Jesus als Modell für Verbreitungsaktivitäten?

Wenn man, wie wir, bestimmte Konzepte verbreiten will, ist es günstig, wenn man sich an erfolgreichen Modellen orientiert. Und die Verbreitung des Christentums war fraglos erfolgreich. Das liegt u.a. an folgenden Faktoren:

1. Die Konkurrenzmodelle (z.B. das Judentum) waren streng und wenig attraktiv. Jesus kommt mit einer Botschaft die wesentlich sexyer ist: wir sollen uns gegenseitig lieben, alle – auch die ärmsten und einfachsten – sind willkommen. Genau das macht auch den Charme unserer Neuronen-Bewegung aus: das alte Wissenschaftsparadigma (alles kontrollieren, die Studenten sind zunächst mal doof) wird von unserem neuem Wissenschaftsangebot abgelöst: wir lieben uns neuronenmäßig alle, alle sind willkommen, jeder kann Wissenschaft betreiben. Diese Botschaft muss ankommen!

2. Das Personal: Jesus als junge dynamisch, aktive Gestalt, Maria als idealisiete Frau, Gott als ältere erfahrene Instanz und die Apostel bedienen die Identifiaktionssehnsüchte einer breiten Bevölkerung. Hier möchte ich die Bildung von Analogien zu unserer Bewegung natürlich dezent der Fantasie des Lesers überlassen.

3. Eine einheitliche Terminologie als Integrationsinstrument: natürlich war sehr schnell die Gefahr gegeben, dass aufgrund des großen Zulaufes Abspaltungen (zentrifugale Kräfte) stattfinden. Um dem vorzubeugen wurde die Botschaft in Texten kodifiziert. So gab es eine einheitliche Terminologie, auf die sich jeder beziehen konnte und so auch affektiv in Resonanz mit den anderen geriet. Mit der Neuron-Bewegung kommen wir jetzt in die Phase der Kodifizierung. Natürlich werden uns viele alternative Begriffe aus anderen Systemen und Kontexten angeboten (beispielsweise neulich „NetNeutrality“ als Alternative zu „Netzsensibilität“ von Helge).

Wir sollen aber bei unseren Begriffen bleiben, denn nur sie sind mit anderen im Rahmen eines gesamten Theoriegebäudes verlinkt und evozieren bei ihrem Auftreten sofort einen Hof von Assoziationen, der wiederum Resonanz bei Zuhörer auslöst. Und die kollektive Resonanz kann zu einem „Synergierausch“ führen.

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18 Antworten

  1. Nette Metapher. :-))

    Wir sollten aber auch Bedenken, dass jede Menge Kriege, Gewalt und aggressive Missionierung an der Verbreitung des Christentums erheblich mitgeholfen haben. Davon sollten wir absehen. :-))

  2. Du hast doch meine Agenda gelesen. Von Kriegen und Gewalten steht zumindest für die nächsten Monate nichts drinnen oder? Und was anderes: ist Jana als Maria-Nachfolge denkbar?

  3. Das musst du Jana fragen…

  4. Und das mit den Kriegen habe ich so gemeint:

    Das Christentum hat sich nicht verbreitet, weil es alle so toll fanden wegen der Nächstenliebe usw., sondern aus politischen Gründen. Das Vebreitungsmuster war eines voller Gewalt und Unterdrückung. Von daher würde ich sagen, handelt es sich beim Christentum nicht um ein erfolgreiches Verbreitungsmuster (siehe deine Überschrift). Hätte das Christentum versucht, nur über seine Inhalte Verbreitung zu finden, wäre es wahrscheinlich eine jüdische Minisekte geblieben. Insofern bezweifle ich, dass die Verbreitung des Christentums eine gute Metapher ist.

  5. … hier nochmal ohne die lästigen Tippfehler … 🙂

    Hallo zusammen,
    m.M. spielt die – für mich faszinierende – Metapher nicht auf bestimmte Missionsmuster im Christentum an, sondern greift die systemeigenen Merkmale auf, um ein Vergleichsmuster zu gewinnen. Und diese sind – wiederum m.M. – rein positiv besetzt (christliche Botschaft, Weitertragen der Begeisterung für die Idee, usw.). Dass eine ideologiegetriebene Bewegung mitunter von politischen oder anderen dritten Interessen instrumentalisiert wird, ist weder Gegenstand von Jean-Pols Metapher noch exklusiv bzw. ausschlaggebend auf das Christentum bezogen (auch im Namen der Demokratie werden heute Kriege geführt). In meiner Überzeugng beinhaltet das Christentum (selbstredend unter Berücksichtigung der problematischen Momente) weitaus mehr positive Elemente, die unsere (europäische) Kultur bis heute prägen. In der Addition der (positiven) systemeigenen Merkmale und der (m.M. in 2000 Jahren überwiegend positiven) kulturellen Einflüsse auf unser (Forschungs-)Denken finde ich die Metapher faszinierend.

