Twitter und kollektive Reflexion – geht das?

Resume Angesichts der auf die Menschheit zurasenden Probleme müssen alle Denkressourcen mobilisiert werden. Diese Denkressourcen befinden sich an der Basis. Twitter öffnet einen Zugang zu Schülern, Studenten, Referendaren. Kann man auch mit Twitter Reflexion organisieren?

1. Denkressourcen an der Basis: Beispiel Wikipedia

Sehr früh, als ich 1980 meine Stelle an der Uni bekam, wurde ich überrascht: ich traf auf viele Kollegen, die zwar hohe bereichsspezifische Intelligenz besaßen, aber in vielen wichtigen Domänen (Politik, Alltag, Zwischenmendlichem) nur Platitüden von sich gaben. Die Kaiser waren nackt, aber kein Student wagte sich, das zu sagen. Durch ihren Status wurden sie gegen Kritik geschützt, und dies wiederum verhinderte, dass wesentliche Impulse sie erreichten. Natürlich gab es Ausnahmen, Menschen die immer wieder versuchten, aus dem Elfenbeinturm auszubrechen. Karriereförderlich war es für sie selten. Meine Denkpartner fand ich unter Schülern und Studenten und unter Kollegen an den Schulen.   Als ich 2005 Wikipedia entdeckte, war ich begeistert: endlich ein Ort, wo mein Status mich nicht schützte. Ich wurde – wie jeder andere Benutzer auch – sehr heftig attackiert, of ungerechet, aber es war sehr erfrischend und heilsam. Was die kollektive Reflexion angeht, so war die Wikipediaarbeit traumhaft. Menschen aller Bildungsschichten und aller Altersstufen arbeiteten zusammen – oft sehr nachhaltig und erfolgreich – an der gemeinsamen Konstruktion von Wissen. Allerdings war die Denkarbeit auf kleine Communities eingeschränkt.

2. Und twitter?

Twitter hat eine andere Zielsetzung als Wikipedia. Es geht nicht um die Organisation kollektiver Reflexion. Dennoch versuche ich auch in Twitter, wo viel mehr Menschen zu erreichen sind als in Wikipedia, ebenfalls längerfristige communities mitzugestalten, die an gemeinsamer Wissenskonstruktion interessiert sind. Dafür sind natürlich andere Strategien notwendig als in Wikipedia. Wie in anderen Bereichen des Lebens ist die Nachhaltigkeit (also Dranbleiben, auch bei Flauten) zentral für den Erfolg. Meine Strategie ist es, das zu twittern, was mich inhaltlich  (wissenschaftlich) beschäftigt und auf Leute einzugehen, die ähnliche Interessen zu haben scheinen. Und allmählich entsteht – sehr unscharf und unstabil – eine Aggregation von Twitterern, die mein Denken durch wesentliche Impulse voranbringen (das ist natürlich nicht einseitig sondern eine gegenseitige Bereicherung).  Die Anfangsinvestition an Zeit und Fürsorge trägt allmählich Früchte, und bei mir ensteht das Gefühl, ich sitze in einem Zimmer und wir rufen uns wissenschaftliche Fragen zu, die auch beantwortet werden.

Fazit: Auch das in Twitter vorhandene Reservoire an Denkressourcen lässt sich mobilisieren, wenn man Geduld hat und sich bemüht, eine kohärente, twitterspezifische Strategie zu verfolgen.

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17 Antworten

  1. Gedanken, die mir spontan durch den Kopf gehen:

    – an der Uni sind Menschen mit sehr unterschiedlicher Intelligenz beschäftigt und das führt zu der Frage: Was ist eigentlich Intelligenz?

