Lernziel Prokrastination!

Resume Nach wie vor sind Erziehungsorte wie die Schule und die Universität handlungsarm. Es wird viel Zeit verloren mit Überlegungen, die in der Realität wertlos sind. So gewöhnen sich Schüler und Studenten daran, permanent zu prokrastinieren. Ein Ausweg: ein Projekt nach dem anderen durchführen (bis zum Ende, nicht nur planen)!

1. Folgenloses Schwätzen an Schulen und Hochschulen

Wenn Studenten nach dem Examen die Hochschule verlassen und auf die Realität des Lehrerberufes stoßen, kommt es ihnen oft vor, wie wenn sie in einen TGV einsteigen würden. Auf einmal muss geschuftet werden und jeder falscher Griff kann zum Aufruhr im Klassenzimmer führen. Zum ersten Mal merken sie, dass ihre Überlegungen im Vorfeld sofort Konsequenzen nach sich ziehen, wenn sie nicht zweckmäßig waren. Das nennt man den Praxisschock. Was haben sie denn an der Hochschule gelernt? Sie haben gelernt, dass sowohl die behandelten Inhalte als auch die Art und Weise, wie diese Inhalte aufgearbeitet werden, folgenlos sind. Für die reale Arbeit der künftigen Lehrer hat es keine Folge, wenn sie sich ein Semester lang mit Pestalozzi beschäftigen und unendlich viele Stunden in Referate über Detailaspekte investiert haben. Sinnvoll für die Zukunft wäre es vielmehr, wenn sie aktiv die Skills erwerben würden, die sie bereits heute, und auf jeden Fall morgen im Unterricht brauchen werden, also die Skills des 21 Jahrhunderts: die Fähigkeit einer Gruppe sinnvolle Ziele zu setzen (am besten die Konstruktion von Wissen), die Fähigkeit, die Arbeit der Gruppe im realen und virtuellen Raum zu organisieren und bis zum Abschluss zu führen, die Fähigkeit, die Qualität und Brauchbarkeit der Schülerergebnisse (Produkte) zu bewerten, die Fähigkeit, die Schülerprodukte (neues Wissen) zu verbreiten. Bereits heute und morgen noch vielmehr wird es auf die Fähigkeit ankommen, gemeinsam relevantes Problemlösewissen zu konstruieren. Alles andere ist nutzlos und verleitet zu permanentem Geschwätz (Prokrastination). Erst als Referendar werden sie sehen, dass die Inhalte und Vermittlungsverfahren, die sie unter akutem Handlungsdruck am Vorabend oder um 4.00Uhr früh vorbereiten, spätestens in der Gefahrsituation „Unterricht“ abgerufen werden müssen. Und wenn sie keinen Erfolg haben, droht die blutige Nase (metaphorisch).

2. Der Weg ist das Ziel? Seltsamer Spruch!

Der Spruch „Der Weg ist das Ziel“ kann nur an der Hochschule im Rahmen der Lehrerausbildung geprägt worden sein. Wenn die an der Hochschule geleistete Arbeit ernstzunehmen wäre, dann könnte man nicht behaupten, dass es auf den Weg ankommt und nicht auf das erstellte Produkt. Auch dieser Spruch liefert eine Legitimation dafür, dass Professoren und Dozenten so gerne folgenlose und abstrakte Diskussionen führen, über Themen, die keine Schulrelevanz besitzen. Erst im Schuleinsatz wird der Referendar feststellen, dass er, wenn er die Schüler interessieren will, seine eigenen Inhalte zusammensuchen muss. Aktuelle, die Schüler interessierende Themen sind Bretton Woods, die Piraterie an der Somalischen Küste, die vom Sicherheitsrat beschlossenen Interventionen  in Krisengebieten. Welcher Pädagogik-Student, welcher Französischlehrer ist auf diesen Gebieten fitt? Dabei wäre die Hochschule der Ort, wo die künftigen Studenten ihre Wissensbasics erwerben könnten. Anstellen dessen wird prokrastiniert, indem noch einmal eine Runde mit Montessori und Perstalozzi gedreht wird. Helfen die beiden für die Bewältigung der Unterrichtssituation im 21. Jahrhundert? Ich sage: nein! Ihre Werke sind rezipiert worden und moderne Didaktiker haben zu den Ideen der alten Pädagogen noch viele anderen dazugemischt, nicht zuletzt die Erkenntnisse der Gehirnforschung und die neuen Einsichten, die durch die Internetorganisation gewonnen werden: Schwarmdenken, Weisheit der Vielen usw. Und zu „der Weg ist das Ziel“ eine (erfundene) Anekdote: vor einiger Zeit war ich beim Bäcker, um zur Hochzeit meines Sohnes eine Torte zu bestellen. Als ich am morgen der Feier den Kuchen abholen wollte, empfang mich der Bäcker hocherfreut: „Beim Backen der Torten haben wir viel gelernt und enorm viel Spaß gehabt. Leider ist es am Ende mit der Torte nichts geworden, aber: der Weg ist das Ziel!“ I was not amused.

