Informationsverarbeitung und Disziplin: warum meine Schüler ruhig und konzentriert arbeiten

Wir haben bereits gesehen, dass die Verarbeitung von Informationen ein Grundbedürfnis des Menschen ist. Ohne Informationen zu verarbeiten, wäre der Mensch nicht lebensfähig. Und die Verarbeitung von Informationen wird vom Gehirn mit „Kicks“ belohnt. Es macht Spaß, neue Erkenntnisse in die eigenen kognitiven Strukturen zu integrieren.

1. Warum Schüler und Studenten im Frontalunterricht und in Vorlesungen leiden

Exteroceptive vs. interoceptive Stimuli

Nach Portele (1975) kann unterschieden werden zwischen interoceptiven Stimuli, die aus dem Organismus stammen, und exteroceptiven, die aus der Umwelt entnommen werden. Interoceptiven Stimuli sind Signale aus dem Organismus wie Schmerzen oder Informationen, die aufgenommen aber noch nicht verarbeitet wurden. Wenn ein Schüler beispielsweise Probleme zu Hause hat oder verliebt ist und dazu noch aufs Klo gehen muss, dann ist er voll durch die Verarbeitung der interoceptiven Stimuli beschäftigt. Er kann keine Bereitschaft haben, aus der Außenwelt strömende exteroceptive Stimuli aufzunehmen. Mit anderen Worte: als Lehrer kann ich auch mit dem spannendsten Stoff seine Aufmerksamkeit nicht auf Anhieb erwarten. Seine Aufmerksamkeit muss ich mir hart erkämpfen mit einem Stimuliangebot, das allmählich die Konkurrenz der interoceptiven Stimuli verdrängt. Selbst wenn der Schüler keine interoceptiven Stimuli zu verarbeiten hat, bin ich mir seiner Aufmkerksamkeit noch nicht sicher, denn Informationsverarbeitung wird nur dann als positiv empfunden, wenn die Stimuli eine bestimmte Struktur aufweisen.

Welche Struktur müssen exteroceptive Stimuli aufweisen, damit sie mit Vergnügen aufgenommen werden?

Portele (1975) unterscheidet zwischen informativen und intensiven Stimuli. Intensiven Stimuli sind beispielsweise Lärm, kurzfristige Distraktoren (Scherz des Lehrers oder eines Mitschülers), alles was Lehrer unter Störung verstehen. Informative Stimuli sind solche, die relevantes Neues enthalten und sich in die kogntive Struktur mit Gewinn einfügen lassen, beispielsweise Lehrstoff. Der Job des Lehrers besteht also darin, dass er versucht, soviele informativen Stimuli wie möglich in die kognitive Struktur seiner Schüler einzufügen. Welche Merkmale – außer Neuheit – müssen diese Stimuli aufweisen, damit die Schüler sich mit Gier zu ihnen wenden?

– Quantität: nicht zu hoch (Überforderung) nicht zu niedrig (Unterforderung)

– Komplexität: nicht zu komplex (Überforderung) nicht zu niedrig (Unterforderung)

– Tempo: nicht zu hoch (Überforderung) nicht zu niedrig (Unterforderung)

Im Frontalunterricht ist es angesichts der Diversität der Schüler unmöglich, für eine befriedigende Zufuhr von informativen Stimuli zu sorgen. Als Student erfährt man dies jeden Tag in Vorlesungen. Es kann dem Dozenten nicht gelingen, für 100 Leute, die alle unterschiedlichen Verarbeitungskapazitäten haben, die richtige Quantität, Komplexität und das richtige Tempo zu wählen.

2. Was nun?

Wenn Menschen so angelegt sind, dass sie permanent Informationen verarbeiten wollen/müssen (auch in der Nacht werden Informationen verarbeitet), wenn also Informationsverarbeitung ein vitales Bedürfnis ist wie Atmen, dann muss ich als Lehrer den Fokus darauf richten und meinen Schülern und Studenten eine Umwelt anbieten, die kontinuierlich die Befriedigung dieses Bedürfnisses ermöglicht. Diese Umwelt muss folgende Merkmale aufweisen:

– Verbannung von exteroceptiven intensiven Stimuli (Störungen), die eine Hinwendung zu informativen Stimuli verhindert. Also absolute Ruhe im Klassenzimmer, wenn informative Stimuli zur Verarbeitung angeboten werden.

