Wie Menschen entdecken, dass sie Neuronen sind!

Von Maik Riecken: einkopiert aus der Plattform Neuron:

„Ich probiere gerne Neues aus. Letzten Sonntag habe ich mich als menschliches Neuron verhalten und das hier verfasst: „Moodle, eine persönliche Zwischenbilanz„.  Seitdem (und es sind erst wenige Tage vergangen) passieren merkwürdige Dinge. Menschen kommen auf mich zu. Menschen reagieren auf meine Ideen und entwickeln durch den Impuls neue. Menschen, von denen ich teilweise lange Zeit nichts gehört habe, mit denen mich persönlich auch nicht übermäßig viel verbindet. Die Zugriffsrate auf mein Blog verdoppelt sich in den letzten Tagen. Die lesen (nicht nur) das, sondern auch andere Artikel. Ich halte das Neuron-Modell wahrlich nicht für perfekt, z.B. weil m.E. nicht jeder Mensch aufgrund der Relevanz seines Wissens oder seiner sonstigen Fertigkeiten im gleichen Maß als Neuron im Sinne der Modelldefinition wirken kann. Ich bin z.B. innerhalb der deutschen Moodlecommunity ein relativ etabliertes „Neuron“, sonst wäre der ausgehende elektrische Impuls wirkungslos geblieben – genau wie in vielen Blogs, die Ähnliches versuchen. Mit dem Mensch als Neuron hatte diese Modell in diesem einen Fall Recht. Weitere Experimente müssen das jetzt noch verifizieren, obwohl: Der Impuls zu dem Blog überhaupt kam auch durch ein Neuron: Herr Rau. Grübel…

Aber eines bleibt auf jeden Fall als Erfahrung: Vielleicht muss ich meine Einschätzung bezüglich virtueller Kontakte irgendwann revidieren. Wäre nicht schade drum.“

CS: „Web2.0 und LdL haben ähnliche Merkmale.“

Auf der Suche nach Argumenten für den Einsatz von LdL stoße ich immer wieder auf „kleine Juwele“. Kleine Juwele sind Aspekte, die entscheidend für die Attraktivität von LdL sind und bisher nicht ausreichend von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden.

Aus dem Blog von Andreas (andi1984 ): Interview mit Christian Spannagel

3. Frage: In deinem Blog beschäftigst du dich ja in der letzten Zeit vermehrt mit dem Thema LDL. Was genau ist LDL und was fasziniert dich daran?

LdL heißt “Lernen durch Lehren” und ist eine Unterrichtsmethode, die von Jean-Pol Martin entwickelt worden ist. Jean-Pol habe ich auf dem EduCamp kennen gelernt. Das ist eine Tagung, die sich eigentlich um das Web 2.0 dreht. Beim genaueren Hinsehen bemerkt man aber, dass das Web 2.0 und LdL ganz viele ähnliche Merkmale haben. Bei LdL unterrichten sich die Schüler gegenseitig. Das darf man sich nicht referatartig vorstellen, sondern eher so: Die Schüler sitzen in einem Kreis und diskutieren interessante Themen. Dabei übernehmen Schüler z.B. die Gesprächsführung.  Oder sie präsentieren ihren Mitschülern bestimmte Inhalte, die anschließend gemeinsam besprochen werden. Oder sie bereiten Hausausgaben vor, die von den anderen bearbeitet werden müssen, und dann leiten sie die Besprechung der Ergebnisse. Dabei herrscht also eine sehr offene, anregende, diskussionsfördernde Stimmung. Dabei macht es auch nichts, wenn man Quatsch sagt – die anderen Schüler können einen ja berichtigen. Der Lehrer rügt diese Fehler auch nicht oder gibt schlechte Noten dafür – er ist mehr “Regisseur” oder “Souffleur” und unterstützt die Schüler in ihrer gemeinsamen Arbeit und in ihren Diskussionen. Hierin liegt auch die Gemeinsamkeit mit dem Web 2.0: In beiden Umgebungen können Menschen ihre Gedanken äußern, mit anderen in Kontakt treten und “gemeinsam denken” oder sogar Projekte gemeinsam durchführen.“

Relevantes Wissen.