Fazit In Schule und Hochschule sollten Wissens- und Verhaltensbasics vermittelt werden, die es ermöglichen, mit der komplexen Welt des 21.Jahrhunderts erfolgreich umzugehen. Dazu gehört die Projektfähigkeit und damit verbunden die Zielorientierung (Produkt) und die Bereitschaft, verordnete oder selbstinitiierte Prokrastination zu erkennen und zu  vermeiden.

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19 Antworten

  1. Und wieder ein Bericht, mit dem Du bei mir offene Türen einrennst. Wenn ich über dieses Thema nachdenke schwillt mir der Hals. Genau wie Du richtig bemerkst, wird an Universitäten (natürlich gibt es rühmliche Ausnahmen) Theorie vermittelt, mit der man, wenn man sie nicht richtig beleuchtet, nichts, aber auch rein gar nichts im Unterricht anfangen kann. Es werden Vorlesungen!! über Methoden im Unterricht gehalten. Was ich lerne ist wie man eine Vorlesung hält. Der Inhalt ist bald vergessen.
    Hinzu kommt noch, das in der Lehrerbildung häufig Dozenten anzutreffen sind, die im Schuldienst waren, aber dort nicht mehr sein wollten, bzw. gescheitert sind. Diese Dozenten bilden Multiplikatoren aus!! Ich sitze hier wieder mit rotem Kopf, Halsadern treten hervor und Augen weit und wütend aufgerissen…
    So wie ich das Batchlor/Master Studium einschätze verschlimmert das die Situation noch. Projekte? Wer hat denn da noch Zeit zu? Es heißt im Studium Redit-Points sammeln! Die Hochschule lebt das System Schule vor! Nürnberger Trichter dann die Arbeit schreiben.
    Ich höre jetzt lieber auf – Muss noch eine Hausarbeit über Rousseau schreiben.

    ThS

  2. Das heißt natürlich Credit nicht Redit.

  3. Danke! Ich hatte dich z.T. vor Augen, als ich den Text geschrieben habe!

  4. Unbedingt lesen: Lernziel Prokrastination!…

    […]Unbedingt lesen: Lernziel Prokrastination! – http://bit.ly/6zrJ Autor: @jeanpol Tags: #praxisschock #handlungsdruck #projektfähigkeit[…]…

  5. Ich halte Theorie für Lehrende für absolut wichtig und viel zu oft vernachlässigt! Sprüche „Wofür brauche ich das denn in der Schule, wenn mich ein Schüler mit einem STück Kreide bewirft“ haben bei mir ähnliche körperliche Symptome bewirkt wie ths sie beschreibt.

    Theorie bietet den Kontrapunkt zur eher praktischen Ausbildung im Referendariat und vor allem den ersten „Lehrjahren“. Ich greife oft auf Gedanken und Erklärungs-Muster zurück, die ich mir in der Uni angeeignet habe. Aber es ist richtig: Das, was hängen geblieben ist, kam seltenst aus irgendwelchen Referaten, sondern ist in der Regel in der Zusammenarbeit mit dem Dozenten in spannenden Seminaren entstanden. Keine Massenveranstaltungen mit CPs… Ich mache drei Kreuze, dass ich die alma mater vor der Bologna-Schwemme genießen durfte.

  6. Gegen Theorie habe ich nichts, ganz im Gegenteil! Ich bin genauso wie du der Meinung, dass ohne Theorie keine Praxis von Qualität sein kann und – allerdings – auch umgekehrt! Ich selbst habe als Universitätdidaktiker darauf bestanden, kontinuierlich Unterricht am Gymnasium zu halten, damit mein Griff zur Theorie aus dem Praxisbedürfnis stammte. Ohne (gemäßigtem) „Leiden“ in der Praxis hätte ich keinen Anlass gehabt, praxistaugliche Theorie zu entwickeln. LdL entstammt aus dem Bedürfnis heraus, die konkrete Praxis zu verbessern. Und LdL ist stark theoriebasiert.