    – der Elfenbeinturm hat eine interessante Geschichte http://de.wikipedia.org/wiki/Elfenbeinturm

    – im Herbst 2005 hatte ich die Gelegenheit am Wikipedia-Stand auf der Systems in München festzustellen und zu diskutieren, dass es keinen vernünftigen Eintrag zu „Everquest II“ gab … und dass obwohl alle Wikipedianer am Stand Online-Rollenspiele spielten (so ich nachfragte). Es gibt übrigens viele sehr umfangreiche Wikis zu den Online-Rollenspielen (WoW, EQII usw.) mit einer sehr großen aktiven Gemeinde. Schon mal besucht?

    – Wikipedia konstruiert in meinen Augen kein Wissen, sondern sammelt es nur. Theoretisch mögliches Wissen, also etwas, was sich noch in der Konstruktionsphase befindet, wird ja ausgeschlossen, weil es noch niemand referenziert.

    – deine Nachhaltigkeit finde ich interessant, weil sie bestätigt, dass Twittern mehr ist, als nur die Metapher vom ‚Großraumbüro‘ und zu dem andere Kommunikationsrituale verwendet werden als für den flüchtigen Smalltalk gebräuchlich.

    Frage: Bist du schon süchtig nach Twitter?

  2. Hallo Jean-Pol,
    das ist ein gutes Beispiel für die Funktionsweise von Web2.0 Diensten. Man hat die Möglichkeit „Community of Interest“ zu bilden. So finden sich immer mehr Menschen mit gleichen Interessen zusammen. z.B. Lehrende 2.0, LdL interessierte und praktizierende….
    Durch Wiki, Twitter und Community Plattform (mixxt) können wir die verschiedenen ebenen der Zusammenarbeit kombinieren, die früher nur an einem physischen Ort nur möglich war.
    Und das alles löst ein Flow aus 🙂

  3. @itari
    „Gedanken, die mir spontan durch den Kopf gehen:“
    – Lauter kluge.

    „an der Uni sind Menschen mit sehr unterschiedlicher Intelligenz beschäftigt und das führt zu der Frage: Was ist eigentlich Intelligenz?“
    – Auf jeden Fall nicht das, was ich bereichsspezifisch nenne.

    “ im Herbst 2005 hatte ich die Gelegenheit am Wikipedia-Stand auf der Systems in München festzustellen und zu diskutieren, dass es keinen vernünftigen Eintrag zu “Everquest II” gab“
    – Wikipedia realisierte das, was ich mir immer schon gewünscht hatte. Daher wusste ich damals, dass bei aller Anfangsimperfektion Wikipedia die Weltwissenskonstruktionsmaschine der Zukunft war. Soweit sind wir noch nicht, aber es kommt.

    „Wikipedia konstruiert in meinen Augen kein Wissen, sondern sammelt es nur.“
    – Ja, so behaupten es auch die Wikipedia-Bürokraten. Aber Wikipedia entwickelt sich weiter, trotz der Wikipedianer.

    „Theoretisch mögliches Wissen, also etwas, was sich noch in der Konstruktionsphase befindet, wird ja ausgeschlossen, weil es noch niemand referenziert.“
    – Das weiß ich (fast) mehr als jeder andere. Darüber streite ich ja seit 2005 mit den Leuten!
    Siehe: http://wiki.zum.de/Diskussion:Netzsensibilit%C3%A4t

    „deine Nachhaltigkeit finde ich interessant, weil sie bestätigt, dass Twittern mehr ist, als nur die Metapher vom ‘Großraumbüro’ und zu dem andere Kommunikationsrituale verwendet werden als für den flüchtigen Smalltalk gebräuchlich.“
    – Ja, das ist die Erkenntnis, die ich aus meiner Arbeit hier seit bald zwei Monaten gewonnen habe.

    „Frage: Bist du schon süchtig nach Twitter?“
    – Ich bin keineswegs süchtig. Jeder Eintrag, jedes posting hängt sehr eng mit meinem Forschungsinteresse zusammen.

  4. @mosworld
    Schön, dich zu lesen (ich freue mich immer, weil ich dich als recht skeptischen leser kenne!;.)))

