Kein alter Wein in neuen Schläuchen, keine Technik unter vielen, kein Nachhilfeunterricht

Resume:In dieser für den pädagogischen Diskurs turbulenten Zeit möchte ich noch einmal präzisieren, was die Originalität meines/unseres Angebotes ausmacht. Es wird aufgezeigt, a) inwiefern sich LdL von anderen „offenen“ Methoden unterscheidet, b) was genau „Lernen durch Lehren“ ist und was nicht.

Eine klare Positionsbestimmung von LdL tut not

Zitat von Felix Schaumburg (einem meiner Twitterfollowers): „Zurück von der Tagung mit der Erkenntnis: Die Schulen in Dland sind im Auf-/Umbruch. Vielleicht ist die Zukunft doch nicht so düster.“ In diesem Zusammenhang werden unzählige „neue“ Methoden diskutiert und LdL sollte in diesem Chor nicht untergehen, weil ich natürlich ein persönliches Interesse daran habe und weil LdL tatsächlich als Methode eine besondere Qualität aufweist.

1. LdL ist kein „alter Wein in neuen Schläuchen“

Natürlich gab es seit der Antike immer wieder Versuche, Schüler als Lehrer einzusetzen, vorwiegend aus ökonomischen Gründen, um Lehrer einzusparen, und ab dem 19.Jh. auch aus pädagogischen Gründen. Dass aber ein umfangreiches, anthropologisch begründetes, in allen Fächern und allen Lernstufen von mehreren tausend Lehrern 25 Jahre lang geprüftes Konzept vorgelegt wurde, das ist völlig neu und existiert auch nicht für andere Methoden. LdL, wie es von mir und meinen Kollegen praktiziert wird, ist informationstheoretisch, kognitionspsychologisch und bedürfnistheoretisch fundiert. So etwas gab es nie.

2. LdL geht weiter als Freiarbeit und Lernstationen

LdL erzielt wesentlich tiefgreifendere Lernprozesse als die anderen diskutierten offenen Methoden, wie beispielsweise die Freiarbeit oder das Stationenlernen. Die Tatsache, dass der Stoff nicht nur individuell verarbeitet wird sondern anderen vermittelt werden muss, verdoppelt die Intensität der Verarbeitung, denn der Schüler muss die Inhalte nicht nur für sich aufnehmen, sondern selegieren (Komplexitätkompression) umgestalten und beim Vermitteln immer wieder an die Kognition der Mitschüler anpassen. Die Verarbeitungstiefe ist nicht vergleichbar mit der individuellen Aufnahme und der simplen Vorstellung (Präsentation) des Stoffes.

3. Mogelpakungen „Lernen durch Lehren“

Nicht jede Methode, die sich “Lernen durch Lehren” nennt, ist LdL. Der Begriff hat sich durch unsere Aktivitäten innerhalb der letzten 30 Jahren gut etabliert und auf diesem Erfolgshintergrund wird der Terminus für alles Mögliche herangezogen. So wird “Lernen durch Lehren” auch benutzt, um zu bezeichnen, dass ältere Schüler jüngere Schüler unterrichten. Dieses Verfahren ist eine Variante des Nachhilfeunterrichts, kann aber nicht die Bezeichnung “Lernen durch Lehren” verdienen. Was soll ein Schüler einer älteren Jahrgangsstufe an neuem Stoff lernen, wenn er die Inhalte einer früheren Jahrgangsstufe unterrichtet? Hier ein Beispiel für den Missbrauch dieses Begriffs:ardmediathek

Fazit: Bedrängt durch Melanie Gottschalk habe ich ein Produkt erstellt – nämlich den vorliegenden Beitrag -, das redundant eingespeist werden kann: „Was LdL nicht ist!“

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12 Antworten

  1. Der Reiz der Methode ist in der Tat die theoretische Begründung auf den drei genannten Ebenen (informationstheoretisch, kognitionspsychologisch und bedürfnistheoretisch). Das geht über viele andere Methoden hinaus, die vor allem den Ablauf von „Unterrichtseinheiten“ strukturieren wollen und S’uS zu funktionierenden Subjekten machen (ich denke dabei vor allem an die Vergewaltigungen durch gewisse Methode des koop. Lernens).

    Zu Punkt 3. möchte ich fragend einwenden: Wenn ältere Schüler jüngere unterrichten kann dies im Rahmen eines Spiralcurriculums durchaus auch LdL sein. Oder? Es kommt auf die Altersunterschiede und die Thematik an.

    Wenn ich an jahrgangsgemischte Lerngruppen denke, dann findet dort durchaus LdL statt. Vielleicht nicht initiiert vom Lehrer, aber als spontane Reaktion auf Fragen von Mitschülern.

