Auf der Jagd nach vagabundierenden Ressourcen

Resume Wer anspruchsvolle Projekte durchführen will, braucht so viele Partner wie möglich. Er muss überall Menschen ansprechen und ihnen attraktive Ziele anbieten. In Schulen und Unis sind es Schüler, Studenten und Kollegen. In der virtuellen Welt kann man „vagabundierende Ressourcen“ binden.

1. Ohne Partner kein Erfolg, auch mit den besten Ideen

Als ich 1981auf die Idee kam, die Sprachlosigkeit meiner Schüler im Französischunterricht dadurch aufzuheben, dass sie sich den Stoff gegenseitig vermitteln und als ich über die damit erzielten Erfolge rege publizierte (Dissertation 1985), gabe es in meinem Fach Französischdidaktik kaum Resonanz (über die Resonanzfähigkeit der Hochschule siehe „Lernziel Prokrastination„). Wollte ich also meinen Ansatz bekannt machen, musste ich andere Wege gehen und Lehrer mobilisieren. Auf Fortbildungsveranstaltungen sprach ich Kollegen an und immer wieder ließ sich jemand für das Vorhaben „wir verändern die Schulwelt durch LdL“ begeistern. So entstand 1987 die LdL-Kerngruppe, die damals aus 12 Leuten bestand und heute noch existiert. Ohne diese 12 Leute gäbe es LdL in der Schul- und Unilandschaft nicht.

2. Was sind das für Leute und wie binde ich sie nachhaltig ein?

Die Kollegen, die sich im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen für LdL begeistern ließen, waren nicht die Dümmsten!;-))) Das waren die anderen auch nicht, aber ich musste das Glück haben, dass jemand gerade unter der Passivität der Schüler in seinem Unterricht leidet und nach schüleraktivierenden Methoden sucht. Wer nicht litt, war kein potenzieller Partner für mich. Ich fasse zusammen: es kamen Lehrer in Frage, die a) engagiert und klug waren und b) unter der Situation im Unterricht leiden. Und was musste ich machen? Ich musste mein Versprechen einhalten. Und das Versprechen war: ich werde euch mit guten Materialien vesorgen, ich werde Treffen organisieren, ich werde über Jahrzehnte hinweg stabil sein und eisern unser Ziel verfolgen. Ich werde sehr sorgfältig mit euren Kräften umgehen, denn ihr seid nicht meine Angestellten und meine einzige Chancen, euch zu behalten, besteht darin, eure Bedürfnisse zu befriedigen. Und wir werden Großes verwirklichen (Bedürfnis nach Transzendenz).

3. IPK als Zwangsveranstaltung

Als das Internet aufkam wurde mir sofort klar, dass ich in der virtuellen Welt weitere Partner finden kann. Meine Anforderungen sind groß, und Eichstätt ist klein. Ferner wollte ich die LdL-Idee der Kollektiven Wissenskonstruktion aus dem Klassenzimmer hinausdehnen und es war naheliegend, ein weltweites Netz aus Studenten zu bilden, die gemeinsam Wissen erstellen. Das IPK-Modul war geboren. Wie LdL ist IPK so strukturiert, dass alle Grundbedürfnisse der Studenten befriedigt werden. Allerdings ist der Energieaufwand, den die Studenten aufbringen müssen, sehr groß. Andererseits reduziert sich für uns als Kursleiter die Überzeugungsarbeit und die Abwehr von Prokrastination (die bei ganz freiwilligen Projekten stets droht), durch den Zwang der Studenten, den Kurs bis zum Schein durchzuhalten. IPK ist sehr anspruchsvoll und stark zielorientiert. Die Formel ist nicht „Der Weg ist das Ziel“, sondern „Das Ziel ist das Ziel“. Die Resultate sind qualitativ entsprechend hoch. Und die Studenten sind nach viel Geschimpfe und Gejohle richtig stolz, wenn sie  ihre Forschungsergebnisse präsentieren.

