Lange Inkubationszeit, plötzliche Emergenz

Resume Emergenzen tauchen plötzlich auf als momentanes Zusammentreffen unsichtbarer Synergien. Eine Schülerin geht nach vorne, um den Unterricht zu leiten und auf einmal stellt man fest: die Inkubationszeit hat sich gelohnt.

1. Intransparenz von Systemen

An anderer Stelle habe ich bereits beschrieben, dass Systeme von außen betrachtet intransparent sind.  Dies gilt beispielsweise für Menschen, die man anspricht, ohne beobachten zu können, was sich in ihren Köpfen abspielt. Für Lehrer und Dozenten besteht die Gefahr, dass sie, vor einer Gruppe stehend, das Nichtreagieren der Schüler oder Studenten als Zeichen des Desinteresses – oder gar der Dummheit – fehlinterpretieren. Unter dem dadurch ausgelösten „Leidensdruck“ werden oft Fragen an die Gruppe gestellt, die eine rasche Antwort ermöglichen. So bleibt der Diskurs oberflächlich und beide Teile, Lehrer und Schüler, gewinnen den Eindruck, dass angesichts der intellektuellen Schlichtheit der Gegenseite, jede Anstrengung verlorenen Energie darstellt. Um dem entgegenzuwirken, lasse ich meine Schüler zu Jahresbeginn sehr anspruchsvolle Texte zu Hause bearbeiten. Meist ist der Kontrast zwischen den oft dürftigen Schüleräußerungen im Unterricht und den abgelieferten, intelligenten  Schülertexten gewaltig. Ich weiß also: die jungen Leute vor dir sind klug. Deine Aufgabe ist es, diese Klugheit auch im Unterrichtsdiskurs emergieren zu lassen.

2. Wie Rica emergierte

Als Spannagel, seine Studenten und Lutz Berger zu mir in den Unterricht kamen, waren Rica und Elfi dran. Beide kluge aber sehr zurückhaltende  Mädchen. Sie wollten zunächst nicht nach vorne kommen, aber nach einigem Zureden stand am Ende doch Rica vor der Klasse und führte das Thema „Aufklärung“ ein. Es war ein Vergnügen zu sehen, wie nach zögerlichen Anfängen sie mehr und mehr initiativ wurde, ihre Mitschüler zum Nachdenken anregte, immer komplexere Gedanken entfaltete und von den anderen forderte. Das ganze Wissen, die ganzen Techniken, die sie seit dem Anfang des Jahres erworben hatte und im normalen Unterrichtsalltag nur in Ansätzen sichtbar sind, verdichteten sich in diesen Minuten des Leistungsdruckes und emergierten vor unseren Augen. Hätte ich nicht darauf beharrt, dass sie ihre Präsentation durchführt, hätte ich vielleicht nie erfahren, wovon Rica fähig ist, wenn sie in eine entsprechende Situation gerät und vor Publikum alle Einzelkompetenzen mobilisieren muss, die sie im Laufe der Zeit einzeln aufgebaut hat.

3. Twitter, Spannagels Studenten

Auch  Twitter ist ein weitgehend intransparentes System. Natürlich hat man seine Adressaten im Kopf, aber man ahnt, dass es Leute gibt, die einen followen, ohne das man das selbst jemals erfährt. Daher twittere ich einerseits gezielt mit Blick auf „meine“ community, aber ich monologisiere auch aufs Geratewohl, einfach auf Verdacht. Und nach einer gewissen Inkubationszeit emergiert plötzlich ein Twitter-Benutzer und stellt eine tiefgehende Frage. Die Geduld macht sich bezahlt. Dies gilt für jedes System. Auch Spannagels Studenten agieren nicht immer transparent für mich:-)). Aber sie überraschen mich immer wieder mit Emergenzen (Juwelen), die zeigen, dass es sich lohnt „dranzubleiben“.

Fazit: Je länger man in einem Feld bleibt und dieses nachhaltig strukturiert, desto größer die Chance, dass man durch Emergenzen (Juwele) überrascht wird. Aktivität, Konsequenz, Geduld und viel Vertrauen sind die zu empfehlenden Strategien.

Das Video dazu:

 

Und mein Abschlussvortrag in Ludwigsburg mit diesem Thema: