CS, Herr Rau und die Ökonomie der Aufmerksamkeit

Resume Noch einmal zum Thema: „Wie bringt man Menschen dazu, neues Wissen zu konstruieren?“ CS konstruiert neues Wissen, das von Herrn Rau aufgenommen wird.

1. Man kommuniziert dann, wenn der eine etwas weiß, was der andere nicht weiß.

Als Lehrer für Französisch und Deutsch war mein wichtigstes Anliegen, die Schüler dazu zu bringen, miteinander themenbezogen zu kommunizieren. Im musste also eine Situation schaffen, in der die einen über ein für die anderen neues und relevantes Wissen verfügten (siehe: „Ich weiß was, was du nicht weißt„).  Und so entstand LdL. Bald stellte sich natürlich die Frage, was genau „relevantes Wissen“ bedeutet. Im Unterricht liegt schon einmal der Lernstoff vor, der eine gewisse Relevanz besitzt, denn Lehrplanautoren sind nicht a priori dumm. Aber es muss ein anderes Wissen dazukommen, damit die Schüler wirklich ein hohe Motivation haben, diesen Stoff weiterzugeben. Wenn ich die Schüler in die Situation bringe, dass sie selbst relevantes Wissen konstruieren, dann ist die Chance größer, dass sie dieses auch ihren Mitschülern vermitteln wollen. So lasse ich sowohl in der Schule als auch an der Uni kleine und größere Projekte durchführen, die in die Schaffung neuen Wissens münden (siehe IPK).

2. Neues Wissen konstruieren und diffundieren.

Als Didaktiker und Pädagoge möchte ich, dass meine Schüler und Studenten ein Wissen erstellen, das zur Vebesserung unser aller Situation führt. Es hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnten beispielsweise gezeigt, dass der Einsatz der Methode Lernen durch Lehren im Unterricht zu einer deutlichen Verbesserung des Lernklimas und der Lernerfolge führen kann. Insofern liegt ein Wissen vor, das im Sinne der „Weltverbesserung“ diffundiert werden sollte.  Es hat sich aber ergeben, dass nach dreißig Jahren Verbreitungsaktivitäten durch die LdL-Adepten die Methode als Begriff zwar bekannt wurde, aber dass die Lehreröffentlichkeit mit dem Terminus eine Vorstellung verbindet, die ganz und gar nicht der LdL-Theorie und der LdL-Praxis entsprechen.

3. CS & co. schaffen neues LdL-Wissen

Durch diverse Aktivitäten kam CS auf Lernen durch Lehren und er beschloss, seine Studenten im WS 2008-2009 damit zu befassen. Nachdem er und sein Kurs sich ein Bild dieser Methode anhand der vorhandenen Schriften und Filme verschafft hatten, fuhren sie nach Eichstätt, um dort Material zu sammeln. Bei all diesen Aktionen wurden sie kräftig durch Lutz Berger unterstützt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte diese Gruppe noch kein neues LdL-Wissen konstruiert. In Eichstätt aber entdeckten die Protagonisten, dass sie über die Schriften und Videos ein gänzlich anderes Bild von LdL gewonnen hatten, als die Praxis vor Ort zeigte. Es emergierte neues LdL-Wissen, das CS in einem epochalen Blogeintrag zusammenfasste.

4. CS weiß, was Herr Rau nicht weiß

Und nun greift die von mir beschriebene Dynamik der Wissenskonstruktion. CS & co. haben ein neues Wissen geschaffen, das im Bildungsbereich Relevanz besitzt, denn a) die Methode LdL wird in Seminaren und Zeitschriften erwähnt, b) die Vorstellung, die von LdL verbreitet wird, ist irrig, und c) CS & co. wissen nun wie LdL wirklich funktioniert und dass – richtig gehandhabt – die Methode eine Optimierung des Unterrichts darstellt. Sie wissen also viel mehr über das relevante Thema LdL als das Gros der Lehreröffentlichkeit. Herr Rau, der ein bekannter Lehrer-Blogger ist und eine große Reputation genießt, greift das Thema auf:  „Zuvor war LdL nämlich nur ein Schlagwort unter vielen für mich; an der Uni habe ich nichts davon gehört; die Ansätze im Unterricht, die ich mitgekriegt habe, liefern heraus auf: Schüler halten Referate zum neuen Stoff. Und das ist LdL nicht.“

Dank CS  & co. weiß Herr Rau was, was viele andere nicht wissen! Und viele Lehrer lesen den Blog von Herrn Rau.

Fazit Es bringt Aufmerksamkeit und Freude, wenn man etwas weiß, was andere nicht wissen. Besonders schön ist es, wenn man selbst das neue Wissen konstruiert hat. Und so kann man als Lehrer und Dozent andere Menschen motivieren neues, relevantes Wissen zu konstruieren.

Lernziel Wikipediakompetenz

Resume Nachdem das LdL-Verbreitungsprojekt auf guten Bahnen steht und meine Partner schrittweise „Verbreitungskompetenzen“ erwerben, ist die Zeit gekommen, dickere Web2.0-Bretter zu bohren.  In der Zukunft wird eine wesentliche Fähigkeit für Wissenschaftler darin bestehen, ihr Wissen in die Wikipedia einzuspeisen.