    Wir überlegen solch ein Konzept für die Jahrgänge 10 und 11, die sich beide mit der Thematik „Organische Chemie“ befassen. Wenn in der 11 Klasse in wesentlichen Teilen eine Wiederholung und selektive Vertiefung stattfindet, dann kann man dies mit den ersten Schritten für die 10-Klässler kombinieren.

  2. Grundsätzlich finde ich es zunächst sehr positiv, dass sich viele Lehrende mit alternativen Modellen in der Lehre beschäftigen und diese auch umsetzen

    Für das Modell LdL ist es natürlich weniger gut, wenn freies Lernen oder Stationenarbeit damit gleichgesetzt und/oder verwechselt werden.

    Ich sehe das an vielen Beispielen in der Schule, wo man eben auch mal dieses oder jenes anbietet, weil es ja zum „modernen“ Unterricht dazu gehört. Deswegen auch meine Zurückhaltung bei http://snipr.com/5luoj – da ich die Gefahr des Anwendens, ohne hinter dem gesamten Konzept zu stehen zu sehe.

    LdL ist meinem Verständnis nach mehr als nur die Methode: Muss sich der Anwender doch mit einem bestimmten Menschenbild auseinandersetzen und dieses als Haltung in die Lehre mit einbringen, leben.

    Das sehe ich auch als den großen Zugewinn, denn selbst, wenn die Methode nicht angewendet wird, so schwingt der psychologische Aspekt der Methode im Handeln des Lehrenden immer mit… Ein Zugewinn für jeden Unterricht.

  3. @Felix

    Zu Punkt 3. möchte ich fragend einwenden: Wenn ältere Schüler jüngere unterrichten kann dies im Rahmen eines Spiralcurriculums durchaus auch LdL sein. Oder? Es kommt auf die Altersunterschiede und die Thematik an.

    – Prinzipiell sehe ich den großen Vorteil von LdL im Klassenverband darin, dass sowohl das Wissen als auch die kognitive Reife aller Schüler in etwa gleich sind. Nur so kann eine echte gemeinsame Konstruktion von Wissen stattfinden, weil die präsentierenden Schüler außer dem kleinen Wissensvorsprung keine andere formale Autorität besitzen (z.B. die Autorität des Alters). Daher ist gegeben, dass ihre Mitschüler auf Inkohärenzen hinweisen und fragen, ob der Stoff von den Präsentierenden wirklich richtig dargestellt wird. Wenn ältere Schüler jüngere unterrichten, dann ist das Autoritätsgefälle fast wie beim Verhältnis Lehrer-Schüler vorhanden und die „Belehrten“ trauen sich nicht, kritisch nachzufragen.
    – Ferner ist die Motivation, einen Stoff, den man gerade durchdrungen hat, weiterzugeben, viel höher als wenn man einen Stoff, den man schon kennt, weitervermittelt. Auch die Aufnahme des Stoffes ist viel intensiver wenn man weiß, dass man diesen Stoff im Anschluss an Gleichaltrige weitergeben soll.
    Insofern geht eine ganze Reihe von Vorteilen des klasseninternen LdLs bei dem klassenübergreifenden Lehrens verloren. Von Lernen durch Lehren kann nicht mehr die Rede sein, genauso wenig wie wenn ein Lehrer Nachhilfeunterricht erteilt.

    @Alexander

    Das sehe ich auch als den großen Zugewinn, denn selbst, wenn die Methode nicht angewendet wird, so schwingt der psychologische Aspekt der Methode im Handeln des Lehrenden immer mit… Ein Zugewinn für jeden Unterricht.

    Aus diesem Grund bin ich auch so glücklich, dass ich in den letzten Monaten den Schwerpunkt auf das anthropologische Modell legen konnte.

  4. Super Artikel! Ich würde ohnehin dafür plädieren, lieber die Abkürzung „LdL“ zu verwenden als den Begriff „Lernen durch Lehren“, um sich vom trivialen Konzept des Lernen durch Lehren abzugrenzen. Dann kann man bei Erläuterungen sagen „LdL ist nicht einfach Lernen durch Lehren, sondern eine spezielle, theoretisch gut fundierte Unterrichtsphilosphie, in der Lernen durch Lehren stattfindet“.

    Noch eine Anmerkung zur Jahrgangsmischung: Gerade in jahrgangsgemischten Eingangsstufen (also 1. und 2. Klasse zusammen) gibt es Schüler, die ganz unterschiedlich „weit“ sind, sodass es durchaus sein kann, dass ein Schüler, der gerade eingeschult wurde, seinem Klassenkameraden, der schon ein Jahr in der Schule ist, etwas erklären kann. Jahrgangsmischung bedeutet ja gerade nicht, dass es „ältere“ Schüler gibt, die „jüngeren“ was erklären, sondern dass man eine Unterrichtsatmosphäre hat, in der Differenzierung in ganz verschiedenen Ausprägungen stattfinden kann. Idealerweise erklärt dann nicht der ältere Schüler dem jüngeren, sondern derjenige, der Kompetenz X hat, hilft demjenigen, der Kompetenz X nicht hat. So weit von LdL ist das meiner Ansicht nach nicht weg.

