Tugend als Selbstkontrolle und Weg zur Macht

Resume Wie ich bereits an anderer Stelle beschrieben habe, dient jede Handlung eines Lebewesens dazu, ihm Kontrolle zu sichern: über sich selbst und sein Umfeld. Je breiter und tiefer die Kontrolle, desto größer das Wohlgefühl. Selbstkontrolle wird alltagssprachlich „Tugend“ genannt. Und Tugend ist die Voraussetzung für Macht. Und das geht so:

1. Tugend als Selbstkontrolle

„Tugendhaft“ werden Menschen genannt, die sich besonders an die Regeln ihrer Gemeinschaft halten. In einer Gesellschaft, in der eheliche Treue, Respekt vor Eigentum und caritatives Verhalten besonders geschätzt werden, werden Menschen, die sich treu, redlich und altruistisch zeigen als tugenhaft hervorgehoben, sofern ihre Verhaltensweisen von vielen Mitmenschen wahrgenommen werden. In einer Kriegergesellschaft zählen vor allem physischer Mut und Gehorsam. Eheliche Treue wird weniger geschätzt. Nun bedeuten die genannten Verhaltensweisen große Einschränkungen für das Individuum. Da Menschen so angelegt sind, dass sie ihre Kontrolle ausdehnen und Zugriff zu möglichst umfangreichen Ressourcen wollen (also beispielsweise nicht nur einen Sexualpartner wünschen, sondern beliebig viel), müssen sie, um von der Gesellschaft geschätzt zu werden, Verzicht üben. Sie verzichten also auf eine kurzfristige Bedürfnisbefriedigung, damit sie von der Gesellschaft reichlich angebotenen Ressourcen nachhaltig profitieren können. Aus ökonomischer Sicht ist ein tugendhaftes Verhalten, das von niemandem wahrgenommen wird, unrentabel.

2. Tugend sichert Vertrauenskapital

Wenn Menschen nachhaltig die Eigenschaften zeigen, die in ihrer Gesellschaft als „Tugend“ deklariert werden, so kapitalisieren sie Vertrauen: die Umwelt weiß, dass dieser Mensch stabil die Ressourcen anbietet, die in dieser Gesellschaft von Bedeutung sind. Wenn ein Bürgermeister nachhaltig tugendhaft ist, dann weiß die Gemeinde, dass sie bei ihm Ressourcen (z.B. Gerechtigkeit beim Verteilen von Geldmitteln) stabil holen kann. Dafür belohnt die Gemeinde den Bürgermeister und wählt ihn weiterhin. Der Bürgermeister bekommt als Ausgleich für seine „Tugend“, dass er die Kontrolle über ein interessantes Wirkungsfeld behält, insbesondere sein Grundbedürfnis nach Informationsverarbeitung kontinuierlich befriedigen kann. Wenn man wiederum „Macht“ als die Möglichkeit definiert, auf umfangreiche Quellen der Bedürfnisbefriedigung zurückzugreifen, dann kann tugendhaftes Verhalten zu Macht führen.

3. Warum die Begriffe „Kontrolle“ und „Macht“ negativ konnotiert sind

Solange man selbst über Macht und Kontrolle verfügt, nimmt man keinen Anstoß an diesen Begriffen. Oft befindet man sich aber in Situationen, in denen andere, mächtigere, den eigenen Kontrollraum einschränken. Und das Gefühl der Kontrolle ist so wichtig, dass jede Einschränkung als sehr schmerzhaft empfunden wird. „Macht“ und „Kontrolle“ sind als Begriffe negativ besetzt, weil sie sofort die Leiden evozieren, die durch die Macht anderer über uns entstanden sind. Dass wir selbst aber existenziell und permanent nach Macht und Kontrolle streben, steht nicht im Fokus unserer Aufmerksamkeit. Das hat den großen Nachteil, dass wir bei Selbstbetrachtungen und Selbstbeschreibungen einen blinden Fleck gerade dort setzen, wo wir am gefährlichsten für andere sind: „Ich will doch keine Macht“ sagen gerade diejenigen, die am meisten danach streben, weil sie ihren Machtanspruch vor sich und den anderen verbergen wollen, unbewusst natürlich. Und das gilt in jedem Lebensfeld, auch in Twitter, Wikipedia, Blogs und wie sie alle heißen!

Fazit Es nützt nichts, sich die eigenen Motivationen schöner zu reden als sie sind. Wenn die „Tugend“ ein Weg zur Macht ist, dann kommt es allen zugute. „Mutter Teresa“, so meine Vermutung, war besonder machtorientiert! Na und?

Das Streben nach Macht – auch in Twitter?

