Neue LdL-Produkte: Spannagel, Miehling, Lena Scharnagl

Resume Jahrelang wurde im LdL-Kontext keine wirklich neue Erkenntnis hervorgebracht. Die LdL-Kerngruppe hatte LdL in unterschiedlichen Fächern und Stufen erprobt, hatte LdL verbreitete, aber Koperkanisches „emergierte“ seitdem nicht mehr. Und auf einmal…

1. Spannagel: „Mit einigen Fehlvorstellungen über LdL aufräumen

Im Rahmen ihres Informatik-Seminars bei Dr.Spannagel haben sich Lehramtstudenten aus der PH-Ludwigsburg mit LdL befasst und eine Exkursion nach Eichstätt durchgeführt. Als Vorbereitung auf den Besuch haben sie Texte und Unterrichtsaufnahmen zu LdL studiert und auf diese Weise eine bestimmte Vorstellung über die Methode entwickelt. Die Praxis aber, die sie bei mir erlebten, war eine ganz andere. Spannagel hat in seinem Blog beschrieben, was ihn überraschte:

* Unter LdL stellt man sich immer vor, dass Schüler eine ganze Stunde vorbereiten und diese dann halten – womöglich noch referatartig, was nichts anderes als Frontalunterricht mit anderen Mitteln wäre. Die Stunde, die wir gesehen haben, war aber gänzlich anders. Eine Schülerin hatte zu Beginn zunächst ein paar einführende Worte vorbereitet – der größte Teil der Stunde verlief aber eher als Diskurs anstatt als Präsentation: Die Schülerin hat immer wieder Fragen in die Runde gestellt, um die Mitschüler in ein Gespräch über das Thema (hier: Aufklärung) einzubinden. Jean-Pol hat dabei als Lehrer immer wieder eingegriffen und unterstützt.

* Es war auch nicht so, dass die Schülerin die ganze Stunde geführt hat. Im zweiten Teil der Stunde ist eine andere Schülerin nach vorne gekommen und hat die Hausaufgaben mit den Mitschülern gemeinsam besprochen. Dabei hat sie nacheinander Mitschüler aufgerufen und mit ihnen die Lösungen einen Lückentexts, der ebenfalls von Schülern als Hausaufgabe vorbereitet worden war, geklärt. Bei LdL können also mehrere Schüler flexibel und wechselseitig die Rolle der Lehrperson übernehmen.

*Eine weitere Fehlvorstellung, die man bei LdL haben kann, ist die, dass der Lehrer hinten sitzt und nichts weiter tut als beobachten. In dem von uns beobachteten Unterricht war es ganz anders. Ich würde sogar vom Gegenteil sprechen wollen: Der Lehrer (in diesem Fall Jean-Pol) schaltet sich ständig ein, unterstützt, gibt Tipps, fragt nach.

*LdL ist auch nicht Laissez-faire. Hier würde ich ebenfalls sagen: ganz im Gegenteil. Insbesondere wenn Schüler die Leitung übernehmen und jeder Schüleräußerung mit Respekt und Ernsthaftigkeit entgegnet werden soll, muss eine disziplinierte und absolut ruhige Atmosphäre herrschen. Jean-Pol spricht davon, dass er die “Basisdemokratie diktatorisch einführt”.

Diese Erkenntnisse sind neu.

2. Gerhard Miehling: „Einige Kollegen lehnen sich stark an ihn

Spannagels Studenten haben auch den Leiter des Willibald-Gymnasiums, OStD. Gerhard Miehling ausführlich interviewt. Auch dieses Produkt ist im LdL-Kontext völlig neu. Herr Miehling hat detailliert beschrieben, wie sich meine Arbeit am Gymnasium selbst auswirkt. Zu meiner Überraschung wird meine Aktivität viel stärker wahrgenommen als ich es vermutete. Nach Miehlings Aussage übernehmen viele Kollegen die in meinem Unterricht entwickelten Techniken. Dies gilt nicht für alle, aber insgesamt wird mein Wirken von den Kollegen positiv betrachtet. Ich dachte eher an wohlwollende Distanz.