  7. 🙂 Hätte ich nicht anders erwartet.

    Ich wollte nur bei der Diskussion zu bedenken geben, dass der Ruf nach „Anwendbarkeit“ schnell von Leuten instrumentalisiert werden kann, die andere Absichten verfolgen. Dagegen setze ich dann gerne die Zweckfreiheit. Manches ist einfach interessant, weil es eben interessant ist.

    Luhmann ist praktisch, aber auch abgefahren theoretisch. Man kann es so und so nehmen. Vielleicht ein gutes Beispiel. Um seiner Theorie praktische Relevanz zu geben, muss man vorher einmal – fast völlig unkritisch – die Theorie durchdringen.
    „Warum das Ganze überhaupt“ ist… Procrastination.

    Genug der Redundanz.

  8. Ja, deine Antwort gefällt mir gut.

  9. Ich habe gerade deine letzten Artikel gelesen, und da mir gleich die Augen zufallen (nicht wegen der Artikel, sondern wegen der Uhrzeit), nur ein kurzer Kommentar: Einfach spitze! Du sprichst mir mit vielen aus der Seele…

  10. Freut mich! Der Artikel beruht auf 55 Jahren Erfahrungen als Schüler, Student, dann Lehrer und schließlich Lehrer und Dozent.

  11. Ich stimme Euch zu.

    Was mir dazu noch einfällt: Die Umsetzung einzelner Ideen in die Praxis kann je nach Art des Projektes sehr langwierig sein. In der Zwischenzeit fallen einem schon wieder andere Dinge ein und diese Zeit des Wartens, bis andere Dein Konzept abgenickt oder über Unterstützung entschieden haben, kann man durchaus nutzen, um weitere Ideen zu „spinnen“ 😉

    LG
    Jana

  12. Das Problem ist nur, dass man schnell testen muss, ob eine Idee (man hat ja sehr viele Ideen) überhaupt praxistauglich ist. Wenn nicht, dann sind alle anderen von dir genannten Ideen, die in der Zwischenzeit noch kommen, wertlos, wenn schon der Ausgangspunkt unrealistisch ist. Also Idee + Prüfung + neue Idee + neue Prüfung usw.

  13. Finde Deinen Text ausgezeichnet und sehr bedenkenswert und werde ihn gleich in meinem nächsten Didaktik-Seminar mit den Studierenden besprechen!

  14. Der Artikel spiegelt in vielerlei Hinsicht meine Überzeugung wider – wenngleich ich fachfremd bin und von der Lehrerbildung wenig Ahnung habe. Zur ihrer Kritik kann ich also nichts sagen.

    Aber auch in meiner Disziplin (Kommunikationswissenschaft/PR) halte ich Problemlösungswissen für enorm wichtig. Deshalb arbeiten wir auch ständig in Projekten. Gleichzeitig ist der Hinweis, dass auch hierzu eine Beschäftigung mit Theorie notwendig ist, wichtig. Ich kann (und muss bis zu einem bestimmten Punkt) mich mit Luhmann oder Habermas beschäftigen, aber nicht als Selbstzweck, sondern um die Welt ein bisschen besser zu vertstehen und zu überlegen, was ich davon in meine Problemlösungswerkzeugkiste stecken kann. Vielleicht kann man Theorie (wie auch anderen Wissensbausteinen) eine dienende Rolle für die Problemlösungskompetenz zuschreiben.

    Noch was anderes: Über den Begriff des „Erziehungsortes“ Schule/Uni bin ich etwas gestolpert.. Geht’s uns um Erziehung? Oder um das Erarbeiten von Kompetenzen (sozialen, sachlichen, fachlichen)?

  15. Ich kann dem Artikel nur zustimmen und sehe mit Schrecken, dass sich die Situation wohl noch verschlimmern wird. Das BA/MA System und die Modularisierung lassen kaum noch Zeitfenster für übergreifende Projekt zu. Wir bekommen an unserem Lehrstuhl teilweise nicht mal das vorgesehene Lehrdeputat unter. Eine Mitarbeiterin mit 12 SWS Lehre muss diese in zwei Zeitfenster mit jeweils 2 SWS, also 4 SWS unterbringen. Faktisch unmöglich ;-)) Und der workload der Studierenden ist dermaßen hoch, dass Sie – wo es nur geht – einspaaren wollen und sich für nicht „direkt klausurrelevante“ Inhalte nicht mehr begeistern lassen. Sogar das Angebot, im Zuge des Projektseminars IPK kostenlos (!!!) in die USA zu fliegen, wird erst mal skeptisch untersucht, nach Zureden aber dann doch angenommen 😉
    Wo bleibt die Explorativität, wo die Unvereingenommenheit?