Resume Gestern hat mir Alexander Rausch eine Freude gemacht. Er meinte, meine Auftritte haben Erlebnischarakter. Das bedeutet, dass ich wohl in Zukunft weiter gefragt bin. Warum ist es so?

1. Warum ich mich auf Auftritte freue

Als Didaktiker und Pädagoge war ich immer schon bestrebt, meinen Schülern und Studenten relevantes Wissen zu vermitteln. Relevantes Wissen bedeutet Einsichten, die einem ermöglichen, gut mit dem Leben zurechtzukommen, also glücklich zu sein. Glücklich sein heißt, dass man in der Lage ist, seine Bedürfnisse – auch langfristig – zu befriedigen. Logischerweise ist der erste Schritt zu überlegen, was überhaupt Grundbedürfnisse sind und wie wir als Lebewesen „funktionieren“. 1986 habe ich nach intensiven Lektüren insbesondere der kognitiven Psychologie und der Soziologie (Luhmanns Systemtheorie)  ein Modell entwickelt, das Menschen beschreibt und den Umgang mit ihnen erleichtert. Da ich weiß, dass das Modell für die meisten a) neu b) gut nachvollziehbar und c) nützlich ist, bin ich bei Auftritten sehr gut drauf und spielerisch aufgelegt.

2. Grundbedürfnis nach Informationsverarbeitung

An anderer Stelle habe ich beschrieben, dass die Informationsverarbeitung ein Grundbedürfnis ist. Ich bin nur dann richtig glücklich, wenn ich permanent Informationen verarbeite. Das geht aber nur, wenn mich Menschen aus meiner Umwelt mit entsprechenden Stimuli versorgen. Und dies wiederum geht nur, wenn ich selbst diese Leute mit relevanten Informationen beliefere. In meinem Blog beispielsweise muss ich mich bemühen, Modelle anzubieten, mit denen meine Leser sofort etwas Konkretes anfangen können. Als Didaktiker und Pädagoge beliefere ich meine Leser mit didaktischen Einsichten, die sie in ihrem Unterricht umsetzen können, um ihr Leben glücklicher zu machen. Als Lieferant von guten Modellen bleibe ich im Gespräch, ich werde eingeladen, werde dadurch mit Stimuli versorgt. Und so kann ich dauerhaft mein Grundbedürfnis nach Informationsvearbeitung befriedigen.

3. Beispiele für relevantes Wissen

Eminent relevantes Wissen ist das oben erwähnte Menschenbild. Das ist das erste, was ich vorstelle, wenn ich einer Gruppe (Schüler, Studenten, Fortbildungsteilnehmer) gegenüber stehe. Ganz wichtig für Lehrer ist in diesem Zusammenhang die Einsicht, dass wir Menschen sehr gerne Unsinn machen, überall wo das möglich ist und bevorzugt natürlich im Unterricht. Wenn man uns aber spannende Handlungsfelder anbietet, die uns ermöglichen, unsere Bedürfnisse nach Informationsverarbeitung zu befriedigen, dann handeln wir in der Regel konstruktiv.  Als Lehrer fokussieren ich auf diese konstruktiven Beiträge. Und nun ein paar Beispiele für relevantes Wissen: wie der Mensch selbst, der sich im Spannungsfeld von antinomischen Bedürfnissen bewegt (Freiheit vs. Gleichheit, Bewegung vs. Ruhe, Klarheit vs. Unbestimmtheit, Integration vs. Differenzierung, Individuum vs. Gesellschaft), lösen sich in der Geschichte der Menschheit die Epochen ab: Mittelalter (Ängstlichkeit, Wunsch nach Ordnung, Blick nach oben zu Gott, Pessimismus) vs. Renaissance (Risikobereitschaft, Offenheit und Aushalten von Unbestimmtheit, Blick auf die Welt, Optimismus). Wer das versteht, kann die Epochen einordnen (auch Kunst, Literatur, Philosophie, pädagogische Vorstellungen).