Die Beschreibung meiner Wirkung innerhalb meiner Schule ist auch neu und lässt sich wohl auf andere LdL-Kollegen in anderen Schulen übertragen.

3. Lena Scharnagl: „Man fühlt sich wohl

Zum ersten Mal erhält eine Schülerin die Möglichkeit, sich länger und präzise über LdL zu äußern. Natürlich ist Lena besonders eloquent und fähig, den Unterricht zu analysieren. Ich kann in diesem Blog nicht alle Hinweise von Lena über meinen Unterricht aufzählen, der interessierte Leser muss das Youtube-Video selbst ansehen. Für mich überraschend war die Fokussierung Lenas auf den Wohlfühl-Aspekt. Darüber hinaus bringt mir das Interview die Bestätigung einiger Hypothesen, z.B. dass LdL als Methode leichter Anekdoten hervorbringt mit deren Hilfe man sich einen Stoff besser merkt.  z.B. mit einem Missgeschick, das einem Mitschüler bei der Darstellung eines Stoffes passiert. Das würde ohne LdL gar nicht vorkommen.

Fazit Mein ethnomethodologisches, phänomenologisches Vorgehen ist mühsam, aber macht sich bezahlt. Da und dort emergieren neue Erkenntnisse, die zwar zunächst nur für mich erkennbar sind, aber auf die ich hinweisen kann, damit sie diffundiert werden.

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24 Antworten

  1. Ich frage mich, wodurch diese Missverständnisse entstanden sind.
    Ist die Methode nicht hinreichend beschrieben, oder haben sich die an LDL Interessierten nicht entsprechend eingelesen?

  2. @Michael Wald
    Vielleicht, weil man beispielsweise auch über Theateraufführungen ganz falsche vorstellungen machen würde, wenn man nur über Theater gelesen hätte, aber nie eine Aufführung gesehen hätte. Auch Videos sind nur kleine Ausschnitte, die keinen realten Eindruck der Realität vermitteln können, auch wenn sie sehr nützlich sind.

  3. Das würde bedeuten, ich kann aus deinem Artikel dann auch keinen Nutzen ziehen?

    Mir ist schon bewusst dass es was anderes ist, eine Methode Live zu erleben.

  4. @Michael Wald
    Nutzen ziehen schon, aber nicht die ganze Tragweite des Phänomens erfassen.

  5. Selbstverständlich werden, wenn man über etwas berichtet, nur Teile der Wirklichkeit wiedergegeben. Seine eigene Sicht der Wirklichkeit kann man sich erst bilden, wenn man sie sieht.
    Wer hätte daran gedacht, dass zur Methode von LdL auch gehört, dass der Lehrer die Schüler versehentlich unterbricht und sie dadurch bei ihrem Unterricht behindert, wie wir es von Lena erfahren? Zwar ist es natürlich. Wenn jemand zu helfen versucht, wird er es auch mal zur Unzeit tun. Aber weder das Eingreifen in die Unterrichtsarbeit der Schüler noch die Fehler, die dabei passieren, sind spezifische Charakteristika von LdL. Zur LdL-Wirklichkeit gehören sie aber untrennbar dazu.
    Dass auch Lena uns – trotz des Eingeständnisses, dass sie mit der Einbeziehung von Computer und Internet nicht ganz glücklich ist – nicht alles über ihre LdL-Wirklichkeit erzählt, ist klar.
    Dass eine einzelne Stunde gesehen zu haben, nicht ausreicht, alle Spezifika von LdL-Praxis kennenzulernen, dürfte auch klar sein.

  6. @michael
    wir haben uns seit Mitte Oktober mit LdL beschäftigt. Intensiv und stets im Austausch mit Jean-Pol. Haben versucht LdL auf spezifische Themen anzusetzen und dabei kamen Unklarheiten auf. Didaktische Überlegungen, Lehrerpersöhnlichkeit, Schülerinteraktionen. Wir wussten was LdL ist, wir wussten stets eine Antwort wenn es um die Theorie ging. Und es blieben für uns einige Fragen offen, wie es denn in der Umsetzung funktionieren kann. Deshalb war der Besuch in Eichstätt so gut. Weil sich dort viele Dinge geklärt haben. Und wir heute nicht nur aus der Theorie argumentieren, sondern eben auch mit Beispielen aus der Praxis.