  5. Die Vögel zwitschern es von allen Bäumen… Das Zurufen von Informationen bei Twitter ist auch für mich sehr weiter bringend. Natürlich kommt es darauf an, unter welchen Bäumen man steht und welche Zurufe man verarbeitet – aber das können wir uns ja aussuchen! (Bunte Vögel gibt es genug!)

    Twitter ist für mich eine Mischung aus „Twitterversity“ und einer Art „semantischem“ Web. Das klingt vielleicht zunächst etwas übertrieben, aber es hat schon häufig funktioniert…
    Auch zur Entspannung, oder einfach mal etwas lustiges senden und/oder empfangen ist das zwitschern sehr gut geeignet… (z.B. um einfach mal festgefahrene Denkschleifen zu durchbrechen)

    Die Twitter-Ressourcen sind sehr vielversprechend, Konstruktion von Wissen und Reflexion gut umsetzbar.

    Ich bin gespannt welches Potenzial hier noch drin steckt, worauf wir noch nicht gekommen sind!

  6. @itari „deine Nachhaltigkeit finde ich interessant, weil sie bestätigt, dass Twittern mehr ist, als nur die Metapher vom ‘Großraumbüro’ und zu dem andere Kommunikationsrituale verwendet werden als für den flüchtigen Smalltalk gebräuchlich.“

    Ich finde der Beitrag zeigt, dass es genau ein Großraumbüro ist! Ich bekomme über Twitter die Gedanken und den Stand der „Kollegen“ mit. Nur diese sitzen halt einige km weit weg. Jean-Pol Martin würde sich in einem Großraumbüro genauso verhalten. Die Nachhaltigkeit ist seine Eigenschaft. Die Inhalte bestimmen die Teilnehmenden. Bei Google wird der Flurfunk andere Inhalte haben als z.B. die Unterhaltungen auf dem Wochenmarkt zwischen den Standbetreibern. Worauf ich hinaus will, ist dass das Bild vom Großraumbüro doch weiterhin passt, oder?

  7. @mosworld
    Lustig: auch dieser Gedanke schien mir plausible, obwohl itari gerade das Gegenteil sagte. Großraumbüro passt. Ein Beispiel: gestern fragte @Goebbel in die Runde wie doch diese belgische sängerin hieß, die nonne war und sich umgebracht hat. und sofort kamen drei antworten, wie in einem Büro.

  8. Also ich stelle in lezter Zeit fest
    – Twitter eigent sich zum Sammeln von Informationen oder Meinungen
    – Es ist durchaus möglich (wenn auch nicht übersichtlich) via Twitter zu diskutieren

    An sich hat man damit schon 2 wesentliche Bausteine für Diskurse gleich welcher Art.

    En passant. Auch wenn Wikipedia und Twitter scheinbar frei von den normalen Autoritätsmarketrn sind so schauen wikipedianer doch ganz genau, wer das da ist, der irgendwo Artikel schreibt oder ediert. Nicht anch seinen ‚Ceredentials‘ im meatspace aber eben im Cyberspace. Und auch bei Twitter kann man sehen, wie ‚bekannt‘ jemand ist. (Schau mal nach dem Twitteraccount vn Mercedes Bunz, sie hatte auch schon huhderet Follower als sie nch keinen einzigen Tweet abgesetzt hatte) oder nach dem von Stefan Niggemeier.)

  9. Hallo zusammen,

    ich kann den positiven Äußerungen über Twitter nur zustimmen – ich selbst habe es als sehr wertvolles Werkzeug kennen gelernt, vom Wissen anderer zu profitieren und selbst mein Wissen anderen weiterzugeben. Für den direkten, schnellen Informationsaustausch unter vielen gibt es kein besseres Werkzeug. Was mache ich, wenn ich wissen will, wie die belgische Sängerin hieß? Bevor ich in google suche (das kann mühsam werden), twittere ichs mal. Das schadet ja nicht. Wenn eine Rückmeldung kommt, prima. Wenn keine kommt, dann wäre es genau so, als hätte ich nicht getwittert. Obwohl: Stimmt nicht. Die anderen wissen, dass ich danach gesucht habe. Das heißt, sie habe Wissen über mich konstruiert und nehmen dies in ihre Zukunft mit. Evtl. beeinflusst das sogar ihren Tag. Man kann nie wissen, welche Wirkungen kleine Äußerungen in twitter haben können… 🙂

