Web 2.0: Zwischen Leuchttürmen und Ruinenlandschaften

Resume Was den Erfolg von Web2.0-Projekten am meisten bedroht ist die Entropie. Es kommen Leute zusammen, die die ehrgeizigsten Pläne entwickeln und nachdem die Anfangseuphorie vorbei ist, verschwinden sie und lassen Internetruinen hinter sich. Da hilft nur: Dranbleiben!

1. Meine Internet-Ruinen

Als ich im März 2005 Wikipedia entdeckte war ich so begeistert, dass ich jeden Schüler und Studenten nötigte, sich dort eine Benutzerseite anzulegen. Die Studenten sahen zwar nicht den Nutzen, aber ich behauptete immer wieder, dass die Zukunft in der gemeinsamen Wissenskonstruktion läge. Unter meinem Drängen wurden tausende von Foren, Kommunikationsplattformen, Homepages, Wikibenutzerseiten eingerichtet und nach anfänglicher Begeisterung für immer verlassen. Alle stehen heute in der Internetlandschaft als Ruinen.

2. Internetleben im Spannungsfeld zwischen zentripetalen und zentrifugalen Kräften

Will man das Internet im Sinne von Web2.0 zur Wissenskonstruktion benutzen, so bietet sich am ehesten die Struktur eines Uni-Moduls an, wo Studenten ein semesterlang gezwungen sind, bis zum Abschluss an einem Projekt zu arbeiten. Hier ist die Gefahr, Ruinenlandschaften entstehen zu lassen, geringer und es können tatsächlich Leuchttürme emergieren. Sucht man aber seine Partner im Internet, beispielsweise im Rahmen der Wikipediaarbeit oder  in Twitter so muss man damit rechnen, dass die Partner sich volatiler verhalten, dass sie andere Beziehungen eingehen und abwandern. Hat man sich mit Partnern auf ein Ziel geeinigt, muss man zentripetale Anstrengungen aufbringen, um den zentrifugalen Kräften zu begegnen.  Aussicht auf Erfolg hat man am ehesten, wenn man ein kurzes, überschaubares Projekt anbietet, wie die Konstruktion eines „Wissenscontainers„.

3. Wissenscontainer: Web 2.0 in Schule und Universität

Im Twitterbereich habe ich etwas engere Verbindungen zu einigen Twitterern geknüpft. Da sie sich alle intensiv mit dem Thema Web2.0 in der Schule befassen, könnten wir gemeinsam ein Wissenscontainer zu diesem Thema konstruieren. Dazu habe ich folgendes Wiki eingerichtet: Wissenscontainer Web 2.0. Ich denke, dieses überschaubare Vorhaben könnte schnell durchgeführt werden.

Fazit In der Internetwelt sind Beziehungen oft volatil. Sucht man nach Partnern für Web2.0-Projekte, so haben vor allem kurze und intensive Vorhaben Aussicht auf Erfolg.

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27 Antworten

  1. Da Schüler ohnehin mehr und mehr an ADS leiden (oder durch das mediale Überangebot so überangeregt werden, dass sie in kontinuierlicher Arbeit an einem (!) Ziel immer weniger Sinn sehen), scheint mir gerade diese Volatilität ein ganz kritischer Aspekt bei der Einführung von Web 2.0 in die Schule.
    Ob Schüler Zettel, SMS, StudiVZ oder Twitter verwenden, um sich während der doch so arg langweiligen Racine-Alexandriner etwas Unterhaltung zu gönnen, läuft nahezu auf dasselbe hinaus.
    Der wichtige Unterschied ist aber: Beim Zettelverschicken haben Schüler noch das Gefühl, einer Anforderung auszuweichen. Beim Twittern könnten sie meinen, dem Lehrer mit seinem überholten Bildungsverständnis weit voraus zu sein.

  2. @apanat
    Ich denke, wir müssen die Schüler daran gewöhnen, selbstdiszipliniert mit diesen medien umzugehen, also sich nicht dazu verführen lassen, zu „prokrastinieren“.
    Ansonsten ist Web2.0 als Instrument ideal, um Wissen gemeinsam zu konstruieren. Das haben wir bereits an Wikipedia erlebt. Ich denke schon daran, eine Art klasseninterne Wikipedia von meine Schülern entwickeln zu lassen, mit eigenen Artikeln.

  3. Wikis als Arbeitsplattform halte ich für ausgezeichnet.

  4. @apanat
    Und du kennst dich, lieber apanat, wirlich gut aus (siehe deine intensive Arbeit in Wikipedia).