Resume Ich definiere Macht als die Möglichkeit eines Zugriffs auf Quellen der Bedürfnisbefriedigung. Dazu zählen soziale Ressourcen und Informationen.  So gesehen finden auch in Twitter Verteilungskämpfe statt (ob es den Twitterern gefällt oder nicht).

1. Macht als  Möglichkeit des Zugriffes auf Quellen der Bedürfnisbefriedigung

Nach einem weitverbreiteten Verständnis des Wortes bezeichnet Macht die Fähigkeit von Individuen und Gruppen, auf das Verhalten und Denken sozialer Gruppen oder Personen – in ihrem Sinn und Interesse – einzuwirken„, soweit di Wikipedia-Definition. Natürlich werden in dieser Beschreibung nur bestimmte Aspekte hervorgehoben, so dass sie nicht operationalisierbar ist. Ich versuche eine Definition zu finden, die alle Wirkungsbereiche abdecken. Wie immer ist die Maslowsche Bedürfnispyramide sehr hilfreich. Wenn man davon ausgeht, dass die Maslowsche Pyramide alle Bedürfnisse erfasst, und wenn man ferner meint, dass alle menschlichen Handlungen nur ein Ziel haben, nämlich die Bedürfnisbefriedigung, dann ist das Streben nach Macht permanent und legitim. Auch in Twitter. In Twitter werden Bedürfnisse nach sozialer Einbindung,  sozialer Anerkennung, Selbstverwirklichung und Sinn befriedigt, sowie nach Informationsverarbeitung (einem Grundbedürfnis, das ich in Ergänzung zu Maslow eingeführt habe). Soweit so gut. Das Problem ist nur, dass die von Twitter befriedigten Bedürfnisse keine Grenzen kennen (im Gegenteil zu den physiologischen Bedürfnissen). Wir wollen immer mehr Followers, immer mehr Zuspruch, immer mehr Informationen. Und da das Angebot an interessanten Followers und interessanten Informationen begrenzt ist, gibt es Verteilungskämpfe. Einige Twitterer emergieren im Twitterhirn und andere nicht.

2. Warum diese Beschreibung den Twittern nicht schmeckt.

An anderer Stelle habe ich beschrieben, dass wir uns im Spannungsfeld antinomischer Bedürfnisse bewegen: wir wollen Ruhe aber gleichzeitig Bewegung, wir wollen für uns sein, aber gleichzeitig auch in der Gruppe partizipieren, wir wollen unsere Bedürfnisse befriedigen, aber so, dass niemand daran Anstoß nimmt (Gefahr, dass das Bedürfnis nach sozialer Einbindung nicht befriedigt wird). Wenn wir sowohl einen breiten Zugriff auf die durch Twitter angebotenen Ressourcen (soziale Ressourcen, Informationen) wünschen, gleichzeitig aber diesen Machtanspruch ohne Konflikte behaupten wollen (Konflikte könnten uns einen Teil der Ressourcen wieder entziehen), so müssen wir einerseits ein Teil des Feldes soweit wir können dominieren, andererseits dieses Verhalten als altruistisch motiviert präsentieren.  Ein solches Ansinnen („ich bin zwar überall präsent, ich strebe aber nicht nach Macht“) ist zum Scheitern verurteilt, weil widersprüchlich, auch in den Augen der Betrachter. Daher ist es günstiger, wie ich bereits an anderer Stelle beschrieben habe, sowohl den Machtwille zu offenbaren als auch die Grenzen dieses Machtwillens transparent aufzuzeigen.

Fazit: es ist legitim nach Macht zu streben. Allerdings sollte der eigene Machtwille reflektiert und transparent gemacht werden. Was mich angeht, ich suche nach Denkpartnern, die mich ausreichend mit interessanten Gedanken und Problemen  (Grundbedürfnis nach Informationsverarbeitung) versorgen. Und der Zugang zu diesen Partnern  als Quelle der Bedürfnisbefriedigung ist eine Form von Macht.  Diese „Macht“ aufrechtzuerhalten ist für mich tägliche Arbeit.

Kontrolle, kognitiver Halt und Glück

Resume Wenn es stimmt, dass das Kontrollgefühl Glück verschafft, so liegt eine Glückschance darin, mit kognitiven Instrumenten relevante Wissensgebäude zu konstruieren, Stein für Stein.