4.  Weiteres relevante Wissen: „Allgemeinbildung“

Um den Alltag besser in den Griff zu bekommen ist es wichtig, dass man über ein Grundwissen verfügt, mit dem man historische und aktuelle Ereignisse  verstehen und einordnen kann. Daher vermittele ich meinen Schülern Grundkenntnisse in Geschichte, sofern sie das Verständnis der heutigen Welt erleichtern: Palästinakonflikt, Liberalismus vs. Dirigismus, Materialismus vs. Idealismus, Christentum und Islam, Hedonismus vs. Asketismus, Zentralismus vs. Federalismus, usw. Und nun biete ich in der Volkshoschule einen Kurs an, der innerhalb von zwei Semestern alle wesentlichen Ereignisse der Weltgeschichte auf den Punkt bringt. Auf diese Weise soll jeder Teilnehmer über ein klares Raster (Strukturwissen) verfügen, das ihm einen spielerischen Umgang mit der Entwicklung der Welt ermöglicht und ihm die kognitive Durchdringung auch seines eigenen Lebens erleichert.

Fazit Relevantes Wissen ermöglicht die Einordnung der Alltagserlebnisse in einen größeren Kontext und macht uns handlungsfähiger, also glücklicher.

11c: Inkubation, Emergenz und nun offensiv an die Öffentlichkeit.

Resume Nach dem gestrigen Durchbruch, wo plötzlich die Ergebnisse von 5 Monaten harter Arbeit sichtbar wurden, tritt eine neue Phase des Projektes ein:  der dezidierte Gang an die Öffentlichkeit.

1. Die neue Situation: Schülerkompetenzen sichtbar (auch für sie selbst)

Als gestern zwei Schüler an der Reihe waren, die zwar klug, aber notorisch „zurückhaltend“ sind, und als diese Schüler eine perfekte diskursive LdL-Sequenz mit starker Einbindung ihrer Mitschüler und mit Einsatz der Wikiversity-Vorbereitungen (Lückentexte + Links auf Wikipediaartikel) durchführten, war die Stimmung in der Klasse sehr gut. Jeder spürte: wir haben es geschafft. Mein eigenes Gefühl war euphorisch (Auftauchen an die Wasseroberfläche nach 1000 Meter Aufstieg aus der Tiefe des Ozeans). Das bedeutet, dass wir nun offensiv nach außen treten können.

2. Nächste Aufgabe: Workshop in Erlangen am 7. März mit Französischlehrern

Bereits im Vorfeld hatte sich eine Schülerin, die nicht zu den „zurückhaltenden“ gehört sondern eine starke Stütze des Unterrichts darstellt, bereiterklärt in Erlangen aufzutreten und den LdL-Workshop durchzuführen. Sie hatte mir auch zu meiner großen Freude mitgeteilt, dass 5 weitere Schüler bereit wären, nach Erlangen mitzufahren.  Nach dem gestrigen Triumph kann ich mir vorstellen, dass gerade die gestern Aktiven motiviert sind zu zeigen, was sie nun erreicht haben. Auf jeden Fall stehen wir am Anfang einer Entwicklung die für mich hochinteressant und vielversprechend ist.

Fazit Nachdem wir aus den Tiefen des Ozeans kaum sichtbar nach oben geschwommen sind und gestern die Wasseroberfläche erreicht haben, steigen wir nun vor aller Augen den Berg hinauf. Wie hoch der Berg ist, wissen wir nicht!

Der Durchbruch.

Resume Gestern habe ich beschrieben, dass man als Lehrer und Erzieher Geduld haben muss. Man sieht den eigenen Input aber was sich in den Köpfen und Herzen der Schüler aufbaut, kann man nur an den wenigen Emergenzen erahnen. Und heute war er da, der qualitative Sprung in meiner 11c.

