Wikipedia: „Wir schreiben eine Enzyklopädie, basta!“

Resume Da die Schulferien beginnen, befasse ich mich als Exkurs mit einem anderen, für mich zentralen Thema: der gemeinsamen Wissenskonstruktion. Und für mich könnte die Wikipedia eine Riesenkonstruktionsmaschine sein. „Könnte“!

1. Die Enzyklopädisten waren Revolutionäre

Beim Wort „Enzyklopädie“ kommt einem als erstes in den Sinn die bekannteste und wirksamste Wissenskonstruktionsmaschine des politisch aufstrebenden Bürgertums im 18. Jahrhundert in Frankreich. Die Enzyklopädie fasste im geisteswissenschaftlichen Bereich durchaus nicht „etabliertes“ Wissen zusammen, sondern ganz neues, ungesichertes, im wesentlichen hypothetisches. Und gerade, weil das Wissen nicht gesichert war, lösten die Texte einen gewaltigen Reflexions- und Forschungsschub nicht nur in Frankreich, sondern in alle europäischen Ländern. Die Enzyklopädie war Schnittstelle und Anlass einer breiten Laien/Experten Kommunikation.

2. Die Wikipedianer sind im Kern konservativ

Die meisten Wikipedianer, auch wenn sie noch Studenten sind, sind im Geiste des alten Paradigmas sozialisiert worden. Es wurde ihnen gepredigt, dass nur vielfach durch Autoritäten (Quellen) belegte Informationen als abgesichertes Wissen zu betrachten seien. An den Universitäten wurde und wird noch bis heute ein Heer spießiger, bürokratischer Kleingeister gezüchtet, das lieber mit zehn Fussnoten belegte Platitüden veröffentlicht, als selbständig einen eigenen Gedanken in einer Seminararbeit zu entfalten. Auf diese Weise werden in erster Linie Kontrollreflexe ausgebildet: die wissenschaftlichen Aufsätze sind voll mit absolut unanfechtbaren, aber absolut irrelevanten Selbstverständlichkeiten und Details. Und nun kommt das Interessante: ausgerechnet Leute, die dieses mentale Korsett verinnerlicht haben und teilweise zu Kontrollfanatiker mutiert sind, bemächtigen sich eines Instruments, das wie bereits die französische Enzyklopädie, für eine Revolution der Wissenskonstruktion  prädestiniert ist und vor allem auf Offenheit und Risikobereitschaft setzt (open source). Dabei möchte ich ausdrücklich betonen, dass gerade das „Spießige“ an vielen Wikipedianern meiner eigenen Arbeit in der Wikipedia extrem zugute kommt: sie decken die Notwendigkeiten ab,  die ich in meinem „Risikofanatismus“ vernachlässige. Offenheit und Kontrolle müssen beide sein, aber der Akzent müsste von Kontrolle auf Offenheit verlegt werden.

3.  Beschleunigung des Emergenzprozesses

Im alten Paradigma der Papierwissenschaft dauerte es mehrere Jahre, teilweise Jahrzehnte bis ein Begriff, der von Spitzenforschern geschaffen  wurde, um neue Phänomene zu beschreiben, sich in der Community etablierte. Das lag in erster Linie daran, dass  Gedankenaustausch und Wissenstransfer mithilfe von Aufsätzen und Büchern sehr langsam war.  Heute ist es durch das Internet möglich, diesen Prozess enorm zu beschleunigen. Und dafür könnten die Wikipedia eine zentrale Rolle spielen.

4. Wikipedia erster und alleiniger Publikationsort?

Aus welchem Grund auch immer: es wird massiv Weltwissen in die Wikipedia eingespeist. Nun ist das Wikipedia-Dogma dass nur „etabliertes“ Wissen (also Wissen, das in der Papierwissenschaft allgemein verankert ist)  in die Wikipedia Eingang finden darf (aus den oben genannte Gründen einer falschen Auffassung des Begriffs „Enzyklopädie“). Durch diese Vorgabe beraubt sich die Wikipedia der Möglichkeit, der erste Ort zu sein, wo lebendiges, gerade im Entstehen befindliches Wissen zu finden ist.  Die Wikipedia könnte die erste Suchadresse sein, wenn ein in der Wissenschaft neu auftretender Begriff dort als Artikel eingegeben werden dürfte. Wenn die Wissenschaftler wüssten, dass aktuelle wissenschaftliche Neuerungen in der Wikipedia zu finden sind, würden sie sofort einsteigen und das Aktuellste, das sie produzieren, einbrigen: dadurch würde die Qualität der Wikipedia insgesamt wachsen.