1. Stabilität in einer turbulenten Welt

Wie jeder andere Mensch auch gerate ich im realen Leben gelegentlich in Turbulenzen. Beispielsweise stürtzt mich mein Haus in der Bretagne regelmäßig in hohe Kontrollverlustphasen (z.B. wenn Jugendliche das Haus in Brand stecken, wie vor 4 Jahren, oder wenn wieder einmal eine Mauer zusammenfällt). Um die entsprechenden emotionalen Aufwallungen „in den Griff“ zu bekommen, muss der kognitive Apparat sehr stark mobilisiert werden. Ich zwinge mich in einer solchen Situation zu fokussieren auf das, was in meinem Leben existentiell ist und gut funktioniert (z.B. dass ich einen sicheren Job habe) und finde sehr schnell Halt. Es macht natürlich auch Spaß, meiner Umwelt zu demonstrieren, dass man auch sehr rasch in sochen Situationen seine gute Laune wiederfinden kann. Schließlich ist – um das oben genannte Beispiel wiederaufzugreifen – ein Haus in der Bretagne Luxus.  Noch hilfreicher ist es, wenn man seine Kognition nicht nur nützt, um Probleme anzugehen, also remedial, sondern prinzipiell versucht, von früh bis abend durch intellektuelle Anstrengung Wissensgebäude zu konstruieren.  Auf diese Weise kann man versuchen, was im realen Leben durch unvorhersehbare Katastrophen zerstört wird, durch die Konstruktion von Wissen im abstrakten Leben aufzuwiegen.

2. Meine Konstruktion zur Zeit: die Geschichte Europas

Es gibt zahlreiche relevante Erkenntnisräume, die einem intransparent und verschlossen bleiben. Diesen gegenüber fühlt man sich hilflos, ausgeliefert. Das ist das Gegenteil von Kontrolle und tendenziell bedrohlich. Instransparent ist beispielsweise die künftige Entwicklung der Weltwirtschaft. Die Geschichte der Menschheit ist zwar auch opak, aber da die Fakten bereits vorliegen, kann man durch starke Anstrengung versuchen, sie zu rekonstruieren, und somit über einen relevanten Wissensbereich Kontrolle gewinnen. Man muss sich natürlich bemühen, einige wenige entscheidende Faktoren für die Entwicklung menschlicher Gesellschaften herauszuarbeiten, um mit diesen Instrumenten klare Linien zu erkennen. Ein Beispiel: es gibt seit Beginn der Menschheit nur 5 Organisationsformen: Jäger und Sammler, Nomaden, einfache farming-societies, komplexe farming societies (chiefdoms), Staaten (Stadtstaaten, Königreiche) mit festen, unabänderlichen Merkmalen. Oder ein anderes Beispiel: In Ägypten vollzog sich einen Übergang vom zentralistischen Staat zum Feudalismus als die Pharaone mächtigen Gefolgsleuten Gebiete zunächst zu Lehne gaben und dann als Erbpacht überließen. Dieses Phänomen taucht an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten immer wieder auf (z.B. in Europa nach der Aufteilung des Reiches von Karl dem Großen oder in Japan ) . Solche Erkenntnisse liefern auch Schlüssel um zu verstehen, was sich heute in der Welt abspielt, oder auch im Internet, wo ebenfalls gesellschaftliche Organisationsstrukturen emergieren (ich glaube sogar, in Wikipedia feudalistische Elemente entdeckt zu haben).

Fazit: Durch die Herstellung kognitiver Kontrolle über komplexe Wissensbereiche kann ein Gefühl genereller Kontrolle entstehen, das einem ermöglicht, gelegentliche Kontrollverluste im realen Alltagsleben gut zu verkraften.

Wikipedia: „Wir schreiben eine Enzyklopädie, basta!“

Resume Da die Schulferien beginnen, befasse ich mich als Exkurs mit einem anderen, für mich zentralen Thema: der gemeinsamen Wissenskonstruktion. Und für mich könnte die Wikipedia eine Riesenkonstruktionsmaschine sein. „Könnte“!

1. Die Enzyklopädisten waren Revolutionäre

Beim Wort „Enzyklopädie“ kommt einem als erstes in den Sinn die bekannteste und wirksamste Wissenskonstruktionsmaschine des politisch aufstrebenden Bürgertums im 18. Jahrhundert in Frankreich. Die Enzyklopädie fasste im geisteswissenschaftlichen Bereich durchaus nicht „etabliertes“ Wissen zusammen, sondern ganz neues, ungesichertes, im wesentlichen hypothetisches. Und gerade, weil das Wissen nicht gesichert war, lösten die Texte einen gewaltigen Reflexions- und Forschungsschub nicht nur in Frankreich, sondern in alle europäischen Ländern. Die Enzyklopädie war Schnittstelle und Anlass einer breiten Laien/Experten Kommunikation.