1. Dicke Web2.0-Bretter: Wikipedia-Artikel

An verschiedenen Stellen habe ich meine Partner auf den hohen Lerngewinn hingewiesen, den man durch das Editieren eines neuen Artikels in der Wikipedia erzielen kann. Die Wikipedia-Kultur ist eine ganz besondere, harte, an die man sich gewöhnen muss. Ich bin immer überrascht, wie wenig unsere Web2.0-Experten mit der Wikipedia-Welt vertraut sind. In meinen Augen ist jemand, der sich im virtuellen Raum bewegt und nicht durch die Wikipedia-Schule gegangen ist, kein Web2.0-Experte. Ich zitiere jemanden, der sich inzwischen auf einem guten Weg befindet, nämlich Thomas Bernhardt: „Ich bin gestern mehr oder weniger ungewollt ins kalte „Wikipedia-Wasser“ gestoßen worden, fand die Erfahrung aber ungemein lehrreich! So viel, wie ich gestern in 8 Stunden über die Wikipedia lernte, habe ich davor in zwei Jahren nicht.“ Die Wikipedia-Kompetenz halte ich deshalb für so wichtig, weil ich der Überzeugung bin, dass in mittelbarer Zukunft jeder Wissenschaftler versuchen wird, sein Wissen in die Wikipedia, die Weltenzyklopädie, einzuspeisen. Und die meisten Einsteiger sind überrascht, dass ihre Artikel oft zur Löschung vorgeschlagen werden. Ohne Schulung ist es kaum noch möglich, heute in der Wikipedia zu publizieren.

2. Mein Übungsvorschlag: LdL-Artikel auf „lesenswert“ upgraden lassen

Eine hervorragende Übung ist es, wenn man versucht, einen vorhandenen Artikel in der Wikipedia als „lesenswert“ prädizieren zu lassen. Es ist eine regelrechte Kandidatur mit sehr hohen Hürden (noch viel schwerer zu erreichen ist das Prädikat „exzellent„, der vom Aufwand her mit einer Habilitation zu vergleichen ist). Mit einer „Lesenswert“-Kandidatur für den Artikel „Lernen durch Lehren“ sind wir bereits einmal gescheitert. Das Urteil des Admins damals: “ Insbesondere diese Diskussion wie auch die Entwicklung des Artikels während der Kandidatur mit über 250 Veränderungen in der letzten Woche zeigen, dass bei dem Artikel noch großer Diskussionsbedarf besteht. (…). Für die weitere Entwicklung des Artikels sollte eine Diskussion mit den Kritilern dieses Artikels (nicht denen an LdL) im Vordergrund stehen und die entsprechenden Punkte sollten konsequent umgesetzt werden.“ Da meine Partner sich vorgenommen haben, LdL weiter in der Öffentlichkeit bekannt zu machen und an den Schulen zu verbreiten, da meine Partner ferner – berechtigterweise – den Status von Web2.0-Experten anstreben, wäre es eine hervorragende, beide Ziele vereinbarende Übung, den LdL-Wikipedia-Artikel als „lesenswert“ pädizieren zu lassen.

Fazit: Menschen, die den Status eines Web2.0-Experten beanspruchen, kommen an einer Wikipedia-Schulung nicht vorbei. Lasst uns einsteigen!

Neue LdL-Produkte: Spannagel, Miehling, Lena Scharnagl

Resume Jahrelang wurde im LdL-Kontext keine wirklich neue Erkenntnis hervorgebracht. Die LdL-Kerngruppe hatte LdL in unterschiedlichen Fächern und Stufen erprobt, hatte LdL verbreitete, aber Koperkanisches „emergierte“ seitdem nicht mehr. Und auf einmal…

1. Spannagel: „Mit einigen Fehlvorstellungen über LdL aufräumen

Im Rahmen ihres Informatik-Seminars bei Dr.Spannagel haben sich Lehramtstudenten aus der PH-Ludwigsburg mit LdL befasst und eine Exkursion nach Eichstätt durchgeführt. Als Vorbereitung auf den Besuch haben sie Texte und Unterrichtsaufnahmen zu LdL studiert und auf diese Weise eine bestimmte Vorstellung über die Methode entwickelt. Die Praxis aber, die sie bei mir erlebten, war eine ganz andere. Spannagel hat in seinem Blog beschrieben, was ihn überraschte:

* Unter LdL stellt man sich immer vor, dass Schüler eine ganze Stunde vorbereiten und diese dann halten – womöglich noch referatartig, was nichts anderes als Frontalunterricht mit anderen Mitteln wäre. Die Stunde, die wir gesehen haben, war aber gänzlich anders. Eine Schülerin hatte zu Beginn zunächst ein paar einführende Worte vorbereitet – der größte Teil der Stunde verlief aber eher als Diskurs anstatt als Präsentation: Die Schülerin hat immer wieder Fragen in die Runde gestellt, um die Mitschüler in ein Gespräch über das Thema (hier: Aufklärung) einzubinden. Jean-Pol hat dabei als Lehrer immer wieder eingegriffen und unterstützt.

* Es war auch nicht so, dass die Schülerin die ganze Stunde geführt hat. Im zweiten Teil der Stunde ist eine andere Schülerin nach vorne gekommen und hat die Hausaufgaben mit den Mitschülern gemeinsam besprochen. Dabei hat sie nacheinander Mitschüler aufgerufen und mit ihnen die Lösungen einen Lückentexts, der ebenfalls von Schülern als Hausaufgabe vorbereitet worden war, geklärt. Bei LdL können also mehrere Schüler flexibel und wechselseitig die Rolle der Lehrperson übernehmen.

*Eine weitere Fehlvorstellung, die man bei LdL haben kann, ist die, dass der Lehrer hinten sitzt und nichts weiter tut als beobachten. In dem von uns beobachteten Unterricht war es ganz anders. Ich würde sogar vom Gegenteil sprechen wollen: Der Lehrer (in diesem Fall Jean-Pol) schaltet sich ständig ein, unterstützt, gibt Tipps, fragt nach.

*LdL ist auch nicht Laissez-faire. Hier würde ich ebenfalls sagen: ganz im Gegenteil. Insbesondere wenn Schüler die Leitung übernehmen und jeder Schüleräußerung mit Respekt und Ernsthaftigkeit entgegnet werden soll, muss eine disziplinierte und absolut ruhige Atmosphäre herrschen. Jean-Pol spricht davon, dass er die “Basisdemokratie diktatorisch einführt”.