  5. Ich würde die „Internet-Ruinen“ nicht negativ bewerten. Immerhin haben viele Schüler und Studenten in ihrem Leben unter Zwang viele verschiedene Aufsätze geschrieben, die ebenfalls im Papierkorb gelandet sind. Und trotzdem hat man von jedem eine Kleinigkeit mitgenommen.

    Zur Motiviation in Twitter und Co. muss ich sagen, dass Twitter natürlich im hohen Maße spontan und situativ ist. Es können innerhalb kürzester Zeit durch günstige Konstallation Geanken und Strukturen entstehen. Aber eben auch – weil Twitter halt am Ende doch (nur) ein Zwitschern ist – wieder ruhen. Das bedeutet nicht, dass man dortige Ideen aus dem Auge verliert, sondern der Druck anderer – realer Projekte – größer ist.

    Einen schönen dritten Advant!

  6. @Felix
    Danke für deine Einschätzung, die ich im Prinzip teile. In meinem Beitrag habe ich natürlich die negative Seite etwas akzentuiert. Ich muss vor allem an die vielen Wikipedia-Benutzerseiten denken, die ich letztlich fast missbräulich habe von Schülern und Studenten einrichten lassen, und die jetzt per mühsamen Löschanträgen von den WP-Admins weggeräumt werden müssen. Damals dachte ich, dass die Studenten durch die Benutzerseiten angeregt würden, auch WP-Artikel zu schreiben. Was Twitter angeht, da bin ich ganz mit dir einverstanden. Ich versuche in meinem Blog mir bezüglich aller dieser Tools Klarheit zu verschaffen. Und Twitter ist für mich ein Ort, an dem man erste Kontakte knüpfen kann.

  7. Was ich vermisse, ist die Verwendung von Foren. Wikis sind ja recht nett, aber sie sind irgendwann „fertig“ oder zumindest sehen sie so aus und es macht sich keiner mehr über sie her. In Foren kann eine Frage hundertmal neu und immer wieder ein wenig anders gestellt werden. Da ist Leben drin. Natürlich muss man den Forenbesuchern auch das Gefühl vermitteln, dass sie gerne ihre Fragen los werden dürfen – auch wenn die Fragen schon oft gestellt worden sind. Und natürlich braucht man ein Team, um geduldig die Fragen zu beantworten. Aber ist das nicht unser Job, die Leute da abzuholen, wo sie sich gerade befinden und nicht da, wo sie vermeintlich stehen? Habe da sehr positive Erfahrungen mit gemacht. Und wenn jemand auf den Zug springt (und sei es nur für eine kurze Zeit), weil ihm/ihr geholfen wurde und er/sie sagt, hier fühle ich mich wohl und verstanden und da mach ich mit und gebe nun auch mein Wissen weiter, dann fühlt sich das gut an.

  8. @itari
    Das wir Foren verwenden ist klar, daher habe ich das nicht noch extra erwähnt. Ansonsten bin ich 100% mit dir einverstanden (insbesondere im Hinblick auf den Aspekt, dass ich dieselbe Frage immer wieder beantworte, ohne die Geduld zu verlieren. Ich bin doch froh, wenn jemand sich für meine Arbeit interessiert!

  9. Wo ist das Forum zu LdL? Ich habe es noch nicht entdecken können. Hab ich da meinen blinden Fleck? Warum findet diese Diskussion hier nicht in einem Forum statt?

  10. Es sind unendlich viele Plattformen, Foren, Homepages zu LdL. Aber die Foren werden im Augenblick ganz vernachlässigt, aus welchem Grund auch immer.
    Hier die LdL-Homepage: http://www.ldl.de
    Und hier die Foren:
    http://www.zum.de/Foren/ldl/cgi_neu/forum.cgi
    Und eine Mailingliste gibt es auch noch:
    http://www.zum.de/wwwldl.html
    Aber im Augenblick sind Blog und Wikis die belebtesten Stellen.

  11. Foren haben heutzutage einen schlechten Beigeschmack. In jedem einzelnen muss man sich anmelden, die Antworten sind nicht immer zufriedenstellend, die Antwortzeit ist oft lang,oft wird nur auf Forenregeln oder die Suche aufmerksam gemacht und nervende Zeitgenossen regen sich auch gerne über schlecht gestellte Fragen auf.

