Die Spermatozoidenmetapher: über die Intransparenz von Systemen

Resume: Systeme sind intransparent. Um Systeme in Resonanz zu bringen, folge ich dem Beispiel der Natur: auch wenn keine Reaktion zu sehen ist, speise ich Millionen von Impulsen in das System ein (Spermatozoidenmetapher) in der Hoffnung, das einer das Ziel erreicht und vielleicht etwas Großartiges (Emergenz) entsteht. Dieses Phänomen wird am Beispiel von Dreharbeiten beleuchtet.

1. Perturbationen bei Besuchen von Filmteams

Grundsätzlich sage ich immer „ja“, wenn jemand meinen Unterricht besuchen will, sei es als Seminarlehrer, als Student, als Journalist oder als Fernsehteam. Der erste längere Fernsehbericht (15 Minuten) wurde 1984 für die Sendung „Aus Wissenschaft und Forschung“ (BR) gedreht. Damals meinte ich, es sei der Durchbruch. Natürlich war es genausowenig ein Durchbruch wie im Anschluss an die zahlreichen weiteren Filme, Zeitungsberichte oder nach dem größeren SPIEGEL-Artikel 2002. Aber es war ein kleiner Baustein, der zusammen mit anderen das System zunächst fast unmerklich in Resonanz geraten ließ. Nicht so sehr der veröffentlichte oder ausgestrahlte Bericht selbst ist für mich wichtig, sondern die fruchtbaren „Perturbationen“, die die Besuche der Medienleute bewirken. Vor allem für die Schüler ist es förderlich, weil sie als Hauptakteure gezwungen werden, sich auch theoretisch mit LdL zu befassen und dabei einen Lerngewinn erzielen. Allerdings: wenn ich die Schüler frage, welche neuen Erkenntnisse sie im Rahmen von Dreharbeiten gewonnen haben, sagen sie nichts. Ich muss also mit dieser Intransparenz leben und warten, bis irgendein Satz von ihnen zeigt, dass sie doch etwas gelernt haben.

2. Filme und Fernsehbeiträge als Impulse für das System

Diese Intransparenz gilt für das System insgesamt. Als vor fünf Jahren Reinhard Kahl meinen Unterricht filmte und mich interviewte, ahnte ich nicht, dass gerade diese Aufnahmen für die Verbreitung meiner Arbeit von so großer Bedeutung sein würde. Für mich war es ein kleiner Impuls unter vielen anderen. Nie hätte ich gedacht, dass Kahls Film zu einem Bestseller im Bildungssystem würde. Daher verlasse ich mich nie auf einen Impuls, sondern ich bringe Impulse in das System überall wo es nur geht! Gegenwärtig sind Lutz Berger und Christian Spannagel sehr aktiv. Welche fruchtbaren Perturbationen die in diesem Zusammenhang erstellten „Produkte“ für mein Projekt auf lange Sicht bewirken, bleibt intransparent. Erst in einigen Jahren wird sich zeigen, was die Arbeit dieser Gruppe für das Projekt gebracht hat. Unabhängig davon, wie viel Spaß es uns allen gerade macht! Und der Spaß ist zumindest für mich gewaltig!

3. SAT1 morgen früh um 8.15Uhr

Morgen von 8.15Uhr bis 9.00Uhr läuft im Frühstücksfernsehen bei SAT1 eine Sendung über Bildung, das Thema, das wieder einmal aktuell ist. Am letzten Donnerstag kam das Filmteam, sehr nette Leute und morgen werden 4 Minuten ausgestrahlt. Die Sequenz wird in der Sendung unter „außerdem“ angekündigt, also nicht gerade prominent. Es wäre aber von mir völlig unangebracht, wenn ich dieses „Produkt“ geringschätzen würde. Das System ist intransparent und ich weiß wirklich nicht, welche Impulse und Turbulenzen diese kleine Sequenz verursachen wird. Aus meiner Sicht wohl gar keine, aber wer weiß? Ich wurde auch durch die Wirkung von „Treibhäuser der Zukunft“ überrascht!