– Hohe Qualität der informativen Stimuli (hochrelevanter Stoff: in meinem Unterricht stets das Interessanteste, was die Tagespolitik anbietet)

– Große Freiheit der Schüler bezüglich der Regulierung der Informationsaufnahme und -verarbeitung: zentrale, hochqualitative Impulse und dann gleich die Möglichkeit, diese Impulse je nach individuellem Tempo allein oder in Partnerarbeit zu verarbeiten. Also sehr wenige Zentralphasen und viele Möglichkeiten, die Stoff individuell in die kognitive Landkarte zu integrieren.

– Schrittweise Erhöhung der Quantität und Komplexität des Angebotes an Stimuli, denn die Schüler adaptieren ihre Kapazität stets nach oben und man erreicht als Lehrer schnell seine Grenzen. Daher biete ich meinen Schülern Schritt für Schritt immer anspruchsvollere Projete (beispielsweise Lehrerfortbildungen zu organisieren). Bald sprengen die Fähigkeiten der Schüler den engen Klassenraum und sie holen immer mehr Informationen aus dem Internet, die sie im Klassenzimmer zu Wissen durch Interaktionen veredeln.

– Einsatz der Methode Lernen durch Lehren, die eine Vertiefung des Stoffes verlangt, denn die Schüler müssen die Inhalte duirchdringen und dann so aufarbeiten, dass sie den Stoff multipolar ihren Mitschülern vermitteln können.

– Das einzige Ziel, das Schüler auf Dauer mobilisieren kann, sind „Weltverbesserungsprojekte“, weil nur sie quantitativ, qualitativ und ethisch (Sinn) auf Dauer ein Angebot an komplexer Informationsverarbeitung sichern können. Erfolgreiche Problemlöser suchen nach anspruchsvollen Problemen, weil sie nur so ihr Bedürfnis nach permanenter Informationsverarbeitung befriedigen können.

Wenn es dem Lehrer gelingt, die Informationsverarbeitungskapazitäten seiner Schüler voll zu beanspruchen, stellt sich die Frage der Disziplin nicht, wobei der Lehrer immer wieder dafür sorgen muss, dass intensive, exteroceptive Stimuli (Störungen) minimiert werden. Das geht aber nur, wenn die informativen Stimuli (Attraktivität des Stoffes und des Unterrichtsprozesses) hoch genug sind, um die Attraktivität der Störungen auszuschalten.

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23 Antworten

  1. Du sprichst mir aus der Seele.

    Eine Nachfrage: Du stellt richtig fest, dass alle Schüler unterschiedlich sind und man deswegen nicht das richtige Niveau für alle Schüler treffen kann.

    Aber ist es mit Weltverbesserungsprojekten nicht ähnlich? Man wird vermutlich durch ein Projekt nicht alle Schüler gleichermaßen erreichen. Das heißt, nicht jeder „Motivator“ wirkt bei jedem Schüler. Wie gehst du damit um?

  2. Nicht direkt, aber dann doch mit dem Thema untrennbar verbunden: Die Neurophysiologie des Lernens, der optimale lernbereite Zustand etc. – und da ist das Modell des selbstgesteuerten Lernens von Prof. Giselher Guttmann mit das beste und wissenschaftlich am besten dokumentierte Modell des (scheinbaren) Frontalunterrichts.

    Es wurde an zahlreichen Schulen (Österreich, Lichtenstein) erfolgreich getestet und ich kann eine intensive Integration dieser Erkenntnisse nur nachdrücklich empfehlen. Mehr darüber im Netz und an dieser Stelle: http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/INTERNET/arbeitsblaetterord/LERNTECHNIKORD/Aktivierung2.html

  3. Ein für mich sehr wichtiger Punkt in den Ausführungen – unabhängig von der Methode – ist die Aufmerksamkeit der Schüler/Studenten zu bekommen.
    Als Lehrender kann ich mir noch so tolle Einheiten ausdenken, wenn aber im Moment des Unterrichts die Einheit nicht angenommen wird, dann „muss“ ich mir als Lehrender etwas einfallen lassen (auch bei LdL)!

    Häufig passiert dann aber folgendes: Der Lehrende ist frustriert, da sein Engagement nicht wertgeschätzt wird und reagiert nicht selten mit dem „durchziehen“ des Stoffes, was wiederum zu Abwehr bei den Lernenden führt.