4. Und Neuron, Maschendraht, Blog, Twittern, Wiki…?

Wie bei LdL und IPK ist das Ziel bei Neuron und Maschendraht, die Welt zu verbessern: es geht auch darum, kollektiv relevantes Wissen zu konstruieren. Und die Leute? Im Gegensatz zur LdL-Kerngruppe sind es nicht Personen, die ein dringliches Interesse haben, durch die Zusammenarbeit die Not ihres eigenen Alltags zu lindern. Im Gegensatz zu den IPK-Studenten ist für sie Neuron- und Maschendraht keine Zwangsveranstaltung. Wie lockt man Leute heran? Hier empfiehlt sich den Ressourcen-Blick aufzusetzen und das Neuron-Verhalten zu automatisieren. Wie hält man sie dann zusammen? Das A und O: schauen, dass bei der Mitarbeit bedeutsame Bedürfnisse (insbesondere intellektuelle und soziale) befriedigt werden und immer wieder auf die Ziele hinweisen, denn im Twitter- und Blog-Kontext sind dissipative (zentrifugale) Kräfte stark am Werk. Es gibt viele Parties, und alle sind verlockend!

Fazit: um die Leute bei der Stange zu halten, muss das Angebot attraktiv, die Ziele müssen klar und offen sein. Man selbst muss dem Bedürfnis nach Nachhaltigkeit und Stabilität besonders entprechen. Und damit jeder einsteigen und die Reflexion voranschreiten kann, darf man Umwege aushalten und keine Angst vor Redundanz haben.

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7 Antworten

  1. Ja, der Unterschied zur LdL Gruppe ist deutlich. Ich sehe aber auch bei Maschendraht Parallelen zu LdL (Zielgruppe) – auch wenn noch keine Kerngruppe und konkretes Ziel herauszulesen ist. Aber eine Gemeinsamkeit ist vorhanden: Die Arbeit von vielen im Bildungssektor. Vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis ein neues Projekt entsteht und aufgegriffen werden kann (wäre doch super!)
    Bei den Neuronen und/oder vagabundierenden Ressourcen sieht es etwas anders aus: Für mich als Freischaffenden zum Beispiel, gibt es sehr verschiedene Zielgruppen und ich bin auf vielen „Parties“ zu Hause – das muss ich auch, um lebensfähig zu sein! (wirtschaftlich) Das bedeutet, dass ich einerseits viel flexibler sein kann in meinen Zielen, andererseits aber auch nicht „nur“ auf eine Karte setzen möchte – denn, wenn es nicht funktioniert, dann kommt am Monatsende kein Geld.
    Die vielen Parties sind und waren für mich z.B. sehr wichtig, um mir einen Überblick zu verschaffen, um dann dort anzudocken, wo für meinen Lebensentwurf die passenden Projekte zu finden sind – oder selbst mit anderen „Vagabunden“ eines zu kreieren….

  2. @Alexander
    Danke, Alexander. Diese Beschreibung, wie viele der vorangehenden auch, dient mir in erster Linie dazu, einen klaren Blick zu behalten. Da ist auch keine Wertung dabei. Dass du an besonders vielen Orten dich aufhalten musst, und das trifft bestimmt auch für Lutz zu, verstehe ich 100%ig. Auch ich setze nicht allein auf eine Karte (ich habe ja 7 Projekte laufen!:-))) Aber ich muss mir selbst die unterschiedlichen Strukturen bewusst machen. Und für die Zukunft sind es wichtige Erfahrungen, denn wir als Gruppe leben schon heute in der Welt, in der alle morgen leben werden.

  3. Diesbezüglich (Zukunft, globale Verantwortung, neues Paradigma…) lese ich gerade ein sehr interessantes Buch von Ulrich Beck: „Weltrisikogesellschaft“. Die von dir beschriebenen Erfahrungen für die Zukunft sind absolut notwendig und wichtig – machen sie uns sehr deutlich, dass wir den aktuellen „Problemen“ nicht mit den alten Lösungen begegnen können. Zumindest dann nicht, wenn wir wirklich an Lösungen (auch für die nächsten Generationen) interessiert sind.