Diese Erkenntnisse sind neu.

2. Gerhard Miehling: „Einige Kollegen lehnen sich stark an ihn

Spannagels Studenten haben auch den Leiter des Willibald-Gymnasiums, OStD. Gerhard Miehling ausführlich interviewt. Auch dieses Produkt ist im LdL-Kontext völlig neu. Herr Miehling hat detailliert beschrieben, wie sich meine Arbeit am Gymnasium selbst auswirkt. Zu meiner Überraschung wird meine Aktivität viel stärker wahrgenommen als ich es vermutete. Nach Miehlings Aussage übernehmen viele Kollegen die in meinem Unterricht entwickelten Techniken. Dies gilt nicht für alle, aber insgesamt wird mein Wirken von den Kollegen positiv betrachtet. Ich dachte eher an wohlwollende Distanz.

Die Beschreibung meiner Wirkung innerhalb meiner Schule ist auch neu und lässt sich wohl auf andere LdL-Kollegen in anderen Schulen übertragen.

3. Lena Scharnagl: „Man fühlt sich wohl

Zum ersten Mal erhält eine Schülerin die Möglichkeit, sich länger und präzise über LdL zu äußern. Natürlich ist Lena besonders eloquent und fähig, den Unterricht zu analysieren. Ich kann in diesem Blog nicht alle Hinweise von Lena über meinen Unterricht aufzählen, der interessierte Leser muss das Youtube-Video selbst ansehen. Für mich überraschend war die Fokussierung Lenas auf den Wohlfühl-Aspekt. Darüber hinaus bringt mir das Interview die Bestätigung einiger Hypothesen, z.B. dass LdL als Methode leichter Anekdoten hervorbringt mit deren Hilfe man sich einen Stoff besser merkt.  z.B. mit einem Missgeschick, das einem Mitschüler bei der Darstellung eines Stoffes passiert. Das würde ohne LdL gar nicht vorkommen.

Fazit Mein ethnomethodologisches, phänomenologisches Vorgehen ist mühsam, aber macht sich bezahlt. Da und dort emergieren neue Erkenntnisse, die zwar zunächst nur für mich erkennbar sind, aber auf die ich hinweisen kann, damit sie diffundiert werden.

Ich weiß was, was du nicht weißt (2). LdL und die Ökonomie der Aufmerksamkeit.

Resume Wenn ich möchte, dass meine Ideen verbreitet werden, muss ich meine Schüler, Studenten und Kollegen mit relevanten Neuigkeiten (z.B. LdL) ausstatten. Über LdL können sie ihr Bedürfnis nach Anerkennung (Aufmerksamkeit) befriedigen: sie wissen was, was die anderen nicht wissen.

1. … und das geht so:

Als Didakiker und Welverbesserer möchte ich, dass meine Partner relevantes Wissen konstruieren. Um sie zu motivieren rege ich sie an, zunächst kleinere Projekte anzugehen, die zu neueren Erkenntnissen führen, und die dadurch entstandenen Produkte überall zu diffundieren. Sie erstellen also einen kleinen Wissensbaustein und erhalten dafür als Belohnung soziale Anerkennung. Vielen ist das zu anstrengend und langwierig. Sie erstellen lieber gar kein Produkt und verzichten auf die Aufmerksamkeit. Wenn ich eine Klasse unterrichte, kann ich sie sanft zwingen, Neues zu erstellen, auch wenn sie das selbst nicht als solches empfinden. Ich setzte LdL als Unterrichtsmethode ein und schrittweise verändern sich die Schüler. Das merken sie nicht, aber spätestens wenn das Fernsehen sich für sie interessiert, in den Unterricht kommt und Fragen stellt, werden sie sich eines bewusst: wir wissen was, was die anderen nicht wissen, und das scheint relevant zu sein. Natürlich genießen sie die Aufmerksamkeit (siehe mein Menschenbild) und die Dynamik ist eingeleitet. Sie fangen an, Neues zu erstellen, um erneut Anerkennung zu erhalten usw.

2. Im Netz ist es komplizierter

Dieses Muster versuche ich auch im Netz anzuwenden: ich suche nach Leuten in Twitter, auf Mixxt-Plattformen und auf Educamps, die bereit wären, mit mir zusammen ein kleines Wissenskonstruktionsprojekt durchzuführen. Das ist unendlich schwerer als wenn man über eine Gruppe von Schülern und Studenten verfügt, die man zu Beginn „zwingen“ kann, bestimmte, oft mühsame Schritte zu gehen. Im Netz steigen die Leute sofort aus, sobald es anstrengend wird. Ein Beispiel dafür liefert die Plattform Neuron:  sie wird besucht von einer Reihe sehr kompetenter Leute, aber sobald längere Zeit systematisch an Wissenskonstruktion gearbeitet werden muss, verschwinden sie. Verständlich, aber ich will ja eine Strategie entwickeln, um dem entgegenzuwirken.

3.  Sie konstruieren zunächst kein neues Produkt, sondern übernehmen meines…

Da die Leute – zumindest in diesem Kontext – partout keine neuen Wissensbausteine selbst entwickeln wollen, biete ich meine an, z.B. LdL. Zunächst finden die von mir angedockten Twitterer und Educamper meine Theorie und meine Praxis sehr interessant, aber es gibt vieles Interessantes im Netz. Als Spannagels Studenten beschlossen, die Kommunikationsplattform Maschendraht aufzubauen und als Produkt LdL zu verbreiten, wurden sofort Stimmen laut, LdL sei nicht das einzige interessante Projekt, es gäbe viele anderen Leuchttürme. Ich wusste, jetzt wird eine Runde gedreht, bis man feststellt, dass LdL doch mehr in sich trägt, als zunächst angenommen. Und so kam es auch.