  12. @Akku
    Richtig. Allerdings können foren bestimmte Funktionen übernehmen, die keine anderen Tools abdecken. Beispielsweise bei Projekten, die von einer Gruppe durchgeführt werden bis zu einem festen Termin, leisten sie gute Dienste, beispiel:
    http://www.zum.de/Foren/internet/cgi/forum.cgi

  13. Oh, in Sachen Internetruinen hätte ich da einen ganzen Blumenstrauß selbsterzeugter Ruinen anzubieten. Mal überlegen, ’ne Ehemaligenvereinswebseite, ohne Ende Weblogs die ich anderen eingerichtet habe, Weblogs die andere unter meiner Anleitung selbst angelegt haben, in fast jedem LMS dieses Planeten einen Account von mir, den ich nicht nutze, mein erstes Blog bei blogger.com, unzählige verlassene Diskussionsforen, eigene Websites zur Vermarktung von irgendwas, reservierte Domainnames die ein Dasein im Schatten des Domainparking führen, zig Prototypen von Websites und Designs, usw.

    Nicht zuletzt sorgt die mixxt-Plattform bei mir für ein stetes Anszteigen verlassener mixxt-Umgebungen. Der Kampf gegen die Entropie kann wohl nur mit einem „Ja!“ zur Singularität bekämpft werden. 😉

    Leider sind unter den Ruinen aber oft nicht nur belanglose tote Websites, sondern auch einige wirkliche „Babies“, in die man mal viel Energie reintat in der Hoffnung sie mögen doch ein wenig länger überleben.

    Der Tod ist die Reinigende Kraft des Planeten, oder der natürliche Feind der Entropie, wie man will. Ich sag hinterher immer: „Platz für Neues!“

  14. @Helge
    „Leider sind unter den Ruinen aber oft nicht nur belanglose tote Websites, sondern auch einige wirkliche „Babies“, in die man mal viel Energie reintat in der Hoffnung sie mögen doch ein wenig länger überleben.“
    – Das ist es ja. Und einige Plattformen sind überall beworben worden, sogar von Spezialisten, die sicher waren, dass endlich eine nachhaltige Kommunikation entstehen wird, weil soviele hochqualifizierte Leute nicht irren können!

  15. Auch wenn ich nicht viel eigene Erfahrung im Netz habe, so weiss ich trotzdem, dass Web 2.0 nicht der grosse Erfolg ist, den man sich erträumt hat. Aber dieses von dir angesprochene Thema ist auch ohne „Netz“ sehr aktuell und das in zunehmendem Masse. Ich erlaube mir ein paar Gedanken aus einer allgemeinen Optik zum Thema und mache dabei eine Unterscheidung zwischen Schülern und Gruppen von Fachleuten.

    Web 2.0 ist ein „Mitmachernetz“. Dieser Ausdruck beinhaltet schon eine mögliche Antwort. Wenn es um Schüler geht mag man sie mit viel persönlichem Engagement „bei der Stange halten“ oder wie du schreibst ….war ich so begeistert, dass ich jeden Schüler und Studenten nötigte, ….Sie gehen nach der Schule hinaus „ins Leben“ und wollen erst mal nachholen, worauf sie vielleicht lange verzichten mussten. Sie möchten mit Gleichaltrigen vorerst einmal das Leben so richtig geniessen und Schule vergessen. Da liegt ein Engagement, das einen Arbeitseinsatz erfordert nicht drin. Sie haben vorerst mal keine Partizipationsgedanken, sie möchten informiert und unterhalten werden. Aber die Ressourcen hast du als Lehrer im Leben der Jungen angelegt. Die gehen nicht verloren, sie schlummern nur. Manchmal für Jahre. Übrigens unter dieser Zeiterscheinung leiden bekanntlich auch die meisten Vereine. Die wenigsten möchten sich heute noch verpflichten und wenn doch, dann sicher keine Aufgaben für den Verein übernehmen. Schade eigentlich. Für all das Gesagte gilt selbstverständlich, dass die Ausnahme die Regel bestätigt.

    Wenn es um Zusammenarbeit von Fachleuten geht, da sehe ich es anders. Da handelt es sich um Erwachsene und es bestehen i.d.R. klare Zielvereinbarungen um ein Arbeitsbündnis zum Erfolg zu führen. Wenn es ein open end Unterfangen ist, dann muss man damit rechnen, dass Leute abspringen. Eine Anfangseuphorie mag einer Enttäuschung Platz machen, weil sich die Leute evt. falsche Vorstellungen gemacht oder den Arbeitsaufwand unterschätzt haben. Vielleicht sind auch unvorhersehbare Ereignisse in ihrem Leben eingetreten. Es ist aber stets schade, wenn Leute weggehen, dabei kommt nämlich immer auch Wissen für die Verbleibenden abhanden.