2. Die Wikipedianer sind im Kern konservativ

Die meisten Wikipedianer, auch wenn sie noch Studenten sind, sind im Geiste des alten Paradigmas sozialisiert worden. Es wurde ihnen gepredigt, dass nur vielfach durch Autoritäten (Quellen) belegte Informationen als abgesichertes Wissen zu betrachten seien. An den Universitäten wurde und wird noch bis heute ein Heer spießiger, bürokratischer Kleingeister gezüchtet, das lieber mit zehn Fussnoten belegte Platitüden veröffentlicht, als selbständig einen eigenen Gedanken in einer Seminararbeit zu entfalten. Auf diese Weise werden in erster Linie Kontrollreflexe ausgebildet: die wissenschaftlichen Aufsätze sind voll mit absolut unanfechtbaren, aber absolut irrelevanten Selbstverständlichkeiten und Details. Und nun kommt das Interessante: ausgerechnet Leute, die dieses mentale Korsett verinnerlicht haben und teilweise zu Kontrollfanatiker mutiert sind, bemächtigen sich eines Instruments, das wie bereits die französische Enzyklopädie, für eine Revolution der Wissenskonstruktion  prädestiniert ist und vor allem auf Offenheit und Risikobereitschaft setzt (open source). Dabei möchte ich ausdrücklich betonen, dass gerade das „Spießige“ an vielen Wikipedianern meiner eigenen Arbeit in der Wikipedia extrem zugute kommt: sie decken die Notwendigkeiten ab,  die ich in meinem „Risikofanatismus“ vernachlässige. Offenheit und Kontrolle müssen beide sein, aber der Akzent müsste von Kontrolle auf Offenheit verlegt werden.

3.  Beschleunigung des Emergenzprozesses

Im alten Paradigma der Papierwissenschaft dauerte es mehrere Jahre, teilweise Jahrzehnte bis ein Begriff, der von Spitzenforschern geschaffen  wurde, um neue Phänomene zu beschreiben, sich in der Community etablierte. Das lag in erster Linie daran, dass  Gedankenaustausch und Wissenstransfer mithilfe von Aufsätzen und Büchern sehr langsam war.  Heute ist es durch das Internet möglich, diesen Prozess enorm zu beschleunigen. Und dafür könnten die Wikipedia eine zentrale Rolle spielen.

4. Wikipedia erster und alleiniger Publikationsort?

Aus welchem Grund auch immer: es wird massiv Weltwissen in die Wikipedia eingespeist. Nun ist das Wikipedia-Dogma dass nur „etabliertes“ Wissen (also Wissen, das in der Papierwissenschaft allgemein verankert ist)  in die Wikipedia Eingang finden darf (aus den oben genannte Gründen einer falschen Auffassung des Begriffs „Enzyklopädie“). Durch diese Vorgabe beraubt sich die Wikipedia der Möglichkeit, der erste Ort zu sein, wo lebendiges, gerade im Entstehen befindliches Wissen zu finden ist.  Die Wikipedia könnte die erste Suchadresse sein, wenn ein in der Wissenschaft neu auftretender Begriff dort als Artikel eingegeben werden dürfte. Wenn die Wissenschaftler wüssten, dass aktuelle wissenschaftliche Neuerungen in der Wikipedia zu finden sind, würden sie sofort einsteigen und das Aktuellste, das sie produzieren, einbrigen: dadurch würde die Qualität der Wikipedia insgesamt wachsen.

5. Wikipedia als Ort für Laien-Experten-Kommunikation

Wie fruchtbar auch für die Wissenschaftler die Arbeit in der Wikipedia sein könnte, insbesondere die Veröffentlichung von Erkenntnissen und Begriffen, die zwar in einem Forscherkreis abgesichert, aber noch nicht „etabliert“ sind, möchte ich an einem konkreten Beispiel aufzeigen. Im März 2007 (angesichts der Beschleunigung eine Ewigkeit) fiel mir der Begriff „Netzsensibilität“ ein um eine neue Eigenschaft zu definieren, die sich seit Aufkommen des Internets herausbildet. Der Terminus wurde schnell von Wissenschaftlern aufgegriffen, deren Forschungsschwerpunkt naturgemäß in dem Bereich liegt, für den der Begriff gedacht ist, also im Bereich Kommunikation. Zu nennen sind u.a. Steffen Büffel, Christian Spannagel, Joachim Grzega, Michael Kratky und Alexander Rausch.  Da offensichtlich der von mir geschaffene Begriff von Nutzen für Experten ist, wollte ich einen Wikipedia-Artikel darüber verfassen. Außer der Tatsache, dass der Begriff nicht ausreichend etabliert ist, wurde der Eintrag zum Löschen vorgeschlagen mit dem Argument: „Ich wäre nicht in der Lage, einen vernünftigen und nicht trivialen Satz mit ‚Netzsensibilität‘ zu bilden. Muss man im Handyzeitalter jemanden an das Netz erinnern?“ und „Assoziationenblaster„. Hier wird deutlich, dass der von mir verfasste Wikipedia-Artikel „Netzsensibilität“ vieles voraussetzt und nicht ausreichend klärt, was darunter zu verstehen ist. Dieser Fall einer Laien/Experten-Kommunikation habe ich häufig erlebt und er führte stets zu einer Verbesserung meiner Texte (siehe auch „Lernen durch Lehren„).