4. Und jetzt doch was Neues: um LdL herum

Wenn Menschen motiviert werden sollen, nachhaltig ein Projekt zu verfolgen und sich damit zu identifizieren, muss schnell dafür gesorgt werden, dass sie eigene Produkte erstellen auch wenn es – wie hier der Fall – in einem zunächst fremden Rahmen (LdL) geschieht. Nur so können sie sagen: ich weiß was, was du nicht weißt. Schrittweise muss der Aufmerksamkeitsfokus von LdL verlagert werden auf die Eigenleistung der Menschen, die sich damit befassen. LdL rückt in den Hintergrund, bleibt aber überall präsent und wird mit großer Wucht verbreitet, ob die Verbreiter sich dessen bewusst sind oder nicht. Wer sich intensiv mit LdL befasst hat, weiß etwas, was die anderen nicht wissen. Er hat Aufmerksamkeit verdient und bekommt sie auch. Wir treten in eine Phase, wo viel Neues über LdL entstehen wird. Das Interview mit dem Leiter des Willibald-Gymnasiums in Eichstätt beispielsweise beleuchtet völlig neue Aspekte von LdL sowie der Blogeintrag von Spannagel über den Eichstätter-Besuch.

Fazit Aufmerksamkeit erhält man, wenn man was weiß, was die anderen nicht wissen. Man muss also entweder selbst neues Wissen erstellen, oder ein bereits vorhandenes neue Wissen verbreiten. Wenn das Thema genug hergibt, kann man im Rahmen des Vorhandenen selbst neue Wissensprodukte konstruieren und damit Anerkennung erzielen. Das tun gerade die Spannagel-Studenten mit Hilfe von Lutz Berger.

Lange Inkubationszeit, plötzliche Emergenz

Resume Emergenzen tauchen plötzlich auf als momentanes Zusammentreffen unsichtbarer Synergien. Eine Schülerin geht nach vorne, um den Unterricht zu leiten und auf einmal stellt man fest: die Inkubationszeit hat sich gelohnt.

1. Intransparenz von Systemen

An anderer Stelle habe ich bereits beschrieben, dass Systeme von außen betrachtet intransparent sind.  Dies gilt beispielsweise für Menschen, die man anspricht, ohne beobachten zu können, was sich in ihren Köpfen abspielt. Für Lehrer und Dozenten besteht die Gefahr, dass sie, vor einer Gruppe stehend, das Nichtreagieren der Schüler oder Studenten als Zeichen des Desinteresses – oder gar der Dummheit – fehlinterpretieren. Unter dem dadurch ausgelösten „Leidensdruck“ werden oft Fragen an die Gruppe gestellt, die eine rasche Antwort ermöglichen. So bleibt der Diskurs oberflächlich und beide Teile, Lehrer und Schüler, gewinnen den Eindruck, dass angesichts der intellektuellen Schlichtheit der Gegenseite, jede Anstrengung verlorenen Energie darstellt. Um dem entgegenzuwirken, lasse ich meine Schüler zu Jahresbeginn sehr anspruchsvolle Texte zu Hause bearbeiten. Meist ist der Kontrast zwischen den oft dürftigen Schüleräußerungen im Unterricht und den abgelieferten, intelligenten  Schülertexten gewaltig. Ich weiß also: die jungen Leute vor dir sind klug. Deine Aufgabe ist es, diese Klugheit auch im Unterrichtsdiskurs emergieren zu lassen.

2. Wie Rica emergierte

Als Spannagel, seine Studenten und Lutz Berger zu mir in den Unterricht kamen, waren Rica und Elfi dran. Beide kluge aber sehr zurückhaltende  Mädchen. Sie wollten zunächst nicht nach vorne kommen, aber nach einigem Zureden stand am Ende doch Rica vor der Klasse und führte das Thema „Aufklärung“ ein. Es war ein Vergnügen zu sehen, wie nach zögerlichen Anfängen sie mehr und mehr initiativ wurde, ihre Mitschüler zum Nachdenken anregte, immer komplexere Gedanken entfaltete und von den anderen forderte. Das ganze Wissen, die ganzen Techniken, die sie seit dem Anfang des Jahres erworben hatte und im normalen Unterrichtsalltag nur in Ansätzen sichtbar sind, verdichteten sich in diesen Minuten des Leistungsdruckes und emergierten vor unseren Augen. Hätte ich nicht darauf beharrt, dass sie ihre Präsentation durchführt, hätte ich vielleicht nie erfahren, wovon Rica fähig ist, wenn sie in eine entsprechende Situation gerät und vor Publikum alle Einzelkompetenzen mobilisieren muss, die sie im Laufe der Zeit einzeln aufgebaut hat.

3. Twitter, Spannagels Studenten

Auch  Twitter ist ein weitgehend intransparentes System. Natürlich hat man seine Adressaten im Kopf, aber man ahnt, dass es Leute gibt, die einen followen, ohne das man das selbst jemals erfährt. Daher twittere ich einerseits gezielt mit Blick auf „meine“ community, aber ich monologisiere auch aufs Geratewohl, einfach auf Verdacht. Und nach einer gewissen Inkubationszeit emergiert plötzlich ein Twitter-Benutzer und stellt eine tiefgehende Frage. Die Geduld macht sich bezahlt. Dies gilt für jedes System. Auch Spannagels Studenten agieren nicht immer transparent für mich:-)). Aber sie überraschen mich immer wieder mit Emergenzen (Juwelen), die zeigen, dass es sich lohnt „dranzubleiben“.