1. Zunächst sieht man nichts

Als ich meine 11. Klasse vor 5 Monaten bekam und LdL einführen wollte, waren die Aktivitäten in der Klasse sehr verhalten. Das hatte historische Gründe (Französisch Hassfach), und die Schüler trauten sich nicht, im Unterricht zu sprechen. Wenn ich eine neue Klasse bekomme, lasse ich immer sehr anspruchsvolle Texte bearbeiten, um zu sehen, wie die Schüler intellektuell liegen. Und diese Klasse war klug, auch wenn im Unterricht selbst kaum etwas zu sehen war. Ich bemühte mich, ein reiches Angebot an Unterrichtsideen, Themen, Internetmaterialien, außerunterrichtlichen Aktivitäten zu unterbreiten, aber das alles wurde nur sehr zögerlich aufgegriffen. Dennoch stellte ich fest: die Hausaufgaben werden von den meisten als Anlass genommen, ihr Wissen durch Internetrecherchen auszuweiten und ihrer Klugheit vollen Lauf zu geben. Ich behielt also das Vertrauen.

2. Schritt für Schritt Wissen aufbauen, auch wenn im Unterrichts kaum was zu sehen ist

Als Hausaufgaben ließ ich jede Woche umfangreiche Texte behandeln zu folgenden Themen: die Europäische Geschichte (+ Kunst und Philosophie) seit der Renaissance bis zur Gegenwart; die aktuelle Politik (Israel und die Palestinenser, die Finanzkrise, Obama, Sarkozy und der französische Protektionismus, die Struktur der EU, die UNO…); philosophisch/psychologische Themen: z.B. Nietzsche, die Utopien im 18. Jahrhundert, im 19. Jahrhunder und heute… All diese Themen wurden von den Schülern mit Interesse aufgegriffen und bearbeitet. Im Unterricht blieben die Aktivitäten weit unter den angebotenen Möglichkeiten, insbesondere was das Ausschöpfen von LdL-Techniken betrifft. Einige Schüler konnten sich nicht durchringen, im Unterricht nur einen Satz zu formulieren. Dennoch was das Klima freundlich und familiär, ich hatte mich mit der Zurückhaltung der Schüler abgefunden.

3. Auf einmal

Seit Beginn der Woche sitzen Studenten bei mir im Unterricht. Die fremde Präsenz bewirkte, dass die Schüler zunächst ganz in Deckung gingen und die Studenten verwundert waren ob dieser Schüchternheit. Die Studenten ließen auch diese Verwunderung spüren.  Hier war ich gefordert: ich teilte mit, dass ich den Eindruck der Studenten verstehe, dass ich selbst oft mehr Aktivitäten wünsche, aber dass meine Schüler klug und willig sind, und dass ich mich ganz auf diese Eigenschaften konzentriere. Ich ergriff also Partei für meine Schüler (und gleichzeitig auch für mich selbst).  Es scheint, dass diese eigenartige Frontenbildung (wir gegen Besucher) einen enormen qualitativen Sprung bewirkt hat, denn auf einmal zeigten die Schüler zu unser aller Verblüffung, was sie alles in den 5 Monaten gelernt haben, nicht nur inhaltlich, sondern auch LdL-mäßig. Gerade die sehr zurückhaltenden Schüler zeigten, was sie alles bisher in Reserve gehalten hatten. Für mich ein großes Erlebnis. Ob wir die neue Kompetenzstufe stabil erhalten werden, weiß ich nicht, aber allein wegen dieser Stunde haben sich die 5 Monate harter Arbeit gelohnt.

Fazit: nach 5 Monaten harter Arbeit wird durch ein besonderes Ereignis sichtbar, was alles in dieser Zeit an Kompetenzen aufgebaut wurde.