  7. […] Weiterhin lesenwert hierzu: Blogbeitrag von Jean-Pol […]

  8. Meine Beobachtungen auf meiner Reise im letzten Jahr mit Jean-Pol (und den LdL´ern im Netz) im Zusammenhang mit LdL sind folgende:

    – die LdL Methode ist beschrieben (didaktisch)
    – das Menschenbild, psychologische Aspekte, die dahinter stehen auch

    In der Umsetzung ist das Menschenbild, auf dessen Grundlage Jean-Pol die Methode umsetzt, meiner Beobachtung nach sehr entscheidend. Die vielen Jahre der „Ruhe“ (im Vergleich zu dem derzeitigen Hype) hängen vielleicht damit zusammen:
    LdL nur didaktisch umgesetzt führt zu sehr individuellen LdL-Methoden, die manchmal vielleicht funktionieren, manchmal nicht.
    LdL im Sinne des Erfinders, funktioniert wohl nur in Kombination der Didaktik und Menschenbild.

    Ich kenne das aus Kommunikationsmodellen: Die Menschen kennen die Modelle (z.B. Ich-Botschaften, Lehrerforbildung), könnten sie in einem Test auch mit Bravour aufzählen – in der Praxis können sie sie aber nicht umsetzen.
    Die beste Theorie nützt nichts, wenn sie in der Praxis nicht umgesetzt werden kann – und das geht nur, wenn wir uns auch selbst darauf einlassen…

    Bei LdL wäre das beispielsweise auf dieses Menschenbild bzw. bei „LdL 2.0“ auf ein modifiziertes (Maslow 2.0) Menschenbild…

    So aus der Ferne…
    Jean-Pol, was meinst du?

  9. @Alexander
    Ich sehe das genauso wie du. Im Augenblick hat LdL + Menschenbild eine historische Chance: LdL war im Schulsystem als Unterrichtstechnik etabliert und abgehakt (auch von mir!:-)). Ich hatte keine Hoffnung, dass ich mein Menschenbild in diesem Kontext verbreite, weil das Feld nicht rezeptiv dafür war. Durch meine intensive Arbeit im Internet und im Rahmen von Educamp erreiche ich ein ganz anderes Publikum, dass zwar LdL-indifferent ist, aber sehr empfänglich für die Neuron-Metapher und mein Menschenbild ist. Und nun werden beide Themen zusammengeführt, dank der Arbeit von Spannagel, der in beiden Bereichen zu Hause ist.

  10. @mel
    Da steck also eine ganze Menge in euren Erfahrungen die man auch auf die Wissenskonstruktion generell übertragen kann.

    Sind Texte (in Wikis Blogs, Büchern ect.) beispielsweise „echtes“ Wissen? Die Frage die ich mir stelle ist, was ist Wissenskonstruktion?

  11. Wow – ich wusste gar nicht, dass ich so ein „Konnektor“ bin. 🙂

  12. @cpannagel
    Das ist ja mein job in diesem Projekt: jedem aufzuzeigen, wie wichtig er ist, gerade wenn er das nicht ahnt!

  13. Es verzerrt aber auch etwas das Bild. Die Studenten in meinem Seminar sind viel wichtiger. Ohne sie wäre das alles nicht ins Rollen gekommen.

  14. @Spannagel
    Hör auf zu kokettieren, Spannagel! Wo haben deine Studenten das Projekt durchgeführt, bei dir oder beim Kollegen XY? Und das sind dieselben Studenten, die bei XY sitzen und hätten ewig sitzen können, ohne eine Ahnung davon zu haben, was LdL, Twitter, Eichstätt, Educamp ist.