5. Wikipedia als Ort für Laien-Experten-Kommunikation

Wie fruchtbar auch für die Wissenschaftler die Arbeit in der Wikipedia sein könnte, insbesondere die Veröffentlichung von Erkenntnissen und Begriffen, die zwar in einem Forscherkreis abgesichert, aber noch nicht „etabliert“ sind, möchte ich an einem konkreten Beispiel aufzeigen. Im März 2007 (angesichts der Beschleunigung eine Ewigkeit) fiel mir der Begriff „Netzsensibilität“ ein um eine neue Eigenschaft zu definieren, die sich seit Aufkommen des Internets herausbildet. Der Terminus wurde schnell von Wissenschaftlern aufgegriffen, deren Forschungsschwerpunkt naturgemäß in dem Bereich liegt, für den der Begriff gedacht ist, also im Bereich Kommunikation. Zu nennen sind u.a. Steffen Büffel, Christian Spannagel, Joachim Grzega, Michael Kratky und Alexander Rausch.  Da offensichtlich der von mir geschaffene Begriff von Nutzen für Experten ist, wollte ich einen Wikipedia-Artikel darüber verfassen. Außer der Tatsache, dass der Begriff nicht ausreichend etabliert ist, wurde der Eintrag zum Löschen vorgeschlagen mit dem Argument: „Ich wäre nicht in der Lage, einen vernünftigen und nicht trivialen Satz mit ‚Netzsensibilität‘ zu bilden. Muss man im Handyzeitalter jemanden an das Netz erinnern?“ und „Assoziationenblaster„. Hier wird deutlich, dass der von mir verfasste Wikipedia-Artikel „Netzsensibilität“ vieles voraussetzt und nicht ausreichend klärt, was darunter zu verstehen ist. Dieser Fall einer Laien/Experten-Kommunikation habe ich häufig erlebt und er führte stets zu einer Verbesserung meiner Texte (siehe auch „Lernen durch Lehren„).

Fazit Die Wikipedia eröffnet für Wissenschaftler die Möglichkeit einer Laien/Experten-Kommunikation, die die Wissenschaftler zur einer präziseren und verständlicheren Darstelltung ihres Wissens zwingt.

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7 Antworten

  1. Schon hier ein Kommentar auf das hier noch nicht Geschriebene mit diesem Link:
    http://apanat.wordpress.com/2008/12/19/wikipedia-und-forschung/

  2. „Die Enzyklopädisten waren Revolutionäre“… und das im 18. Jhd.! Eine sehr interessante Betrachtungsweise.

    Die Wikipedia ist großartig und das Potenzial könnte noch viel größer werden, wenn wir diese Diskussion „gutes Wissen / schlechtes Wissen“ ablegen würden.

    Wissen ist eben immer nur so lange gültig (auch das 1.000fach abgesicherte), bis es widerlegt oder erweitert wird. Wieso dann nicht sofort am vorhandenen Wissen partizipieren? Die (Weiter-) Entwicklung dieses Wissens würde doch dann sehr viel schneller stattfinden…

    Ich jedenfalls kann mit Wissen umgehen, welches nicht vom „Wissenschaftsrat“ abgesegnet wurde. Welches Wissen wird denn in der Regel etabliert? Was spielt eine Rolle? Gibt es unabhängige Wissenschaft?

  3. Jeder einzelne sucht sich selbstverständlich seine Informationen dort, wo er sie so erhält, wie er sie haben will.
    Wenn aber eine Community täglich über 500 „Wissenscontainer“ erhält, unter denen sich auch welche mit viel Schaum und andere mit üblem Unrat erhält, muss sie schon Kriterien haben, die es ihr ermöglicht, das Schlimmste auszuscheiden, bevor es sich festsetzt.
    Fragwürdig ist freilich eine allgemeine Ablehnung von Theoriefindung. (Im Einzelfall wird schon die Feststellung, in einem Text liege eine Anspielung auf eine Bibestelle vor, als Theoriefindung abgelehnt.)
    Und offenkundig ist man im Bereich der Naturwissenschaften gar nicht so heikel.

  4. @Apanat
    Ja, die community muss sich schon wehren und das tut sie auch. Und dazu braucht sie Kriterien. Aber es wäre vielleicht an der Zeit, eben diese Kriterien noch einmal zu überdenken. Aber du und ich sind auf einer ähnlichen Linie, wie ich weiß.:-))

  5. Wikipedia…

    Wer dort öfters selbst schreibend tätig war, kennt sicherlich die ermüdenden Diskussionen mit irgendwelchen Blockwarten, die auch kleinste Fehlerkorrekturen nach sich ziehen können – Schwamm drüber….

  6. Ipod: Session mit Thomas Bernhardt über meine Erfahrungen mit der Wikipedia:
    http://tinyurl.com/obr84u

  7. […] Diskussionen um Relevanz bei wikipedia ermöglicht aübrigens uch der Blog von Jean Paul-Martin in verschiedenen Einträgen und […]

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