    Dass Twitter und Co. volatil sind, das wundert mich überhaupt nicht. Da ist nicht mal eine gute Kommunikation möglich. Sprache bleibt da gründlich auf der Strecke. Das kann wohl die wenigsten auf lange Zeit befriedigen. Einen Vorteil sehe ich allerdings darin, dass wenn jemand einen link zu einem interessanten Artikel setzt, es mir das mühsame Suchen erspart oder ich überhaupt erst davon erfahre.

  16. „Auch wenn ich nicht viel eigene Erfahrung im Netz habe, so weiss ich trotzdem, dass Web 2.0 nicht der grosse Erfolg ist, den man sich erträumt hat.“
    – Das sehe ich anders. Wikipedia z.B. ist eine großartige verwirklichung „gemeinsamer wissenskonstruktion“ weltweit.

    „Aber die Ressourcen hast du als Lehrer im Leben der Jungen angelegt. Die gehen nicht verloren, sie schlummern nur. Manchmal für Jahre.“
    – Richtig.

    „Wenn es um Zusammenarbeit von Fachleuten geht, da sehe ich es anders. Da handelt es sich um Erwachsene und es bestehen i.d.R. klare Zielvereinbarungen um ein Arbeitsbündnis zum Erfolg zu führen. Wenn es ein open end Unterfangen ist, dann muss man damit rechnen, dass Leute abspringen.“
    – Im netz steht man in kontakt zu tausenden von erwachsenen und arbeitet sehr intensiv an einem gemeinsamen projekt, paraprofessionnell. Das betrifft beispielsweise @Luci

    „Dass Twitter und Co. volatil sind, das wundert mich überhaupt nicht. Da ist nicht mal eine gute Kommunikation möglich. Sprache bleibt da gründlich auf der Strecke. Das kann wohl die wenigsten auf lange Zeit befriedigen.“
    – Mit vielen kommuniziere ich z.t. seit vielen jahren sehr produktiv, bis sie ein neues pferd entdecken und bis zur erschöpfung reiten. Wenn ich glück habe, kommen sie wieder zurück!

  17. Du wirst Glück haben, sie werden nicht zurückkommen können, weil sie gar nie wirklich weggegangen sind. Sie sind wohl nur zeitweise abwesend. Nur ganz Dumme reiten ein Pferd bis zur Erschöpfung. Ab und zu brauchen Pferde einfach ein bisschen Erholungszeit, um sich wieder Futter anzufressen um sich wieder fit zu machen.

  18. Danke für die sehr positive prognose. Aber du hast recht, das sieht tatsächlich so aus!:-))

  19. Es ist halt so: schliesslich weiss man oder erinnert man sich meistens, wo man eigentlich hingehört.

  20. Ich habe wieder futter angesammelt und ich höre die pferde bereits wiehern.

  21. Steht das Futter im öffentlichen Angebot?

  22. Klar steht das futter im öffentlichen angebot. Es sind schon mal alle inhalte meines blogs. Aber für jedes pferd ist ein bestimmtes futter zu empfehlen und ich muss das pferd beraten.

  23. OK, du sagst, du hast wieder Futter angesammelt. Das sieht nach „neuem“ Futter aus. Hab aber nun verstanden.

    Das mit der Beratung hab ich aber leider nicht gescheckt. Kannst du das einem einfachen Gemüt erklären? Danke

  24. Beratung bedeutet, dass wenn jemand nach einem präzisen thema sucht, ich ihn zu den entsprechenden blogeinträgen führen kann. Der vorrat ist sehr umfangreich und wird noch auf der basis meiner neuen erfahrungen erweitert. Mein jüngstes produkt ist der blogeintrag „Konzeptualisierung als glücksquelle“. Von den rezipienten wurde er vielleicht registriert, aber bestimmt nicht ausgeschöpft.

  25. danke! So hab ich es mir eigentlich interpretiert. Wollte aber sicher gehen. 😉
    Mit deinem jüngsten Produkt werde ich mich noch eingehend auseinandersetzen. Schon der Titel deckt sich mit meinen diesbezüglichen Erfahrungen. Brauch eine Verschnaufpause.

  26. Bis später!:-) (nach der pause)…

  27. Aber gerne 🙂

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