Fazit Die Wikipedia eröffnet für Wissenschaftler die Möglichkeit einer Laien/Experten-Kommunikation, die die Wissenschaftler zur einer präziseren und verständlicheren Darstelltung ihres Wissens zwingt.

Ja, das ist es!

Resume Am letzten Freitag habe ich beschlossen, alle meine Stunden im Computerraum mit permanentem Internetzugang zu halten. Und das ist es!

1. Schüler-Wikiseiten im Netz

Es hat sich gezeigt, dass wenn die Schüler die Möglichkeit erhalten, in aller Ruhe relevante Inhalte in eine Wikiseite hochzuladen, sie sehr schnell ein hohes Qualitätsniveau erreichen. So hat beispielsweise eine Schülerin sehr rasch eine Grammatikübersicht erstellt und in ihre Seite eingespeist. Ferner wird es möglich, von den Schülern in Einzel- oder Parnerarbeit angefertigte Texte, zu einem gesamten Kompendium zusammenzuführen (beispielsweise Lückentexte über eine Geschichtliche Epoche), das dann der Klasse zentral zur Verfügung steht.

2. Kontinuierlicher Internetzugang und Einsatz des Beamers

Bei LdL fertigen die Schüler für ihren Unterricht Unterlagen an (Texte, Lückentexte, Bildervorlagen, Grafiken). Diese Unterlagen werden gleich in ihre Wikis hochgeladen. Diese Arbeit kann entweder im Unterricht in einem dafür eingeplanten Zeitabschnitt oder zu Hause erledigt werden. Bei den LdL-Sequenzen selbst werden die Wikiseiten per Beamer an die Leinwand projiziert und die Schüler erarbeiten den neuen Stoff mit ihren Mitschülern nach bewährter LdL-Manier.

3. Qualität der Inhalte und der Diskussion stark erhöht

Durch die Vielfalt des Bild- und Textangebotes werden Voraussetzungen geschaffen, die die Qualität des Unterrichtsdiskurses (Kommunikation und Gedanken) stark erhöhen.  Das Gefühl der Zusammenarbeit wächst ebenfalls hochsignifikant. Der Chef meiner Schule hat sich den Unterricht bei uns heute angesehen und er war – obwohl kein Schwärmer – recht angetan, glaube ich. Auf jeden Fall können wir mit seiner Unterstützung rechnen!

Fazit Mit dem Einzug in den Computerraum hat sich eine Tür eröffnet, die – zumindest in meiner Vorstellung – zu blühenden pädagogischen Landschaften führt.

…und es hat zoom gemacht!

Resume Tausend mal habe ich den Computerraum berührt, tausend mal ist nix passiert. Tausend und eine Nacht, und das hat zoom gemacht. Anfang eines Protokolls.

1. Veränderungen kleinschrittig dokumentieren

Den für mich einmaligen Prozess des Übergangs vom Klassenraum  in den Web2.0-Raum werde ich versuchen zu dokumentieren. Natürlich bin ich mir in diesem frühen Stadium nicht 100% sicher, dass sich wirklich alles ändern wird, aber die Intuition und die Fantasie sagen mir, dass etwas Großes bevorsteht: LdL + Web2.0, das ist es!

2. Meine Klasse 11c (naturwissenschaftlicher Zweig, 4 Wochenstunden)

14 (ja, nur 14!) intelligente, wissende und teilweise hochinteressierte Jugendliche, allerdings leider nicht für das Fach Französisch, bis auf zwei Schülerinnen, die es als Leistungskursfach wählen wollen. Französisch war, als ich die Klasse vor zweieinhalb Monaten übernahm, absolutes Hassfach. Die aktuelle Stimmung ist: „Französisch legen wir ab und die paar Monate werden wir noch hinter uns bringen.“  Auch mein intensiver Einsatz scheint die Situation nicht grundlegend verändert zu haben. Das zeigt doch wie wichtig die „Prägezeit“ für ein Fach ist. Das hätte ich in dieser Deutlichkeit nicht vermutet.  Wie dem auch sei: eine ideale Ausgangssituation für mein Vorhaben, denn a) die pädagogisch/didaktische Herausforderung ist sehr hoch (ich habe nur noch ein paar Monate, um die Abneigung in distanziertes Wohlwollen, vielleicht sogar bei einigen in Zuneigung zu verwandeln): das wird mich zwingen, besonders kreativ zu sein; b) da die Gruppe klein ist, werde ich mich gut um die einzelnen kümmern können (Förderung aller) und es wird möglich sein, je nach Niveau und Interesse, dank Web2.0 allen die Aufgaben anzubieten, die sie brauchen (Differenzierung).