Fazit: pushen was das Zeug hält, auch wenn zunächst keine Reaktion des Systems (Emergenz) sichtbar wird. Und nichts und niemanden geringschätzen!

16 Antworten

  1. „Nichts und Niemanden geringschätzen“. Das ist sehr wichtig, denn auch wenn die Methode LdL (noch) nicht überall Einzug gehalten hat, so bin ich mir sicher, dass sie an vielen Schulen und Hochschulen schon längst eingesetzt wird. Wir wissen es nur nicht!

    Außerdem wird es ja stellenweise in der Lehrerausbildung verbreitet und auch hier rund um den Blog gibt es doch Beispiele der Anwendung. Die Frage ist wo die Reise hingehen soll: Wenn LdL so verbreitet werden soll, dass sie zum Standard erhoben wird, dann müssen auch bildungspolitische Aspekte mit einbezogen werden. (Beschluss-Verordnung-Sinnvoll?)

    Ich persönlich würde das für kontraproduktiv halten, denn dann würde die Methode zum „Muss“ bei Lehrenden und würde immer und überall angewendet – ohne Überzeugung. Wäre das so sinnvoll? Wichtig erscheint mir, das LdL anerkannt ist und von daher von jedem Lehrenden verbreitet und gelebt werden kann.

    Natürlich bleibt es deswegen scheinbar intransparent im System. Transparent – also sichtbar – wäre es, wenn es zum Standard in Bildungseinrichtungen erklärt würde. Aber der Schein trügt: Es gibt schon sehr viele Standards in Bildungseinrichtungen, aber was hinter den Türen geschieht, dass bleibt zumeist intransparent….

  2. Ja, ich sehe es genauso wie du. Außerdem ist LdL wirklich schwer zu praktizieren, wenn man diese Methode richtig einsetzen will. Der Lehrerberuf ist ein Massenberuf. LdL ist wahrscheinlich nur für eine kleinere Lehrer-Gruppe geeignet. Daher sollte es nicht zum „Muss“ werden.
    Übrigens: danke, dass du den Text gelesen und kommentiert hast. Das ist sehr nützlich und motivierend für mich.

  3. Wichtig finde ich, dass das mehr herausgestellt wird. Das eben nicht alle Lehrer dieser Welt die Kompetenz mitbringen LdL auch umzusetzen. Die Gefahren wären wie immer schwarze Schafe die sich so weniger arbeit machen wollen. Interessant ist deshalb das Wiki von Nils van den Boom (http://emabonn.pbwiki.com/). Die Schüler glauben LdL zu kennen und nehmen direkten Abstand von diesem Konzept, weil sie so schlechte Erfahrungen gemacht haben. Da wurde ihnen etwas Unterrichtsartiges als LdL verkauft was LdL überhaupt nicht ist. Also, bitte keine Verordnungen, nur mehr Transparenz und Verbreitung in das Bewusstsein der „Lehrenden“

  4. ex holo baucho: tv-beiträge erregen das system eher qualitativ und im sinn morphogenetischer resonanz, netz-inputs stimulieren qualitative feedbacks, daher: nichts gering-, aber auch nicht überschätzen, zumal der zwang zu oberflächlicher dialektik (ausgewogene berichterstattung) meist nur die üblichen verdächtigen und kritiker zu wort kommen lässt, ich präferiere die beteiligten zu wort kommen zu lassen und medial zu unterstützen, best practice und andere beispiele zu dokumentieren und als ziel sehe ich eher einen livecast mit 100 (und mehr) lehrern über das thema mit vorbereitetem cookbook (how to), paten als ansprechpartnern und so weiter …

  5. @Melanie

    Die Schüler glauben LdL zu kennen und nehmen direkten Abstand von diesem Konzept, weil sie so schlechte Erfahrungen gemacht haben. Da wurde ihnen etwas Unterrichtsartiges als LdL verkauft was LdL überhaupt nicht ist.