  6. Naturgemäß gefällt mir Ulis Rezeption sehr gut!:-))) Es geht wirklich darum, dass man aus erfolgreichen Konzepten Strukturmerkmale herausarbeitet, die man mit eigenen Strategien und Werten versehen, in dem eigenen Kontext einsetzt. 1. Eine attraktivere Botschaft als die bisher existierenden, 2. Leicht identifizierbares, konstantes Personal, 3. Kodifizierung von Texten und Terminologie.
    Wobei in unserem Fall keine Fixierung (Versteinerung) angestrbet wird, sondern die von mir beschriebene Struktur ganz offen auf die Zukunft ist und einer permanenten Reorganisation unterzogen wird.

  7. Kodifizierung ohne Fixierung ist leicht widersprüchlich.
    Aber kein unnötiges Wechseln einer Terminologie, wenn ein Terminus aufgrund seiner Geschichte schon mit vielen wichtigen positiven Konnotationen aufgeladen ist, wenn nicht schwer wiegende negative auftauchen.
    Und dass hier nicht festgeschrieben wird, sondern weitergedacht, ist ja offenkundig.

  8. Ja, der Widerspruch ist mir selbst beim Formulieren aufgefallen. Anstelle von „Fixierung“, vielleicht definitive Festlegung, oder so ähnlich.

  9. @Uli und @Jean-Pol Natürlich hat das Christentum Strukturmerkmale, die super sind und die vielleicht auch als Metapher in unserem Kontext herhalten können. Allerdings – und darum ging es mir – haben diese Strukturmerkmale nicht sonderlich zu dessen Verbreitung beigetragen. Wenn es also um eine Metapher für Verbreitung geht (also den Prozess der erfolgreichen Verbreitens), dann würde ich nicht das Christentum hernehmen. Denn – dies führt zu der Annahme, man bräuchte nur ähnliche Strukturmerkmale wie das Christentum, um erfolgreich verbreitet zu werden. Das stimmt aber nicht – das Christentum hat sich nicht aufgrund seiner Strukturmerkmale verbreitet, sondern aus politischen Gründen.

  10. Hmmmmm, ich sehe bei dem Vergleich mit der Religion Probleme. Moment breitet sich der Islam sehr stark aus und in teilen der USA verbreitet sich eine sehr konservative Form vom Christentum aus.. Ich sehe Beides nicht ohne Bedenken. Ich denke nicht das der Erfolg in den Inhalten liegt.

    Und Religionen haben soweit ich erkennen kann einen Anspruch auf alleinstellung und richtigkeit , ich wuerde das nicht ueber irgendeine Bewegung sagen wollen.

    Ich sehe es als sehr Kontraproduktiv Religionsvergleiche zuziehen. Dieses Muster fuehrt eher zu Abschrekung und Ablehnung; sein auch die Inhalte so gut. Es gibt Grenzen fuer mich die ich persoennlich nicht uberschreiten will. Mit solchen Aussagen kommen alle Freunde Freundinnen Mitglieder der Neuronen in eine Ecke, wo sie vielleicht nicht hinwollen.

    Ich schliesse nicht aus das der Vergleich oder die Metapher richtig ist, aber es ist nicht sehr sensiebel gewählt. Bei Verbereitung und Marketing Mustern finde ich sollte Provokation nicht die Grenze überschreitten wo sie bleibende schlechte Gefuehle hinterlaesst.

    Die drei genannten Strukturmerkmale wuerde ich in der Mathematik wieder erkennen.Die Lehren der Mathematik oder der Physik haben sich wegen ihren Inhalten durch gesetzt. Diese haben in den meisten gebieten der Welt sich in einigen Punkten gegenueber den Religionen durchgesetzt. Viel WissenschaftlerInnen haben hart gekämpft fuer ihre Ansichten.Vorallem weil sie die Besseren Argumente hatten konnten sie ueberzeugen und sich von nur geglaubten Tatsachen abheben. Ich wuerde es gerne sehen das die Neuronen Erfolg haben weil es ein richtiger (nicht der Richtige) und gesellschaftlich positiver Weg ist. So dass irgend wann aus der Vernunft herraus eine Entscheidung den Weg zugehen getroffen wird und nicht weil man missioniert wurde.

    Grüsse aus dem ICE MOsworld

  11. Weshalb sich Meme ausbreiten, ist vielschichtig.
    Bei LdL ist es jedenfalls weder die Hölle, vor der gewarnt wird, noch das Paradies, das versprochen wird, eher ist es etwas wie der American dream, das einen Weg der Selbstverwirklichung in die Zukunft weist.
    Probleme gibt es freilich auch da.