Fazit: Je länger man in einem Feld bleibt und dieses nachhaltig strukturiert, desto größer die Chance, dass man durch Emergenzen (Juwele) überrascht wird. Aktivität, Konsequenz, Geduld und viel Vertrauen sind die zu empfehlenden Strategien.

Das Video dazu:

 

Und mein Abschlussvortrag in Ludwigsburg mit diesem Thema:

Das Wesen von LdL. Dank an Spannagel (+ Studis) und an Lutz Berger!

Resume Durch den Besuch gestern von Spannagel + Studis und Lutz Berger wurde uns allen klar: man stellt sich unter LdL etwas ganz anderes vor als es wirklich ist.

1. Die Schüler bergen unsichtbare Juwele

Immer wenn ich eine neue Klasse bekomme, lasse ich die Schüler am Wochenende Hausaufgaben über anspruchsvolle Themen schreiben. Zur Zeit beispielsweise über die Geschichte Israels nach dem ersten Weltkrieg und über den aktuellen Krieg Israels gegen Hamas. Und immer bin ich verblüfft. Der Unterschied zwischen dem ängstlichen, scheuen Verhalten im Unterricht  und der hohen Qualität ihrer Texte ist frappierend  (natürlich gilt es nicht generell für alle Schüler, denn einige sind durchaus selbstbewusst) .  Meine Aufgabe als Lehrer ist es also, ihnen soviel Vertrauen zu geben, dass ihr Wissen und ihre Gedanken auch im Klassendiskurs sichtbar werden. Durch LdL wird der Vorgang erleichtert, denn wenn die Schüler als Lehrer auftreten, können sie ihre Qualitäten entfalten, weil sie den Raum selbst gestalten können. Natürlich sind die ersten Versuche sehr zögerlich und man könnte glauben, dass man sich doch getäuscht hat, dass die Schüler eben nicht die vermuteten Juwele in sich tragen. Aber Geduld! Peu à peu kommen die Ideen, sie werden immer besser und oft würde ich mir von manchem Kollegen wünschen, dass er so differenziert und tiefgehend reflektiert, wie meine 11.Klässler. Der Lehrer muss den entsprechenden Raum schaffen. Er muss einerseits sehr anspruchsvolle Inhalte anbieten, andererseits die Atmosphäre der Konzentration im Unterricht einfordern, die notwendig ist, um das Konzert der Ideen zum Erklingen zu bringen. Eine solche Atmosphäre kann man nicht in Blogeinträgen beschreiben. Das muss man erleben. Und noch etwas: beim allmählichen Aufblühen der Gedanken darf der Lehrer nicht stören! Er muss stützen und dafür sorgen, dass der Schüler solange Zeit hat sich auszudrücken, wie er dazu braucht. Und das Warten lohnt sich! Je komplexer die Gedanken der Schüler, desto länger brauchen sie bevor sie etwas sagen. Und von außen sieht man nichts! Man muss Vertrauen haben, dass sich Komplexes im Gehirn abspielt, auch wenn das Gesicht nichts von dieser Aktivität verrät. Ein Beispiel: gefragt, ob sie sich motiviert fühlen, „die Welt zu verbessern“ (siehe 1000 Wikis) meinte ein Schüler, er müsse mit sich selbst klarkommen, bevor er sich an die Welt heranmache, sonst bestünde die Gefahr, dass er seine eigenen Probleme auf die Welt projiziere. Das nenne ich Qualität!

2. Der Besuch gestern: das Wesen von LdL

Der gestrige Besuch war insofern sehr wichtig für mich, weil mir plötzlich klar wurde, dass auch kluge Menschen, die sich ein paar Monate mit LdL befassen, die sehr motiviert und wohlwollend sind und eine ganze Reihe von Texten, Filmen und Videos über LdL gesehen haben, trotzdem ganz überrascht sind, wenn sie LdL konkret erleben. Sie sind überrascht, dass der Lehrer wie ein Regisseur oder ein Kapellmeister sehr viel Präsenz zeigt. Sie sehen auch, wie intensiv und respektvoll der Lehrer sich mit den Gedanken der Schüler befasst. Ich nehme für mich in Anspruch, dass ich in Schülergedanken „verliebt“ bin (zum Begriff Liebe siehe mein Menschenbild!:-))) Das alles wurde mir gestern durch die Beobachtungen und Fragen der Besucher erst richtig klar. Ulrike Kleinau meinte: „Durch die Unterrichtsatmosphäre werden die Schüler angeregt, frei zu denken!„. Dieser Aspekt war mir noch nicht bewusst. Sehr erfreulich war für mich, heute einen Twitteraustausch zwischen Spannagel, Scheppler und Schb zu lesen, in dem Christian auf das Wesen von LdL eingeht und klarstellt, dass man sich unter LdL etwas anderes vorstellt als es ist: „Klar, das ist ja auch alles super – nur es ist nicht „LdL“. LdL bezeichnet die Methode von @jeanpol – alles andere ist was ähnliches.“ Dieser Austausch wäre vor dem gestrigen Besuch wohl nicht möglich gewesen.

3. Die LdL-BlogParade

Spannagel und Lutz Berger befassen sich seit mehr als einem Jahr mit LdL. Offensichtlich finden sie die Methode so überzeugend, dass sie diese auch großflächig bekannt machen wollen.  Was kann einem besseres passieren, als dass ausgesprochene Kommunikationsfreaks sich vornehmen, die eigenen Gedanken zu verbreiten? Lutz Berger hatte die Ideen, über LdL eine Blogparade zu veranstalten. Dass Christian Spannagel und seine Studenten sofort Feuer und Flamme waren, versteht sich von selbst! Gestern haben die Besucher enorm viel Material gesammelt (Interviews, Filme), gleichzeitig wurde auch die LdL-BlogParade gestartet. Da werden wieder tolle Synergien entstehen!

