Texten selbst verlinkt sind (hohe Redundanz und Selbstreferenzialität).

Fazit Paradigmenwechsel erfolgen in einem Schwung. Man verlässt stabile, alte Strukturen und begibt sich rasch in die neuen, ebenfalls stabilen Strukturen. In der Übergangszeit ist es günstig, wenn jemand sich in beiden Strukturen auskennt und den entstandenen – zu Beginn kopflosen – Schwarm ins Zielland lenkt.

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5 Antworten

  1. Kurze Anmerkungen:

    Die 68er-Bewegung fand auch an Schulen statt. Sie ist Auslöser gewesen, die autoritäre Unterrichtsstile thematisiert hat und alternative, Schüler-zentrierte Unterrichtsformen in Schulen eingeführt hat. Zum Beispiel hatten wir 1970 am Gymnasium bereits eine reformierte Oberstufe mit Stufen-Kursen, AGs und 50%-Schülerparität im Prüfungsausschuß fürs Abitur. Es gab die Arbeit des Deutschen Bildungsrates, welcher 1974 seine Empfehlungen zur Neuordnung der Sekundarstufe II veröffentlichte. Frontalunterricht war zu dieser Zeit verpönt und kaum mehr anzutreffen; der Unterricht war wesentlich geprägt durch Schülerreferate, Gruppenarbeiten, Diskussionen, Praktika und Exkusionen. Es gab Stillstunden für Bibliotheksarbeit, Sprachlabors, wöchentliches Oberstufenplenum (2 Schulstunden) und starke Schülervertretungen mit Schul-Streiks usw.

    Schwarm-Theorie … die Metapher vom Schwarm ist ein wenig romantisch. Schwarmbildung ist meist ein kollektiver Abwehrmechanismus gegen Freßfeinde – weder organisiert noch sonstwie besonders geprägt von Intelligenz (wie es aber gerne in der Literatur beschrieben wird). Ich kenn das recht genau, da ich schon öfters das Vergnügen hatte, in und mit Fischschwärmen zu schwimmen/tauchen/tanzen. Die physikalische Beschreibung von Strömungen könnte man am ehesten heranziehen (wo wir dann ganz schnell bei der Chaostheorie wären). Auch Beispiele von soziologischen Massenphänomenen passen hier hin; dort wird aber nachgewiesenermaßen auch kein intelligentes Verhalten produziert, so dass es spezieller Panikverhaltensübungen bedarf, um Schlimmeres zu vermeiden (z. B. Feuerwehrübungen).

  2. Schwarmintelligenz und das Lenken eines Schwarmes widersprechen sich.
    Die Intelligenz kommt von der Masse unterschiedlicher Sehweisen, sie rührt also von dem her, was im Schwarm das Chaos ausmacht.
    Das führt bei der Wikipedia dazu, dass Tausende von Artikeln entstehen und dass immer neue Abzweigungen entstehen.
    Schwarm lenken bedeutet: Regeln (z.B. die von jeanpol nicht besonders geschätzten Löschregeln) und Konzentration (nicht zu viele Wikis).
    Alle Konzentrationsbemühungen können aber nicht verhindern, dass – im Fall, dass im Schwarm auch intelligente Lebewesen sind – Neues entsteht, was der Leitende („Führer“) nicht geplant hat, vielleicht auch etwas, was er eigentlich vermeiden wollte.

  3. @apanat
    „Schwarmintelligenz und das Lenken eines Schwarmes widersprechen sich.“
    – Ich sehe das so: Wenn innerhalb eines Schwarmes themenbezogene Interaktionen zwischen den Akteuren erfolgen, dann kann man das als kollektives Denken bezeichnen. Das bedeutet aber noch nicht, dass der Schwarm als Ganzes ein bestimmtes Ziel ansteuert. Die Richtung kann ja von einem Mitglied oder einer kleinen Gruppe angegeben werden.

    „Die Intelligenz kommt von der Masse unterschiedlicher Sehweisen, sie rührt also von dem her, was im Schwarm das Chaos ausmacht.“
    – Ja, sehe ich auch so.

    „Alle Konzentrationsbemühungen können aber nicht verhindern, dass – im Fall, dass im Schwarm auch intelligente Lebewesen sind – Neues entsteht, was der Leitende (”Führer”) nicht geplant hat, vielleicht auch etwas, was er eigentlich vermeiden wollte.“
    – Der „Führer“ drängt darauf, das das von Anbeginn konsensuell festgelegt Ziel konsequent angesteuert wird. Die Wege sind vielfältig und diese Vielfalt ist gewünscht.

  4. @Itari
    Zu deiner Beruhigung: die geschichte der pädagogik habe ich nur sehr rudimentär wiedergegeben (unschärfe). Ich war 1968 in Nanterre, wo die französischen Mai-Unruhen begannen und habe damals meinen unterricht völlig umgestellt (von frontal auf „basisdemokratisch“). Ich wollte das alles in meinem beitrag außen vor lassen.
    @Itari, @apanat
    Und zum Schwarmdenken: auch damit habe ich mich länger befasst, nur dass ich in diesem Blogeintrag den Begriff als Hingucker benutzt habe, wohlwissend dass „Denken“ im Schwarmkontext nicht ganz zutrifft.

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