PS: Natürlich sind die Studenten sehr nett und sollen hier nicht als Buhleute hingestellt werden. Sie haben aber als Katalysatoren gewirkt. Siehe dazu die Einträge von Merlin.

Habe Geduld und warte auf die Emergenzen!

Resume Wenn man Impulse in komplexe Systeme einspeist, braucht es Zeit (Inkubation) bis erste Ergebnisse emergieren. Aber die meisten Menschen haben keine Geduld und wechseln das Feld gerade dann, wenn die Saat beginnt, aufzugehen.

1.  Reaktionen von Besuchern in meiner 11c

In den Lehrerseminaren (zumindest zu meiner Zeit und im Fremdsprachenunterricht) war man daran gewöhnt, die Qualität eines Unterrichts nach der Anzahl der  Schülerinterventionen zu bewerten. Diese Betrachtungsweise begünstigte einen raschen Sprecherwechsel mit entsprechend oberflächlichem Diskurs.  Was man nicht sehen und hören konnte, galt nicht. Dabei ist gerade die vertiefte Reflexion über komplexe Sachverhalte zeitintensiv und wenig spektakulär. Wer vertieft reflektiert, kann auf Betrachter von außen als gelangweilt wirken.  Ein guter Lehrer muss genug Vorstellungskraft entwickeln, um zu deuten, was sich hinter einem unbeweglichen Gesicht abspielt. Wenn Studenten oder sonstige Besucher zu mir in den Unterricht kommen, fällt ihnen als erstes auf, wie zurückhaltend die meisten meiner Schüler sind und sucht nach Ursachen: oft denken sie, ich würde zu direktiv vorgehen und wenig Raum für Eigeninitiative lassen. Nun biete ich solche Räume immer  wieder an (LdL ist per se schüleraktivierend), aber sie werden nicht so ausgenutzt, wie es möglich wäre. Hier muss man einfach feststellen: es gibt Menschen, die sich ungern vor anderen äußern, und in meinem Fall ist es die Mehrheit in der Klasse. Es wird auch vermutet, dass die von mir behandelten Themen die Schüler nicht erreichen. Aber die Hausaufgaben, die die Schüler jede Woche abliefern, sprechen eine andere Sprache: die meisten geben sich Mühe und führen umfangreiche Recherchen durch (z.B. über die Geschichte Europas nach 1945).

2. Ich sehe was, was die Besucher nicht sehen

In meinem Unterricht werden angebotene Aktionsfelder (Rollenspiele, Mindmaps, Podiumsdebatten, Inszenierungen von Ereignissen) von den Schülern wenig aufgegriffen. Aber komplexe Fragen werden angegangen und bearbeitet (z.B. Nietzsches Glückbegriff im Vergleich zur Glücksvorstellung der Stoiker). Es dauert seine Zeit, bis Statements aus der Gruppe aufsteigen, aber die Qualität ist da! Für Besucher ist es sehr schwer, diese Blumen zu erkennen. Alles wirkt langsam, zäh, langweilig. Wenn man aber seit Monaten an der Wissenskonstuktion in dieser Klasse wirkt und merkt, welche neuen Erkenntnisse von Stunde zu Stunde dazukommen, dann freut man sich über diese Denk- und Wissensfortschritte.

3. Auch im Internet braucht man Geduld

Im Internet werden Foren und Plattformen eingerichtet. Wenn das Thema von Bedeutung ist und viele Menschen anspricht, ist am Anfang ein reger Verkehr zu beobachten. Irgendwann geht der zu Beginn eingespeiste Stoff aus und die Plattform wirkt wie tot.  Es wäre fatal, die Plattform dann zu verlassen, denn man weiß nicht, was in den Köpfen der Teilnehmer sich abspielt (siehe auch, über die Intransparenz von Systemen: Die Spermatozoidenmetapher). Es ist sinnvoll, weitere Impulse einzugeben. Und plötzlich speist man gerade den Beitrag ein, der die Kommunikation wieder in Gang setzt. Und hier ist besondere Nachhaltigkeit angesagt: da ich seit zehn Jahren sehr präsent im Netz bin, haben sich regelrechte Vertrauensbeziehungen aufgebaut, die beispielsweise von Wikipedia, über Blogs und bis zu Twitter aufrechterhalten und vertieft werden. Und es kann sein, dass ich in Twitter eine kleine – im Ansatz traurige – Bemerkung einspeise, und gleich danach, für mich völlig unerwartet taucht ein ermunternder Tweet auf!