    – Richtig. Vielleicht muss man noch stärker hervorheben, dass LdL im Gegensatz zu den anderen „alternativen Ansätzen“ wie Stationenlernen, Freiarbeit oder auch Klippert auf einer sehr umfangreichen, eigenständigen Theorie (Pädagogik und Anthropologie) ruht. Diese Theorie habe ich in 25 Jahren harter Arbeit und umfangreicher praktischer Prüfung aufgestellt (Dissertation + Habilitation). Auch wenn der Begriff LdL überall bekannt und oft missbräuchlich benutzt wird, das theoretische Fundament kennen die wenigsten.
    @Lutz

    daher: nichts gering-, aber auch nicht überschätzen, zumal der zwang zu oberflächlicher dialektik (ausgewogene berichterstattung) meist nur die üblichen verdächtigen und kritiker zu wort kommen lässt,

    – Völlig richtig!

    ich präferiere die beteiligten zu wort kommen zu lassen und medial zu unterstützen, best practice und andere beispiele zu dokumentieren und als ziel sehe ich eher einen livecast mit 100 (und mehr) lehrern über das thema mit vorbereitetem cookbook (how to), paten als ansprechpartnern und so weiter …

    – Let’s go, aber du hast schon begonnen, oder?

  6. […] Spermatozoidenmetapher: „Um Systeme in Resonanz zu bringen, folge ich dem Beispiel der Natur: auch wenn keine Reaktion zu sehen ist, speise ich Millionen von Impulsen in das System ein (Spermatozoidenmetapher) in der Hoffnung, das einer das Ziel erreicht und vielleicht etwas Großartiges (Emergenz) entsteht.“ (JPM) […]

  7. […] indifferent bleiben oder sich ärgern und eine Person positiv reagiert, dann hat es sich gelohnt (Spermatozoidenmetapher). Dieser Zugriff und allein dieser (also 100 Leute stören um einen Interessenten zu erreichen) […]

  8. […] anderer Stelle habe ich bereits beschrieben, dass Systeme von außen betrachtet intransparent sind.  Dies gilt […]

  9. […] was in den Köpfen der Teilnehmer sich abspielt (siehe auch, über die Intransparenz von Systemen: Die Spermatozoidenmetapher). Es ist sinnvoll, weitere Impulse einzugeben. Und plötzlich speist man gerade den Beitrag ein, […]

  10. Was m.E. nicht vergessen werden darf ist, dass eine kritische Konzentration an Spermien nicht unterschritten werden kann, damit eine Befruchtung in Wahrscheinlichkeitsregionen gelangt, die von einigem Realismus geprägt ist. c(LdL-Spermien) (=die Konzentration von LdL-Spermien) hat nach menschlichem Ermessen diesen kritischen Punkt noch längst nicht erreicht.

    Ich glaube im übrigen auch nicht, dass LdL-Methodik Veränderungen bewirkt.

    Ich glaube, dass es eher das dahinter liegende humanistische Menschenbild ist, die LdL-Elemente im Unterricht sachlogisch nach sich zieht.

    Ich baue gerade in meinem Hirn zwei Grafiken zusammen, die vielleicht in einem Blogbeitrag landen werden: Ein Vorbereitungsraster für eine LdL-Stunde und eines für eine Stunde, wie ich sie „bisher“ gut vertreten kann – und da ist eine diffuse Schnittmenge, die hier bereits als Intransparenz angesprochen wurde.

    Ich habe von LdL bis Februar noch nie etwas gehört und trotzdem existiert diese Schnittmenge. Da ist eine Gemeinsamkeit, ohne dass beide Vergleichsobjekte vorher etwas voneinander wussten oder sich wahrgenommen hätten.

    Aber:
    Beide Vergleichsobjekte haben humanistische Psychologie/Pädagogik im Background. Und noch mehr: Es setzen sich an meiner Schule pädagogische Erkenntnisse durch, die im Rahmen meiner Jugendarbeit vor 20 Jahren (!) – oh man, in der langen Zeit habe ich mich immer noch nicht integriert – bereits präsent waren und gelebt wurden, d.h. es gibt systemische Analogien – die sich auch (!) methodisch-didaktisch äußern.