  16. @Joachim Pfeiffer
    „Finde Deinen Text ausgezeichnet und sehr bedenkenswert und werde ihn gleich in meinem nächsten Didaktik-Seminar mit den Studierenden besprechen!“
    – Wäre interessant hier zu erfahren, was sie dazu meinen.

    @Thomas Pleil
    Zu Luhmann „(…)aber nicht als Selbstzweck, sondern um die Welt ein bisschen besser zu vertstehen und zu überlegen, was ich davon in meine Problemlösungswerkzeugkiste stecken kann. Vielleicht kann man Theorie (wie auch anderen Wissensbausteinen) eine dienende Rolle für die Problemlösungskompetenz zuschreiben.“
    – Sehe ich genauso. Der Zugriff zur Theorie und die Theoriebildung selbst sollten im Rahmen der Lehre in direktem Bezug zur Lebenswelt der Adressaten stehen. Nichts gegen „L’art pour l’art“, aber unbezahlt und als Hobby.
    „Noch was anderes: Über den Begriff des “Erziehungsortes” Schule/Uni bin ich etwas gestolpert.. Geht’s uns um Erziehung? Oder um das Erarbeiten von Kompetenzen (sozialen, sachlichen, fachlichen)?“
    – Über den Begriff kann man streiten. Sagen wir mal „Sozialisationsort“ und da sind wir wieder ganz nahe an der Erziehung.

    @Michael
    „Ich kann dem Artikel nur zustimmen und sehe mit Schrecken, dass sich die Situation wohl noch verschlimmern wird.“
    – Das erschüttert mich ziemlich. Das bedeutet also, dass unsere Internet-Arbeit noch forciert werden muss, als Gegenpol zu der von Ihnen geschilderten Entwicklung.

  17. @Felix Theorie kann man so und so verkaufen. Ich kann es so vermitteln wie es im 16ten Jahrhundert in Italien begann – durch Vorlesungen – wo eifrig mitgeschrieben wurde oder aber so aufbereiten, wie es sich für eine moderne Didaktik gehört. Vorlesungen wurden aus dem einfachen Grund gehalten, um einen Inhalt weiter zu geben. Den Inhalt kann ich mir heute leicht aus Büchern und Skripten zusammensuchen. Um aber eine komplexe Theorie zu durchdringen muss ich mich am besten mit anderen Menschen dazu austauschen und das wird einem heute an der Uni erschwert – Zeitdruck.

    Du hast damit recht, das ein gewisses Stück Theorie vermittelt werden muss. Was nützt es mir, wenn mich ein Schüler nach einem Foucausches Pendel fragt und ich nur rumstammel. In der Lehrerausbildung aber bitte nicht im Vorlesungs-Stiel = Frontalunterricht.

  18. […] (Dissertation 1985), gabe es in meinem Fach Französischdidaktik kaum Resonanz (siehe den Abschnitt Lernziel Prokrastination). Wollte ich also meinen Ansatz bekannt machen, musste ich andere Wege gehen und Lehrer […]

  19. […] Nehmen wir als Beispiel den sog. Frontalunterricht. Er  hat sich im Laufe des 19. Jahrhunderts aus ökonomischen Gründen etabliert und war bis etwa 1980 einigermaßen zeitgemäß. Nun hat sich die Gesellschaft verändert und die Jugendlichen haben in der realen Welt ganz andere Arten entwickelt, ihr Wissen aufzubauen. Der lehrerzentrierte Unterricht ist heute nicht mehr funktional. Das spüren natürlich alle Beteiligten, sie fühlen sich in den alten Strukturen unwohl, wissen aber noch nicht, durch welche neuen, stabilen Lernarrangements man die alten ersetzen kann. Wer von außen kommt und auf die Inadäquatheit der bestehenden Verfahren hinweist, spricht die gefesselten Energien an. Wenn er sie aber entfesselt, was macht er damit? Er muss unbedingt wissen, wohin er diese befreiten Energien lenkt und wie die Strukturen aussehen müssen, die dem Ganzen wieder Stabilität verleihen. Sonst spielt er den Zauberlehrling.  Was für Schüler gilt, gilt auch für Studenten: die meisten Studenten spüren, dass sie an der Hoschule ihre Energie vergeuden (siehe: Lernziel Prokrastination). […]

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