Fazit Es lohnt sich, auch wenn das System still zu sein scheint, darauf zu vertrauen, dass Inkubation stattfindet. Dies gilt sowohl für einzelne, scheinbar desinteressierte Menschen oder Gruppen, als auch für Menschen und Gruppe im Internet (Twitter, Plattformen). Je länger die Inkubationszeit, desto wertvoller die Emergenz.

LdL-Hype, Schwarmdenken und was gerade passiert

Resume Natürlich möchte jeder, der in einer bestimmten Struktur eingezwängt ist, ausbrechen. Man kann diese Energie nützen und Menschen anstiften, sich zu befreien. Aber was macht man dann mit dieser freigesetzten Energie?

1. Die existierenden Strukturen halten Energien gefangen

Nehmen wir als Beispiel den Frontalunterricht. Er  hat sich im Laufe des 19. Jahrhunderts aus ökonomischen Gründen etabliert und war bis etwa 1980 zeitgemäß. Nun hat sich die Gesellschaft verändert und die Jugendlichen haben in der realen Welt ganz andere Techniken entwickelt, um ihr Wissen aufzubauen. Der lehrerzentrierte Unterricht ist heute nicht mehr funktional. Das spüren alle Beteiligten, sie fühlen sich in den alten Strukturen unwohl, wissen aber noch nicht, durch welche neuen, stabilen Lernarrangements man die alten ersetzen kann. Wer von außen kommt und auf die Inadäquatheit der bestehenden Verfahren hinweist, spricht die gefesselten Energien an. Wenn er sie aber entfesselt, was macht er damit? Er muss unbedingt wissen, wohin er diese befreiten Energien lenkt und wie die Strukturen aussehen müssen, die dem Ganzen wieder Stabilität verleihen. Sonst spielt er den Zauberlehrling.  Was für Schüler gilt, gilt auch für Studenten: die meisten Studenten spüren, dass sie an der Hochschule ihre Energie vergeuden (siehe: Lernziel Prokrastination).

2. Perturbation, Hype, und was dann?

Jeder Lehrer, der seinen Schüler oder seinen Studenten ein ganz anderes Unterrichtsarrangement vorschlägt , bei dem sie ihren Energien freien Lauf geben können, löst einen Hype aus (Perturbation). Aus konvergentem Denken wird schlagartig divergentes Denken. Das Gesetz der Entropie greift mit voller Wucht. Wenn der Lehrer also nicht genau weiß, was er mit diesen neuen Ideen, diesen befreiten Energie anfangen soll, wird er schnell überrannt. Er muss nach der Befreiung von den alten Mustern neue, offenere, aber genauso feste Settings anbieten. Er muss den Übergang von der alten Struktur zur neuen Struktur voll im Griff haben und genau wissen, wohin er will. Dies gilt beispielsweise für die Überführung von einem lehrerzentrierten Unterricht zu einem nach LdL gestalteten Setting. An der Hochschule trifft das Phänomen zwar auch für die Methodik zu (LdL als Innovation für die Hochschule) aber vor allem für die Denkstrukturen: wenn überkommene Denksysteme durch modernere ersetzt werden sollen, so muss ein kohärentes Ganze als Alternative vorgeschlagen werden (siehe Menschenbild), mit der dazugehörigen Terminologie. Sowohl in Bezug auf LdL als auch in Bezug auf mein Menschenbild plädiere ich für alles oder nichts. Schüler und Studenten erhalten nur dann Sicherheit, wenn sie aus einem klaren und stabilen System (lehrerzentrierter Unterricht, Vorlesungs/Referat-Betrieb) in ein ebenso klares und stabiles (LdL, Menschenbild, LdL/IPK-Terminologie) überführt werden.