    Die entscheidende Frage ist nun, wie die kritische Konzentration und damit die Befruchtungswahrscheinlichkeit erhöht werden kann. Das kann diffuse Streuung sein – das ist aber energieaufwändig (eine ganzjährige sexuelle Aktivität leistet sich die Natur nur bei einer sehr kleinen Zahl höherentwickelter Spezies).

    Es kann vielleicht ein „humanistisch-virales“ Konzept sein, dass auf der Basis arbeitet, ein Gefühl wie: „Das hätte ich auch gern!“ zu erzeugen, ohne dabei den Code des Menschen umzuprogrammieren, wie es Viren mit Zellen tun.

    Es kann vielleicht aber auch bedeuten, gezielte Impulse an systemisch wichtigen Stellen zu platzieren – so macht es das System „Schule“ nach meiner Wahrnehmung fast ausschließlich – allerdings meist mit dem Ziel des Systemerhalts.

    Eines wird es aber immer bedeuten: Solidarität. Mit Kolleginnen und Kollegen. Mit Schülerinnen und Schülern. Mit Eltern. Also mit Menschen.

  11. @Maik
    Wow! Wieder eine Superemergenz!

  12. @Maik
    Und jetzt Punkt für Punkt:

    „Was m.E. nicht vergessen werden darf ist, dass eine kritische Konzentration an Spermien nicht unterschritten werden kann, damit eine Befruchtung in Wahrscheinlichkeitsregionen gelangt, die von einigem Realismus geprägt ist. c(LdL-Spermien) (=die Konzentration von LdL-Spermien) hat nach menschlichem Ermessen diesen kritischen Punkt noch längst nicht erreicht.“
    – Leider zu wahr!

    „Ich glaube im übrigen auch nicht, dass LdL-Methodik Veränderungen bewirkt.“
    – Richtig.

    „Ich glaube, dass es eher das dahinter liegende humanistische Menschenbild ist, die LdL-Elemente im Unterricht sachlogisch nach sich zieht.“
    – Genau: ich muss also das Menschenbild überall redundant einspeisen.

    „Die entscheidende Frage ist nun, wie die kritische Konzentration und damit die Befruchtungswahrscheinlichkeit erhöht werden kann. Das kann diffuse Streuung sein – das ist aber energieaufwändig (eine ganzjährige sexuelle Aktivität leistet sich die Natur nur bei einer sehr kleinen Zahl höherentwickelter Spezies).“
    – Durch Reduktion auf die Kernbotschaft in Form von Metaphern und Kleinvideos, die dann überall redundant diffundiert werden. Im Augenblick tue ich das bei den Grünen in Ingolstadt, in der GEW, in der Seniorenarbeit, in der Schule, auf Fortbildungen, im Educamp-Bereich, in Ludwigsburg, überall das Neuronen-Modell permanent einspeisen…

    „Es kann vielleicht ein “humanistisch-virales” Konzept sein, dass auf der Basis arbeitet, ein Gefühl wie: “Das hätte ich auch gern!” zu erzeugen, ohne dabei den Code des Menschen umzuprogrammieren, wie es Viren mit Zellen tun.“
    – Ja, das muss attraktiv werden und sofort zur Modellübernahme anregen. Leute die sich wie Neuronen verhalten, sind attraktiv und haben Spaß.

    „Es kann vielleicht aber auch bedeuten, gezielte Impulse an systemisch wichtigen Stellen zu platzieren – so macht es das System “Schule” nach meiner Wahrnehmung fast ausschließlich – allerdings meist mit dem Ziel des Systemerhalts.“
    – Ja genau. Wir diffundieren Metaphern penetrant, redundant und amüsant.

    „Eines wird es aber immer bedeuten: Solidarität. Mit Kolleginnen und Kollegen. Mit Schülerinnen und Schülern. Mit Eltern. Also mit Menschen.“
    – Klaro!

  13. […] meiner Spermatozoidenmetapher speise ich meine Ideen und „Produkte“ ungeniert überall ein, wo sich eine Möglichkeit […]

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