  12. LIebe alle,
    @christian: ich gebe dir recht in bezug auf die zeit nach Constantin, also als das Christentum zur Staatsreligion gemacht wurde. Es ging darum, die Einheit des römischen Reiches wiederherzustellen. Vorher waren die Christen eine Sekte, die Höhen und Tiefen erlebten, bis man sie aus Gründen der Machterhatlung aufgriff.
    @Mo: ich verstehe deine Sorge, das Beispiel habe ich aber bewusst gewählt, als Hingucker. Auch wenn viele Leute religiöse Themen als sensibel betrachten, erlaube ich mir religionen wie alle anderen strukturen auch zu behandeln, und dies öffentlich. Das ist für mich ein stück aufklärung. Mich interessieren Verbreitungsprozesse. Und solche kann man auch am Gegenstand „Religionen“ beobachten. Für mich gibt es hier kein Tabu. Aber, wie schon gesagt, deine Bedenken verstehe ich und ich werde in diese Richtung nicht mehr „provozieren“. Lutz Berger fand meine kleine Impertinenz „grenzwertig, und das ist sie auch.
    @apanat: Ja, so sehe ich das auch.

  13. @Jean-Pol,

    was Dir wirklich gelungen ist, Du hast mich die letzten Tage immer wieder über das hier Gelesene nachdenken lassen.

    Einerseits, konfrontierst Du mich mit Deiner Dir unverblümten und direkten Art mit Modellen, wo ich im ersten Moment geschockt reagiere und mir denke: „Das geht zu weit, dass kann er doch nicht machen.“ Wieso tut er so etwas, wieso kann er so was tun? Fragen über Fragen, die den Gedankenprozess die ganze Zeit über begleiten.

    Ein Modell zu übernehmen heißt auch die geschichtlichen Zusammenhänge mitzubeachten und einzubeziehen (vgl. Christian, Mo)

    Wahrscheinlich ist es Deine Art, wie Du die Dinge angehst, Deine französische Prägung. Da ich eine andere Sozialisation habe, reagiere ich oft, wie Du es selbst bezeichnest skeptisch.
    Was ich heute endlich verstanden habe und mich zu einer Antwort motiviert ist die Tatsache, dass Zusammenarbeit auch heißt über die (geografischen und somit kulturellen) Grenzen hinweg zu gehen. Die Forschung versucht interdisziplinär zu werden. (Wofür sie Grenzen eintritt, die „alte“ Wissenschaften mühsam aufgebaut haben.) Zusammenarbeit im Sinne des Webs heißt auch geografische und kulturelle Grenzen einzureißen. Was immer wieder propagiert und als Vorteil beschrieben wird, stößt doch wieder auf Ablehnung, indem bspw. Du mit dem Vorurteil des „Messias“ konfrontiert wirst. Im Grunde ist diese Reaktion die Angst davor, dass Grenzen fallen können und „altes Wissen“ nicht mehr selbstverständlich ist. Mitstreiter findest Du in Uli, der das sehr schön erklärt, was Deiner Motivation zu Grunde lag: Herausarbeitung positiver Elemente, Systemeigene Merkmale und kulturelle Einflüsse, die natürlich idealisiert wurden

    Persönl. Anmerkung: Ich wäre gegen die Rolle der Eva. Eva hat sich zwischen Glauben und Welt gestellt, indem sie Adam den Apfel gereicht hat (vgl. Buch Genesis). Mir bedeutet Glaube (was ich eng in Verbindung mit Vertrauen bringe, sehr viel) Vorschlag: Rut.

    Letztendlich ist dieser Versuch ein spielerischer Gedankengang, der zum Weiterdenken anregt.

    LG
    Jana

  14. @Ruth
    Ich habe mich im Rahmen meiner Uni-Veranstaltung „Geschichte Europas von der Antike bis zur Gegenwart“ sehr viel mit der Verbreitung des Christentums, auch des Islams befasst. Dadurch habe ich bestimmte Schemata herausabstrahiert. Und der Ablauf ist immer derselbe: die Botschaft muss attraktiver sein als die Konkurrenten, sie muss mehr Menschen ansprechen (keine Elite, weil es dann zuwenige Leute sind), und relativ bald eine Kodifizierung. Und das mache ich auch mit unserem Projekt!

  15. […] war ein Beitrag von Jean-Pol Martin, der eine vergleichende Metapher von der erfolgreichen Verbreitungsstruktur des Christentums auf die Neuronen übertragen ha… So ergab sich eine kleine eMail-Diskussion unter ein paar Neuronen. Diese Diskussion will ich in […]

  16. […] die Schulwelt durch LdL” begeistern. So entstand 1987 die LdL-Kerngruppe, die damals aus 12 Leuten bestand und heute noch […]

  17. […] System) werden zunächst Gefühle mobilisiert. Als Beispiel dazu kann ich die Überschrift “Jesus als Modell für Verbreitungsaktivitäten” anführen, die damals für ein bisschen Agitation gesorgt hatte. Wichtig ist, dass, nachdem […]

  18. […] Posted on May 14, 2009 by jeanpol Resume An anderer Stelle habe ich ausgeführt, dass man, um Ideen zu diffundieren, sich an erfolgreichen […]

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