  10. @OG und…das tolle an Twitter ist, dass auch andere nicht bekannte haben die Möglichkeit durch „Qualität“ sich zu zeigen und ein mehr „follower“ zu finden. Was „Qualität“ ist in jeder Community anders definiert. Der Fortschritt mit dem Web2.0 ist, dass jeder ein „Star“ sein kann und wie oben genannt spezielle Freunde/Kollegen finden kann. Die eigene Reputation muss, aber erst aufgebaut werden, natürlich kann man die Reputation aus dem „real life“ als Vorschuss mit ins Netz nehmen, aber das allein wird nicht reichen.

  11. Meine Großraumbüro-Metapher ist „belangloses ungerichtetes Schwätzen“. JP gibt sich Mühe, sucht die Diskussion, bestätigt den/die einen/eine oder anderen/andere Twitterer/Twitterin durch direkte Ansprache und verteilt Motivationsbonbons (Fleißkärtchen nannte man das früher). Das ist nicht meine Vorstellung von Großraumbüro.

    Aber ich vermute, dass wir nicht das gleiche „Büro“ kennen und auch nicht die gleichen Begrifflichkeiten verwenden, daher ist das Streiten darüber nicht sonderlich effektiv. Habe das schon bei Chris gemerkt, als wir über den World-Channel beim Chat sprachen: wir haben einfach total unterschiedlichen Erfahrungen mit dem Zeugs und daher ist die Verwendung solcher Metaphern nicht besonders erhellend.

    Ich habe das Gefühl, dass JP im Twitter ja eine spezielle Kommunikationshaltung annimmt und uns hier dargestellt hat, die sich von der „Belanglosigkeit“ eines Großraumbürogesprächs wohl unterscheidet. Ansonsten wüsste ich nicht, wozu der Beitrag dienen sollte.

  12. @Oliver,

    direct messages werden nicht bei den Tweeds gezählt (gecounted). Man also durchaus eine erfolgreiche Kommunikation zu seinen Followern aufbauen ohne einen einzigen (öffentlichen) Tweed zu sehen. Die Anzahl der Tweeds sagt also fast nichts aus.

    Darüberhinaus kann es auch andere Gründe für eine Gefolgschaft geben, die uns im Moment verborgen erscheint, aber durchaus ihren Sinn hat. Zum Beispiel „Hessischer Wahlkampf“.

    @JP: wie sieht dein Verhältnis „Tweets“ zu „direkt messages“ eigentlich aus?

  13. @itari
    Der Beitrag soll zeigen, dass es immer schwer ist, Denkpartner zu finden. Je größer der Raum und umfangreicher die Population, desto größer die Chance, Leute zu finden. In Wikipedia ist die Suche nach Partnern meist sehr erfolgreich. Ich habe festgestellt, dass gegen meine Erwartungen es auch – mit viel Geduld – in Twitter möglich ist, längerfristige Denkpartner zu finden.

  14. @itari
    Ich muss gleich weg, aber zu deiner frage: ich äußere mich viel lieber in der öffentlichkeit, weil ich immer die Hoffnung habe, dass auch ein anderer Partner anspringt. Es mag die anderen Benutzer irritieren (nerven) aber es gehört zur empirischen Wissenschaft, Perturbationen auszulösen und die Emergenzen zu beobachten. Wenn ich also Leute nerve, ist es ein Kollateralschaden meines Forschungsdesigns.

  15. @itari
    Und dazu kommt noch, dass ich für absolute Transparenz bin (ebenfalls teil meines Forschungsdesigns).

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