3. Schwarmdenken?

Wenn einmal die in Schule oder Universität gefesselten Energien durch Perturbationen von außen freigesetzt sind, entsteht divergentes Denken bei den einzelnen Schülern und Studenten. Das ist kein kollektives Denken. Der Dozent, der ja weiß, wo das Ganze hinführen soll, muss sich kontinuierlich gegen die zentrifugalen Kräfte stemmen und

  • dafür sorgen, dass die einzelnen zusammenbleiben (Schwarmbildung)
  • ein Denkziel anbieten, sonst bleibt der Schwarm ziellos und ist permanent von Auflösung bedroht und
  • den Schwarm, der sich gerne ablenken lässt,  immer wieder auf das Ziel hinführen.

In Ludwigsburg wurden die drei Phasen durchlaufen: a) Perturbation (Spannagel führt LdL ein)-> Auslösen divergenten Denkens, b) Schwarmbildung (Spannagel hält seine Leute zusammen), c) Angebot neuer Strukturen und Fokussierung auf ein Ziel -> allmähliche Hinführung zu konvergentem Denken.

4. Was machen, wenn ich zwar perturbieren will, aber die Alternativstruktur noch nicht genau kenne?

Zeige dich explorativ, risikobereit, perturbiere und wir werden dir helfen, nach der Auflösung der alten Settings die neuen, stabilen Strukturen einzuführen. Das geht am besten, wenn du über Twitter, Blogs und vor allem über die LdL-Plattform permanent Kontakt zu Leuten suchst und aufrecherhältst, die bereits Erfahrungen haben. Sehr wichtig ist es, dass du dich sehr ausführlich über die theoretischen Hintergründe der LdL-Methode informierst. Mein Blog habe ich so konzipiert, dass alle Gedanken kohärent aufeinander bauen und in den Texten selbst verlinkt sind (hohe Redundanz und Selbstreferenzialität).

Fazit Paradigmenwechsel erfolgen in einem Schwung. Man verlässt stabile, alte Strukturen und begibt sich rasch in die neuen, ebenfalls stabilen Strukturen. In der Übergangszeit ist es günstig, wenn jemand sich in beiden Strukturen auskennt und den entstandenen – zu Beginn kopflosen – Schwarm ins Zielland lenkt.

Kleine LdL-Juwele aus apanat’s Blog

Manchmal tauchen Statements auf, die muss man sorgfältig aufbewahren.

Hintergrund:  Christian Spannagel, seine Studenten und Lutz Berger sind nach Eichstätt gefahren, um meinen LdL-Unterricht zu filmen. Apanat hat die Aufnahmen angesehen und folgende Blogeinträge verfasst (auch die Kommentare sind interessant):

1. Die LdL-Blogparade

2. Lernen durch Lehren in der Diskussion

3. Weiter zur Diskussion von Lernen durch Lehren

4. Was macht Martin’s Unterricht erfolgreich?

5. Schüleranteil in Lernen durch Lehren

Apanat ist ein Lehrer mit profunden Kenntnissen und enormer Erfahrung. Es lohnt sich sehr, seine Einträge über LdL zu lesen!

Das LdL-Gehirn: die erste Wissenskonstruktionsmaschine

Resume Zwar werden die Probleme der Menschheit immer komplexer, aber das Problemlösepotential der Menschheit wächst entsprechend. Man sammelt schnell im Internet ein paar tausend Leute, constituiert sich zum Gehirn und geht das Problem an. Und das geht so:

1. Menschen als Neuronen, Kommunikationsplattformen als Gehirn

An anderen Stellen habe ich ausführlich beschrieben, dass man Menschen metaphorisch als Neuronen betrachten kann, die im Internet interagieren und kollektiv Problemlösungen erarbeiten. Dazu müssen sie bestimmte Verhaltensweisen automatisieren, die beschreibbar sind (siehe Neuronverhalten und Ressourcenorietierung). Damit die Kommunikation verläuft, muss man den Neuronen Tools anbieten, die sich am Nervensystem und am Gehirn orientieren.