    „Seine Aufmerksamkeit muss ich mir hart erkämpfen (…)“: Ja, das sehe ich auch so – und das bedeutet loslassen zu können und sich immer wieder auf die aktuelle Situation einstellen können. Nichts persönlich nehmen, sondern seinem Auftrag folgen… Häufig leichter gesagt als getan!

    Hier steht man dann unter dem Druck, einerseits den vorgegeben Inhalt zu vermitteln und andererseits den Unterricht für möglichst viele im „Flow-Stil“ zu gestalten…
    Wenn wir hier mit der Einstellung herangehen, dass der Lernende zum Lehrenden wird und umgekehrt, dann hat dieses Modell eine sehr große Chance zu gelingen. Alle werden wir nie erreichen, aber viele freudige Lernende sind doch schon mal etwas, oder?

  4. Gerade in paris angekommen und die Kommentare überflogen. Ich schaue sie mir noch einmal genau an!

  5. @spannagel
    „Aber ist es mit Weltverbesserungsprojekten nicht ähnlich? Man wird vermutlich durch ein Projekt nicht alle Schüler gleichermaßen erreichen. Das heißt, nicht jeder “Motivator” wirkt bei jedem Schüler. Wie gehst du damit um?“
    – Ich darf nicht nur ein Projekt anbieten, sondern soviele, dass jeder Schüler eines für sich finden kann. Soviele unterschiedliche Motivatoren, dass kein Schüler leer ausgeht.
    @Lutz
    ich werde mir den Link genau anschauen und die Erkenntnisse soweit möglich eingliedern.
    @Alexander
    „wenn aber im Moment des Unterrichts die Einheit nicht angenommen wird, dann “muss” ich mir als Lehrender etwas einfallen lassen (auch bei LdL)!“
    Absolut!
    „Häufig leichter gesagt als getan!“
    Man muss in der Tasche ganz viele alternative Angebote parat haben. Wenn das eine Thema nicht passrichtig, dann das andere anbieten. Wie hier in meiner „Dynamischen Vorlesung“.Ich muss immer umdisponieren, je nach Bedarf und Situation. Ich muss immer auf ein Aufmerksamkeitsfenster warten, bis ich meine Erkenntnis schnell einspeisen kann. Wie z.B. diese Einheit hier über informative Stimuli usw.
    Das ist wie kochen, wahrscheinlich: die richtige Prise Ingredienz im richtigen Augenblick.

  6. Leider komme ich erst jetzt dazu, den Beitrag, der ja bereits gestern in Twitter angekündigt wurde, zu lesen.
    Ich halte die Sammlung der Aspekte für sehr gelungen und nach meinen eigenen praktischen Erfahrungen auch für sehr richtig. Ich stelle aber auch wie cspannagel immer wieder fest, dass die Wahrnehmung und Aufnahme von Stimuli beider Art sehr individuell abläuft. Besonders die informativen Stimuli stellen hier eine besondere Herausforderung dar.
    Ich werde mal versuchen, in den nächsten Stunden (vor allem bei meinen „Sack Flöhe“ in Klasse 6) ein paar der Ideen aus dem Post umzusetzen und mich wieder melden 😉

  7. Ja, ich habe auch mit Säcken von Flöhen viel Erfahrungen gesammelt und LdL war immer DIE Lösung, weil alle ständig mit anspruchsvollen Aufganben beschäftigt waren. Dann, als Schüler ihren Stoff präsentieren mussten, konnte ich legitimerweise absolute Ruhe verlangen, damit die Schüler ungestört unterrichten konnten. Und das war durchgängig bis zum Leistungskurs erfolgreich. 1. Verlangen, dass die Schüler gute Stunden als Lehrer halten, 2. Verlangen, dass die anderen konzentriert zuhören. Und du bist als Lehrer aus dem Schneider, denn du kannst sowohl interessangtere Stunden von den lehrenden Schülern verlangen, als auch Ruhe von den anderen einfordern.