3. Beobachtungen heute

„Bonjour!“. Ich saß im Computerraum am Lehrerpult und die Schüler kamen herein. Alle grüßten freundlich, teilweise auf französisch und setzten sich an ihren Computerplatz. Dass sie freundlich grüßen war neu. Nicht dass sie prinzipiell unfreundlich wären, aber die Stimmung war so, dass sie Lust hatten, zu grüßen. Dass sie entspannt zu ihren Computer gingen lässt sich biologisch erklären: an anderer Stelle habe ich bereits ausgeführt, dass Informationsverarbeitung ein Grundbedürfnis aller Lebewesen ist. Die Schüler gehen also ganz automatisch und fröhlich zu einer wichtigen Quelle der Bedürfnisbefriedigung: der Computer liefert ihnen den Stoff (Informationsverarbeitung verursacht Kicks). Das gesamte Klima ging in Richtung Wohnzimmer-, Arbeitszimmer-, Werkstattatmosphäre.  Leider entwickelte sich der Rest der Stunde in eine andere Direktion, als ich mir vorgestellt hatte, denn durch ein paar Missgriffe von mir funktionierte mein Lehrer-PC nicht, so dass wir einen ganz normalen LdL-Unterricht durchführten, ohne Wiki-Stütze.

Fazit Ich denke, das ist es! Aber trotzdem will ich nicht zu früh frohlocken! Morgen habe ich meine letzte Stunde vor Weihnachten und bin gespannt, wie sie mich grüßen. (Plätzchen und Kerzen ist nicht so meine Art!:-))

LdL + Web2.0: Wissensmetabolismus im Klassenzimmer

Resume Seit dem Aufkommen des Internets wusste ich: in Zukunft werden die Schüler Informationen aus der Aussenwelt holen und intensiv im Klassenzimmer interagieren (LdL), um aus Informationen Wissen zu schaffen. Und jetzt ist es soweit!

1. LdL: mit Informationen Wissen konstruieren

Im Gegensatz zu Referaten oder Präsentationen wird bei „Lernen durch Lehren“ der Stoff von den Schülern so aufbereitet, dass er den Mitschülern vermittelt wird. Die aus den Unterrichtsmaterialien entnommenen Informationen sollen nicht nur vorgestellt, sondern sie sollen in der Klasse durch intensive Reflexionen und Interaktionen zu (Handlungs-) Wissen umgeformt werden (Wissensmetabolismus).