    In vielen Bereichen (Wirtschaft, Bildung, Gesellschaft….) wird leider immer noch versucht den Herausforderungen mit den schon bekannten Lösungen entgegen zu treten – das es nicht funktioniert (funktionieren kann) können wir tagtäglich beobachten.

    Von daher bin ich sehr interessiert daran für die neuen Herausforderungen unserer Gesellschaft mit den vagabundierenden Ressourcen an neuen Lösungen zu arbeiten.

    Bildung in allen Bereichen unserer Gesellschaft ist dafür eine gute Ausgangsbasis… und hier wird es wieder rund für mich, da ich sowohl in der schulischen Bildung, als auch in der Erwachsenenbildung unterwegs bin!

  4. @Alexander
    Was du beschreibst zeigt wie sehr wir in einer Übergangsphase wie die gegenwärtige uns ständig neuerfinden müssen: wie wird sich die Gesellschaft entwickeln, wo wird es einen Bedarf geben und wie kann ich, Antworten ausarbeiten, die ich auch gegen Bezahlung anbieten kann? Daher halte ich unsere Arbeit hier für sehr wichtig, weil wir genau das üben: was muss ich anbieten, damit Leute Lust haben, ihre Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Im Neuron- Maschendraht-Kontext sammeln wir Erfahrungen, die in anderen Kontexten als hochwertige Kompetenzen geschätzt (und bezahlt) werden.

  5. Für mich geht es nicht immer um Bezahlung bzw. geht es darum, dass ich meine Arbeit genau in diese Richtung ausrichte. So wie die Lehrenden, die einfach genau das machen, was sie immer machen – aber anders!

    Dadurch, dass wir unsere Ressourcen im Sinne des neuen Paradigmas ausschöpfen verändern wir… Bei den Lehrenden z.B. durch ein bestimmtes Menschenbild und der Freiheit in der Lehre. Viele haben Angst davor diese Freiheit zu nutzen (wegen Lehrplan, Vorgaben usw.), aber deine Arbeit zeigt doch sehr schön, dass es möglich ist andere Wege zu gehen – bei gleichzeitig erfolgreichen Lernenden.

    In der Wirtschaft z.B. zeigt sich das am Interesse im Enterprise 2.0 – Vertrauen vs. Kontrolle, Abbau und Veränderung der Hierarchien, neue Wege des Lernens, Nachhaltigkeit, Sinnfrage usw. usf. Also die Frage ist weniger die, der Bezahlung (denn wir alle werden für unsere Arbeit in irgendeiner Weise bezahlt), als vielmehr die, wie und mit welchem Ziel wir unsere Arbeit ausführen.
    Haben wir den Mut neue Wege zu gehen? Oder lassen wir uns im Sinne des alten Paradigmas einschüchtern?

  6. @Alexander
    Die Frage der Bezahlung habe ich hier nur deshalb hervorgehoben, weil ohne sie alles andere purer Idealismus ist. Als Beamter kann ich diese Frage ausklammern, aber nur als Beamter eben. Brecht sagt mit recht: „Zuerst kommt das Fressen, und dann die Moral“. Das Tolle allerdings ist, dass durch den Paradigmenwechsel in Richtung Offenheit wir beides in Einklang bringen können: mit unserem know-how verbessern wir die Lebensverhältnisse in Schule und Unternehmen und werden dafür angemessen honoriert.

  7. […] An anderer Stelle habe ich bereits beschrieben, dass ich, als ich 1980 auf die Idee kam, meine Schüler sich gegenseitig unterrichten zu lassen, kaum institutionelle Unterstützung erhielt und sehr stark auf Hilfe von außen (Lehrer an den Schulen) angewiesen war. Insofern befand ich mich wie ein afrikanischer Jäger und Sammler in einer ressourcenarmen Umwelt. Daher habe ich mich sehr früh daran gewöhnt, kleine Unterstützungen energetisch ganz aufzusaugen, wie bestimmte Populationen sich von ein paar Raupen ernähren können. Da genügt ein netter Satz hier oder da, die positive Äußerung eines Schülers und schon läuft der Motor ein paar hundert Kilometer weiter. […]

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