Fazit Der Besuch von Christian Spannagel mit seinen Studenten und von Lutz Berger hat gezeigt, dass das Phänomen LdL noch genauer gefasst, dokumentiert und verbreitet werden muss. Und die entsprechende Dynamik haben sie auch gleich in Gang gesetzt!

Konsumiere Menschen nicht! Auch nicht in Twitter!

Resume Die Andockmöglichkeiten, die im Web2.0 angeboten werden, verführen zum Menschenkonsum und Ressourcenverschwendung: es werden Energien, darunter auch Emotionen vergeudet. Was mache ich dagegen?

1. Meine Beobachtungen seit neun Jahren (Foren, Wikipedia, Educamp, Twitter)

Mein erstes Forum habe ich im März 2000 in der ZUM erröffnet.  Es meldeten sich verschiedene Menschen (Schüler, Kollegen und Studenten) und ich nahm mir damals vor, sofort auf die Beiträge einzugehen und niemals eine Kontaktaufnahme unbeantwortet zu lassen. Nur so konnte ich meine Gesprächspartner halten und ich wollte auch Respekt zeigen. Natürlich verschwanden die Besucher immer wieder, aber ich selbst habe sie nie im Stich gelassen. Ich wollte sie nicht konsumieren. Bei diesem Prinzip bin ich geblieben. Ich habe Web2.0-Projekte an der Uni initiert und auch da war mein Motto, Studentenanfragen sofort zu beantworten und anvisierte Projekte durchzuführen, auch wenn manchmal von 20 Studenten nur 2 übrig blieben. Ähnliches mein Verhalten in der Wikipedia, wo die Leute ohnehin bereits auf nachhaltige Arbeit eingestimmt sind.  Als ich mir vor einem Jahr auf der Educamp-Plattform einen account anlegte in der Überzeugung, hier würden die Leute besonders fix sein und angesichts des anvisierten Camps zuverlässig und intensiv kommunizieren, war ich überrascht: so ernst war die Kommunikationsplattform nicht gemeint. Als ich unter Nutzung der Tools meine „Freunde“ per Rundmails informieren wollte, stellte ich fest, dass auch diese Möglichkeit nicht wirklich ernst gemeint war. Es schien als ob man die Leute anziehen, aber nicht richtig bedienen wollte. Inzwischen ist ein Jahr vergangen und es hat sich im Educamp-Bereich viel getan.

2.  Anlocken und dann nachhaltig bedienen

Als Forscher gibt es diverse Erkenntnisse, die ich gerne verbreiten möchte. Dazu begebe ich mich in Felder, wo sich viele Menschen versammeln und ich versuche, Aufmerksamkeit zu erregen, z.B. durch Perturbationen. Meine Einstellung zu diesem Vorgang ist sehr klar: wenn von 100 Leuten 99 indifferent bleiben oder sich ärgern und eine Person positiv reagiert, dann hat es sich gelohnt (Spermatozoidenmetapher). Dieser Zugriff und allein dieser (also 100 Leute anpsrechen um nur einen Interessenten zu erreichen) könnte als zynisch empfunden werden. Alle anderen Schritte sind von Respekt geprägt: wenn jemand mit mir interagiert, dann hat er Anspruch auf meine ganze Aufmerksamkeit und Zuwendung. Dies gilt für die von mir moderierten Foren, für meinen Blog, für diverse Plattformen auf denen ich Personen anlocke und für Wikis sowieso, weil dort intensiver zusammengearbeitet wird. Was Twitter angeht, so vertrete ich dieselbe Position: a) Leute durch Präsens und interessante Beiträge (auch Perturbationen) aufmerksam machen, b) wenn jemand sich auf Interaktionen einlässt, nachhaltig bedienen und wenn alles gut geht, c) mit ihm ein Projekt anbahnen. Natürlich hat das zur Konsequenz, dass ich nicht überall Foren und Plattformen eröffne, die ich dann nicht bedienen kann, sondern dass ich genau überlege, wo und warum ich eine neue Kommunikationsmöglichkeit schaffe.

Fazit Wenn ich Menschen zu Interaktionen verlocke, entstehen bei ihnen Erwartungen. Sie haben mir Energie geschenkt und möchten eine Gegengabe. Wenn ich nicht mehr reagiere, habe ich sie reingelegt.

Wikipedia: bereits jetzt die wichtigste Wissensquelle weltweit.

Resume Lange bevor es Wikipedia gab war ich der Überzeugung, dass es eines Tages eine einzige Datenbank geben würde, in die alle Wissensträger der Welt ihre Texte einspeisen. Dafür spricht der gesunde Menschenverstand.

1. Anthropologische Voraussetzungen

Jeder Mensch sucht Anerkennung. Das Edelste, was der Mensch produziert, ist Erkenntnis und dafür möchte er belohnt werden. Einige machen daraus einen Beruf und werden fürs Forschen bezahlt. Bis heute veröffentlichen sie ihre Ergebnisse in mehr oder minder obskuren Fachzeitschriften, die nur ein paar Kollegen erreichen. Es ist ein Rätsel, warum sie ihre Texte nicht in die Wissensbank einspeisen, die jeder kennt und jeder als erstes aufsucht, die Wikipedia. Wenn die Forscher einmal ihre Ängste und Bedenken überwunden haben, werden sie ganz wild darauf sein, den Wikipedia-Artikel zu verfassen, der ihr Spezialgebiet abdeckt. Der wichtigste, aktuellste und meistgelesene Artikel über die Methode, die ich mit Hilfe vieler Kollegen entwickelt habe, also „Lernen durch Lehren“ (LdL)  ist der Wikipedia-Artikel (monatlich etwa 3000 Zugriffe). Diesen Text habe ich auch in viele Sprachen übersetzen (z.B. Chinesisch, oder Russisch) und in die entsprechenden Wikipedias einpflegen lassen.