2. Das Problem bis vor einer Woche

Mit LdL hatte ich also die eine Seite des Problems gelöst: die Schüler blieben nicht Rezipienten der Informationen, sondern sie wurden zu Mitkonstrukteuren von Wissen. Allerdings stellte sich ein anderes Problem: die Schüler waren bei ihrer Wissenskonstruktion auf die Informationen angewiesen, die ich ihnen zur Verfügung stellte. War ich beispielsweise der Meinung, dass die Behandlung der Renaissance für die Schüler wichtige Einsichten bringt (epochaler Paradigmenwechsel mit zahlreichen Parallelen zur heutigen Epoche), so teilte ich Texte aus, deren Informationsgehalt naturgemäß sehr begrenzt war (Blätter, Bücher). Es war für  die Schüler unmöglich, wenn sie beispielsweise auf den Begriff „Humanismus“ stießen, mehr Informationen zu erhalten, als die im Text vorhanden.  Es frurstrierte die Schüler, die tiefer einsteigen wollten. Andere wiederum waren von meinen Texten überfordert. Ferner war ich sehr auf den Vorgang der Informationsverarbeitung fixiert und verlangte absolute Disziplin, was gelegentlich zu Konflikten führte.
3. Die Lösung
Mein Wunsch war immer, dass die Schüler vom Klassenzimmer aus jederzeit Informationen aus dem Netz holen können, insbesondere wenn sie ihre LdL-Sequenzen vorbereiten. Wenn es darum geht, dass Schüler Wissen konstruieren, dann brauchen sie mehr und schneller Informationen/Bausteine, als die, die ich ihnen per Papier liefern kann. Ich weiß nicht, warum ich immer auf Laptops fixiert war. Der Computerraum tut es auch. Jetzt bin ich in jeder Stunden drinnen und die Schüler habe jederzeit Internetzugang. Und der Ablauf ist folgender:
Vorbereitung der LdL-Sequenz mit Hilfe des Internets:
Die Schüler bekommen von mir einen kleinen Abschnitt (z.B. aus der Geschichte) zur Vorbereitung.  Wenn im Text Personen oder Begriffe enthalten sind, die sie nicht kennen, recherchieren sie (meist Wikipedia). Im Hinblick auf die spätere LdL-Sequenz laden sie in ihre Wikiseite Materialien (Grafiken, Fotos, Links, Lückentexte, Fragen zum Text). So zum Beispiel: Dennis Eberlein
– Durchführung der LdL-Sequenz
Wenn die Gruppe ihre LdL-Sequenz durchführt, kann sie zum einen per Beamer ständig auf Internet- Infos und Veranschaulichungen klicken, ferner kann sie Arbeitsaufträge erteilen, die sie bereits in ihre Seiten hochgeladen haben, oder sie können ihre Mitschüler bitten, in ihren eigenen Wikiseiten Arbeitsaufträge zu erledigen.
4. Arbeitsklima völlig verändert
Zwar habe ich bisher nur zwei Stunden im Computerraum verbracht, aber ich sehe die großen Klima-Veränderungen, die durch die Kombination LdL + Web 2.0 eingeleitet werden können. So herrschte endlich im Klassenraum die Atmosphäre, die ich mir immer gewünscht habe: die Schüler gehen zu ihrem Computer, arbeiten entspannt und zielbezogen, stehen auf und gehen zu einem Mitschüler, um ihn fachbezogen zu fragen, all das auf französisch (meine Forderung). Die störanfälligen Zentralphasen (alle müssen zuhören und mitmachen) werden stark reduziert zugunsten der dezentralen Arbeit und konzentrieren sich hauptsächlich auf die LdL-Sequenzen.
Fazit Dass die Kombination LdL + Web2.0 einen hohen  Mehrwert bringt, davon bin ich überzeugt. Insbesondere das Klassenklima muss dadurch noch stark verbessert werden. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Guter Futterverwerter

Resume Immer schon haben mich Kollegen und Studenten gefragt, woher ich meine Energie beziehe. Die Antwort war stets: „von euch“. Und das geht so:

1. Jäger und Sammler

An anderer Stelle habe ich bereits beschrieben, dass ich, als ich 1980 auf die Idee kam, meine Schüler sich gegenseitig unterrichten zu lassen, kaum institutionelle Unterstützung erhielt und sehr stark auf Hilfe von außen angewiesen war. Insofern befand ich mich wie ein afrikanischer Jäger und Sammler in einer ressourcenarmen Umwelt. Daher habe ich mich sehr früh daran gewöhnt, kleine Unterstützungen energetisch ganz aufzusaugen, wie bestimmte Populationen sich von ein paar Raupen ernähren können. Da genügt ein netter Satz hier oder da, die positive Äußerung eines Schülers und schon läuft der Motor ein paar hundert Kilometer weiter.

2. Internet als ressourcenarme Umwelt?

Auf den ersten Blick wird das Internet energietechnisch wie das Schlaraffenland. Blühende Landschaften wo man nur sieht. Unendlich viele Menschen, alle klug und kooperationswillig. Vom Ernährungswert trügt es. Nicht, dass ich mich selbst zu beklagen hätte, ganz im Gegenteil: ich will nur betonen, dass man sich eine andere Strategie als in der realen Welt zulegen muss. Wenn es angesichts der Volatilität der Beziehungen gelingt, eine freiwillige virtuelle Arbeitsgruppe längere Zeit (sagen wir ein paar Monate) handlungsfähig zu erhalten, ist es ein großes Geschenk! Wenn man ein langfristiges Projektziel anstrebt, sollte man sich beim Erreichen jeder neuen Etappe freuen und wissen, dass plötzlich Windstille eintreten kann, die sogar zum Tod der Beteiligungsinitiative führt.

3. Energie auch aus kleineren Projekten beziehen

Für Jäger und Sammler ist das Internet sehr üppig bestellt. Man muss sowohl Projektformate anbieten, die innerhalb eines Tages erledigt werden können, als auch solche, die auf mehrere Jahre angelegt sind. Als Beispiel für kurzfristige Projekte ist die Erstellung von kleinen Wissenscontainern zu nennen, wie beispielsweise der Container Web 2.0. in Schule und Hochschule. Für die Durchführung längerfristigerer Projekt empfiehlt sich das IPK-Format. Nach wie vor ist die Wikipedia als langfristiges Projekt kollektiver Wissenskonstruktion in ihrer Nachhaltigkeit unübertroffen.