2. Twitter, Blogs und Kommunikationsplattformen

Wesentlich für die kollektive Erarbeitung von Problemösungen ist die Vernetzung der Neuronen und die Geschwindigkeit der Interaktionen. Wenn also Menschen zusammenkommen und beschließen, gemeinsam an der Konstruktion von Problemlösewissen zu arbeiten, dann brauchen sie:

  • eine Plattform zu permanenten, stimmungsbetonten Interaktionen, wie es Twitter ermöglicht,
  • einen Ort zur individuellen, vertieften Reflexion, wie dieses in Blogs geschieht und
  • einen Ort der Integration aller Aktivitäten zur Erreichung des gesetzten Ziels, wie es Mixxt-Plattformen bieten.

3. Die LdL-Kommunikationsplattform

  • Wozu ein LdL-Gehirn? Der Paradigmenwechsel in der Gesellschaft verlangt eine völlige Veränderung der Lernformen. Die Methode Lernen durch Lehren bietet ganz neuartige Settings für Schule und Hochschule. Es besteht also einen Bedarf an mehr Wissen über die Methode LdL als Problemlösung für den relevanten Bereich „Bildungssystem“
  • Woher kommen die Neuronen? Die Neuronen wurden weitgehend durch die Aktivitäten des Ludwigsburger Juniorprofessors Christian Spannagel rekrutiert. Ferner haben sich eine ganze Reihe von Personen angemeldet, die teilweise seit mehreren Jahrzehnten mit der Methode LdL verbunden sind, beispielsweise weil sie mit mir von Anfang an an der Entwicklung und Verbreitung von LdL mitgearbeitet haben oder weil sie meine Schüler bzw. Studenten waren.
  • Die LdL-Kommunikationsplattform: sie soll alle aktiven Neuronen so verbinden, dass intensive Wissenskonstruktion ermöglicht wird und umfangreiches neues LdL-Wissen emergiert. Das Motto: Geschwindigkeit und Vernetzung!

Fazit: Am Beispiel der LdL-Kommunikationsplattform wird gezeigt, wie man schnell eine hohe Anzahl von Menschen zusammenführen kann, die Problemlösungswissen erarbeiten. Solche Wissenskonstruktionsmaschinen können ad hoc und je nach Bedarf konstituiert werden, wenn neue Probleme in der Gesellschaft auftreten.

Digital-native Forscher: die Organisation kollektiver Reflexion im Netz

Natürlich wurde in der Wissenschaft immer schon kollektive Reflexion organisiert. Allerdings war die Zahl der Beteiligten gering. Durch das Internet ist es möglich geworden, eine sehr hohe Anzahl von Menschen aus allen Wissensbereichen zu motivieren, an einem Thema für eine bestimmte Zeit gemeinsam zu arbeiten. Wie Neuronen im Gehirn. Dadurch wird sich die Arbeit des Wissenschaftlers radikal ändern. Er wird nicht mehr in Einsamkeit forschen und ab und zu publizieren, sondern er wird Problemräume definieren und

  • eine hohe Anzahl denkaktiver Menschen mobilisieren
  • diesen Menschen ein relevantes Thema zur Reflexion anbieten
  • als Cortex die Reflexion organisieren und dafür sorgen, dass im Zuge der kollektive Reflexion viel neues, relevantes Wissen emergiert
  • dazu wird er in hohem Maße Netzsensibilität benötigen

So hat beispielsweise CS:

Fazit: Durch das Internet sind Forschern ganz neue Aufgaben zugewachsen. Sie müssen kollektive Reflexion im Netz organisieren. Und dazu brauchen sie Netzsensibilität.