2. Ökonomische Voraussetzungen

Es ist im Sinne der Ökonomie, wenn Fachleute sich entschließen, ihr Wissen in die einzige Datenbank einzuspeisen, die weltweit aufgesucht wird, nämlich die Wikipedia. Sie können ihre Texte ständig aktualisieren und stehen permanent unter Beobachtung. Jederzeit kann jemand, der sich ebenfalls als Spezialist für das jeweilige Thema ansieht, den Text modifizieren oder ergänzen. Dass die Wissenschaftler dieses geniale Instrument noch nicht entdeckt und angenommen haben, liegt daran, dass sie noch im alten Paradigma leben (top-down). Immer schon hinkte die etablierte Wissenschaft hinter dem tatsächlichen Stand der Innovationen. So musste beispielsweise François Ier, der französische Renaissancekönig, parallel zu den aus dem Mittelalter stammenden Universitäten neue Anstalten schaffen, die nützliches Wissen hervorbrachten und verbreiteten (Collège de France). Die alten, mittelalterlichen Unis befassten sich und ihre Studenten dann weiter mit irrelevantem Kleinkram.

Fazit Ich zweifle nicht daran, dass in absehbarer Zeit jeder Wissenschaftler bemüht sein wird, den Wikipedia-Artikel über sein Spezialgebiet zu verfassen oder zumindest zu prägen. Ich selbst habe sehr früh meine Themen besetzt und die affinen Artikel mitredigiert.

In Twitter „anbaggern“: an Bedürfnisse anknüpfen.

Resume Wie ich in meinem jüngsten Beitrag angekündigt habe, möchte ich meine Twitter-Interaktionen in den beiden letzten Monaten systematisch analysieren. Das Ziel: die Verhaltensmerkmale herausarbeiten, die zur Rekrutierung und Aufrechterhaltung einer Weltverbesserungsgruppe führen können.

1. Wissenschaftstheoretische Einordnung

Als Aktionsforscher ist mein Vorgehen recht eigensinnig und anfechtbar.  Dazu schlägt mir  Itari vor: „Man kann dem einfach aus dem Wege gehen, in dem man sagt, das man nicht (!) wissenschaftlich arbeitet, sondern einfach so beobachtet und seine (ganz unwissenschaftlichen) Gedanken von sich gibt. Dann hat man den ganzen wissenschaftsmethodischen Quatsch (scherzhaft gemeint) nicht am Hals und kann sein Werk als (pädagogisches?) Poem verkaufen.“ Nun möchte ich aber intersubjektiv nachvollziehbare Ergebnisse vorlegen und dazu ist eine gewisse Systematik notwendig. Und wenn ich systematisch intersubjektiv prüfbare Ergebnisse hervorbringe, dann ist das Wissenschaft, unabhängig davon, ob mein Vorgehen in der Tradition meines Faches verankert ist oder nicht.

2. Bedürfnisse als Ansatzpunkt zur Kontaktaufnahme und Kontaktpflege

Will ich das Interesse von Twitterern an Interaktionen, im Idealfall sogar an Zusammenarbeit nachhaltig erregen, so ist es günstig, wenn ich mich an deren Bedürfnissen orientiere. Durch welches Twitter-Verhalten lassen sich welche Bedürfnisse ansprechen? Bei meinen Beschreibungen beziehe ich mich auf konkrete Erfahrungen, nenne aber die jeweiligen Akteure nicht.

  • Physiologische Bedürfnisse:  Selbst auf der Ebene der physiologischen Bedürfnisse (ua. Sexualität) zeigen sich Twitterer ansprechbar (Flirtverhalten). Dennoch: Flirtverhalten sollte man vermeiden, denn es durchdringt und belastet alle Interaktionen, die zu einer Befriedigung höherrangiger Bedürfnisse eingeleitet werden (z.B. Projektaktivitäten).
  • Sicherheit, Soziale Einbindung: Soziale Einbindung ist nicht zu verwechseln mit sozialer Anerkennung. Sie bezeichnet den Grad der emotionalen Zuwendung, die man von einer Gruppe erhält, unabhängig vom sozialen Status. Die Befriedigung entsprechender Bedürfnisse könnte so geleistet werden, wie von Itari beschrieben: „JP gibt sich Mühe, bestätigt den einen oder anderen Twitterer durch direkte Ansprache und verteilt Motivationsbonbons (Fleißkärtchen nannte man das früher).“ Natürlich ist dieses Verhalten nicht bewusst, sondern automatisiert.
  • Soziale Anerkennung: Soziale Anerkennung wird über die Tiefe des Einstieges auf die Impulse des Twitterers gewährt (lesen der vom ihm empfohlenen Artikel und Videos, Kommentare auf seinen Seiten, usw).
  • Selbstverwirklichung: Wenn man Twitterern hilft, zentrale Fragen (insbesondere philosophische) anzugehen und zu beantworten, liefert man einen Beitrag zu deren Selbstverwirklichung.
  • Bedürfnis nach Sinn: Wenn man Twitterern Projekte vorschlägt, die über ihr eigenes Leben hinausweisen, dann macht man ihnen Sinnangebote.
  • Bedürfnis nach Informationsverarbeitung: Das Bedürfnis nach Informationsverarbeitung spielt in Twitter eine zentrale Rolle. Will man Twitterer an sich binden, muss man eine breite Pallette von Themen anbieten und bereit sein, bei Bedarf in die Tiefe einzusteigen. Der erklärte Zweck von Twitter ist, dass die Akteure einen alltagsbezogenen Positionszustand („ich stecke im Stau„) liefern. Ich liefere stets einen Positionszustand, aber über den Stand meiner Reflexion. Besonders zielführend sind Perturbationen, weil sie kognitive Dissonanzen auslösen, die bekanntlich reflexionsfördernd sind.