  8. Danke für die hinweise.
    Ich habe vor, es nächste Woche zu versuchen. Die Schüler haben heute Themen gesammelt und haben diese gemeinschaftlich selektiert. danach hat sich jeder zu einem Experten für ein Thema gemacht, welches er den anderen dann vorstellen soll.
    Ich hoffe, mit ein paar Übungen das Herantasten an die Informationsverarbeitungskapazität in der doch recht großen Gruppe möglichst anzunähern.
    Gibt es praktische Erfahrungen hinsichtlich des Settings? Ich könnte mir einen Stuhlkreis sehr gut vorstellen. Ebenfalls überlege ich, die neue Form auch dadurch zu unterstützen, einen anderen Lernort als den Klassenraum aufzusuchen. Sollte man auch solche Entscheidungen in Schülerhand geben? Aber das ist für den Anfang und das Alter vielleicht zu viel.

  9. Man sollte nicht zuviele Entscheidungen in die Hand der Schüler geben. Das ist für sie nicht interessant zu entscheiden, ob sie drinnen oder draußen den stoff vorstellen sollen und dafür haben sie zuwenig erfahrung. Viel wichtiger ist, dass sie den Stoff nicht nur vorstellen (erinnert zu sehr an Referat), sondern auch Übungsaufgaben und „Lernzielkontrollen“ für die anderen bereithalten um zu prüfen, ob das, was sie erklärt haben, verstanden wurde. Auch während des Vortrages sollen sie sich stets versichern durch zwischenfragen, ob die anderen alles verstehen.

  10. Sehr guter Artikel!
    Mittlerweile hat ihr Blog eine respektable Größe angenommen und beinhaltet für mich viel „JPM Basics“, die man kennen sollte.
    Werde ihn fleissig weiter empfehlen.

  11. Super! Hat sich also gelohnt! Und danke für Ihr coatching, lieber Claudius!

  12. […] Ich selbst habe bereits erklärt, warum ich an Aufmerksamkeit interessiert bin: ich möchte mein Grundbedürfnis nach Informationsverarbeitung auf hohem Niveau befriedigen. Und das geht nur über Projekte. Die einzige Frage, die sich stellt, […]

  13. Das deckt sich mit meiner Erfahrung, dass die scheinbar lernreichsten Prozesse bei den Schülerinnen und Schülern durch die offensten Aufgaben erreicht worden sind (wenn der Rahmen stimmt). Allein den Mut, das wieder und wieder zu machen und den eigenen Kontrollzwang zu überwinden, muss man einfach öfter mal aufbringen.

    Und am Ende wartet dann wieder eine Belohnung… 🙂

  14. Und dazu braucht man eine Gruppe, die einen unterstützt!

  15. […] habe bereits beschrieben, dass der Vorgang der Informationsverarbeitung durch den Organismus belohnt wird. Es macht Spaß, […]

  16. […] Texten überfordert. Ferner war ich sehr auf den Vorgang der Informationsverarbeitung fixiert und verlangte absolute Disziplin, was gelegentlich zu Konflikten führte. 3. Die […]

  17. …. und doch sträuben sich die etablierten Institutionen, wie Kultusministerium, Schulverwaltungsamt, Städte, für das Lernen im Heute mehr Luft zu lassen. Wenn ich dran denke, was wir vor dreißig Jahren lernen mussten, graust es mich an die heutigen Schüler zu denken.

    Wenn das Wissen noch immer so beigebracht wird, wie damals (und das lassen einige meiner Freunde, die Lehrer sind erahnen), dann gibt es viel zu tun. Wir können den ersten Schritt machen und Jean Pol hat diesen bereits getan. Wie man sieht spricht es sich auch herum 😉

    Beste Grüße aus Dresden, wo auch einiges im Argen liegt und doch das Potential zu sehen und spüren ist.

  18. @Ralf
    In unseren Köpfen ist das Top-Down-Muster einfach zu stark eingeprägt. Es ist sehr schwer, als erstes auf die um einen vorhandenen Ressourcen zu schauen und dies zu aktivieren!

  19. […] versorgt, die alle verarbeitet werden wollen (auch ein Gedanke Jean-Pols, den er mit dem Namen Grundbedürfnis nach Informationsverarbeitung versehen […]

  20. […] 2. Warum meine Schüler konzentriert und diszipliniert arbeiten (2008). […]

  21. […] 2. Warum meine Schüler konzentriert und diszipliniert arbeiten (November 2008). […]

  22. […] 2. Warum meine Schüler konzentriert und diszipliniert arbeiten (November 2008). […]

  23. […] 2. Warum meine Schüler konzentriert und diszipliniert arbeiten (November 2008). […]

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