Fazit Auch für die Durchführung von kollektiven Projekten lassen sich Kontakte im Internet herstellen. Allerdings muss eine andere Strategie angewandt werden als in der realen Welt.

Dank Web2.0: Wissenscontainer an einem Tag erstellt!

Resume Angesichts der Volatilität der Beziehungen auf Twitter und Kommunikationsplattformen ist es günstig, wenn man auch ganz kurze Wissenskonstruktionsprojekte durchführt.

1.  Wissenscontainer in kurzer Zeit erstellen

Wenn eine Gruppe von Leuten sich in Twitter und Blogs länger mit einem Thema befassen emergieren einige Akteure, die auf diesem Gebiet besondere Sachkompetenz und/oder Erfahrungen besitzen. Was ist naheliegender, als im Sinne der kollektiven Wissenskonstruktion ein Wiki aufzumachen und diese Experten zu bitten, in sehr knapper Form ihr Wissen dort einzuspeisen? Dadurch erhält man einen „Wissenscontainer“ den man als Baustein überall einfügen kann.

2. Wissenscontainer zum Thema „Web2.0 in der Schule“

Gestern habe ich René Scheppler, Felix Schaumburg und Alexander Rausch gebeten, Ihre Erfahrungen mit web 2.0 an der Schule in ein Wiki einzugeben. Das Ergebnis kann man HIER betrachten. Die Kurzautoren können jederzeit ihren Beitrag ergänzen und aktualisieren, Links einfügen und ihnen bekannte Experten einladen, einen ebenfalls kurzen Eintrag zu tätigen.

Fazit Wenn ein paar ausgewiesene Experten innerhalb kürzester Zeit die Quintessenz ihres Wissens in ein Wiki eingeben, hat man ein gutes Produkt, das als Wissenscontainer überall eingefügt werden kann.

Web 2.0: Zwischen Leuchttürmen und Ruinenlandschaften

Resume Was den Erfolg von Web2.0-Projekten am meisten bedroht ist die Entropie. Es kommen Leute zusammen, die die ehrgeizigsten Pläne entwickeln und nachdem die Anfangseuphorie vorbei ist, verschwinden sie und lassen Internetruinen hinter sich. Da hilft nur: Dranbleiben!

1. Meine Internet-Ruinen

Als ich im März 2005 Wikipedia entdeckte war ich so begeistert, dass ich jeden Schüler und Studenten nötigte, sich dort eine Benutzerseite anzulegen. Die Studenten sahen zwar nicht den Nutzen, aber ich behauptete immer wieder, dass die Zukunft in der gemeinsamen Wissenskonstruktion läge. Unter meinem Drängen wurden tausende von Foren, Kommunikationsplattformen, Homepages, Wikibenutzerseiten eingerichtet und nach anfänglicher Begeisterung für immer verlassen. Alle stehen heute in der Internetlandschaft als Ruinen.

2. Internetleben im Spannungsfeld zwischen zentripetalen und zentrifugalen Kräften

Will man das Internet im Sinne von Web2.0 zur Wissenskonstruktion benutzen, so bietet sich am ehesten die Struktur eines Uni-Moduls an, wo Studenten ein semesterlang gezwungen sind, bis zum Abschluss an einem Projekt zu arbeiten. Hier ist die Gefahr, Ruinenlandschaften entstehen zu lassen, geringer und es können tatsächlich Leuchttürme emergieren. Sucht man aber seine Partner im Internet, beispielsweise im Rahmen der Wikipediaarbeit oder  in Twitter so muss man damit rechnen, dass die Partner sich volatiler verhalten, dass sie andere Beziehungen eingehen und abwandern. Hat man sich mit Partnern auf ein Ziel geeinigt, muss man zentripetale Anstrengungen aufbringen, um den zentrifugalen Kräften zu begegnen.  Aussicht auf Erfolg hat man am ehesten, wenn man ein kurzes, überschaubares Projekt anbietet, wie die Konstruktion eines „Wissenscontainers„.

3. Wissenscontainer: Web 2.0 in Schule und Universität

Im Twitterbereich habe ich etwas engere Verbindungen zu einigen Twitterern geknüpft. Da sie sich alle intensiv mit dem Thema Web2.0 in der Schule befassen, könnten wir gemeinsam ein Wissenscontainer zu diesem Thema konstruieren. Dazu habe ich folgendes Wiki eingerichtet: Wissenscontainer Web 2.0. Ich denke, dieses überschaubare Vorhaben könnte schnell durchgeführt werden.

Fazit In der Internetwelt sind Beziehungen oft volatil. Sucht man nach Partnern für Web2.0-Projekte, so haben vor allem kurze und intensive Vorhaben Aussicht auf Erfolg.