Natürlich verfüge ich für jeden hier aufgeführten Aspekt über konkrete Beispiele mit realen Menschen aus den zwei letzten Monaten meiner Aktivität in Twitter. Entsprechende Beschreibungen kann ich hier (aus Gründen der Diskretion) nicht veröffentlichen.

Fazit Die von Maslow beschriebenen Grundbedürfnisse liefern eine gute Orientierung, wenn man beabsichtigt, in Twitter Denk- und Handlungspartner für langfristige, ehrgeizige Projekte zu finden.

Neuronverhalten zielführend? Mein Forschungsansatz.

Resume In virtuellen Räumen lassen sich umfangreiche Denkressourcen mobilisieren. Ist Neuronverhalten förderlich für die massive Rekrutierung von Partnern und für die Organisation kollektiven Denkens?

1. Aktionsforschung Tendenz Ethnomethodologie

Als Aktionsforscher begebe ich mich in das Feld, an dessen Optimierung ich mitwirken möchte. Da ich Didaktiker bin, gehe ich also in die Schule, die Hochschule und ins Netz. Ich formuliere Hypothesen und prüfe sie empirisch, wobei ich vorwiegend qualitative Methoden einsetze. Als ich 1994 die Wirkung der Methode Lernen durch Lehren in meiner Habilitationsschrift untersuchte, setzte ich quantitative Verfahren ein (Befragung von 480 Kollegen mit Fragebögen) aber vor allem qualitative (teilnehmende Beobachtung, Tagebücher, Interviews). Das alles war der traditionellen Wissenschaft geschuldet. Ich war immer der Meinung und bin es auch heute, dass jeder Untersuchungsgegenstand eine eigene Untersuchungsmethode verlangt, die nicht aus anderen Wissenschaften entliehen werden kann. Die Qualität eines Unterrichts ist kaum quantitativ zu erfassen. Selbst qualitative Methoden greifen zu kurz: wenn ein Schüler nach 30 Jahren feststellt, dass ein bestimmter Lehrer sein Leben verändert hat, ist es aus den damaligen Tagebüchereinträgen nicht herauszulesen.  Als Forscher bemühe ich mich in erster Linie – von meiner Intuition geleitet – Veränderungen einzuführen, von denen ich mir Verbesserungen verspreche. Wenn diese Intuition (Hypothese) durch die Reaktion der Schüler und Studenten verifiziert wird, werden die Ursachen a posteriori theoretisch aufgearbeitet.  Kein sauber arbeitender empirischer Forscher würde das, was ich gerade beschrieben habe, als Forschung bezeichnen. Und dennoch: it works!

2. Neuronverhalten

Ich stelle die Hypothese auf, dass durch Zusammenführung unzähliger Menschen (Neuronen), die themengebunden interagieren, eine Art Weltgehirn entstehen kann, das die Probleme der Welt angeht und Problemlösungen erarbeitet. Voraussetzung ist, dass jeder in diesem Welthirn mitwirkende Mensch sich auch wie ein Neuron verhält.

  • Neuronen sind offen und transparent
  • Neuronen geben ihr Wissen sofort weiter. Sie wollen nicht als Person bekannt werden und nehmen sich nicht wichtig
  • Da Neuronen keine Angst haben, Fehler zu machen und sich zu blamieren, feuern sie sehr schnell ab
  • Wenn Neuronen angedockt werden, reagieren sie sofort
  • Neuronen versuchen ständig Kontakt zu anderen Neuronen herzustellen; sie haben keine Angst, penetrant zu wirken
  • Neuronen machen keine Pause; sie nehmen erst dann Urlaub, wenn ihr Projekt abgeschlossen ist
  • Neuronale Netze gehen mit Unschärfen spielerisch um
  • Neuronale Netze haben eine basisdemokratische Einstellung

3. Ist Neuronverhalten auch in Twitter zielführend?

Eine meiner Unterhypothesen ist, dass man auch in Twitter Mitdenker rekrutieren kann, und dass auch hier das Neuronenverhalten greift. Ich bin seit zwei Monaten aktiv in Twitter und kann bereits über folgende Neukontakte berichten (ich erwähne nur die Personen, die ich vor meinem Einstieg in Twitter nicht kannte):

*Theorieebene: auf der Theorieebene habe ich anhaltenden Ansporn und Unterstützung von itari_itari empfangen und  von  Filterraum. Filterraum weist mich auf interessante Videos hin,  itari_itari stellt kritische Fragen, auch über meinen methodischen Ansatz. Ferner analysiert sie mein Verhalten: „JP gibt sich Mühe, sucht die Diskussion, bestätigt den/die einen/eine oder anderen/andere Twitterer/Twitterin durch direkte Ansprache und verteilt Motivationsbonbons (Fleißkärtchen nannte man das früher).“

*Sonstiger Support: Unterstützung erhalte ich auch von Twitter-Anwender, die immer wieder Interesse für meine tweets anmelden. So z.B. Nadiz: „Scheinst halt interessante Tweets zu schreiben„.

Die nächsten Schritte werden darin bestehen, die Korrelation zwischen Neuronenverhalten und der Bildung von stabilen Forschungscommunities auf der Basis von Twitterinteraktionen zu analysieren.

Fazit Auch wenn im Augenblick die Hypothese „Neuronenverhalten führt zur Bildung einer leistungsfähigen Forschercommunity“ noch nicht verifiziert ist, es gibt erste Anzeichen, dass fruchtbare, langfristige Denkpartnerschaften in twitter eingegangen werden können.