  15. @ alexander – ich stimme dir zu. ldl konnte mich als unterrichtsmethode nicht vom hocker reißen. erst das menschenbild, das dahinter steht, macht den unterschied.
    generell ist es wohl bei allen lehr-lernarrangements ausschlaggebend, wie man den menschen gegenüber sieht und wertschätzt.
    @ jeanpol – deine theorie (dein menschenbild) hinter der praxis so fundiert darzustellenn ist ein ernormer verdienst. aber für neu-ldler reicht es auch nicht aus, diese theorie zu kennen und akzeptieren – man muss danach leben.
    danke für die stets interessanten blogs, diskussionen, tweets …
    lg,
    beatrice

  16. @Beatrice Winkler
    Die neuen Medien (blogs, twitter, plattformen) ermöglichen es, dass man sich authentisch und kohärent präsentiert. „Kohärent“ im Sinne einer relativen Widerspruchsfreiheit zwischen Theorie und Verhalten.

  17. @Jean-Pol

    lol, herzhaft gelacht über deine Aussage:

    „Hör auf zu kokettieren, Spannagel!“ (jaja, der gute Ton 😉 )

    Dieselben Studenten sind nebenbei in anderen Großprojekten unterwegs. Asta-Mütter-Elternbeiräte-ErstiBetreuer etc.pp. und ganz nebenbei und auch nur ganz manchmal studieren wir auch. 😉

    Da hat Christian einfach recht. Und das hat nichts mit kokettieren zu tun. Die Konstellation war und ist wunderbar (wobei das Seminar an sich jetzt vorbei ist.) 🙂

  18. Ich kokettiere nicht. Das Ganze ist auch durchaus anders herum denkbar. Ich hatte schon Gruppen, in denen das niemals möglich gewesen wäre, weil die Studenten den Arsch nicht hochgekriegt hätten.

    Ok, wir können uns einige auf „es war ein glückliches Zusammentreffen vieler toller Menschen“ 🙂

  19. […] in Sachen LdL lebhaft kommentiert, getwittert und sich ausgetauscht. Wie lebhaft, zeigen die 16 Kommentare auf einen Artikel, der kaum sechs Stunden online ist: Von wegen nichts Neues aus dem […]

  20. @spannagel
    „Ok, wir können uns einige auf “es war ein glückliches Zusammentreffen vieler toller Menschen” :)“
    – Auf jeden Fall („toller“ würde ich durch „aktiver“ ersetzen.-)))
    Und: wir sind noch nicht am Ziel!:-)))

  21. Was war nochmal das Ziel?

  22. @Alexander
    Ich weiß nicht, welches Ziel die anderen haben, aber mein Ziel ist es, eine stabile Struktur zu entwickeln, im Rahmen derer man systematisch „Weltverbesserungs“-Projekte durchführen kann. Diese Struktur existiert bereits (IPK) und wurde dem Neuron-Projekt zugrunde gelegt. Was nun im Ludwigsburg/Lutz-Berger-Projekt geschieht ist anders gelagert, aber ich selbst finde auch meine Ziele dort realisiert, nämlich dass es möglich war, neues Wissen zu konstruieren. Zwar war es nicht in der von mir in Neuron anvisierten IPK-Struktur, aber es waren trotzdem Weltverbesserungsprojekte: a) man hat sich systematisch mit der Methode LdL befasst und eine Exkursion geplant, die zu mindestens drei neuen Wissensbausteinen geführt hat (siehe oben meinen Blogeintrag). Und es sind bestimmt auch eine ganze Menge ähnlich gelagerte LdL-Wissensprodukte zu erwarten (z.B. ein Youtube-Video über die Unterrichtsstunde in Eichstätt). Es ist also durchaus möglich Wissen zu produzieren, ohne die IPK-Stuktur in reinster Form aufzugreifen. In diesem Fall war das Projekt außerordentlich erfolgreich. Ich persönlich mag die IPK-Struktur und werde versuchen, weiterhin in anderen Kontexten nach der IPK-Struktur zu arbeiten. Aber ich bin offen für jede andere Form, sofern in überschaubarer Zeit neues Wissen erzeugt wird.

  23. Danke. Zum Thema Weltverbesserungsprojekt bald mehr: Stichworte Afrika, Bildung, Netzwerke… (Neuron, EC 09, und viele mehr…)

  24. @Alexander
    Ja, das ist ein solches Projekt.

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