  5. Ergänzung zu meinem letzten Satz: Ich meinte eigentlich „In jahrgangsgemischten Klassen besteht also durchaus ein großes Potential für LdL.“ (Mein letzter Satz widerspricht sonst meinem ersten Absatz 🙂

  6. Jean-Pol, schön dass Sie sich die Zeit für diesen Artikel genommen haben. 🙂 Werde es gleich verlinken und dem Tal der Ahnungslosen entgegenwirken.
    Wie man an den Diskussionsbeiträgen sieht, gibt es da auch noch mehr Aspekte dazu. Ich für meinen Teil wünsche mir noch mehr die Abgrenzung von dem Wort Methode. Eventuell eine Meta-Methode? Da sich in LdL alle bekannten und unbekannten Methoden umsetzen lassen, hat es für mich eben einen übergeordneten Charakter. Den Vorschlag von cspannagel, beschreibt es m. E. ziemlich genau. Wenn „Lernen durch Lehren“ fälschlich gebraucht wird, werden weder Schüler noch Lehrer sich auf dieses System wirklich einlassen können. Ob nun die Bezeichnung „LdL“ dafür zu benutzen ist, bleibt die Frage. Die Begrifflichkeiten stehen ja fest. Die Definition finde ich allerdings sehr schön.

  7. @cspannagel

    Super Artikel! Ich würde ohnehin dafür plädieren, lieber die Abkürzung “LdL” zu verwenden als den Begriff “Lernen durch Lehren”, um sich vom trivialen Konzept des Lernen durch Lehren abzugrenzen.

    Der Begriff ist aber breit etabliert, und zwar in enger Verbindung mit unserer Arbeit seit 25 Jahren. Daher koppele ich „Lernen durch Lehren“ und LdL.

    @Melanie

    Ich für meinen Teil wünsche mir noch mehr die Abgrenzung von dem Wort Methode. Eventuell eine Meta-Methode? Da sich in LdL alle bekannten und unbekannten Methoden umsetzen lassen, hat es für mich eben einen übergeordneten Charakter

    Ich verstehe. Aber ich möchte nicht zu stark auf einzelne Aspekte eingehen, sonst wird die Klärung unübersichtlich. Ich habe die Punkte angesprochen, die zentral sind und immer wieder thematisiert werden. Ich denke, so wie es ist ist es differenziert genug, aber noch zu bewältigen.

  8. @ Jean-Pol

    Das denke ich auch! Zu viele Worte lenken vom eigentlichen ab. Deshalb: ein gelungener Artikel mit dem positiven Nebeneffekt sich auch weiter und tiefer mit der Materie zu befassen!

  9. @jeanpol Du schreibst: „Daher koppele ich “Lernen durch Lehren” und LdL.“

    Klar, natürlich sind beide Begriffe gekoppelt. Ich denke nur in die folgende Richtung: Wenn jemand behauptet, dass Lernen durch Lehren ein alter Hut ist und dabei an nachhilfeartige Szenarien denkt, dann kann man entgegnen: Ich meine nicht Lernen durch Lehren, wie du es beschreibst, sondern LdL. Das ist was anderes…

  10. @cspannagel
    OK. So sehe ich das auch. In den Wikipedia-Artikeln unterstelle ich eine Art Gleichung: LdL = „Lernen durch Lehren“ (nach Martin)

  11. Auch bei gleichaltrigen Schülern kann man das Autoritätsgefälle nicht immer verhindern.
    Der Vorteil von LdL scheint mir dabei aber zu sein, dass von der gleichaltrigen Lehraurorität selbstverständlicher gefordert werden kann, nicht über die Köpfe der Gleichaltigen weg zu arbeiten und dass die jeweils Lehrenden selbstverständlicher die Gleichberechtigung der Lernenden zugeben müssen, da ja die Autoritäten sehr häufig in der Rolle der Lernenden auftreten.
    Ich besinne mich an den Fall eines Hochbegabten, der mit allen Tricks herauszufinden suchte, ob der Lehrende nicht doch irgend etwas über den Gegenstand wusste, was ihm weiterhelfen könnte. Das war fragend entwickelndes Verfahren, wo der Fragende nicht mehr über den Stoff wusste als der, den er fragte.

  12. @apanat
    Genau. Die Situation einer (fast) gleichwertiger Kompetenz erleichtert das kritische Nachfragen der „belehrten“ Schüler, das wiederum das Nachdenken des „lehrenden“ Schülers auslöst.

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